John H. Walton, D. Brent Sandy: The Lost World of Scripture

John H. Walton, D. Brent Sandy: The Lost World of Scripture. Ancient Literary Culture and Biblical Authority, Downers Grove: InterVarsity Press, 2013, kt., 320 S., € 24,–
ISBN: 978-0-8308-4032-8

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Manche Diskussionen im evangelikalen Bereich sind Binnendiskussionen. In diesem Sinne ist auch das Buch von Walton und Sandy zu verstehen. Es geht ihnen nicht darum, Nichtchristen oder Christen mit einem liberalen Schriftverständnis für eine evangelikale Lösung der Autoritätsfrage der Bibel zu gewinnen. Vielmehr wollen sie einen Beitrag zur innerevangelikalen Unfehlbarkeitsdebatte bieten. Diese Debatte ist natürlich nicht in allen Ländern ähnlich heiß geführt worden wie in den USA (auch z. Z., vgl. die Bücher von Peter Enns), doch sind wohl alle Kirchen und Institutionen mindestens mittelbar beeinflusst, die sich durch ihre Geschichte in ihrer Ausrichtung stärker an nordamerikanischen Strömungen beteiligen.

Walton und Sandy, jeweils Alt- und Neutestamentler am Wheaton College, sehen einen dringenden Bedarf die Unfehlbarkeits- und Autoritätsdiskussion neu zu führen, wobei sie bewusst das Ziel verfolgen, durch ihren Beitrag sowohl die Unfehlbarkeit als auch die göttliche Autorität der Schrift zu stützen und besser zuvertreten. Mittels verschiedener Perspektiven und anhand von 21 Thesen versucht das Buch, dieses Ziel zu erreichen.

Die Perspektiven sind folgende: die Oralität der literarischen Kultur des alten Vorderen Orients und der griechisch-römischen Antike; die literarischen Konventionen dieses Kulturraums; die moderne Sprechakttheorie und die ethische Verantwortung des Lesers. Hinzu kommt der Argumentationsraum der angedeuteten nordamerikanischen Autoritätsdebatte, in dem sich der implizierte Leser des Buches wohl befindet.

In einem ersten Durchgang (Teile 1 und 2) wird der Unterschied der literarischen Kulturen damals (eher oral und Texte vor allem als Absicherung vor Vergessen) zu der sehr schriftlich basierten westlichen Textkultur von heute herausgehoben. Es geht um das Konzept des Autors, Variabilität bei der Überlieferung, Anpassung an den kulturellen und konzeptionellen Kontext der (Erst)leser und den Lokus der göttlichen Inspiration. In dem dritten Hauptteil zu den literarischen Genres werden Themen behandelt wie: Autorität in Geschichtsschreibung, in Gesetzestexten und prophetischen Texten sowie den beiden neutestamentlichen Hauptgenres Brief und Evangelium. Hier wird auch die spätere kanonische Qualität der Sammlung betrachtet. An vierter Stelle werden einschlägige biblische Texte zur göttlichen Qualität der Schrift vor dem Hintergrund der bisherigen Beobachtungen betrachtet. Einen aus theologischer Sicht leider zu knapp gehaltenen Abschluss bilden einige Reflexionen zur Ethik des Leseprozesses. Hier ergeben sich einige interessante Verknüpfungen zum Anliegen der „Hermeneutik der Demut“. Auf hermeneutischer Seite grundlegend ist die immer mal wieder in Anspruch genommene Differenzierung von Lokution, Illokution und Perlokution, wie sie der Sprechakttheorie entlehnt ist. Die Lokution, d. h. die sprachliche Form einer Aussage, ist immer an menschliche Begrenzungen und konzeptuelle Gegebenheiten angepasst. Von der Autorität der Schrift zu sprechen, zwingt uns, Inhalte der Lokution als „wahr“ zu beschreiben, die dem illokutiven Akt (der autoriell intendierten Kommunikationsabsicht) entsprechen. Das Ziel der Anpassung ist immer effektive Kommunikation. Wenn die Illokution es nicht zum Ziel hat, faktische Inhalte zu kommunizieren, dann sollte sie auch nicht diesbezüglich bewertet werden.

Dieses Buch ist ein engagierter Beitrag, dabei aber sehr irenisch und gewinnend. Offensichtlich wurde aus pädagogischen Gründen auf eine stark akademisierende Sprache verzichtet. Dies scheint sinnvoll, wenn man bedenkt, dass die schärfsten und lautesten Vertreter der biblischen Irrtumslosigkeit eher keine akademischen Theologen sind. Allerdings ist diese Form zweischneidig. Der Wunsch nach allgemeiner Zugänglichkeit scheint die eine oder andere theologisch tiefergehende Reflexion verhindert zu haben. So bleibt die Frage offen, was genau mit biblischer Autorität gemeint ist, wenn wir von einer Gottgegebenheit der Schrift ausgehen. Ebenfalls undeutlich ist die Konsequenz des faktischen Vorhandenseins von schriftlichen Texten für die Frage der Autorität. Andere Fragen werden in ihrer praktischen Konsequenz nicht ausgezogen. So z. B. die Basis für eine genaue Exegese: Wenn die Inhalte allein zentral sind, und der genaue Wortlaut eines Textes zweitrangig ist, was dient dann als Grundlage für das Verständnis des Textes? Muss dann Exegese zwangsläufig weniger auf Details achten? Was bedeutet die Offenheit für mehrere, sich eher ergänzende Textvarianten für die Auslegung? Müssten wir die Summe aller Varianten nach einem kleinsten gemeinsamen Sinnnenner durchsuchen? Wie ist es mit den offensichtlichen „Abschreibfehlern“ – darf diese die Textkritik nicht mehr ausmerzen? Wo liegt die Grenze zwischen offensichtlichen Fehlern und flexibler Tradition? Soll ich eine Theologie der verschiedenen Traditionsschichten und -gruppen versuchen, wenn die Unterschiede genügend signifikant sind? Oder dürfen sie gar nicht signifikant sein – weil die Überlieferung eben flexibel ist?

Das Buch nimmt die Menschen ernst, die Autorität mit Einleitungsfragen in Verbindung bringen. Diejenigen, die in diesem Bezug so und so schon flexibler dachten, finden gute Argumente für ihre bisherige Meinung. Insgesamt ist das Buch unterhaltsam und sehr gewinnbringend als Ergänzung zu den wichtigen Beiträgen der deutschen Debatte von 2000–2001 zu lesen. Mindestens schärft es den Blick für das, was alles mit dem großen und wichtigen Thema der Autorität der Schrift auch noch zusammenhängt.

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