Marion Dittmer: Reich Gottes

Marion Dittmer: Reich Gottes. Ein Programmbegriff der protestantischen
Theologie des 19. Jahrhunderts
, Berlin, New York: De Gruyter, 2014, 372 S., € 119,95
ISBN: 978-3-11-033256-8


Die vorliegende Neuendettelsauer Dissertation erschließt einen Zugang zu unterschiedlichen theologischen Konzeptionen des 19. Jahrhunderts über den Begriff „Reich Gottes“, womit hier ein Leit- bzw. Grundgedanke gemeint ist, anhand dessen sich zentrale theologische Zuordnungen und Verhältnisbestimmungen vornehmen lassen. Konkret geht es der Vfn. um die sachgemäße Zuordnung von Gottes Wirken und menschlichem Handeln, von Transzendenz und Immanent sowie von „zu erhoffendem und ethisch zu erreichendem Gut“ (6). Sie möchte zeigen, dass „Reich Gottes“ in der Theologie des 19. Jahrhunderts für ein Integrationsmotiv steht, in dem moderne Gedankenwelt und christliche Tradition so aufeinander bezogen werden, dass die bleibende, auch gesellschaftliche, Bedeutung des Christentums einsichtig wird. Die zu untersuchenden Theologen sollen also aus ihrer Zeit heraus verstanden und gewürdigt werden.

In drei umfangreichen Kapiteln werden die Reich-Gottes-Ideen dreier mehr oder weniger bekannter Theologen untersucht. Im ersten Sachkapitel geht es um Franz Theremin (1780–1846), der, theologisch geprägt durch Georg Christian Knapp, seinerzeit neben Schleiermacher als einer der wirkmächtigsten (Berliner) Prediger galt, ohne erkennbar mit den großen Theologen seiner Zeit in Kontakt gestanden zu haben. Theremins Theologie zeigt ein primäres Interesse an der Glaubenserfahrung und sittlichen Existenz des Menschen, ist gleichwohl jedoch theozentrisch ausgerichtet. In der Sache geht Theremin davon aus, dass das Reich Gottes einerseits als Gemeinschaft der vollendeten Seelen im Himmel bereits verwirklicht ist, es andererseits die noch unvollkommene Gemeinschaft in der Verbundenheit mit Christus meint, die sich in dieser Welt sukzessive durchsetzen wird. Die irdischen Gemeinschaftsbildungen wie Familie, Staat und Kirche versteht er in je spezifischer Weise als „Vorschule“ für das vollendete Reich Gottes. Das bedeutet: Für Theremin ist das Leben jedes Menschen auf Gemeinschaft und damit in letzter – heilsgeschichtlicher – Konsequenz auf das (vollendete) Reich Gottes ausgerichtet. Aufgabe menschlicher Gemeinschaftsbildungen ist die Erziehung des Menschen hin zur Gottes- und Nächstenliebe als Ausdruck der bewussten Teilhabe am Reich Gottes. Dies impliziert eine Hochschätzung der Familie sowie einen Staatsprotestantismus, bei dem die Ausbildung christlicher Gesinnung faktisch in Gestalt der bürgerlichen Tugenden die Einheit und den Zusammenhalt der Gesellschaft sichern soll. Die Vfn. urteilt: „die Reich-Gottes- Idee steht für eine Totalintegration all dessen, was es in der Welt gibt, und zwar unter christlichem Vorzeichen“ (129).

Im Vergleich zu Theremin ist die Reich-Gottes-Idee bei Isaak August Dorner (1809–1884) begrifflich schärfer ausgearbeitet. Für Dorner ist das Reich Gottes der Endzweck und zugleich der Einheitspunkt der Welt. Als Zielursache alle Seins begründet, ermöglicht und orientiert das Reich Gottes das sittliche Handeln des Menschen. Dieses sittliche Handeln wird als Bestimmtsein durch die Liebe charakterisiert und ist nach Dorner nur im Christentum wahrhaft möglich. Dafür steht die christologische Begründung alles sittlichen Tuns ein, insofern Christus Gemeinschaft stiftet, die Empfänglichkeit für Gottes Liebe einpflanzt und als Lehrer und Vorbild zur Anerkennung des Reiches Gottes hinführt. Auch in dieser Konzeption sind göttliches und menschliches Handeln ineinander integriert: Gott ist der Zwecksetzer, der alles von außen lenkt (Vorsehung), während dieser Zweck durch sittliche Betätigung des Glaubens vom Menschen angeeignet wird. Dieses Zuordnungsverhältnis wird von Dorner durch eine differenzierte Verwendung des Begriffs „Organismus“ näher erläutert, wobei die Menschheit, die Welt und das Reich Gottes in je bestimmter Weise als Organismus verstanden und aufeinander bezogen werden. Auch hier gilt, dass das sittliche Handeln des Menschen als „Teilverwirklichung“ des Reiches Gottes verstanden, der eschatologische Vorbehalt jedoch nicht aufgehoben wird. Mehr noch: Dorner lehnt es ab, Kirche und Reich Gottes in der Vollendung als identisch zu denken und verteidigt vehement die Hoffnung des christlichen Glaubens auf ein zukünftiges, menschlichem Zugriff entzogenes Handeln Gottes. Dorners Vermittlungstheologie steht damit für eine Vermittlung von christlicher Tradition und modernem Denken: Zwischen der Vergangenheit und der von Gott heraufgeführten zukünftigen Vollendung steht „der geschichtliche ethische Prozess, der zugleich Bedingung und Vermittlung der Vollendung ist“ (211). – Wünschenswert wäre es gewesen, dass die sperrigeren Aspekte von Dorners Geschichtstheologie stärker ausgeleuchtet würden: seine Erwartung eines großen Abfalls vom Christentum am Ende der Zeit und die Anzeichen einer sich zur Krise auswachsenden Entwicklung in der Gesellschaft bedürften m. E. einer stärkeren konzeptionellen Einordnung.

Der dritte für die Untersuchung ausgewählte Theologe ist Johann Tobias Beck (1804–1878). Er steht hier für eine Theologie, bei der in der Ausrichtung an der Bibel die heilsgeschichtlichen Linien des Handelns Gottes erkannt werden sollen. Kennzeichnend für Beck ist seine Vorstellung von der organischen, in Analogie zur Natur verstandenen Entwicklung der Offenbarung. Diese Entwicklung hat ihren geschichtlichen Samen in der Person Jesu Christi, der vollendeten Verbindung von Geist und Natur bzw. Materie, die einen dynamischen Prozess auslöst, in dessen Verlauf der transzendente göttliche Geist der Welt immanent wird. Dem Eingehen in das Reich Gottes geht von daher eine Wirksamkeit des Menschen voraus, die ihrerseits jedoch durch Leben des Reiches Gottes in der Person Christi überhaupt erst ermöglicht wird. Gegenüber den Einheitstendenzen in den Konzeptionen Theremins und Dorners betont Beck stärker die Unterscheidungsmomente. So hebt er das Reich Gottes als eine himmlisch bereits bestehende Wirklichkeit sachlich von dem durch sittliche Betätigung sich geschichtlich realisierenden Reich Gottes ab, ohne den in Gottes Gerechtigkeit und Liebe liegenden Kontinuitätsaspekt zu leugnen. Alles Diesseitige ist nach Beck Vorbereitung auf eine davon zu unterscheidende jenseitige Wirklichkeit, in deren Licht die hiesige Welt unter dem Vorzeichen des Negativen bzw. Bösen zu stehen kommt. Entsprechend wird auch der Gerichtsgedanke stärker profiliert. Die Dialektik von christlicher Aktivität und Passivität, von gegenwärtigem und zukünftigem Handeln Gottes wird gleichwohl nicht einseitig aufgelöst, insofern Beck ein ausgeprägtes Interesse an den jeweiligen Übergängen zeigt, die in eine heilsgeschichtliche Ökonomie eingezeichnet werden. So durchläuft Christus, der Mittler, in seiner gottmenschlichen Persönlichkeit eine Entwicklung, bei der sein Tod ihn auf eine neue, höhere Entwicklungsstufe bringt, die Welt geht auf eine endzeitliche „Offenbarungs- und Triumpf-Epoche“ zu, die Beck auf der Folie chiliastische Vorstellungen interpretiert. Die Gemeinde der freiwillig und bewusst für den Glauben entschiedenen Christen wiederum ist der Ort und Instrument des anbrechenden Reiches Gottes, wobei Beck sich deutlich von der „christlichen Weltkirche“ abgrenzt. Insgesamt gilt: Dogmatik und Ethik sind zu unterscheiden, denn Gott führt die Welt souverän ihrem Ziel entgegen, während es Aufgabe des im Glauben stehenden Menschen ist, sich dem göttlichen Willen unterzuordnen und ein Gott gefälliges Leben zu führen. Letzteres ist bei Beck eine notwendige, aber eben keine hinreichende Bedingung dafür, in Gottes vollendetes Reich einzugehen. Angesichts eines weithin negativen Weltverhältnisses und dem Vertrauen auf die Selbstdurchsetzungskraft des Reiches Gottes kann der Vfn. zufolge bei Beck „von einem konsequent dualistischen Weltentwurf gesprochen werden, dessen Ziel jedoch gerade die Einheit ist“ (315).

In der abschließenden Reflexion arbeitet die Vfn. noch einmal heraus, dass es der Bezug auf die Reich-Gottes-Idee den Theologen des 19. Jahrhunderts ermöglichte, Gott und Welt bzw. göttliches und menschliches Handeln in ein angemessenes Verhältnis zu bringen. Historisch interpretiert sie diese Überlegungen als Versuch, angesichts einer zunehmenden Pluralisierung und Fragmentierung der Gesellschaft den Entwurf einer Gesellschaft zu entwickeln, die sich als teleologisch auf Gottes Reich ausgerichtete Einheit begreift und nicht am Individualismus zerbricht. Sie würdigt in differenzierter Weise das Anliegen der untersuchten Theologen, die Notwendigkeit des Christentums in einer sich ändernden Gesellschaft zu plausibilisieren, indem die christliche Reich-Gottes-Idee der Gesellschaft zur Orientierung angeboten wird. Die Arbeit weist m.E. überzeugend nach, dass der – in der Dialektischen Theologie verbreitete – Vorwurf des anthropozentrischen Subjektivismus in der Theologie des 19. Jahrhunderts (zumindest) den vorgestellten theologischen Konzeptionen nicht umfänglich gerecht wird. Die Vfn. markiert ebenso zutreffend, „dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod zu dem Kriterium für die Überzeugungskraft des Christentums überhaupt wird“ (336). So erweist sich diese theologiegeschichtlich angelegte Untersuchung in ihren geschichtstheologischen und sozialethischen Fragestellungen als hoch relevant in einer Zeit, in der unserer Gesellschaft sowohl die Hoffnung einer künftigen Welt als auch die Vision gesellschaftlicher Einheit in Verschiedenheit zunehmend abhandenkommt.

Der besondere Vorzug dieser konsequent gegliederten und sehr gut lesbaren Arbeit liegt in der Grundentscheidung der Vfn., die Anliegen und Ausführungen der Autoren im Horizont ihrer Zeit verstehen und würdigen zu wollen. Ohne unkritisch zu werden, gelingt es der Vfn., die Autoren auf ihr jeweiliges Anliegen hin zu befragen und positiv herauszuarbeiten, inwieweit die untersuchte Reich- Gottes-Konzeption den christlichen Glauben im Kontext des Verstehenshorizonts der Zeit zu plausibilisieren vermag. Hinsichtlich der ausgewählten Theologen betritt die Vfn. Neuland (Theremin) oder schließt bestehende Forschungslücken (Dorner, Beck). Mit ihrer positiven Aufnahme der Beiträge Jan Carsten Schnurrs zum Geschichtsverständnis in der Erweckungstheologie und einem von kritischem Wohlwollen getragenen Interpretationsansatz dreier für die erweckliche Theologie (unterschiedlich) wichtiger Theologen hat Marion Diemer (verh. Sichert) einen in besonderer Weise anzuerkennenden Beitrag zur Förderung der systematischen Erforschung evangelikaler Theologie geleistet.

Christoph Raedel

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