Jacob Thiessen (Hg.): Die Apostelgeschichte des Lukas in ihrem historischen Kontext

Jacob Thiessen (Hg.): Die Apostelgeschichte des Lukas in ihrem historischen Kontext – drei Fallstudien, Wien: LIT Verlag, 2013, 151 S., € 18,90
ISBN: 978-3-643-80160-9


Der vorliegende Band dokumentiert einen Studientag mit dem Thema „Die Apostelgeschichte des Lukas im Kontext der antiken Geschichte“, der im April 2013 an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH Basel) durchgeführt wurde. Drei der vier Vorträge sind in diesem Buch versammelt, ein vierter Beitrag von Prof. Dr. Ekkehard Stegemann („Paulus und die Philosophen“) wurde bereits anderweitig publiziert und konnte so nicht mit aufgenommen werden.
Die Aufsätze setzen sich mit der immer noch aktuellen und wichtigen Frage auseinander, ob und wie der Verfasser des biblischen Buches – von dem die Autoren annehmen, dass es der Paulusbegleiter Lukas gewesen ist – historisch sorgfältig gearbeitet hat und damit eine Zuverlässigkeit mit seiner Darstellung für sich in Anspruch nehmen kann. Dass neben zwei Neutestamentlern auch ein Althistoriker zu Wort kommt, muss dankbar vermerkt werden, wird doch so ein Blick auf diese Fragestellung geworfen, der die Beiträge der Neutestamentler gut ergänzt.
Mit dem Vortrag von Dr. Alexander Weiß („Lokalkolorit in der Apostelgeschichte des Lukas und in den apokryphen Apostelgeschichten – Realitätseffekt oder Authentizitätsmarker? Ein Vergleich“, 9–28), der als Privatdozent am Historischen Seminar (Lehrstuhl Alte Geschichte) der Universität Leipzig unterrichtet, wird der Band eröffnet. Er knüpft an die häufiger zu lesende Behauptung an, dass die Apostelgeschichte zu der Romanliteratur zu rechnen ist (wie auch in dem grundlegenden Actakommentar von Richard Pervo) und damit in einer Reihe mit den späteren Apostelakten steht (Andreas-, Petrus-, Johannes- und Paulus- bzw. Paulus- und Theklaakten). Die in dieser Literatur gebotenen historischen Details seien von den Verfassern in ihre Darstellung bewusst deswegen eingeflochten worden, um die Glaubwürdigkeit zu steigern. Hier setzt Weiß an und geht der Frage nach, ob diese Angaben (er nennt sie „Lokalkolorit“ und versteht darunter „exakte Kenntnis über lokale Details und Spezifika hinsichtlich Topographie und 258 Jahrbuch für Evangelikale Theologie 29 (2015) Institutionen“, 9) in allen diesen Büchern hinsichtlich Quantität und Qualität gleichmäßig verteilt sind, was bei dieser These ja anzunehmen ist. Als Vergleich zieht er die lukanischen Angaben zu Philippi und Ephesos aus Apg 16 bzw. 19 heran (22–25). Weiß kann überzeugend zeigen, dass in der Apg nicht nur deutlich mehr Lokalkolorit als in den apokryphen Apostelakten zu finden ist, auch die Qualität dieser Angaben unterscheidet sich in signifikanter Weise. Während die Hinweise in den Apostelakten in der Regel eher allgemeinerer Art sind, so sind die Angaben des Lukas sehr präzise und zeugen von einer genauen Kenntnis der Situation.
Die Fallstudie von Marius Reiser („Apostelgeschichte 27 – Bericht oder Roman“, 131–150), der bis 2009 Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Mainz lehrte, wendet sich einem Bericht in der Apostelgeschichte zu, der seit jeher im Verdacht stand, weitgehend von Lukas erfunden oder zumindest aus einer knappen Notiz erheblich ausgemalt worden zu sein. Hier wird in der Literatur häufiger auf entsprechende Parallelen in zeitgenössischen griechischen Romanen verwiesen, wo ebenfalls von Schiffbrüchen erzählt wird. Wenn dem so wäre, so Reiser, dann müsste sich diese Übereinstimmung auch in einer ähnlichen Sprache nachweisen lassen. Anhand einiger Stellen aus griechischen Texten (Herpyllis Roman, Aithiopica von Heliodor sowie Satyrica von Petronius, 142–144) wird deutlich, dass in diesen Erzählungen dramatisch erzählt wird, d. h. die Verfasser verwenden eine bildhafte Sprache mit überdurchschnittlich vielen Adjektiven. So können sie eine bestimmte Wirkung beim Leser erzeugen. Die Darstellung in Apg 27 zeichnet sich hingegen durch einen Verbalstil aus, der auf eine häufige Verwendung von Adjektiven verzichtet. Es ist bei Lukas ein deutlich informativer Charakter zu konstatieren. Mit einem interessanten Rückgriff auf Alfred Döblin (131–135) hält Reiser fest, dass die Apostelgeschichte eine Geschichtserzählung ist, die nach bestimmten didaktischen und unterhaltsamen Absichten (147) verfasst worden ist und auch auf das Element einer „kreativen Rekonstruktion“ nicht verzichtet. Dieses könne man aber auch von den Arbeiten eines Plutarch und Josephus sagen. Somit bewege sich Lukas mit seiner Apostelgeschichte im Rahmen damaliger Geschichtsschreibung, die griechischen Romane sind als Vergleichsmaterial bestimmter Abschnitte nicht geeignet (146). Interessant scheint in diesem Zusammenhang der Hinweis Reisers zu sein (134), dass man auch bei antiken Historiographen zwischen Plutarch auf der einen und Thukydides sowie Polybios auf der anderen Seite unterscheiden müsse, sie arbeiten recht unterschiedlich, aber doch zuverlässig; es habe auch damals eine Bandbreite bei den Geschichtsschreibern und ihrer Art der Darstellung gegeben.
Der dritte Beitrag von Jacob Thiessen („Die Stephanusrede im Kontext des hellenistischen Judentums“, 29–130) ragt wegen seines fast monographischen Umfangs von 100 Seiten deutlich heraus. Dabei kann der Verfasser, der Professor für NT an der STH Basel und zugleich deren Rektor ist, auf seine 1999 erschienene Dissertation zurückgreifen („Die Stephanusrede Agp. 7,2–53 untersucht und ausgelegt aufgrund des alttestamentlichen und jüdischen HintergrunRezensionen Neues Testament 259 des“). Es geht um die Frage, ob diese Rede auf den Verfasser der Apg. zurückgeht, der sie, so wie häufig angenommen wird, „ganz oder teilweise frei verfasst hat“ (29) oder ob sie von dem Judenchrist Stephanus gehalten wurde (29), um dann von Lukas für seine Darstellung weitgehend unverändert übernommen (122) zu werden. Um Letzteres aufzuzeigen geht Thiessen intensiv auf sprachliche Besonderheiten ein (z. B. 7,14: „die 75 Seelen“; 7,38a: „Mose als Mittler in der Gemeindeversammlung am Berg Sinai“, 36–53) und kann einige Gründe nennen, die für einen jüdisch-hellenistischen Hintergrund dieser Rede sprechen (39, 41, 44, 49). Auch inhaltliche Aspekte (53–98) weisen in dieselbe Richtung, dass diese Worte für einen Verfasser sprechen, der aus dem „hellenistischen Judentum mit hebräischer Sprachkenntnis stammt“ (114 und 125).
Die drei Beiträge verdeutlichen, wie hilfreich und zielführend es ist, häufig zu lesende (Vor-)urteile zur Apg. durch gründliche Arbeit an den Texten zu hinterfragen. An ausgewählten Beispielen können die Autoren nachvollziehbar aufzeigen, wie sich Lukas mit seiner Art der Darstellung im Rahmen damaliger Historiographen bewegt hat und nicht mit Romanliteratur zu vergleichen ist. So hat Lukas in der Tat „wieder die Chance, als Geschichtsschreiber ernst genommen zu werden“ (148) – dieses Buch ist ein anregender und wichtiger Beitrag zur weiteren Erforschung der Apostelgeschichte.