Reiner Sörries: Was von Jesus übrig blieb

Reiner Sörries: Was von Jesus übrig blieb. Die Geschichte seiner Reliquien, Kevelaer: Butzon & Bercker, 2012, 342 S., € 25,–
ISBN: 978-3-7666-1621-0

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Zu den Elementen römisch-katholischer Spiritualität, zu denen viele Protestanten nur schwer Zugang finden und die von der heutigen römisch-katholischen Kirche selbst relativ flach gehalten werden, gehören Reliquien und ihre Verehrung. Neben unzähligen Heiligenreliquien hatte die naturgemäß begrenztere Anzahl von Reliquien aus dem Umfeld Jesu immer eine besondere Bedeutung – freilich mit der Besonderheit, dass es von Jesus selbst keine Überreste gegeben hat und geben konnte. Zu den herausragenden Jesus-Reliquien gehören das Turiner Grabtuch und der sog. Heilige Rock Jesu, der in Trier aufbewahrt wird. Der vorliegende Band des Kassler Theologen und Professors für Christliche Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg gibt einen allgemeinverständlichen Überblick über die Bandbreite der Jesus-Reliquien, führt in die Motive und Formen ihrer Verehrung ein und nimmt die Leser mit in einen Streifzug durch diesen Aspekt der Frömmigkeitsgeschichte des christlichen Abendlands, der freilich mit anderen Aspekten (etwa Heiligenverehrung und Pilgerwesen) eng verwoben ist. Sörries schreibt:

Reliquien begründen nicht den Glauben, sondern sind dessen Ausdruck, und die Geschichte der Reliquien ist ein Spiegelbild der Wandlungen des Glaubens bis hin zum Unglauben. Deshalb geht es in diesem Buch selten um die Echtheit von Reliquien, sondern um das Phänomen Reliquie vorzugsweise in seiner kulturgeschichtlichen Dimension. Die Vielzahl der Christus-Reliquien, die immer wieder zum Anlass genommen wurde, ihre Echtheit zu bestreiten, soll hier als spannender Aspekt der Kultur-, Kirchen-, Frömmigkeits- und Profangeschichte wahrgenommen werden. Unbestritten ist der Missbrauch, der mit ihnen getrieben wurde … Unzweifelhaft ist jedoch gleichfalls der Einfluss der Reliquien, den sie auf den Glauben, die Theologie, die Politik und selbst die Ökonomie ausgeübt haben. In diesem Sinn sind Reliquien, auch Herren-Reliquien, ohne Frage wahr. Es hat sie gegeben, es gibt sie immer noch. Und der Büchermarkt und das Internet belegen gerade ihre neu belebte Attraktivität (26).

Nach einer knappen Einführung („Kleine Partikel – große Wirkung“, 13–26) bietet der erste Teil eine historisch-systematische Übersicht über Ziele und Methoden (Balance zwischen Glaube und Wissenschaft, Fakten, Wunder und Legenden, die Auffindung des wahren Kreuzes durch Helena, die Geschichte des Kreuzes nach der Legenda Aurea und die Reliquien vom wahren Kreuz), über Reliquien im Altertum, im Judentum und im Frühen Christentum und die unter326 Jahrbuch für Evangelikale Theologie 29 (2015) schiedlichen Jesus-Reliquien. Dazu gehören die historischen Jesus-Stätten vom Stall von Bethlehem hinauf nach Golgota, Reliquien aus dem Leben Jesu (Heu und Stroh von der Krippe), die Gewandreliquien, der heilige Kelch in Antiochia, Valencia, Genua oder doch in Rom, die Passionsreliquien (etwa die eingesetzten Marterinstrumente), verschiedene Heilig-Blut-Reliquien, das „Vera Icon“ als das wahre Jesus-Bild, Körperreliquien (leibliche Relikte des irdischen Jesus), sichtbare Spuren des Auferstandenen wie etwa der Finger des Thomas in der Wunde, verschiedene eucharistische Blutwunder (wundertätige Hostien und verwandelter Wein). Unter „neuen“ Jesus-Reliquien verbucht Sörries das sog „Jesus-Boot“ von Ginnossar. Ferner geht es um sogenannten Sammelreliquien (nach dem Motto: „Viel hilft viel“).

Unter der Überschrift „Topografie der Jesus-Reliquien“ (97–155) schildert Sörries Orte, die in unterschiedlicher Weise mit diesen Reliquien verbunden sind (Jerusalem, Edessa, Rom, Konstantinopel, Monza (eiserne Krone der Langobarden), Aachen, Kornelimünster und Maastricht, Venedig, Frankreich als das christlichste Reich in Europa, Heiliges Römisches Reich deutscher Nation, Georgien und Armenien, sowie die Jesus-Reliquien auf dem Kaukasus). Spannend ist der folgende Abschnitt zur religiösen, politischen und ökonomischen Bedeutung der Jesus-Reliquien (156–162). Im Rahmen der Frömmigkeit dienten sie zur Erlangung von Sündenerlass und Heilsgewissheit oft in Verbindung mit Pilgerreisen. Es gab (und gibt) eine regelrechte Politik und Hierarchie der Reliquien („Die richtige Reliquie am richtigen Ort“). Ferner skizziert Sörries die wirtschaftliche Bedeutung der Reliquien für ihre Aufbewahrungsorte. Am Ende des ersten Teils diskutiert Sörries das spannungsreiche Miteinander von Glaube, Wissenschaft und Medien im Zusammenhang von Reliquien (Archäologie und Kunstwissenschaft, Überlieferung und Tradition, Original, Kopie und Fälschung, Volkstümliche Kopien der Herrenreliquien, ohne Glauben verlieren alle Reliquien an Bedeutung).

Der zweite Teil untersucht die bedeutendsten Jesus-Reliquien (181–311): die historischen Jesus-Stätten, Leben-Jesu-Reliquien (etwa die Krippe und Wiege Jesu), die Gewandreliquien (hier unter anderem der heilige Rock und Grabtücher), der Heilige Kelch, die Passionsreliquien (hier unter anderem die Dornenkrone, Kreuz und Kreuzpartikel (lignum crucis), die Nägel vom Kreuz Christi und die Heilige Lanze), verschiedene Heilig-Blut-Reliquien, das Vera Icon bzw. die Acheiropoieta (hier unter anderem das Turiner Leichentuch), die Körperreliquien, die sichtbaren Spuren des Auferstandenen (die Fußspuren von Quo Vadis in Rom, die Finger bzw. der Arm des Apostels Thomas), blutende Bilder und Kreuze, wundertätige Hostien und verwandelter Wein (hier klammert Sörries die angeblich blutenden Hostien, die durch angeblichen jüdischen Hostienfrevel vielerorts zu Wallfahrten, aber auch zu Judenprogromen – nur knapp erwähnt, S. 286 – unzulässig aus, auch die Frage nach anderweitigen antijüdischen Tendenzen in der Rezeptionsgeschichte dieser Reliquien bleibt außen vor), die „neuen“ Reliquien (das Jesus-Boot von Ginnossar) sowie verschiedene Reliquiensammlungen.

Sörries zeichnet die Vielfalt und Bedeutung der Jesus-Reliquien gekonnt nach und vermittelt auch skeptischen Protestanten einen Zugang, zumindest ein Verständnis für Reliquien. Er zeigt, wie sich das Verständnis von Reliquien und ihre Funktion verändert haben. Zur Wertschätzung der Herrenreliquien bemerkt er: „Doch nicht in einem materiellen Sinn, erst recht nicht im Sinn einer heilsnotwendigen Verehrung, sondern in einem neuen spirituellen Geist der Besinnung auf das, was ihre Geschichte und Gegenwart für heutige Menschen bedeuten kann“, 177), und weiter:

Tatsächlich hat in der Betrachtung der Reliquien ein Bedeutungswandel stattgefunden. Es geht nicht mehr um die Reliquien an sich, nicht um ihre Authentizität, sondern im Mittelpunkt stehen die eigene Betrachtungsweise und die damit verbundene Kontemplation. Reliquien können eine Zeigefunktion besitzen, indem sie über sich selbst hinaus auf das Wesentliche verweisen. Bereits der Weg zu den Reliquien wird wieder als Akt der Vergeistigung empfunden und passt in eine Zeit, die auf vielfältige Weise versucht, zu sich selbst zu finden (178).

Damit hat man sich freilich von der Reliquienverehrung, die jahrhundertelang die Volksfrömmigkeit bestimmt hat, weit entfernt. Offen bleibt die spannende Frage, was evangelische Spiritualität der in Reliquien und ihrer Verehrung zum Ausdruck kommenden, anscheinend immer gesuchten Verdinglichung des Glaubens bieten kann oder gerade nicht entgegensetzen darf, wenn christliche Existenz vom Wort und Glauben und nicht vom Schauen bestimmt ist.