Gerhard Wegner: Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung

Gerhard Wegner: Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung. Ende des liberalen Paradigmas?, Leipzig: EVA, 2014, 169 S., € 19,90
ISBN: 978-3-374-03912-8


Gerhard Wegner ist Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover und außerplanmäßiger Professor für Praktische Theologie in Marburg. Der Titel seines Buchs springt ins Auge: Immerhin wagt er es, das liberale Paradigma von Kirche mit einem Fragezeichen zu versehen und es dadurch in Frage zu stellen – worin ihm nicht viele in den EKD-Kirchen folgen dürften. Wegners Taschenbuch ist eine Sammlung von älteren, schon veröffentlichten oder vorgetragenen und neuen Überlegungen, die um zwei Hauptthemen kreisen: die Krise der bisherigen, liberal bestimmten kirchlichen Versuche, Menschen zu erreichen, und die Möglichkeiten, heute einen besseren Weg zu finden. Auf Nebenthemen wie die Milieutheorie und geistliche Leitung soll hier nicht eingegangen werden.

Unter „liberaler“ Sicht auf Religion und Kirche versteht Wegner die bisher dominierende Auffassung, die Menschen seien eigentlich religiös interessiert, man müsse ihnen durch Korrekturen an Dogmatik und autoritärem Stil der Kirche entgegenkommen (7). Aus der Anwendung dieses Paradigmas resultierte die Erkenntnis, dass eine lockere Bindung zur Kirche nicht etwa neuen religiösen Formen entsprach, sondern mit Indifferenz einherging (ebd.). Die Kirche als „Wärmstube der Republik“ (8) findet zwar noch immer weitestgehende Anerkennung in allen Gesellschaftskreisen. Aber auch diese Aufgabe bedarf der religiösen Kommunikation als einem identifizierbaren Hintergrund, damit die Kirche überhaupt erkennbar bleibt. Zu lange hat die Kirche nur abgefragte Bedürfnisse befriedigt (vgl. 50f). Aber: „Es muss darum gehen, die Nachfrage nach Kirche – besser nach christlichem Glauben – zu wecken statt nur Bedürfnisse zu befriedigen“ (17, vgl. 65). Wegner plädiert dafür, dass „… unsere Kirche etwas von den Leuten wollen sollte“ (18 vgl. 41, 70f). Aktivitäten der Kirche sind bisher überwiegend sozial ausgerichtet (36, vgl. 109, 130), religiöse Kommunikation aber „läuft … nebenbei“ (37). „Es handelt sich ja bei Kirchengemeinden um keine Klöster, in denen religiöse Kommunikation rund um die Uhr anstehen würde“ (130).

Entscheidender Parameter für den „Erfolg“ kirchlicher Bemühungen ist das Maß der Kirchenbindung von Menschen, die ihr angehören oder zu ihr gehören sollen. „Erfolg“ stellt sich ein, wo „… Gemeinden etwas wollen, und so ein Profil ausbilden – jedenfalls nicht nur die volkskirchliche Grundversorgung sicherstellen“ (30). Die Gemeinden müssen im Sozialraum Resonanz erzielen (31, vgl. 71, 158). Die Frage nach dem „Erfolg“ von Kirchengemeinden muss von ihrem negativen Image in Pastorenkreisen befreit werden (111f). Wegner schildert die Selbstgenügsamkeit von Kirchengemeinden mit drastischen Worten (134f). Auch das diffuse Selbst- und Aufgabenbild der Pfarrer wird mit heftigen Worten kritisiert (138–142). Gegen kirchlich-pastorale Binnenorientierung setzt Wegner die Ausrichtung an fünf Erfolgsfaktoren: Freundlichkeit/Zugänglichkeit/Offenheit, Vertrauensbildung, Etwas wollen, Verpflichtung, Ergriffenheit (154f).

Der Leser, die Leserin trifft bei der Lektüre von Wegners Buch auf Sätze, die im landeskirchlichen Kontext durchaus erstaunlich sind. So sagt er über Kirchenleitung, dass sie dazu dienen soll, „… dass letztlich alles auf die Verbesserung der Frömmigkeit ausgerichtet ist“ (85). Oder: „Es geht nicht mit den Kirchengemeinden! Es geht aber auch schon gar nicht ohne sie! Deswegen muss man sie lieben!“ (107, im Original kursiv). Dass seine Überlegungen aus landeskirchlich-pietistischer oder freikirchlicher Sicht nicht ausreichen, werden Leser allerdings auch bemerken. Der Glaubensbegriff bleibt ohne christologische Füllung; mit ihm kann alles gemeint sein. Die Hinführung zur Kirche bleibt Wegners Grundthema, und das greift zu kurz!

Nach evangelisch-reformatorischer Auffassung ist Auftrag der Kirche, dass der Mensch zum selbstständigen, im eigenen Bekenntnis artikulierten Glauben findet, der in der Gewissheit der Sündenvergebung allein aus Gnade besteht. Der Glaube, der Christus ergreift, schafft aus sich heraus die gesuchte Kirchenbindung der Menschen. Da hilft auch kein wissenschaftliches Soziologendeutsch, das die vorliegende Veröffentlichung durchgängig genauso prägt wie das Faktum, dass man selbst illustrative, geschweige denn konstitutive Verweise auf die Lehre des Christus, ja selbst seinen Namen, vergeblich sucht.

Leider muss man trotz aller Modernisierungsversuche landeskirchlicher Gremien bei diesem aktuellen und brennenden Thema konstatieren, dass zwei Sätze von Martin Luther (für die Reformierten: von Johannes Calvin) mehr über Grundlage, Wesen und Auftrag der Kirche aussagen, als ganze Bücher von denen, die sich nach ihm nennen. Hier ein Beispiel, das selbstredend im Zusammenhang gelesen werden sollte: „12. Haec es autem fides apprehensiva (ut dicimus) Christi, pro peccatis nostris morientis, et pro iustitia nostra resurgentis … 18. Sed vera fides dicit: Credo quidem filium Dei passum et resuscitatum, Sed hoc totum pro me, pro peccatis meis, de quo certus sum.“ (WA 39,1,45 Thesen de fide 1535, LD² 4,281 12: „Das ist aber der (sozusagen) nach Christus greifende Glaube, welcher um unserer Sünden willen gestorben und um unserer Gerechtigkeit willen auferstanden ist … 18. Hingegen der wahre Glaube sagt: Ich glaube zwar, daß der Sohn Gottes gelitten hat und wieder auferstanden ist. Aber das alles hat er für mich getan und für meine Sünden. Dessen bin ich gewiß.“