Henning Bühmann: Die Stunde der Volksmission

Henning Bühmann: Die Stunde der Volksmission. Rechristianisierungsbestrebungen im deutschen Protestantismus der Zwischenkriegszeit, Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B: Darstellungen 73, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2020, geb., 528 S., € 100,–, E-PDF € 79,99, ISBN 978-3-525-57075-3


Die Umbruchszeit nach 1918 war in Bezug auf kybernetische Fragen und Kirchenbaupläne eine äußerst fruchtbare Zeit. Es war im konservativen Protestantismus „die Stunde der Volksmission“, die sich nun auch die Innere Mission nun auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Der Begriff „Volksmission“ war 1916 durch eine Schrift des Rostocker Praktischen Theologen Gerhard Hilbert in den protestantischen Diskurs eingeführt worden und avancierte nach dem Krieg „zu einem in evangelischen Kirchenleitungen und im Verbandsprotestantismus viel diskutierten Schlüsselkonzept“ (12).

In der jüngeren historischen Forschung ist diese Volksmissionsbewegung bisher kaum bearbeitet worden. Diese Lücke schließt nun Henning Bühmann, der mit der vorliegenden Arbeit im Jahr 2015 an der Philosophischen Fakultät in Erfurt promoviert wurde, in einer umfangreichen diachronen Analyse, die die Entwicklung der Bewegung der kirchlichen Volksmission in der Zwischenkriegszeit nachzeichnet, wie sie von der Inneren Mission betrieben wurde. Methodisch verortet sich Bühmann an der Schnittstelle zwischen Ideengeschichte und Sozialgeschichte, indem er die kirchliche Zeitgeschichte „in den Kontext von sozialen und kulturellen Entwicklungen der Gesellschaft im 20. Jahrhundert“ (13) stellt und zugleich die „Entwicklung eines Konzepts und dessen gesellschaftlichen Kontext untersuchen möchte“ (13). Diese intensive Berücksichtigung des historischen Kontextes ist bei Bühmann aber verbunden mit dem Anliegen, „theologische Entwürfe und Frömmigkeitsformen als solche ernst zu nehmen“ (13). Theologie und Frömmigkeit gingen „immer auf etwas Vorgegebenes zurück“ (13) und daher „wäre es verfehlt, theologische Entwürfe zu Evangelisation und Volksmission als rein interessegeleitet oder als bloßes Überbauphänomen zu betrachten.“ (13) Bühmanns Analyse bleibt allerdings eine wesentlich profanhistorische. Theologische Hintergründe und theologiegeschichtliche Zusammenhänge könnten in weiteren Untersuchungen noch vertieft werden – und sie bleibt ganz auf den dargestellten Zeitraum konzentriert.

In einem ersten Hauptteil analysiert Bühmann vier programmatische Texte zur Volksmission im Zeitraum von 1916–1933: Gerhard Hilberts Schrift „Kirchliche Volksmission“, die 1916 die Initialzündung zur Volksmissionsbewegung darstellte. Hilbert hatte hier – mitten im Krieg, als er selbst noch von einem Siegfrieden ausging – gefordert, spätestens nach dem Krieg Apologetik, Evangelisation und die Bildung von Kerngemeinden in einer konzertierten Aktion in großem Umfang als neue Formen kirchlichen Handelns in Angriff zu nehmen. 1919 gab Gerhard Füllkrug, Direktor im Centralausschuss für Innere Mission (CA), als praktische Anleitung zur Umsetzung dieser Ideen das „Handbuch der Volksmission“ heraus, zu dem die wesentlichen Protagonisten der neuen Volksmissionsbewegung Beiträge leisteten. Heinrich Rendtorff unternahm 1924 mit „Pflüget ein Neues“ den Versuch, den Volksmissionsbegriff, der im innerprotestantischen Diskurs eine „rapide Aufnahme“ (99) gefunden hatte, theologisch zu präzisieren. Anhand von Rendtorffs Semantiken weist Bühmann seine „Prägung durch die Sprache der ‚konservativen Revolution‘ und der konservativen Kulturkritik“ (127) nach. Rendtorff sei hierbei der erste gewesen, der „das Zusammengehen mit der politischen Rechten nicht nur praktizierte, sondern es konzeptionell zu begründen versuchte“ (127). Als „lutherische Standortbestimmung zu Beginn des NS-Regimes“ (129) greift Bühmann dann die „Riederauer Thesen“ der bayerischen Landeskirche vom Oktober 1933 auf, die die Hoffnungen auf einen „religiösen Aufbruch und ein gutes Miteinander von national­sozia­listischem Staat und evangelischer Kirche“ (162) zum Ausdruck brachten, gleichzeitig aber dezidiert an den lutherischen Bekenntnisschriften festhielten und in diesem Sinn Volksmission treiben wollten. Bühmann beschränkt sich in diesem Teil auf die Analyse jeweils einer Programmschrift. Dies ermöglicht die relativ kompakte Darstellung der diachronen Entwicklung der Konzepte, insbesondere bei Hilbert hätte allerdings dessen Schrift „Ecclesiola in Ecclesia“ zum Verständnis Wesentliches beigetragen – gerade in Bezug auf die von Bühmann als innerer Widerspruch herausgearbeitete Spannung zwischen dem Ziel der „Ecclesiola“ auf der einen und dem Ziel der „Durchmissionierung“ des ganzen Volks (211) auf der anderen Seite.

In einem zweiten Hauptteil rekonstruiert Bühmann die institutionelle Entwicklung der volksmissionarischen Bewegung von 1914–1934, vor allem anhand der „Abteilung für Volksmission“ im CA und des 1925 gegründeten „Deutschen Evangelischen Verbandes für Volksmission“, dem im Jahr seiner Gründung bereits 23 Organisationen beigetreten waren. Hierbei zeichnet er die Übernahme der Volksmission in die Tätigkeitsbereiche der Inneren Mission nach, wie sie in der unter der Leitung Gerhard Füllkrugs stehenden „Abteilung für Volksmission“ geschah. Diese stellte zwar nur eine reichsweite Koordinierungsstelle der Volksmissionstätigkeit der Inneren Mission dar und repräsentierte somit nur einen kleinen Teil einer breiteren Bewegung – die meisten Provinzial-Ausschüsse für Innere Mission betrieben eigenständig Evangelisation und Apologetik. An ihr lassen sich aber die Entwicklung der Volksmissionsbewegung ebenso wie ihre Spannungen und inneren Widersprüche gut nachzeichnen. Das Verhältnis zur Apologetischen Zentrale z. B. offenbarte die Schwierigkeit, die eher an akademischem Diskurs und weltanschaulicher Auseinandersetzung interessierte Apologetik mit der aus der Gemeinschaftsbewegung stammenden Idee der Evangelisation unter dem gemeinsamen Begriff „Volksmission“ zu vereinigen. Die von Bühmann herausgearbeiteten Spannungen und auch die unterschiedlichen materiellen Interessen wurden dann ab Ende der 1920-Jahre überlagert vom Streit um die Stellung zur neuen völkischen Bewegung und dann zum Nationalsozialismus, was zu neuen Frontstellungen, aber auch neuen Allianzen führte (295ff.).

In einem dritten Hauptteil rekonstruiert Bühmann die „volkmissionarische Praxis an ausgewählten Beispielen“, wobei er sich auf die vom Centralausschuss für Innere Mission vollzeitig angestellten Volksmissionare beschränkt. Hier rekonstruiert er die Rahmenbedingungen, die sich deutlich von denen der Evangelisten der Gemeinschaftsbewegung unterschieden. Er zeichnet die unterschiedliche regionale Verteilung der Tätigkeit nach – wo die Landeskirchen bzw. auch der landeskirchliche Pietismus bereits über starke eigene Strukturen zur Evangelisation verfügte, wurden die Volksmissionare des Centralausschuss kaum eingeladen. Als wesentliche Form volksmissionarischer Aktivität stellt Bühmann dann die Durchführung von „Volksmissionswochen“ dar (363–404), die eine Adaption der in der Gemeinschaftsbewegung und den Freikirchen praktizierten Evangelisationswochen darstellt, mit den klassischen Elementen der vorherigen Werbung, zielgruppenorientierten Nebenveranstaltungen, Hausbesuchen und Sprechstunden und der „Nacharbeit“. Signifikant ist die Frage der „Entscheidungsriten“: Hier ist, im kritischen Gegenüber zur herkömmlichen angelsächsisch geprägten Evangelisation, eine deutliche Zurückhaltung und Angst vor Manipulation nachweisbar (406f), was teilweise zum Verzicht auf Entscheidungsriten und Nachversammlungen führte. In der oftmals als mangelhaft beklagten „Nacharbeit“, also der Sammlung der durch die Volksmission Angesprochenen, wird noch einmal die Konkurrenz zur, aber auch teilweise das Angewiesensein auf die Gemeinschaftsbewegung deutlich, ebenso auch das Problem, dass die Volksmission und der Volksmissionar über die Volksmissionswoche hinaus keinen Einfluss auf das Gemeindeleben ausüben konnten. Deshalb, so Bühmanns Fazit, bliebt durch die plurale Struktur der Landeskirchen „eine durch Volksmission erreichbare generelle Umwandlung der evangelischen Landeskirchen aber […] illusorisch“ (420).

Bühmann arbeitet in allen drei Hauptteilen die inneren Spannungen und illusorischen Ziele heraus – letzteres sowohl in Bezug auf die „Rechristianisierung“ der Gesellschaft als auch in Bezug auf das Ziel der Umgestaltung der Volkskirche. Besonders betont er dabei die Verflechtung von christlich-missionarischem Anliegen mit einer „tiefgreifende[n] Fremdheit gegenüber der Moderne“ (432) und der daraus folgende antidemokratische Grundhaltung und Parteinahme für die politisch rechten Kräfte. Damit war von Anfang an eine Parteilichkeit angelegt, die die Volksmission dann ab Ende der zwanziger Jahre zum „Treffpunkt von evangelischer Kirche und NSDAP“ (435) werden ließ.

Misst man die Volksmission an dem Ziel der „Rechristianisierung der Gesellschaft“ (vgl. den Untertitel) oder auch dem Vergleicht mit dem zahlenmäßigen Erfolg der katholischen Volksmission (413), dann muss man Bühmanns zusammenfassendes Resümee teilen, dass die protestantische Volksmissionsbewegung gescheitert ist. Relativieren müsste man das Urteil vielleicht etwas, wenn man die Wirkungsgeschichte im Protestantismus betrachtet, vor allem in Bezug auf die Entstehung der volksmissionarischen Ämter bzw. der Ämter für Gemeindedienste in den verschiedenen Landeskirchen oder der Arbeitsgemeinschaft missionarische Dienste (AMD). Hält man, wie Bühmann, Hilberts Diagnose auch heute noch für aktuell, dass Deutschland Missionsland sei und bleiben werde (439f), dann wäre zu fragen, ob – bei aller zeitbedingten Problematik – die Volksmission der Zwischenkriegszeit wirklich nur „zum großen Teil als warnendes Beispiel“ dienen kann, oder ob nicht doch auch positive Ansätze zu finden sind, wie etwa im Bemühen, auf die zeitgenössischen Herausforderungen und einen veränderten Kontext zu reagieren und in der Kommunikation des Evangeliums Berührungs- und Anknüpfungspunkte bei der zeitgenössischen Kultur zu suchen – womit dann freilich auch eine starke Problemanzeige verbunden ist. Bühmann hat mit seiner Arbeit nicht nur einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die Volksmissionsbewegung historisch in ihrer Bedeutung neu wahrzunehmen, sondern regt „zum Nachdenken über die Möglichkeiten von Evangelisations- und Missionsprogrammen insgesamt“ (439) an – ein Nachdenken, dass er, wie er selber sagt, mit den Mitteln der historischen Forschung nicht leisten kann, und das zu weiteren Forschungen und Arbeiten Anlass gibt.


Uwe Bertelmann, Theologischer Lektor, Gießen