{"id":1010,"date":"2020-04-18T12:01:41","date_gmt":"2020-04-18T12:01:41","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1010"},"modified":"2020-04-18T12:01:42","modified_gmt":"2020-04-18T12:01:42","slug":"andreas-kaeser-literaturwissenschaftliche-interpretation-und-historische-exegese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1010","title":{"rendered":"Andreas K\u00e4ser: Literaturwissenschaftliche Interpretation und historische Exegese"},"content":{"rendered":"\n<p>Andreas K\u00e4ser: <em>Literaturwissenschaftliche Interpretation und historische Exegese. Die Erz\u00e4hlung von David und Batseba als Fallbeispiel<\/em>, WMANT 211, Stuttgart: Kohlhammer, 2016, 298\u00a0S., \u20ac\u00a095,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.kohlhammer.de\/wms\/instances\/KOB\/appDE\/Theologie\/Altes-Testament\/Literaturwissenschaftliche-Interpretation-und-historische-Exegese-978-3-17-031492-4\">978-3-17-031492-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Andreas K\u00e4sers Monografie, die \u00dcberarbeitung seiner T\u00fcbinger Dissertation von 2007, zeichnet sich durch ihren didaktischen und doch nie simplifizierenden Anspruch aus, der sie so lesenswert macht. In sehr kluger Auswahl von Sekund\u00e4rliteratur, sowohl methodisch-hermeneutischer Grundlagentexte als auch Kommentaren, wird hier deutlich, was alles im Spiel ist, wenn biblische Erz\u00e4hltexte von uns neuzeitlichen Lesern wahrgenommen werden. K\u00e4ser macht vieles explizit, was manchem verborgen bleibt, der hermeneutisch uninformiert oder wenig selbstwahrnehmend an biblischen Texten arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Drittel des Buches ist der Darstellung und Reflexion der methodischen Ans\u00e4tze fr\u00fcherer und aktueller literaturwissenschaftlicher Ans\u00e4tze in der Exegese gewidmet. Der Umfang dieses Teils mag erstaunen, ist jedoch gerechtfertigt und an Stellen w\u00fcnschte man sich noch mehr Begleitung durch K\u00e4sers geschultes Auge bei der Wahrnehmung dieser oft wenig zug\u00e4nglichen Theoriemodelle. Doch dadurch, dass sich der Autor bei der Beurteilung der hermeneutischen und praktischen Konsequenzen des jeweiligen Ansatzes \u00fcber die Schulter schauen l\u00e4sst, kann man sein eigenes Auge schulen und kritische Kompetenz erweitern. K\u00e4sers Ziel ist immer wieder das Herausarbeiten des jeweils zugrundeliegenden Textverst\u00e4ndnisses, den Modellen der Produktion, Kommunikation und Rezeption von Texten \u2013 eine Perspektive, die den Blick auf die fundamentalen \u00c4hnlichkeiten und Unterschiede der literaturwissenschaftlichen Zug\u00e4nge er\u00f6ffnet. Eine umfassende Forschungsgeschichte bietet K\u00e4ser nicht, daf\u00fcr aber eine wohl kuratierte Auswahl, die klare Schneisen schl\u00e4gt. Zielpunkt seiner Analyse ist die Feststellung, dass die biblischen Texte allesamt Mitteilungsliteratur sind, d.&nbsp;h. einen klaren kontextuellen kommunikativen Anspruch haben, und dass sie Traditionsliteratur (im Gegensatz zu moderner Autorenliteratur) sind, die sich dagegen wehrt, punktgenau mit viel Kontext zu Entstehungssituation und Autor(en) festgelegt zu werden. Zentral ist f\u00fcr K\u00e4ser die Beobachtung, dass die Bestimmung eines Textes als \u201eLiteratur\u201c, wie es bei den neueren literaturwissenschaftlichen Ans\u00e4tzen \u00fcblich ist, nicht automatisch Fiktionalit\u00e4t impliziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die David-Batseba und die David-Nathan Erz\u00e4hlungen (2Sam 11f) sind mit Bedacht als *exemplum* gew\u00e4hlt, wie bereits die kurze \u00dcbersicht zu paradigmatischen Ans\u00e4tzen historischer Auslegung und der Bewertung der theologischen bzw. kommunikativen Zielrichtung der Thronfolgeerz\u00e4hlung (2Sam 9\u20131K\u00f6n 2) zeigt (106\u2013120).<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00e4ser geht in der folgenden detaillierten Bearbeitung der beiden Kapitel (121\u2013263) gleicherma\u00dfen methodisch und didaktisch klug vor. Den Anfang nimmt jeweils eine eigene \u00dcbersetzung mit textkritischen Erkl\u00e4rungen. Diesen folgt eine narratologische Analyse verschiedener literarischer Elemente des Textes (szenische Gestaltung, Zeit, Poetologie und Personencharakterisierung). Diese gr\u00fcndliche Textarbeit bildet die Basis f\u00fcr die vergleichende Bewertung von einflussreichen exegetischen Bearbeitungen der letzten Jahrzehnte. Hier nimmt K\u00e4ser sowohl klassische literarkritische Ans\u00e4tze als auch diverse literaturwissenschaftlichen Ans\u00e4tze kommentierend auf. In diesen sehr instruktiven Kapiteln macht K\u00e4ser seinen Lesern in aller Gr\u00fcndlichkeit vor, wie die teils sehr unterschiedlichen Ergebnisse dieser Exegeten zustande kommen, welche Erkl\u00e4rkraft sie haben und wo ihre Grenzen sind. Instruktiv ist hier besonders der Verweis auf die konkreten Auswirkungen der unterliegenden Text(vor)verst\u00e4ndnisse der referierten und diskutierten Zugangsweisen, welche er vor dem Hintergrund seines vorangestellten Theorieteils expliziert. So kann K\u00e4ser am konkreten Textbeispiel aufzeigen, wie textangemessene Exegese aussehen kann, aber auch, wie stark die exegetischen Ergebnisse von au\u00dferweltlichen Vorentscheidungen des Exegeten abh\u00e4ngig sind. An diesen methodischen und hermeneutischen Vorentscheidungen entscheidet sich grundlegend das Ergebnis konkreter Textarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der Pluralit\u00e4t der Auslegungen, ob nun literarkritisch oder literaturwissenschaftlich, bleibt man ern\u00fcchtert zur\u00fcck und hofft, dass die offensichtliche Arbitrarit\u00e4t der eigenen exegetischen Ergebnisse doch nicht alles sein kann. Wer kann von sich behaupten, dass man das eine g\u00fcltige bzw. angemessene Textvorverst\u00e4ndnis habe? Andererseits bleibt man erfreut zur\u00fcck, da man erlebt hat, wie vielf\u00e4ltig, spannend und ergebnistr\u00e4chtig eine gr\u00fcndliche Textarbeit sein kann. Wer einen konkreten \u00dcberblick zur aktuellen Auslegung der David-Batseba-Nathan Episode sucht, der wird auf jeden Fall f\u00fcndig und hat viel Material zur Hand, informiert zu einer eigenen Auslegung zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich hat es tief beeindruckt, K\u00e4ser bei seiner Arbeit am offenen Herzen des Bibeltextes zu beobachten und m\u00f6chte mir von ihm seinen scharfen kritischen Blick auf die Hintergr\u00fcnde der exegetischen Arbeit anderer \u2013 aber vor allem der eigenen exegetischen Arbeit abschauen. Nur im Diskurs \u00fcber unsere diversen Auslegungsversuche werden uns die Augen ge\u00f6ffnet werden f\u00fcr die uns oftmals unbewussten Vorentscheidungen unserer Kernarbeit, der reflektierten Besch\u00e4ftigung mit den biblischen Texten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte diese knapp 300 Seiten f\u00fcr eine sehr gewinnbringende Lekt\u00fcre f\u00fcr alle, die bereit sind sich selbst in ihrer Arbeit zu hinterfragen und alle, die das Handwerkszeug guter und zeitgem\u00e4\u00dfer Exegese zu lernen \u2013 sicher nicht nur der Exegese von Narrativtexten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Stefan K\u00fcrle, Professor f\u00fcr Biblische Theologie am Theologischen Studienzentrum Berlin<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas K\u00e4ser: Literaturwissenschaftliche Interpretation und historische Exegese. 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