{"id":1022,"date":"2020-04-18T12:46:24","date_gmt":"2020-04-18T12:46:24","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1022"},"modified":"2020-04-18T12:46:26","modified_gmt":"2020-04-18T12:46:26","slug":"joel-white-der-brief-des-paulus-an-die-kolosser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1022","title":{"rendered":"Joel White: Der Brief des Paulus an die Kolosser"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Joel White: <em>Der Brief des Paulus an die Kolosser<\/em>, HTA, Holzgerlingen: Brockhaus, 2018, geb., 450\u00a0S., \u20ac\u00a039,90 ISBN <a href=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/der-brief-des-paulus-an-die-kolossesr.html\">978-3-7655-9736-7<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als unterdessen 15. (Teil-)Band erschien 2018 die Auslegung des Kolosserbriefes in der Historisch-theologischen Auslegung des Neuen Testaments (die Reihe nummeriert ihre B\u00e4nde nicht) aus der Feder von Joel White. Der Autor lehrt Neues Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen und ist auch Adjunct Professor of New Testament am Gordon-Conwell Theological Seminary (Hamilton, Massachusetts, USA).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In neun kurzen Einleitungskapiteln behandelt White Fragen rund um die Stadt Koloss\u00e4 und deren christlicher Gemeinde, die klassischen Fragen nach Verfasserschaft, Ort und Zeit der Abfassung, Aufbau und Text\u00fcberlieferung. Ein besonderes Augenmerk erh\u00e4lt die \u201eKolossische Irrlehre\u201c und die Beziehung des Kolosserbriefes zu anderen Schriften im Corpus Paulinum. Einige der Ergebnisse oder Entscheide nach Abw\u00e4gung unterschiedlicher M\u00f6glichkeiten sind: Die Gemeinde in Koloss\u00e4 wurde durch den (sp\u00e4teren) Mitarbeiter Epaphras des Paulus wohl aufgrund seiner Erstbegegnung mit dem Apostel w\u00e4hrend dessen 1. Missionsreise in Antiochia bereits in den Jahren 46\u201347 gegr\u00fcndet. Es ist sehr wohl m\u00f6glich, dass Paulus bereits vor der Abfassung des Kol auf seiner 3. Missionsreise die Gemeinde besuchte (mit B. Reicke). Die vor allem sprachlichen und theologischen Argumente gegen eine Verfasserschaft durch Paulus werden ausf\u00fchrlicher besprochen (16\u201328), mit dem Fazit, dass \u201ewohl die beste Erkl\u00e4rung f\u00fcr den eigent\u00fcmlichen Stil des Kol\u201c in der Mitautorschaft des Timotheus (Kol 1,1) zu finden ist, Paulus aber \u201edie Hauptverantwortung f\u00fcr die Themenwahl des Kol getragen und dessen Inhalt entscheidend gepr\u00e4gt hat\u201c (28). Abfassungszeit und -ort h\u00e4ngen bei dieser Annahme eines echten Paulusbriefs daher eng mit dem Philemonbrief zusammen, und zwar w\u00e4hrend des dreij\u00e4hrigen Aufenthalts 53\u201355 n.Chr. in Ephesus. Beim Textbestand weicht W. an acht Stellen von NA<sup>28<\/sup> ab und behandelt diese im Kommentar auch ausf\u00fchrlicher als andere textkritische Fragen. Ein engeres Verh\u00e4ltnis zu den Paulusbriefen sieht W. historisch insbesondere beim Phlm und literarisch mit dem Eph. Dies wird allerdings \u00e4u\u00dferst knapp auf zwei Seiten abgehandelt. Der Kol setzt sicher hinsichtlich der Christologie, Eschatologie und Ekklesiologie seine eigenen theologischen Akzente, aber methodisch soll im Kommentar \u2013 m.&nbsp;E. zu Recht \u2013 die Situationsbedingtheit eines einzelnen&nbsp; Schreibens h\u00f6her gewichtet werden als der Versuch eine \u00dcbereinstimmung mit einer (effektiv fiktiven) Gesamttheologie des Apostels zu finden. Ausf\u00fchrlich wird die Frage nach der \u201eKolossischen Irrlehre\u201c gestellt (35\u201350) und die Apostrophierung zeigt bereits, dass W. zur\u00fcckhaltend ist, ob aus den Texten \u2013 und es stehen nur diejenigen des Kol (v.&nbsp;a. 2,8.16\u201323) zur Verf\u00fcgung \u2013 eine ganze \u201eIrrlehre\u201c rekonstruiert werden kann. Die methodischen \u00dcberlegungen und sachlichen Ausf\u00fchrungen dazu \u00fcberzeugen. Es werden 8 konkrete Vorschl\u00e4ge vorgestellt und diskutiert und W. pl\u00e4diert daf\u00fcr, dass die bek\u00e4mpften Ansichten zu einer \u201ein ihren wesentlichen Z\u00fcgen j\u00fcdische[n] Glaubensrichtung (am ehesten) pharis\u00e4ischer Pr\u00e4gung, die in den Diaspora-Synagogen Kleinasiens nicht ungew\u00f6hnlich war\u201c geh\u00f6ren (46\u201347). Die Ausdrucksweisen in den Texten k\u00f6nnen nachweislich auf j\u00fcdische Quellen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden und der Kommentar arbeitet mit der \u201eThese, dass die Irrlehre in ihren Grundz\u00fcgen j\u00fcdisch war\u201c (50).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufbau und Gliederung des Kol entsprechen im Wesentlichen dem eines echten Briefes des Paulus. 1,1\u20132,5 ist der Briefanfang, 2,4\u201346, der Briefkorpus und 4,7\u201318 der Briefschluss. Dabei ist am ehesten unklar, wohin 2,4\u20135 geh\u00f6rt und v.&nbsp;a. 2,20\u20133,4 k\u00f6nnte insgesamt ein Abschnitt mit Scharnierfunktion zwischen der Warnung vor falschen Lehren (2,8\u201323) und den ethischen Ermahnungen (3,5\u20134,6) sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diesem Aufbau folgt dann auch die eigentliche Auslegung auf insgesamt 320 Seiten, bevor die Bibliografie (381\u2013417: Quellentexte; Hilfsmittel; Kolosser-Kommentare; andere Kommentare; Aufs\u00e4tze und Monografien) und ein Autoren- ein Stichwort- und ein Verzeichnis griechischer W\u00f6rter den Band abschlie\u00dft. \u2013 Die fortlaufende Auslegung folgt dem vorgegebenen Muster (\u00dcbersetzung; Struktur inkl. textkritische Anmerkungen; Einzelexegese und Zusammenfassung).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Einzelauslegung kann verst\u00e4ndlicherweise hier nur exemplarisch besprochen werden. Die (v.&nbsp;a. literarkritischen) Fragen rund um das sogenannte Christuslied 1,15\u201320 werden ausgewogen und \u00fcberlegt besprochen und beantwortet. Es ist am ehesten \u201eein poetisches St\u00fcck\u201c, das wohl tats\u00e4chlich als Lied im Kontext des christlichen Gottesdienstes entstanden ist. Es ist also eher nicht von Paulus selbst gedichtet, aber hier mit der Aufnahme in den Kol \u201ebejaht er seinen Inhalt und macht es f\u00f6rmlich zu seinem eigenen Lied\u201c (106\u2013107). W. macht einen nachvollziehbaren Strukturvorschlag daf\u00fcr (111) und folgt vor allem Stettler in der These, dass der Text sich unmittelbar an atl. Traditionen anlehnt. \u2013 Die theologisch dichte Aussage im Abschnitt 3,5\u201311, die Christen in Koloss\u00e4 h\u00e4tten den alten Menschen ausgezogen und den neuen Menschen angezogen, welcher nun erneuert wird (V.9\u201310), wird m.&nbsp;E. ungen\u00fcgend gedeutet. Richtig gesehen ist, dass der alte\/neue Mensch f\u00fcr das Christ-Werden (als innerer Vorgang; die Taufe als \u00e4u\u00dferer Ritus h\u00f6chstens implizit im Hintergrund) steht. Aber es ist nicht so, dass \u201ejener neue Mensch \u2026 durch einen Prozess der ,Erneuerung\u2018\u201c (V.10) entsteht (296). Der Text sagt vielmehr, dass der neue Mensch \u201egeschaffen\u201c (s. Neusch\u00f6pfung) ist und dieser \u201eneue Mensch\u201c nun auch (noch) \u201eerneuert\u201c wird. In diesem attributiven Partizip \u201eerneuert\u201c steckt nicht etwa das ganze anthropologische Drama des S\u00fcndenfalls (297), sondern mit diesem wohl von Paulus selbst gepr\u00e4gten Begriff fasst er all das zusammen, was man unter \u201eHeiligung\u201c versteht (zentral w\u00e4re beim Verweis auf 2Kor 4,16, dass dort 3,18 mit dem Ausdruck \u201eTag f\u00fcr Tag erneuert\u201c zusammengefasst ist). Insgesamt ist allerdings zu sagen, dass auch die theologische Auslegung gelungen ist und es f\u00e4llt auf, dass sprachlich-grammatikalische Fragen sorgf\u00e4ltig besprochen und entschieden werden (bei 2,13\u201315 mit einem Struktur- und bei 2,23 mit einem Satzdiagramm). \u2013 Ein letztes Beispiel: Die durch die Aussage in 4,16 aufkommende Frage, was mit dem \u201eBrief aus Laodiz\u00e4a\u201c gemeint sein k\u00f6nnte, wird mit kurzen Verweisen insbesondere auf die bereits fr\u00fchen Vermutungen, es k\u00f6nne sich um den Eph oder den Phlm handeln, aufgegriffen. Auch die Meinung moderner Vertreter einer pseudepigraphischen Abfassung des Kol, dieser sei in Wirklichkeit an Laodiz\u00e4a gerichtet gewesen, wird erw\u00e4hnt. Diese Thesen w\u00fcrden aber nicht befriedigen und es sei wahrscheinlicher, dass dieser Brief nicht nur nicht in die Paulusbriefsammlung aufgenommen wurde, sondern auch verloren ging. \u2013 Noch ein Wort zu den \u201eZusammenfassungen\u201c am Ende jedes Abschnittes, die gem\u00e4\u00df der Herausgeber auch die Wirkungsgeschichte und Bedeutung f\u00fcr die Gegenwart enthalten soll. Ich h\u00e4tte mir noch \u00f6fter gew\u00fcnscht, dass \u00fcber eine \u201einnerbiblische\u201c und oft auch \u201etheologisch gute\u201c Zusammenfassung hinaus kreativ Bez\u00fcge \u201ezur Gegenwart\u201c hergestellt w\u00fcrden. Manche Ausf\u00fchrungen in den Zusammenfassungen bleiben ein St\u00fcck weit \u201eim 1.&nbsp;Jh. stecken\u201c. Es gibt aber durchaus auch gelungene, wie z.&nbsp;B. die Zusammenfassung zu dem soeben besprochenen Abschnitt der \u201eHaustafel\u201c 3,18\u20134,1, die mit der Frage beginnt, was solche Aussagen den Menschen der Moderne bzw. Postmoderne zu bieten haben. Darauf folgen hilfreiche Ausf\u00fchrungen zu den im Text angesprochenen Menschengruppen und den dazu geh\u00f6renden aktuellen Fragen und Herausforderungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erf\u00fcllt der Kommentar die Anforderungen und Erwartungen der Reihe? Auf jeden Fall. Der Kol wird solide, ausgewogen und auf neustem Stand der Forschung ausgelegt. Die Aufmachung des Buches ist qualitativ gut, Druckfehler habe ich bisher noch keinen gefunden und es wird eine Freude sein f\u00fcr jeden Theologen und Interessierten zu der Auslegung zu greifen, wenn es das n\u00e4chste Mal gilt einen Text des Kol auszulegen, dar\u00fcber zu predigen oder einfach besser zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfr. Dr.theol. J\u00fcrg Buchegger-M\u00fcller, Wetzikon ZH Schweiz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joel White: Der Brief des Paulus an die Kolosser, HTA, Holzgerlingen: Brockhaus, 2018, geb., 450\u00a0S., \u20ac\u00a039,90 ISBN 978-3-7655-9736-7 Als unterdessen<\/p>\n","protected":false},"author":62,"featured_media":1023,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1022","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1022","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/62"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1022"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1022\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1024,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1022\/revisions\/1024"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1023"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1022"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1022"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1022"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}