{"id":1025,"date":"2020-04-18T12:49:32","date_gmt":"2020-04-18T12:49:32","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1025"},"modified":"2020-04-18T12:49:34","modified_gmt":"2020-04-18T12:49:34","slug":"sven-grosse-theologie-und-wissenschaftstheorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1025","title":{"rendered":"Sven Grosse: Theologie und Wissenschaftstheorie"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sven Grosse: <em>Theologie und Wissenschaftstheorie<\/em>, Paderborn: Ferdinand Sch\u00f6ningh, 2019, Pb., VIII+306\u00a0S., \u20ac\u00a059,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/brill.com\/view\/title\/54648\">978-3-506-70168-8<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Heinrich Scholz f\u00fcnf Mindestforderungen aufstellte, ohne die nach seiner Auffassung eine evangelische Theologie als Wissenschaft nicht m\u00f6glich sei, antwortete Karl Barth in seiner Kirchlichen Dogmatik, dass die von Scholz vorgetragenen Forderungen f\u00fcr die Theologie unannehmbar seien, ja dass es f\u00fcr die Theologie \u00fcberhaupt nicht m\u00f6glich sei, sich einem von au\u00dfen an sie herangetragenen Wissenschaftsbegriff unterzuordnen. Grosse stimmt dem grunds\u00e4tzlich zu. Die Zur\u00fcckweisung eines solchen Wissenschaftsbegriffs f\u00fcr die Theologie l\u00e4sst f\u00fcr ihn allerdings die M\u00f6glichkeit offen, \u201eeine allgemeine Wissenschaftslehre zu schaffen, welche mit der christlichen Theologie in \u00dcbereinstimmung steht und von ihr ausgeht\u201c (2). Und genau dieses anspruchsvolle Projekt verfolgt er mit dem vorliegenden Werk. Dies f\u00fchrt dazu, dass er nicht nur untersucht, welche Kriterien f\u00fcr die Wissenschaftlichkeit der Theologie angemessen sind, sondern auch versucht, eine allgemeine Wissenschaftslehre zu entwerfen, ebenso eine Enzyklop\u00e4die der theologischen Disziplinen. Dabei bedenkt er das Verh\u00e4ltnis der Theologie zu Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Psychologie und Jura, stellt \u00dcberlegungen an zu Theologie in Kirche und Gesellschaft, setzt sich mit Systementw\u00fcrfen des Idealismus und Wissenschaftstheorien des 20.&nbsp;Jhs. auseinander u.&nbsp;v.&nbsp;a.&nbsp;m. Grosse hat sich viel vorgenommen, etwas zu viel, wie ich meine, und der Leser steht in der Gefahr, den roten Faden der Darstellung zu verlieren. Ein solcher roter Faden ist aber durchaus erkennbar und auf diesen versuche ich mich im Folgenden zu konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten und umfangreichsten Teil seiner Arbeit (\u201eWissenschaft und christliche Theologie in Konfrontation und Integration\u201c, 7\u2013111) setzt er sich mit den Postulaten von Scholz auseinander. Das Koh\u00e4renzpostulat (die Forderung, dass die Theologie als Wissenschaft einen zusammenh\u00e4ngenden Gegenstandsbereich haben muss), sieht G. in \u00dcbereinstimmung mit Augustinus, Thomas von Aquin, Luther und Barth als erf\u00fcllt an, ebenso das Satzpostulat (die Theologie muss in widerspruchsfreien, wahrheitsf\u00e4higen S\u00e4tzen formuliert werden). Dem steht nicht entgegen, dass Gott f\u00fcr uns Geheimnis bleibt. \u201eTheologie kann \u2026 Wissen von Gott haben und auch aussprechen, obgleich Gott unbegreiflich ist\u201c (46). Auch die Forderung, dass nichts physikalisch und biologisch Unm\u00f6gliches ausgesagt werden d\u00fcrfe (Konkordanzpostulat), wird nach G.s Einsch\u00e4tzung faktisch von der Theologie erf\u00fcllt, selbst wenn diese mit Wundern rechnet. Hier m\u00fcsse freilich darauf geachtet werden, dass die Naturwissenschaft die Grenzen ihres Forschungsbereiches respektiert und nicht zur Philosophie wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht uneingeschr\u00e4nkt akzeptieren kann die Theologie die Forderung nach Freiheit von unzul\u00e4ssigen Denkvoraussetzungen (Unabh\u00e4ngigkeitspostulat), sofern darunter Denkvoraussetzungen verstanden werden, die nicht von allen geteilt werden. Hier stimmt G. Karl Barth zu und nimmt ihn gegen Kritik von Pannenberg in Schutz. \u201eBarth sagt hier nichts anderes als die Tradition der christlichen Theologie, und diese beruft sich auf biblische Aussagen zum Thema: die Grundlage der Aussagen der christlichen Theologie ist der <em>Glaube<\/em>\u201c (100f). Auf dieser Grundlage geht sie dann aber, um mit den Worten Barths zu sprechen \u201eeinen bestimmten, in sich folgerichtigen Erkenntnisweg\u201c und ist \u201ein der Lage, sich selbst und jedermann (jedermann, der f\u00e4hig ist, sich um diesen Gegenstand zu bem\u00fchen und also diesen Weg zu gehen) \u00fcber diesen Weg Rechenschaft abzulegen\u201c (KD I\/1, 6). In <em>diesem<\/em> Sinne kann auch das Kontrollierbarkeitspostulat von Scholz erf\u00fcllt werden, d.&nbsp;h. der Wahrheitsanspruch wissenschaftlicher S\u00e4tze ist unter der genannten Voraussetzung nachpr\u00fcfbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im zweiten Teil des Buches (Die Theologie im System der Wissenschaften, 113\u2013174) unternimmt es G., die Grundz\u00fcge eines Systems der Wissenschaften zu skizzieren. Dabei kn\u00fcpft er an Hegel und Schelling an, die in ihren Systemen jeweils ihren Ausgangspunkt vom Wissen Gottes genommen haben. Sein Entwurf unterscheidet sich von den beiden zum einen dadurch, dass er Sch\u00f6pfung <em>nicht<\/em> bestimmt als \u201eGott in der Form des Andersseins\u201c (146). \u201eSch\u00f6pfung hei\u00dft, dass Gott als das vollkommene, schlechthin seiende Wesen aufgrund eines Entschlusses, der auch nicht h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, der also allein von seinem Willen abh\u00e4ngt, etwas anderem Existenz verleiht\u201c (145). Zum anderen werden Hegel und Schelling nicht der Inkarnation, dem \u201eKernpunkt des Christentums\u201c, gerecht, \u201edass der Gott, der wirklich au\u00dferhalb der Zeit ist, zu einem bestimmten Zeitpunkt menschliche Natur angenommen hat\u201c (153). Da Sch\u00f6pfung und Inkarnation, die f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Wirklichkeit zentral sind, in den Gegenstandsbereich der Theologie fallen, steht diese in der Mitte der Wissenschaften. Die anderen Wissenschaften k\u00f6nnen von den Einsichten der Theologie profitieren, arbeiten aber in ihrem Forschungsbereich unabh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der dritte Teil (175\u2013264) widmet sich der Binnenstruktur der Theologie als Wissenschaft. Unter Berufung auf Augustinus versteht G. Theologie als \u201eein Wissen von Gott, aber auch von der Sch\u00f6pfung, das erworben wird durch eine Erkenntnis bestimmter Teile der Geschichte des Menschengeschlechts; diese Erkenntnis wird geleitet durch eine \u201aProphetie\u2018, die auf diese besondere Geschichte sich bezieht; diese Prophetie ist die Bibel\u201c (177). F\u00fcr Theologie ist folglich konstitutiv die Besch\u00e4ftigung a) mit der Bibel als Text, b) mit der von ihr bezeugten Geschichte und c) mit der Erkenntnis Gottes selbst. Damit hat sie Gemeinsamkeiten mit der Philologie, der Geschichtswissenschaft und der Philosophie, geht aber insofern \u00fcber diese Disziplinen hinaus, als sie die Offenbarung miteinbezieht. In Bezug auf die Philosophie hei\u00dft das f\u00fcr G.: \u201eDie Theologie ist nichts anderes als Philosophie, als Metaphysik unter der Voraussetzung, dass Gott wirklich nur durch seine Inkarnation in Jesus Christus und durch die Inspiration, also ein Sprechen in der Heiligen Schrift erkannt wird\u201c (208).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es folgen \u00dcberlegungen zu den einzelnen theologischen Disziplinen und im vierten Teil (265\u2013286) zu Theologie in Kirche und Gesellschaft und zur Gestalt des Theologen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch bietet eine F\u00fclle von \u00dcberlegungen und ist auch da, wo man dem Autor nicht ohne weiteres folgen kann, auf jeden Fall anregend. Angesichts des umfangreichen Themengebietes w\u00e4re es m\u00fc\u00dfig aufzuz\u00e4hlen, welche Themen und Autoren man h\u00e4tte auch noch ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen. G. ist im Allgemeinen gut informiert und sucht das Gespr\u00e4ch mit zahlreichen Denkern der Gegenwart und Vergangenheit. Die aus meiner Sicht wichtigste These des Buches \u2013 Theologie kann Erkenntnis von Gott gewinnen, wenn sie von Gottes Offenbarung ausgeht \u2013 halte ich f\u00fcr gut begr\u00fcndet. Und wenn diese These richtig ist, dann ist es sicher lohnend mit G. dar\u00fcber nachzudenken, was das f\u00fcr die anderen Wissenschaften bedeutet. Ich halte sein Buch daher f\u00fcr einen wichtigen Beitrag zur Diskussion \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Theologie und Wissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Ralf-Thomas Klein ist Lehrbeauftragter an der Freien Theologischen Hochschule in Gie\u00dfen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sven Grosse: Theologie und Wissenschaftstheorie, Paderborn: Ferdinand Sch\u00f6ningh, 2019, Pb., VIII+306\u00a0S., \u20ac\u00a059,\u2013, ISBN 978-3-506-70168-8 Als Heinrich Scholz f\u00fcnf Mindestforderungen aufstellte,<\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":1026,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1025","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1025","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1025"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1025\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1028,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1025\/revisions\/1028"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1026"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1025"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1025"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1025"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}