{"id":1032,"date":"2020-04-18T12:55:03","date_gmt":"2020-04-18T12:55:03","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1032"},"modified":"2020-04-18T12:56:06","modified_gmt":"2020-04-18T12:56:06","slug":"matthias-schleiff-schoepfung-zufall-oder-viele-universen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1032","title":{"rendered":"Matthias Schleiff: Sch\u00f6pfung, Zufall oder viele Universen?"},"content":{"rendered":"\n<p>Matthias Schleiff: <em>Sch\u00f6pfung, Zufall oder viele Universen? Ein teleologisches Argument aus der Feinabstimmung der Naturkonstanten<\/em>, Collegium Metaphysicum 21, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2019, Pb., XII+318&nbsp;S., \u20ac&nbsp;69,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/schoepfung-zufall-oder-viele-universen-9783161564185?no_cache=1\">978-3-16-156418-5<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>An den Grenzen zwischen Philosophie und Theologie wurde immer \u00fcber die M\u00f6glichkeit von Gottesbeweisen nachgedacht. Thomas von Aquin (1225\u20131274) schlie\u00dft aus der \u201ezielstrebigen T\u00e4tigkeit\u201c in der Natur deduktiv auf einen \u201eGeber\u201c dieser Ziele. David Hume (1711\u20131776) wandelt dieses sogenannte \u201eteleologische Argument\u201c (ein Argument aus der <em>Zielgerichtetheit<\/em>) leicht ab: Weil das Universum einer \u201eMaschine\u201c gleicht, muss es <em>analog<\/em> zu einer Maschine intelligent gefertigt sein: \u201eAus \u00e4hnlichen Wirkungen schlie\u00dfen wir [induktiv] auf \u00e4hnliche Ursachen\u201c, David Hume, <em>Dialoge \u00fcber nat\u00fcrliche Religion<\/em>, Hg. Lothar Kreimendahl, PhB 658, Hamburg: Meiner, 2016 (engl. 1779), 28.<\/p>\n\n\n\n<p>Matthias Schleiff kn\u00fcpft in seiner Dissertation (bei Michael Beintker an der Ev.-Theol. Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t M\u00fcnster 2017) an diesen Denkmustern an. Er beginnt mit einer Kritik von Thomas und Hume und m\u00f6chte den Kern des teleologischen Arguments in die Moderne retten. Die Aufgabe eines modernen Philosophen besteht darin, konkret darzustellen, woran die <em>Zielgerichtetheit<\/em> des Universums glaubhaft zu erkennen sei (42).<\/p>\n\n\n\n<p>Schleiff denkt, dies an der Feinabstimmung kosmischer Parameter zeigen zu k\u00f6nnen: \u201eEin fundamentaler kosmischer Parameter K ist \u201afeinabgestimmt\u2018 genau dann, wenn die Aussage wahr ist: \u201aWenn K nur ein wenig von seinem tats\u00e4chlichen Wert abwiche, w\u00e4ren bewusste Beobachter in unserem Universum unm\u00f6glich\u2018\u201c (50).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu Begriffen wie \u201eSch\u00f6nheit des Universums\u201c oder \u201eZweckm\u00e4\u00dfigkeit der Mittel in der Natur\u201c sind Naturkonstanten empirisch bestimmbare, physikalische Messgr\u00f6\u00dfen (53). Einstein hatte zwar M\u00fche damit, dass bestimmte, voneinander scheinbar unabh\u00e4ngige Zahlen in den elementaren Theorien so eine bedeutende Rolle spielen sollten (\u201eGott w\u00fcrfelt nicht!\u201c). Bis heute ist aber die \u201eEinheitstheorie\u201c ausstehend.<\/p>\n\n\n\n<p>Feinabstimmung kosmischer Parameter bedeutet: Es ist \u201e\u00fcberraschend\u201c, dass ein bestimmter Parameter genau <em>diesen<\/em> Wert hat, d.&nbsp;h. es schreit nach einer Erkl\u00e4rung! Schleiff stellt nun eine ganze Liste von feinabgestimmten Parametern der Kosmologie zusammen (mit Bezug auf Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker, Stephen Hawking, u.&nbsp;v.&nbsp;m.): Das Verh\u00e4ltnis zwischen elektromagnetischer und gravitationeller Anziehung (N=10<sup>36<\/sup>), die Gr\u00f6\u00dfe der Starken Kernkraft, beschr\u00e4nkt allerdings auf den subatomaren Bereich, die Expansionsenergie des Universums, seine Entropie, usw. (77\u201392).<\/p>\n\n\n\n<p>All diese Koeffizienten d\u00fcrfen nach Erkenntnis der Physik h\u00f6chstens im Promillebereich (und teilweise wesentlich weniger) abweichen, ohne die Struktur des Universums massiv zu ver\u00e4ndern und damit die Existenz bewusster Beobachter zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sieht nun aber ein <em>Argument<\/em> aus, das von der Feinabstimmung auf den Sch\u00f6pfer schlie\u00dft? Schleiff sieht in einem \u201eSchluss auf die beste Erkl\u00e4rung\u201c (Abduktion, 94) eine Argumentationsstruktur, die den alten induktiven, bzw. deduktiven Beweisf\u00fchrungen \u00fcberlegen ist. Das Schlussverfahren respektiert die Tatsache, dass es konkurrierende Hypothesen f\u00fcr die Entstehung eines zielgerichteten Universums gibt: \u201e(1) Es gibt ein <em>\u00fcberraschendes<\/em> Ph\u00e4nomen C. Es bedarf der Erkl\u00e4rung. (2) &#8230; Wenn die Hypothese A wahr w\u00e4re, w\u00e4re das Ph\u00e4nomen C nicht mehr \u00fcberraschend. (3) Die Hypothese A erkl\u00e4rt das \u00fcberraschende Ph\u00e4nomen C <em>besser<\/em> als die mit ihr konkurrierenden Erkl\u00e4rungshypothesen.\u201c Um dem Vorwurf des \u201eBad Lot\u201c-Arguments (Bas van Frassen) zu entgehen, wonach sich unter den vorhandenen Erkl\u00e4rungen keine wirklich gute finde, formuliert Schleiff den Schluss zur\u00fcckhaltend: \u201eAlso: (4) Es ist rational gerechtfertigt, die Hypothese A zu <em>akzeptieren<\/em>\u201c (121).<\/p>\n\n\n\n<p>Warum nun erkl\u00e4rt die Hypothese eines Sch\u00f6pfers die Feinabstimmung der Naturkonstanten besser als andere Hypothesen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das teleologische Argument hat zwei Teilschritte: Es schlie\u00dft von Ordnungsmustern auf eine Zielgerichtetheit, und dann von den vorausgesetzten Zielen auf einen Planer (134). Es ist m\u00f6glich, nicht beide Teilschritte mit zu vollziehen. Allerdings hat eine Position, die auf einen \u201epersonalen Planer\u201c (Schritt 2) verzichten m\u00f6chte, die Begr\u00fcndungslast zu zeigen, \u201ewas einen \u201aPlan\u2018 ausmacht, der nicht der Plan einer handelnden Person ist\u201c (137). Inwiefern der \u201epers\u00f6nliche Sch\u00f6pfer\u201c allerdings dem christlichen Gott entspricht, muss das philosophische Argument offenlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit zwei alternativen Hypothesen setzt sich Schleiff nun ausf\u00fchrlicher auseinander. Das \u201eAnthropische Prinzip\u201c behauptet: Es ist zu erwarten, dass das Universum, das wir beobachten k\u00f6nnen, Eigenschaften hat, die Beobachter m\u00f6glich machen (162, nach Brandon Carter). Es l\u00e4sst sich jedoch zeigen, dass sich daraus keine <em>Erkl\u00e4rung<\/em> ableiten l\u00e4sst, die die Feinabstimmung weniger \u00fcberraschend macht. Noch liefert es einen Grund, deswegen nicht mehr nach <em>Erkl\u00e4rungen<\/em> f\u00fcr die Feinabstimmung zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Auseinandersetzung gilt den \u201eMultiversums-Theorien\u201c. Die Annahme einer Vielzahl paralleler (oder serieller) Universen w\u00fcrde die Wahrscheinlichkeit erh\u00f6hen, dass zumindest in <em>einem \u2013 unserem<\/em> \u2013 Universum die Bedingungen f\u00fcr intelligente Beobachter gegeben w\u00e4ren. Somit w\u00e4re diese Tatsache nicht mehr erstaunlich und erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Tatsache, dass parallele Universen sich unserer Beobachtung genauso entziehen wie ein transzendenter Sch\u00f6pfer (216\u2013219), ist auch unklar, wodurch sich die Vielfalt solcher Universen auszeichnet, bzw. wie viele es logischerweise geben m\u00fcsste. Der eigentliche Schwachpunkt liegt aber daran, dass eine Multiversumshypothese kein empirisches Risiko eingeht: Sie ist eigentlich nicht falsifizierbar: \u201eGleichg\u00fcltig, was geschieht \u2013 die Multiversumshypothese hat es vorausgesagt.\u201c Dagegen fordert Karl R. Popper, <em>Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, <\/em>Hg. Herbert Keuth, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, <sup>2<\/sup>2009 (engl. 1963), 53: \u201eJede \u201agute\u2018 wissenschaftliche Theorie ist ein Verbot: Sie verbietet das Eintreten bestimmter Ereignisse. Je mehr sie verbietet, desto \u201abesser\u2018 ist sie\u201c (zitiert auf S.&nbsp;220).<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind also gerade die skeptischen Fragen an die Sch\u00f6pferhypothese, gegen\u00fcber denen sie sich rechtfertigen muss, die sie zu einer \u201aguten\u2018 Theorie machen. Sie ist ganz offensichtlich hinterfragbar, hat aber den Anspruch, wirklich zu erkl\u00e4ren (221).<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen \u201eAnthropisches Prinzip\u201c und \u201eMultiversumshypothese\u201c l\u00e4sst sich als gewichtigstes Argument jedoch anf\u00fchren, dass die kosmischen Parameter f\u00fcr diese beiden \u201eTheorien des Zufalls\u201c eigentlich <em>in zu hohem Masse<\/em> feinabgestimmt sind. Die effektiven Werte dieser Parameter liegen n\u00e4mlich in unserem Universum nie <em>am Rand<\/em> der geforderten Bandbreite, sondern \u201eauff\u00e4llig in deren Mitte\u201c (223).<\/p>\n\n\n\n<p>Schleiffs Dissertation ist ein Ausnahmewerk. Es liest sich trotz seiner anspruchsvollen Thematik hervorragend dank einer gro\u00dfartigen Leserf\u00fchrung und der anschaulichen Entfaltung aller logischen Argumentationen. Wer es liest, gewinnt quasi im Nebengang Einblick in aktuelle Theoriebildungen der Kosmologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist aber auch ein hervorragendes Beispiel einer interdisziplin\u00e4ren Arbeit. Die Art des Zusammenspiels von Philosophie und Theologie mit der Physik leuchtet intuitiv ein. Obwohl Schleiff einen dezidierten Schluss zugunsten der Sch\u00f6pferhypothese zieht, wirkt er in vielem unvoreingenommener und offener als seine Vordenker, die zumeist als Naturwissenschaftler schrieben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Giancarlo Voellmy ist Pfarrer der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Linden\/CH.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Schleiff: Sch\u00f6pfung, Zufall oder viele Universen? 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