{"id":1055,"date":"2020-04-18T13:19:53","date_gmt":"2020-04-18T13:19:53","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1055"},"modified":"2020-04-18T13:19:55","modified_gmt":"2020-04-18T13:19:55","slug":"joerg-breitschwerdt-die-geschichte-des-albrecht-bengel-hauses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1055","title":{"rendered":"J\u00f6rg Breitschwerdt: Die Geschichte des Albrecht Bengel-Hauses"},"content":{"rendered":"\n<p>J\u00f6rg Breitschwerdt: <em>Die Geschichte des Albrecht Bengel-Hauses. Die Gr\u00fcndung im Kontext der theologischen und gesellschaftlichen Umbr\u00fcche Mitte der 1960er Jahre<\/em>, Band 1, Bielefeld: Luther, 2019, geb., 360\u00a0S., \u20ac\u00a019,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.lutherverlag.de\/Wissenschaft\/Breitschwerdt-Geschichte-des-Bengel-Hauses::955.html\">978-3-7858-0765-1<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Die ABH-Ausschussmitglieder Martin Pfander, Martin Holland und Hans Ei\u00dfler, wie man sie als ehemaliger Studentensprecher von der Sitzung kennt \u2013 auf dem Buchcover: Ja sind wir denn schon Geschichte?! \u2013 Richtig! Seit der Gr\u00fcndung des Albrecht-Bengel-Hauses sind f\u00fcnfzig Jahre vergangen. Die j\u00fcngere Theologengeneration kennt die Anf\u00e4nge nicht mehr aus eigener Anschauung oder von direkten Erz\u00e4hlungen derer, die dabei gewesen sind. Daher ist es sinnvoll, dass J\u00f6rg Breitschwerdt die alten Akten durchforstet hat und jetzt die Gr\u00fcndungsgeschichte des Bengelhauses bis zum ersten Wintersemester 1970\/71 erz\u00e4hlt. Knapp 1.300 Anmerkungen, ein Dokumentenanhang (297\u2013322) und das Verzeichnis ungedruckter und gedruckter Quellen (325\u2013338) belegen, wie gr\u00fcndlich Breitschwerdt die \u00e4ltesten Unterlagen gesichtet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Einleitung stellt der Verfasser Motivation und Ziel seiner Arbeit, ihre Gliederung, die bisherige Erforschung des Themas und die Quellenlage dar (Teil 1, 11\u201320).<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Teil fasst die theologischen und kirchenpolitischen Hintergr\u00fcnde der Bengelhausgr\u00fcndung kurz zusammen (21\u201365). Eine ausgesprochene \u201eKonfessionalisierung\u201c spaltet den Protestantismus in inhaltlichen Fragen schon im 19. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert werden in T\u00fcbingen die Lehrst\u00fchle von Adolf Schlatter und Adolf K\u00f6berle mit dezidiert liberalen Theologen besetzt. Dazu kommt es infolge der Kontroverse um Bultmanns Entmythologisierungsprogramm zu einer Polarisierung in Gemeinden und Pfarrerschaft. In den sechziger Jahren wendet sich der Deutsche Evangelische Kirchentag gesellschaftspolitischen Themen zu, was auch zu Auseinandersetzungen bei der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung des Kirchentags 1969 in Stuttgart f\u00fchrte. Viele konnten sich damals nicht des Eindrucks erwehren, \u201eam Sterbebett unserer Kirche\u201c zu stehen (63).<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlicher als der zweite Teil \u00fcber die historische Spaltung des Protestantismus ist der dritte Teil von Breitschwerdts Untersuchung \u00fcber die Studentenunruhen, die unmittelbar zur Gr\u00fcndung des Albrecht-Bengel-Hauses f\u00fchrten (Teil 3, 67\u2013176). Ausgehend vom Frankfurter Institut f\u00fcr Sozialforschung beschreibt der Verfasser, wie durch eine Kulturrevolution (84) \u00c4nderungen der Gesellschaft hin zu einem sozialistischen Ideal bewirkt werden sollen. \u2013 Dieser Abschnitt des Buchs ist besonders deshalb interessant, weil die beschriebenen Tendenzen bis in die Gegenwart hineinwirken. \u2013 Einzelaspekte wie die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit, die Spiegelaff\u00e4re, die Ausarbeitung der Notstandsgesetze und das Entstehen einer Au\u00dferparlamentarischen Opposition (APO), auch der Protest gegen den Vietnamkrieg f\u00fchren mit zu seiner radikalisierten Studentenbewegung, die die gesamte Gesellschaft mit den Vorstellungen der \u201eNeuen Linken\u201c durchdringen will (116). Auch T\u00fcbingen und die Theologischen Fakult\u00e4ten bleiben von diesen Entwicklungen (117\u2013176), die zwischen Juni 1967 und Juli 1969 ihren H\u00f6hepunkt erreichen (124\u2013150), nicht ausgenommen. Unter Theologiestudenten gab es damals Bestrebungen, die Kirche von innen durch zuk\u00fcnftige radikalisierte Pfarrer auszuh\u00f6hlen und auf der Grundlage einer marxistischen Gesellschaftsanalyse umzugestalten (159, 163). Obwohl sich der Neutestamentler Ernst K\u00e4semann mit den revoltierenden Studenten solidarisierte, wurde er als Vertreter des kirchlich-theologischen Establishments kritisiert (141f, 164). Der Fall der abgelehnten Pfarramtsbewerberin Regula Rothschuh und die Abschaffung des Tischgebets im landeskirchlich subventionierten Studienhaus, dem altehrw\u00fcrdigen Evangelischen Stift, waren zwei Streitpunkte in der Kirche und in den \u00f6rtlichen politisierten Theologiestudentenkreisen. Dadurch wurde der w\u00fcrttembergische Pietismus alarmiert (164\u2013170,171\u2013176).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hauptteil besch\u00e4ftigt sich Breitschwerdt mit der Entstehung des Bengelhauses in diesen st\u00fcrmischen kirchlichen Zeiten (Teil 4, 177\u2013281), er arbeitet die sich zuspitzende Lage in der Kirche, an der T\u00fcbinger Universit\u00e4t und im evangelischen Stift jeweils mit ein. Von beunruhigten Pfarrern und Gemeindegliedern, die immer mehr Studienabbr\u00fcche registrierten, ging die Initiative des Synodalgespr\u00e4chskreises \u201eBibel und Bekenntnis\u201c aus (178f). Auch konservative Professoren (Otto Michel, Peter Beyerhaus und andere) waren besorgt (181f). Seit Ende April 1969 trafen sich Interessierte in Bernhausen und diskutierten verschiedene Modelle, um die Krise in der Theologenausbildung zu beheben (183\u2013212). Neben dem Modell eines studienbegleitenden Hauses wurde abweichend auch eine freie Ausbildungsst\u00e4tte wie die Studienarbeit Krelingen favorisiert; andererseits wurde auch die Meinung vertreten, dass eine gr\u00f6\u00dfere theologische Weite n\u00f6tig sei (231\u2013235). So kam es schlie\u00dflich zur Gr\u00fcndung des Vereins Albrecht-Bengel-Haus am 27. Dezember 1969 im Haus der altpietistischen Gemeinschaft in Stuttgart (236f). Peter Beyerhaus war designierter erster Rektor; als erster Studienleiter waren der von der Moralischen Aufr\u00fcstung (MRA) in Caux gepr\u00e4gte Klaus Bockm\u00fchl und als Favorit der damalige Pfarrer z.&nbsp;A. Gerhard Maier im Gespr\u00e4ch, der noch nicht antreten konnte. So einigte sich der Vorstand auf den Heidenheimer Dekan Walter Tlach als vor\u00fcbergehenden Leiter, bis Maier antreten konnte (247\u2013262). Tlach leitete das Haus in seinen nicht leichten Anf\u00e4ngen bis 1978 und wohnte seit September 1970 auch in der Gartenstra\u00dfe 57, wo das Studienhaus zuerst untergebracht war. Im Oktober wurde der Studienbetrieb aufgenommen (274\u2013281).<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei kurze Abschnitte stehen am Ende des Buchs: Im 5. Teil gibt Breitschwerdt einen Ausblick auf die Themen und Entwicklungen, die das Haus bis in die fr\u00fchen 1980er Jahre bewegten (285\u2013287). Weiter fasst er im Schlussabschnitt den Ertrag der ABH-Gr\u00fcndung zusammen, der den nicht-separatistischen Kurs des w\u00fcrttembergischen Pietismus dokumentiere (Teil 6, 289\u2013295). Man k\u00f6nnte hinzuf\u00fcgen, dass das Bengelhaus seit seinen ersten Jahren auch ein Beispiel f\u00fcr die Einheit in der evangelikalen Vielfalt war: Standen der aus der erweckten lutherischen Tradition kommende Peter Beyerhaus und der von der hallischen Studienarbeit gepr\u00e4gte Otto Michel als Paten an der Wiege des Studienhauses, so kann man das Haus auch sp\u00e4ter nicht auf <em>eine <\/em>Linie einer eher \u201epositiven\u201c oder eher \u201ebibeltheologischen\u201c Theologie festlegen wollen. Diese Spannung bleibt fruchtbar f\u00fcr das Gespr\u00e4ch mit der wissenschaftlichen Theologie und der Gemeinde.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Verlag ist das Werk nach einem halben Jahr schon vergriffen. Im Albrecht-Bengel-Haus sollte man es aber noch erwerben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00f6rg Breitschwerdt: Die Geschichte des Albrecht Bengel-Hauses. 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