{"id":1059,"date":"2020-04-18T13:26:10","date_gmt":"2020-04-18T13:26:10","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1059"},"modified":"2020-04-18T13:26:11","modified_gmt":"2020-04-18T13:26:11","slug":"paul-bernhard-rothen-das-basler-muenster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1059","title":{"rendered":"Paul Bernhard Rothen: Das Basler M\u00fcnster"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Paul Bernhard Rothen: <em>Das Basler M\u00fcnster. Tausend Jahre mit Christus<\/em>, Neuendettelsau: Freimund, 2019, Br., 268\u00a0S., 47 Abb., \u20ac\u00a012,90, ISBN <a href=\"https:\/\/bookshop.softpoint.de\/php\/start.php\/herzog\/10?SS=fdtrebk30h43iu8ae68cs7hak1&amp;l=CMD_D%3D%26S%3DAWCGQOnJAfhF%26t%3D3%26o%3D0\">978-3-946083-38-2<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Pfarrer schreibt ein Buch \u00fcber seine Kirche, also das Kirchengeb\u00e4ude, in dem sich seine Gemeinde versammelt. Diese Art literarischer T\u00e4tigkeit gibt es oft, sie br\u00e4uchte in den meisten F\u00e4llen nicht durch eine Rezension einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit bekannt gemacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ist der Pfarrer aber der konservative schweizerische Theologe Paul Bernhardt Rothen, und er hat achtzehn Jahre lang seinen Dienst am Basler M\u00fcnster getan. So d\u00fcrfte das Buch nicht nur wegen des beeindruckenden Kirchbaus f\u00fcr breite Kreise von Interesse sein!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter verschiedenen Leitworten f\u00fchrt Rothen auf zweihundert Textseiten in die tausendj\u00e4hrige Geschichte des monumentalen Baus ein. Er entschl\u00fcsselt Symbole, Bilder und Skulpturen und schildert, wie sich darin Glaube und Fr\u00f6mmigkeit der Jahrhunderte sowie die Selbstdarstellung der regierenden Basler Gro\u00dfb\u00fcrger spiegeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Kapitel des Buchs f\u00fchrt Rothen den Leser in das Selbstverst\u00e4ndnis der Bauleute ein, die das unter kr\u00e4ftiger Mitwirkung von Kaiser Heinrich II. und seiner Frau Kunigunde fertiggestellte und geweihte M\u00fcnster errichtet haben (5\u201317). \u201eZur\u00fcck zu den Quellen\u201c hei\u00dft bei diesem Bauwerk: Zur\u00fcck zur Bibel (12f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im zweiten Kapitel widmet sich der Autor der mit zahlreichen Skulpturen geschm\u00fcckten Westfassade, die dem Besucher vom M\u00fcnsterplatz aus als erstes auff\u00e4llt (19\u201342). Maria und Kind, Kaiser und Kaiserin, die heiligen drei K\u00f6nige, der F\u00fcrst dieser Welt und eine verf\u00fchrte Jungfrau sind hier ebenso zu sehen wie die wichtigen Heiligen Georg und Martin von Tours. Blickfang auf Augenh\u00f6he ist das mit Engeln, K\u00f6nigen, Propheten und Pflanzenmotiven reich ausgestattete Hauptportal. Leider wurde eine theologisch zentrale Kreuzigungsszene entfernt (33f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der kreuzf\u00f6rmig ausgerichtete Innenraum beeindruckt durch seine schiere Gr\u00f6\u00dfe, weist auf die alttestamentliche Distanz zwischen Priestertum und Laien, inszeniert seit der Reformationszeit die weltliche Ratsherrschaft und bietet Platz f\u00fcr die zur Kanzel und zum Abendmahlstisch hin versammelte Gemeinde (Kap.&nbsp;3, 43\u201362). S\u00e4ulenkapitelle erz\u00e4hlen von den gro\u00dfen Fragen des Lebens und Glaubens, die die Menschheit bewegen (Kap.&nbsp;4, 63\u201390, Paradieserz\u00e4hlung, Abraham, germanische Sagengestalten, Figuren griechischer Dichtung).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein besonderer und alter Schmuck des Innenraums ist die romanische Baumeistertafel, auf denen die Baumeister als \u201elebendige Steine der himmlischen Hallen\u201c bezeichnet werden (95). Dazu kommt der gotische Taufstein mit drei Apostelfiguren und mit Darstellungen der Heiligen Laurentius und Martin (Kap.&nbsp;5, 91\u2013115).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die filigran aus Buntsandstein gearbeitete sp\u00e4tgotische Kanzel wurde bis 1486 vollendet; sie verwirklicht ein theologisches Bildprogramm, das der Theologe Johannes Heynlin vorgegeben hat (119f). Eine romanischen Aposteltafel zeigt sechs Apostel, die als Lehrende im Dialog mit einander stehen (128f; Kap.&nbsp;6: 117\u2013134). Das siebente Kapitel stellt den Inhalt der beiden Gedenktafeln des spanischen M\u00e4rtyrers Vinzentius und des Humanisten Erasmus von Rotterdam einander gegen\u00fcber (Kap.&nbsp;7, 135\u2013166).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter dem Titel \u201eDas Ende der Einheit: Judensau, Grabtafeln und Glasfenster\u201c (Kap.&nbsp;8, 167\u2013206) behandelt Rothen schlie\u00dflich verschiedene Gegenst\u00e4nde wie das Chorgest\u00fchl, in dem unter anderem auf einer Misericordie (Sitzst\u00fctze) eine \u201eJudensau\u201c abgebildet ist. (170\u2013180). Grabtafeln im Basler M\u00fcnster erinnern daran, dass die Grundlage f\u00fcr den heutigen Reichtum der Stadt von Generationen regierender einflussreicher Gro\u00dffamilien gelegt wurde. Zu Schluss erl\u00e4utert Rothen in diesem Kapitel die Glasfenster (185\u2013206).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kunstgeschichtlicher H\u00f6hepunkt des M\u00fcnsters ist die Nordfassade des Querschiffes mit dem Gl\u00fccksrad, das den Lauf der Zeit symbolisiert, und besonders mit der Galluspforte, dem \u201ebedeutendste[n] romanische[n] Skulpturenwerk n\u00f6rdlich der Alpen\u201c (215, Kap.&nbsp;9: 207\u2013237). Selbst f\u00fcr heutige Betrachter ist die Darstellung des Weltgerichtsthemas (\u00fcberwiegend nach Matth\u00e4us 25) beeindruckend \u2013 oder r\u00fcttelt sie vielleicht sogar geistlich auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kurze zehnte Kapitel weist auf den im 10. Jahrhundert durch Ungarn ermordeten Bischof Rudolf hin, dessen Leichnam in einem Sarkophag in der Krypta beigesetzt wurde (Kap. 10, 239\u2013244). In einer abschlie\u00dfenden Betrachtung (245\u2013253) stellt Rothen \u00dcberlegungen \u00fcber das Wirken des Heiligen Geistes im Lauf der Kirchengeschichte an und stellt noch einmal heraus, wie das Basler M\u00fcnster \u201e\u00fcberreichen Stoff zum Nachdenken und damit frische Substanz f\u00fcr den Glauben\u201c bietet (252).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas Basler M\u00fcnster\u201c eignet sich nicht nur als F\u00fchrer zu Themen der Kunst- und Glaubensgeschichte, die man an einem bedeutenden mittelalterlichen Bauwerk ablesen kann. Wesentlich interessanter sind im Empfinden des Rezensenten Dialoge zwischen den vergangenen Jahrhunderten und der Gegenwart, die der Verfasser meisterhaft an verschiedenen Stellen einzuflechten wei\u00df: \u00fcber die \u201eOffenheit\u201c von Kirchengeb\u00e4uden und die Erwartungen der Touristen, die sie besuchen (60f), zum Verst\u00e4ndnis der S\u00fcnde und dem Freiheitsversprechen der Neuzeit (69f), \u00fcber mittelalterliche Bu\u00dfpredigt und die Umkehrpredigt der Medienschaffenden der Gegenwart (127f), zur Verehrung bedeutender Pers\u00f6nlichkeiten, die das eigene Prestige steigert (153), \u00fcber einen Humanismus mit oder ohne Christus, der auf eine Grundspannung abendl\u00e4ndischer Kultur verweist (158f, 166). So lohnt sich die Lekt\u00fcre von Rothens Deutung der Geschichte, weil sie auch einen Beitrag zu einem besseren Selbstverst\u00e4ndnis leistet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Bernhard Rothen: Das Basler M\u00fcnster. 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