{"id":1100,"date":"2020-10-18T11:13:07","date_gmt":"2020-10-18T11:13:07","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1100"},"modified":"2020-10-18T11:13:09","modified_gmt":"2020-10-18T11:13:09","slug":"joachim-orth-das-muratorische-fragment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1100","title":{"rendered":"Joachim Orth: Das Muratorische Fragment"},"content":{"rendered":"\n<p>Joachim Orth: <em>Das Muratorische Fragment. Die Frage seiner Datierung<\/em>, Aachen: Patrimonium Verlag, 2020, Softcover, 366\u00a0S., \u20ac\u00a029,80, ISBN <a href=\"https:\/\/www.patrimonium-verlag.de\/das-muratorische-fragment\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.patrimonium-verlag.de\/das-muratorische-fragment\">978-3-86417-137-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Diese Publikation ist die \u00fcberarbeitete Dissertation im Fach <em>Kirchengeschichte<\/em> (bei Prof. Wolfgang Wischmeyer) an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien. Joachim Orth, geboren 1951, studierte urspr\u00fcnglich Evangelische Theologie in Siegen, war dann Religionslehrer und danach Pastor in einer freikirchlichen Gemeinde in \u00d6sterreich. Die von Orth meistens gebrauchte Bezeichnung \u201eMuratorisches Fragment\u201c bezieht sich darauf, dass Anfang und Schluss des Textes fehlen. Diese fehlenden St\u00fccke waren aber wohl nur kurz, daher w\u00fcrde ich das Fragmentarische nicht \u00fcberbetonen, und spreche lieber vom \u201eKanon Muratori\u201c (eine andere Bezeichnung lautet \u201eMuratorianum\u201c). Benannt wurde der anonym erhaltene Text nach dem Entdecker, dem Archivar Lodovico Antonio Muratori in Mailand. Der Text bespricht die kirchlich anerkannten (sp\u00e4ter so bezeichneten) neutestamentlichen Schriften und deren Entstehung, au\u00dferdem mehrere abgelehnte Schriften. Orth pr\u00e4sentiert eine Interlinear-\u00dcbersetzung (Latein \u2013 R\u00fcck\u00fcbersetzung ins Griechische \u2013 Deutsch; 15\u201323) und anschlie\u00dfend eine fl\u00fcssige \u00dcbertragung ins Deutsche (24\u201326).<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon der Untertitel sagt, m\u00f6chte Orth die Datierung dieses Muratorischen Fragments (abgek\u00fcrzt MF) kl\u00e4ren. Dazu gibt es die traditionelle Datierung auf das sp\u00e4te 2.&nbsp;Jh. (\u201eFr\u00fchdatierung\u201c), die jedoch in den letzten Jahrzehnten von den US-Amerikanern Albert C. Sundberg, Jr. (1973), und Geoffrey Mark Hahneman (1992) bestritten wurde. Sie pl\u00e4dieren f\u00fcr eine sp\u00e4te Entstehung, n\u00e4mlich im 4.&nbsp;Jh. Orth begann die Arbeit an seiner Dissertation \u201eergebnisoffen\u201c, aber es verst\u00e4rkte sich immer mehr der Eindruck, dass die traditionelle Datierung auf das sp\u00e4te 2.&nbsp;Jh. wesentlich plausibler ist. Insofern kann Orths Buch als Auseinandersetzung mit dem neueren Hauptvertreter der Sp\u00e4tdatierung, also mit Hahneman, und als der Versuch der Widerlegung von dessen These gesehen werden (eine Gegen\u00fcberstellung der Thesen: 267\u2013279). Hahneman meint, dass der im MF erw\u00e4hnte \u201eHirte des Hermas\u201c schon um 100 n.&nbsp;Chr. verfasst wurde, und dass das im 4.&nbsp;Jh. im griechischen Osten (Syrien oder Pal\u00e4stina) verfasste MF das Ziel hatte, diesen \u201eHirten\u201c deutlich von der apostolischen Zeit (und daher auch von den neutestamentlichen Schriften) abzur\u00fccken; dazu habe der Autor des MF einige unzutreffende Angaben \u00fcber Hermas (z.&nbsp;B. Bruder von Pius, Bischof von Rom um 150 n.&nbsp;Chr.) erfunden. Demnach w\u00e4re das MF eine F\u00e4lschung (so Orth, 9 oder 132f). Hahneman unterst\u00fctzt seine Konstruktion durch viele Vermutungen, denen Orth vor allem durch Vergleiche aus Bibel und Kirchengeschichte begegnet. Hahneman h\u00e4lt es z.&nbsp;B. f\u00fcr unwahrscheinlich, dass Hermas der Bruder von Pius, des Bischofs von Rom um 150 n.&nbsp;Chr., war, da im \u201eHirten des Hermas\u201c ein solcher Bruder nicht erw\u00e4hnt wird. Orth entgegnet, dass auch in anderen Apokalypsen \u2013 wie etwa der <em>Offenbarung des Johannes<\/em> \u2013 keine verwandtschaftlichen Beziehungen erw\u00e4hnt werden (136f). Diese Kleinarbeit \u2013 die sorgf\u00e4ltige Widerlegung zahlreicher, teils willk\u00fcrlicher Mutma\u00dfungen Hahnemans, macht die Lekt\u00fcre etwas m\u00fchsam. Aber diese Kleinarbeit ist wohl n\u00f6tig, um die These Hahnemans in ihrer Gesamtheit als nicht plausibel zu erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im Vorwort nennt Orth jene Einzelthemen, zu denen er neue Einsichten liefert: Orth argumentiert f\u00fcr ein griechisches Original: Das MF ist auf Latein erhalten, aber diese erhaltene Fassung wird meistens f\u00fcr eine \u00dcbersetzung aus dem Griechischen gehalten. Ein Argument f\u00fcr die alternative Meinung (lateinisches Original) ist das Wortspiel <em>fel<\/em> (Galle, Gift) und <em>mel<\/em> (Honig), verwendet im MF als Vergleich: echte und gef\u00e4lschte Schriften sollen nicht vermischt werden. Orth (99f) verweist darauf, dass diese Gegen\u00fcberstellung auch in der LXX zu finden ist, im Zusammenhang mit der verf\u00fchrerischen Frau (Spr 5,3f). Und bei Ignatius (an die Gemeinde in Tralles VI,1f) findet sich eine \u00e4hnliche Gegen\u00fcberstellung wie bei MF: Das Giftkraut der Irrlehre versus den Honigwein der christlichen Speise. Eine solche Gegen\u00fcberstellung scheint demnach in der hellenistischen Welt g\u00e4ngig gewesen zu sein. Wenn man f\u00fcr das MF mit einem Abfassungsort in Italien rechnet, f\u00fchrt ein griechisches Original zu einer Entstehung sp\u00e4testens um 200 n.&nbsp;Chr.<\/p>\n\n\n\n<p>Orth datiert die Endfassung des \u201eHirten des Hermas\u201c auf 140 bis 150 n.&nbsp;Chr. (131), kurz vor Beginn des \u00dcbergangs von einem aus Presbytern bestehenden Leitungskollegiums zum Monepiskopat in Rom. Pius (Bischof von etwa 140 bis 155 n.&nbsp;Chr.), laut MF Bruder des Hermas, war laut Orth noch kein solcher \u201emonarchischer Bischof\u201c, sondern ein Leiter in einem Kollegium, ein \u201eprimus inter pares\u201c (129).<\/p>\n\n\n\n<p>Das MF erw\u00e4hnt mehrere (heute) au\u00dfer-neutestamentliche Schriften. Orth bespricht deren Akzeptanz bzw. Zur\u00fcckweisung in der Kirche der ersten Jahrhunderte (mit vielen konkreten Zitaten), um die im MF ge\u00e4u\u00dferte Haltung zeitlich einordnen zu k\u00f6nnen. Bei der etwa in der Mitte des 2.&nbsp;Jh.s entstandenen Petrus-Apokalypse z.&nbsp;B. meint er, dass sie sich rasch verbreitete und anfangs Anerkennung fand, aber allm\u00e4hlich auf Bedenken stie\u00df, bis sie im 4.&nbsp;Jh. bereits deutlich abgelehnt wurde (244\u2013251). Die \u201emittlere Position\u201c des MF passe daher besser in das sp\u00e4te 2.&nbsp;Jh. als in das 4.&nbsp;Jh.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eInhaltliche Parallelen zu Autoren des 2. und beginnenden 3.&nbsp;Jh.s\u201c, etwa zu Iren\u00e4us oder zum antih\u00e4retischen Lukasprolog, bespricht Orth in einem eigenen Kapitel (281\u2013302). Einzigartig im 2.&nbsp;Jh. ist allerdings die im MF vorgenommene Einstufung einiger christlicher Schriften als umstritten, zweitrangig oder \u201esekund\u00e4r\u201c im Vergleich zu den apostolischen Schriften (328f). Hierin k\u00f6nnte das MF ein Vorl\u00e4ufer gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch schlie\u00dft mit einem \u201eRegister antiker Autoren und Schriften\u201c. Mein Fazit: In dieser neuerlichen Untersuchung des Entstehungs-Zeitpunktes des \u201eKanon Muratori\u201c bringt Orth eine sorgf\u00e4ltige Abw\u00e4gung vieler Argumente, und erh\u00e4rtet die traditionelle Datierung ins sp\u00e4te 2.Jahrhundert, genauer: Ende 2.\u00a0Jh., vielleicht schon um 170 n.\u00a0Chr. (329). Au\u00dferdem liefert Orth punktuell vertiefte Einblicke in die Geschichte des NT-Kanons.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Franz Graf-Stuhlhofer BSc, Lehrbeauftragter an der KPH Wien\/Krems f\u00fcr Kirchengeschichte und Dogmatik<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim Orth: Das Muratorische Fragment. 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