{"id":1106,"date":"2020-10-18T11:18:50","date_gmt":"2020-10-18T11:18:50","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1106"},"modified":"2020-10-18T11:18:52","modified_gmt":"2020-10-18T11:18:52","slug":"fabian-f-grassl-in-the-face-of-death","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1106","title":{"rendered":"Fabian F. Grassl: In the Face of Death"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fabian F. Grassl: <em>In the Face of Death. Thielicke \u2013 Theologian, Preacher, Boundary Rider, <\/em>Eugene: Pickwick Publications, 2019, Pb., XXV+266\u00a0S., $\u00a035.00\u00ad, ISBN <a href=\"https:\/\/wipfandstock.com\/in-the-face-of-death.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/wipfandstock.com\/in-the-face-of-death.html\">978-1-5326-5547-0<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Theologie ist Biographie. Oder zumindest ist wissenschaftliches Arbeiten in einem so existentiellen Fach wie der Theologie schwerlich ohne den Einfluss des eigenen (Er\u2011)Lebens zu erfassen. Fabian F. Grassl hat diese These in seiner Dissertation an der Queen\u2019s University Belfast in Nordirland (begleitet durch Prof. Stephen N. Williams) f\u00fcr Werk und Leben des Theologen Helmut Thielicke ausgelotet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thielicke z\u00e4hlt zu den bekanntesten theologischen Gestalten des 20. Jahrhunderts. Der Systematische Theologe hinterlie\u00df nicht nur eine umfangreiche akademische Sammlung, sondern auch viele Predigten und pastorale Schriften, die tiefe Einblicke in seine Lebens- und Gef\u00fchlswelt bieten. Letztere bilden die Grundlage f\u00fcr Grassls Projekt: \u201eto demonstrate that Thielicke\u2019s theological thought is permeated by a particular biographical period\u201c (XXI). Bei diesem pr\u00e4genden Lebensabschnitt liegt es nahe, an Thielickes Erfahrungen unter dem Regime der Nationalsozialisten zu denken. Der wesentliche empirische Unterbau von Thielickes Theologie finde sich jedoch vielmehr in einer lebensgef\u00e4hrdenden Erkrankung, die er als junger Erwachsener erlitt. Eines Nachts im Krankenhauszimmer beschlie\u00dft Thielicke, eine Medikamenten\u00fcberdosis zu schlucken, die ihn entweder t\u00f6ten oder heilen soll. Im Angesicht eines Kruzifixes beginnt der junge Theologiestudent, f\u00fcr den das Christentum bisher metaphysische Theorie blieb, zu beten und macht seinen Frieden mit Gott. Am Karfreitag 1933 erwacht er \u2013 geheilt (27ff). Diese Turm- bzw. Bekehrungserlebnis soll nach Grassls These Grundlage f\u00fcr Thielickes jahrzehntelanges theologisches Denken werden (XXI).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer biographischen Darstellung konzentriert sich der zweite Teil der Arbeit auf Thielickes dogmatische Grundentscheidungen. Dabei treten hinsichtlich der Forschungsthese drei Einsichten ans Licht. <em>Erstens<\/em>: Thielicke betrachte, ganz seiner lutherischen Pr\u00e4gung entsprechend, den Moment der Anfechtung (tentatio) bzw. menschlichen Leids als grundlegend f\u00fcr die Entstehung von Gottvertrauen (82\u201387). Dies spiegele Thielickes eigene Erfahrung wider, der im H\u00f6hepunkt seines Krankheitsleidens seine eigentliche Hinwendung zu Gott erfuhr. Die <em>zweite<\/em> Beobachtung verl\u00e4uft ebenfalls im Anschluss an lutherische Denkwege, denn der Glaube, den Thielicke in diesem Lebensabschnitt gewinnt, ist durch ein personalistisches Gottesbild und einen relationalen Charakter gepr\u00e4gt: \u201e<em>During <\/em>his sickness-unto-death and period of hospitalization he went through severe theological crises as to both. <em>After <\/em>his miraculous recovery, however, his deep conviction of God\u2019s personal being, of God being the one who essentially loves, reveals itself systematically as well as homiletically\u201c (131). Aus den ersten beiden Schl\u00fcssen folgt als <em>drittes<\/em> Kennzeichen eine existentielle L\u00f6sung der Theodizee-Frage. Fragen nach Bedeutung und Sinn in menschlichem Elend finden in Thielickes Theologie keine Antwort, aber sie finden Gemeinschaft so wie Thielicke selbst: \u201ein the midst of the most intense borderline situation possible, he [Thielicke]\u201a recognized him [Jesus] as a brother and companion and talked to him.\u2018 He thus overcame meaninglessness and entered a relationship with ultimate meaning \u2013 indeed, with crucified meaning\u201c (157f). Thielicke erlebt in einer leidvollen Grenzsituation eine Kehrtwende von abstraktem metaphysischem \u00dcberlegen zu dem Gott, der ihm (im Kruzifix vor Augen stehend) in seinem Leiden am Kreuz n\u00e4her ist, als jeder Mensch es sein k\u00f6nnte. Aus diesem Leid- und Glaubensverst\u00e4ndnis w\u00fcrden auch die auffallend individualistischen Z\u00fcge von Thielickes Theologie erkl\u00e4rbar: \u201eHe is not concerned with the objective fact of Christ\u2019s presence in Word and Sacrament, as classic Lutheranism is, but with the subjective impact of Christ\u2019s spiritual presence on the emotions and psyche of his hearers\u201c (165). Diese existentielle Auffassung des Glaubensaktes birgt, nach Grassl, Widerspr\u00fcchlichkeiten f\u00fcr Thielickes eigene Theologie, die im letzten Teil der Arbeit \u00fcber Thielickes Verk\u00fcndigung er\u00f6rtert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thielicke betone auch in Predigten, dass christlicher Glaube in der Anfechtung geboren wird. Es sei ein Glaube <em>wider<\/em> das, was der Verstand wahrnimmt: \u201eIt is a faith against appearances, <em>not because of <\/em>some criteria, <em>but in spite of <\/em>the circumstances\u201c&nbsp;(192). An dieser Stelle zahlt sich Grassls akribisches Vorgehen aus, wenn er verdeutlicht, dass Thielickes Verk\u00fcndigung aus epistemologischen Grundentscheidungen erw\u00e4chst. Fiducia als der Akt des pers\u00f6nlichen Glaubens wird bei Thielicke von vern\u00fcnftigen Schl\u00fcssen der Ratio (assensus\/notitia) getrennt. Theologische Reflexion k\u00f6nne dem schon vertrauenden Glauben immer nur folgen (182f). Diese starke Trennung von glaubendem Vertrauen und rationalem Wissen \u00fcber dogmatischer Wahrheit, die Grassl in der Tradition Schleiermachers verortet, k\u00f6nnte zu dem (fragw\u00fcrdigen) Schluss f\u00fchren, der Verstand hindere den Glauben (193f). An Thielickes Eschatologie zeige sich au\u00dferdem, dass Thielickes viel beschworenes Gottvertrauen wider alle Umst\u00e4nde gerade durch das Vertrauen auf dogmatische, aber (noch) nicht sichtbare Wahrheiten (z. B. die Totenauferstehung) erm\u00f6glicht werde (206\u2013216). Grassl l\u00e4sst an dieser Stelle erkennen, dass er neben aller Sympathie f\u00fcr Thielicke eine kritische Distanz wahrt, aus der er den Theologen scharfsinnig hinterfragen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende des Buches bleibt kein Zweifel: Der Einfluss der Krankheit, die Thielicke als junger Mann erlitt, hat sich durch sein Forschen, Denken und Predigen gezogen, ja, f\u00f6rmlich eingebrannt. Grassl zieht ein pr\u00e4gnantes Fazit: \u201eBy \u201adoing\u2018 theology, the theologian ideally becomes the actual subject him- or herself. But in the case of Thielicke, we can come under the impression that this specific experiences turn into the main source of his theological thought\u201c (235). Eindeutiger h\u00e4tte Grassls Einsch\u00e4tzung zu seiner Forschungsthese wohl kaum ausfallen k\u00f6nnen. Sie l\u00e4sst den Leser allerdings mit Fragen zur\u00fcck: Wie sollte man ein solches theologisches Arbeiten beurteilen? Ist es legitim, dass die Empirie den Sieg \u00fcber dogmatische Traditionen und den eigenen Verstand davontr\u00e4gt? Ist es eine Gefahr oder gar Tugend? Grassl hat sich nicht vorgenommen, diese Fragen zu beantworten und sich dementsprechend nicht um Beurteilungskriterien bem\u00fcht. Die Arbeit h\u00e4tte jedoch von einem ausf\u00fchrlicheren Diskurs \u00fcber den Zusammenhang von Theologie und Biographie als Rahmen profitieren k\u00f6nnen. Einerseits h\u00e4tten sich damit sicher lohnenswerte Ausblicke auf theologisches Arbeiten im Ganzen ergeben, andererseits h\u00e4tte es der abschlie\u00dfenden Aufforderung Grassls zu einer weiteren Rezeption Thielickes mehr Gewicht verleihen k\u00f6nnen. So allerdings bleibt Grassls Aufforderung zu einer st\u00e4rkeren Besch\u00e4ftigung mit Thielicke ein vager Appell, der nicht das mulmige Gef\u00fchl \u00fcbert\u00f6nen kann, das sich einschleicht, da Thielicke doch als ein Denker beschrieben wurde, der der pers\u00f6nlichen Erfahrung in einer Nacht seines Lebens mehr Bedeutung beima\u00df als Jahrzehnten akademischen Schaffens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch jenseits der bearbeiteten These ist Grassls Projekt ein Gewinn f\u00fcr jeden, der eine Einf\u00fchrung zu Thielickes Person sucht, denn trotz seiner internationalen Popularit\u00e4t gibt es wenige Arbeiten, die sich systematisch mit Thielickes Biographie besch\u00e4ftigen. Dar\u00fcber hinaus nimmt sich Grassl der grunds\u00e4tzlichen systematischen Kategorien in Thielickes gesamten umfangreichen Werk an. So gibt er seinen Lesern eine zuverl\u00e4ssige und tiefsch\u00fcrfende Lesehilfe f\u00fcr zuk\u00fcnftige Auseinandersetzungen mit Thielickes Arbeiten an die Hand. Man darf gespannt sein, was Thielicke unserer Zeit zu sagen haben wird, wenn die Aufforderung Grassls zum weiteren angeregten Gespr\u00e4ch mit diesem Denker angenommen wird, der die Konfrontation mit den dunklen Seiten unserer Wirklichkeit nicht scheute.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Rahel Siebald, M.A. (FTH Gie\u00dfen), G\u00f6ttingen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fabian F. Grassl: In the Face of Death. 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