{"id":1109,"date":"2020-10-18T11:25:34","date_gmt":"2020-10-18T11:25:34","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1109"},"modified":"2020-10-18T11:25:35","modified_gmt":"2020-10-18T11:25:35","slug":"hamed-abdel-samad-integration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1109","title":{"rendered":"Hamed Abdel-Samad: Integration"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hamed Abdel-Samad: <em>Integration. Ein Protokoll des Scheiterns<\/em>,M\u00fcnchen: Droemer, 2018, geb., 271\u00a0S., \u20ac\u00a019,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.droemer-knaur.de\/buch\/hamed-abdel-samad-integration-9783426301524\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.droemer-knaur.de\/buch\/hamed-abdel-samad-integration-9783426301524\">978-3-426-27739-3<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Titel des Buches provoziert. \u201eIntegration\u201c ist in aller Munde. Der Untertitel fordert heraus und ist meines Erachtens irref\u00fchrend. Der Untertitel mag suggerieren, dass Abdel-Samad \u201eIntegration\u201c f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt. In der Tat verfolgt er schonungslos die Spur dessen, was er in der Einf\u00fchrung \u201eDas M\u00e4rchen von der gelungenen Integration\u201c (11\u201325) nennt. Dabei stellt er vor allem heraus, dass Integration sich nicht auf die Gebiete \u201eBildung, Sprache und Arbeit\u201c reduzieren l\u00e4sst. Er spricht von vier verschiedenen Feldern: \u201estrukturelle Integration, kulturelle Integration, soziale Integration sowie emotional-affektive beziehungsweise identifikative Integration.\u201c Er betont: \u201eWer nur die Erfolge auf dem ersten Feld preist und von gelungener Integration spricht, erz\u00e4hlt den Menschen in diesem Land ein M\u00e4rchen. Nur wenn Erfolge auf allen vier Gebieten verzeichnet werden k\u00f6nnen, ist eine Integration wirklich gelungen\u201c (21). Diese Spur zieht sich recht konsequent durch das Buch. Entlang dieser Linie wirft Abdel-Samad viele wichtige Fragen auf, \u00fcber die es sich lohnt nachzudenken. Es sind vielfach Fragen, an denen wir als Gesellschaft nicht vorbeikommen. Viele Fragen lassen sich schon an den \u00dcberschriften (und Untertitel) der einzelnen Kapitel ablesen: \u201eWie ist es wirklich um die Integration bestellt? Forschung und gef\u00fchlte Wahrheit\u201c (27\u201339); \u201eMigrationshintergrund oder Migrationsvordergrund? Die Geschichte meiner Integration\u201c (40\u201359); \u201eMigration damals und heute. Ein kurzer Blick zur\u00fcck\u201c (60\u201366); \u201eWas ist schiefgelaufen? Von S\u00fcnden, Wendepunkten und R\u00fcckschl\u00e4gen in der Integrationsgeschichte\u201c (67\u201394); \u201eNo-go-Areas und totale Kontrolle. Wie \u201aGhettos\u2018 und \u201agated communities\u2018 Integration verhindern\u201c (95\u2013118); \u201eDas Kopftuch. Symbol der Unterdr\u00fcckung oder der Selbsterm\u00e4chtigung?\u201c (119\u2013134); \u201e\u201aKulturelle Kompatibilit\u00e4t\u2018 und Bildung. Warum manche Migrantengruppen besser integriert sind als andere\u201c (135\u2013158); \u201eDie \u201aGeneration Allah\u2018 und das Schweigen der anderen. Warum junge Muslime sich radikalisieren\u201c (159\u2013179); \u201eOrient und Okzident. Antithese mit Tradition\u201c (180\u2013193); \u201eSynthese bedeutet nicht Burkini. Warum manche Werte nicht verhandelbar sein sollten\u201c (194\u2013209) und \u201eFl\u00fcchtlinge. Bremser oder Motoren einer gelungenen Integration?\u201c (210\u2013233).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abdel-Samad wirft Fragen, \u00fcber die es sich lohnt als Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Man muss schlie\u00dflich mit Ayn Rand schlicht festhalten: \u201eMan kann die Realit\u00e4t ignorieren, aber man kann nicht die Konsequenzen der ignorierten Realit\u00e4t ignorieren\u201c (5). Deswegen muss man Abdel-Samads \u00dcberzeugungen nicht teilen, um aufmerksam hinzuh\u00f6ren. Man muss seine Antworten nicht lieben, um seine (An-)Fragen wertzusch\u00e4tzen. Einige seiner Antworten wirken plakativ und sind mir zu stark von einem Schwarz-Wei\u00df-Denken gepr\u00e4gt, was sich nicht zuletzt auf seinen abschlie\u00dfenden Seiten ausdr\u00fcckt: \u201eEin Blick in die Zukunft. Die Utopie. Die Dystopie\u201c (262\u2013267). Aber seine Antworten schaffen an manchen Stellen auch eine wertvolle Klarheit. Wenn er beispielsweise sagt: \u201eDeutschland ver\u00e4ndert sich. Einen Weg zur\u00fcck gibt es nicht\u201c (253), dann ist das m.&nbsp;E. nicht nur in seiner Klarheit richtig und wertvoll, sondern in meiner Wahrnehmung noch immer nicht ausreichend in unserer Gesellschaft angekommen. Einen Platz am Tisch m\u00fcssen Abdel-Samads Antworten haben, damit wir die Herausforderung \u201eIntegration\u201c als Gesellschaft konstruktiv und differenziert, aber vor allem mit klaren Perspektiven und einem langen Atem angehen. Ein langer Atem ist vielleicht das wichtigste. Da liegt vielleicht auch ein gro\u00dfes Problem in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Effektivit\u00e4t und schnelle Ergebnisse einen hohen Stellenwert haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist bemerkenswert, dass Abdel-Samad das Projekt \u201eIntegration\u201c nicht grunds\u00e4tzlich f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt, auch wenn das der Eindruck ist, der sich bei der Lekt\u00fcre des Buches \u00fcber weite Strecken einstellen mag. Mit seinem zw\u00f6lften Kapitel \u201eIntegration ist m\u00f6glich. Ein neuer Marshallplan f\u00fcr Deutschland\u201c (234\u2013261) f\u00fchrt er Aspekte an, die er f\u00fcr wesentlich h\u00e4lt: \u201eDie Schl\u00fcsselbegriffe f\u00fcr Integration sind also: Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung\u201c (234). Ein Zusammenwirken verschiedener Akteure ist notwendig. Abdel-Samad nennt den Staat, die Justiz, die Polizei, die Wirtschaft, die Schulen, die Zivilgesellschaft, die Linken, die Rechten, die Medien, die Islamverb\u00e4nde, die Kirchen, die Migrationsforschung und die Fl\u00fcchtlinge (in dieser Reihenfolge). Die Reihenfolge und die damit verbundene Ausf\u00fchrlichkeit legt nahe, dass Abdel-Samad eine gro\u00dfe Verantwortung beim Staat (er meint wohl vor allem die Legislative) und dann bei Judikative und Exekutive sieht. Die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft sind f\u00fcr ihn ein gro\u00dfes Problemfeld. Es kann und sollte gewisserma\u00dfen \u201evon oben\u201c geregelt werden. Auf jeden Fall ist es bezeichnend, wie er seinen Appell im Rahmen des neuen Marshallplans beginnt: \u201eDas Gewaltmonopol zur\u00fcckholen: Bevor der Staat \u00fcber konkrete Integrationsprojekte nachdenkt, muss er zuerst die Kontrolle in den No-go-Areas zur\u00fcckgewinnen\u201c (237).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit seinem Appell an verschiedene Akteure unserer Gesellschaft veranschaulicht er auch einen wichtigen Gedanken. In der Rede von Integration muss klar werden, was von den verschiedenen Generationen erwartet wird und erwartet werden muss \/ kann. Schlie\u00dflich wird nicht alles gleicherma\u00dfen f\u00fcr alle Generation nach der Einwanderung gelten. Integration ist eine Frage von Jahren, m.\u00a0E. von Generationen. Die Einstellung bzw. Haltung der einwandernden Generation zu den Ver\u00e4nderungsprozessen ist ein weichenstellender Faktor, dem nicht nur sie selbst, sondern vor allem ihre Kinder unterworfen sind. Kurzum, unterst\u00fctzen sie eine fortschreitende Integration und die damit verbundenen Ver\u00e4nderungen bzw. geben sie ihren Kindern dabei die Freiheit, diesen Weg f\u00fcr sich zu gestalten? Oder, von der anderen Seite betrachtet, wie viel erwartet die Mehrheitsgesellschaft von den einzelnen Generationen und welche Hilfe bietet sie ihnen jeweils an?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Heiko Wenzel, Ph.\u00a0D. (Wheaton College), Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamed Abdel-Samad: Integration. 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