{"id":1112,"date":"2020-10-18T11:28:28","date_gmt":"2020-10-18T11:28:28","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1112"},"modified":"2020-10-18T11:28:29","modified_gmt":"2020-10-18T11:28:29","slug":"hamed-abdel-samad-mouhanad-khorchide-ist-der-islam-noch-zu-retten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1112","title":{"rendered":"Hamed Abdel-Samad \/ Mouhanad Khorchide: Ist der Islam noch zu retten?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hamed Abdel-Samad \/ Mouhanad Khorchide: <em>Ist der Islam noch zu retten? Eine Streitschrift in 95 Thesen<\/em>, M\u00fcnchen: Droemer, 2017, geb., 303\u00a0S., \u20ac\u00a019,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.droemer-knaur.de\/buch\/hamed-abdel-samad-mouhanad-khorchide-ist-der-islam-noch-zu-retten-9783426301517\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.droemer-knaur.de\/buch\/hamed-abdel-samad-mouhanad-khorchide-ist-der-islam-noch-zu-retten-9783426301517\">978-3-426-27734-8<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Titel \u201eIst der Islam noch zu retten?\u201c ist eine Einladung an alle Leser, eine Einladung, sich dieser Frage zu stellen und vor allem dar\u00fcber nachzudenken, welche Rolle der Islam und Muslime in unserer (westlichen) Welt spielen k\u00f6nnen und sollen. Muslime sind Teil unserer Gesellschaft und deswegen spielt der Islam eine Rolle. Diese Rolle wird aber hei\u00df diskutiert und nimmt immer wieder Raum in unseren Medien und in unserem Denken ein, die vor allem vom Islam als einem Problem ausgehen. Hier setzt das Buch mit seinen grundlegenden Fragen der beiden Verfasser an. Der deutsch-\u00e4gyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad und der \u00f6sterreichische islamische Religionsp\u00e4dagoge Mouhanad Khorchide sind daf\u00fcr bekannt, dass sie sich mit dem Islam auseinandersetzen und gewaltbereiten Muslimen mit ihren B\u00fcchern entgegenstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor den Augen der Leser entfaltet sich ein Gespr\u00e4ch, das nicht nur Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Verfasser sichtbar werden l\u00e4sst. Vielmehr werden in ihrem Dissens und Konsens Fragen identifiziert, die unentbehrlich f\u00fcr die Behandlung des Themas sind, unter anderem nach dem Umgang mit widerspr\u00fcchlichen Aussagen des Korans, vor allem der Verh\u00e4ltnisbestimmung von Versen, die zum Frieden, und anderen, die zur Gewalt aufrufen: \u201eVerstehen Sie, lieber Hamed, warum ich ein so gro\u00dfes Problem mit ihrer Lesart des Korans habe? Sie ist genau dieselbe, gegen die ich bei Fundamentalisten vorgehe. Wenn Sie einzelne Verse zitieren, ignorieren Sie die vielen anderen, die etwas anderes sagen \u2026\u201c (83).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Fragen werden m.&nbsp;E. von zwei grundlegenden Perspektiven getragen, die an den Fragen \u201eWas ist Islam?\u201c und \u201eWer ist Gott?\u201c veranschaulicht werden k\u00f6nnen. Abdel-Samad sieht einen Geburtsfehler des Islam darin, dass Muhammad viele Macht- und Leitungspositionen in sich vereinigte (19). F\u00fcr Khorchide ist Islam \u201eeine Einladung, sein Leben in Freiheit auf Gott als Quell der Liebe und Barmherzigkeit hin auszurichten\u201c (33). Abdel-Samad scheint der Frage nach Gott in gewisser Weise auszuweichen und betont immer wieder, dass eine w\u00f6rtliche Auslegung des Korans zu untragbaren Antworten auf diese Fragen f\u00fchrt. Khorchide geht von der Quantit\u00e4t der Rede \u00fcber Gottes Barmherzigkeit im Koran aus, nimmt dies als Ma\u00dfstab und Orientierung f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisbestimmung zu anderen Aussagen im Koran ohne das in dem vorliegenden Buch im Detail zu begr\u00fcnden. Hierf\u00fcr kann sicherlich auf seine B\u00fccher <em>Islam ist Barmherzigkeit<\/em> und <em>Gott glaubt an den Menschen<\/em> verwiesen werden. Das w\u00e4re aber zu einfach. Schlie\u00dflich muss sich diese \u00dcberzeugung gerade im Gespr\u00e4ch bew\u00e4hren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Titel ist eine Provokation f\u00fcr viele (westliche) Nicht-Muslime und sicherlich auch eine Herausforderung f\u00fcr manche Muslime. Wenn man den Islam vor allem als Gefahr \u2013 oder wenigstens als Herausforderung \u2013 f\u00fcr die (westliche) Welt ansieht, mag man sich schon fragen, warum die Frage von Bedeutung ist. Wenn es den Islam nicht mehr gibt, dann haben wir ein Problem weniger, mag man lapidar denken. Die St\u00e4rke des Islam und die Zunahme islamischer Bev\u00f6lkerung weltweit und auch in westlichen Gesellschaften legt aber m.&nbsp;E. nicht nahe, dass der Islam in Gefahr steht unterzugehen. Wenn, dann ginge es wohl eher um die Frage, ob die westliche Welt noch zu retten ist. Auf diesem Hintergrund provoziert der Titel des Buches wohl erst recht und fordert die Leser heraus, sich in die Schuhe von Muslimen zu begeben, die Welt mit ihren Augen zu sehen (was im Buch durch die beiden Verfasser in ihrer Verschiedenheit gut gelingen kann, auch wenn keiner der beiden wohl eine Mehrheit der Muslime repr\u00e4sentieren wird) und sich dieser Frage zu stellen (ob man sie jemals f\u00fcr sich gestellt h\u00e4tte oder nicht). F\u00fcr Muslime ist der Gedanke der Gef\u00e4hrdung des Islam wohl viel vertrauter. Man mag sagen, dass dieser Gedanke mehr oder minder unterschwellig viele Muslime seit einigen Jahrhunderten besch\u00e4ftigt. Verschiedene Reformbestrebungen und nicht zuletzt die radikalen Entw\u00fcrfe und Lebenskonzepte der vergangenen Jahrzehnte k\u00f6nnen immer mit diesem Gedanken in Verbindung gebracht werden. Der Titel des Buches bleibt eine Herausforderung f\u00fcr Muslime, wenn man die beiden Autoren diese Frage verhandeln sieht. Ihre Verortung garantiert keinesfalls, dass die beiden geh\u00f6rt werden und ihre Gemeinsamkeiten (bei aller Verschiedenheit) bef\u00f6rdern es auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine grundlegende Herausforderung ist dabei von weichenstellender Bedeutung und markiert eine wesentliche Gemeinsamkeit der beiden Verfasser: sie verhandeln diese Frage auf dem Hintergrund und im Kontext von westlichen Gesellschaften. Vielleicht ist das unterschwellige Thema deswegen etwas verdeckt, aber gerade durch die Gemeinsamkeiten der beiden Verfasser recht offensichtlich, eher die Frage nach einer Existenz oder der M\u00f6glichkeit eines \u201eeurop\u00e4ischen\u201c Islams, also der Frage, wie ein Muslim in einer westlichen Welt intellektuell und ethisch redlich leben kann. Abdel-Samad und Khorchide leben und wirken in der islamischen Diaspora. Sie sind gewisserma\u00dfen Stimmen am Rande. Diese Randstellung bringt mit sich, dass keiner der beiden wohl f\u00fcr eine Mehrheit der Muslime in unserem Land und wohl noch weniger f\u00fcr Muslime weltweit sprechen kann. Dennoch beanspruchen sie eine Deutungshoheit f\u00fcr das, was \u201eder Islam\u201c und damit verbunden \u201edie Muslime\u201c auf diesem Planeten tun und was sie besser lassen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts dieser Randstellung ist es mehr als verst\u00e4ndlich, dass Gemeinsamkeiten nicht diskutiert werden; schlie\u00dflich liegt genug Differenz und Konfliktpotential in ihrem Austausch. Da ist man schnell geneigt, den gemeinsamen Boden, auf dem man steht, nicht auch noch zu hinterfragen. Deswegen w\u00fcrde ich diese Beobachtung ungern als grundlegende Kritik verstanden wissen. Vielmehr geht es mir darum, dass man das vorliegende Buch nach einer Wahrnehmung wichtiger Positionen, zentraler Fragen und weichenstellenden Voraussetzungen auch als Einladung liest, \u00fcber manche Voraussetzung einer westlichen Wahrnehmung und Deutung von Islam und Muslimen nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Verortung von Abdel-Samad und Khorchide am Rande einer (inner-) islamischen Diskussion ist nicht abwertend zu verstehen. Menschen am Rande sehen die Dinge oft klarer, als diejenigen, die mittendrin sind, sich in der Mitte von Diskurs, Macht und Entscheidung w\u00e4hnen oder als solche wahrgenommen werden. In dieser Hinsicht sind die beiden Verfasser in einer gewisserma\u00dfen privilegierten Position, die gestellte Frage zu verhandeln. Alleine deswegen lohnt sich die Lekt\u00fcre des Buches. Ihre pers\u00f6nliche Verortung und ihre Auseinandersetzung mit islamischem Establishment lassen bedeutsame Themen f\u00fcr die innerislamische Diskussion aber auch f\u00fcr die Wahrnehmung des Islams von au\u00dfen und der Begegnung mit Muslimen in einer w\u00fcnschenswerten Klarheit erstrahlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden Verfasser sind sich unter anderem darin einig, dass man den Koran historisch verorten muss, auch wenn sich die konkrete Ausgestaltung dessen, was damit einhergeht, in ihrer Herangehensweise recht verschieden ausgestaltet. <em>Diese Forderung ist sehr naheliegend. Man muss eigentlich \u00fcber die Selbstverst\u00e4ndlichkeit dieser Forderung stolpern, aber das geschieht in diesem Buch nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden Verfasser scheinen sich auch in einer einfachen Gleichung einig zu sein, dass eine historische Verortung koranische Aussagen zu ihrer notwendigen Relativierung f\u00fchrt. Abdel-Samad ist da sicherlich etwas gro\u00dfz\u00fcgiger und ist bereit einige Koranaussagen mehr, bzw. mehr vom \u00fcberkommenen Islam \u201eim M\u00fclleimer der Geschichte zu entsorgen\u201c als Khorchide. Bei letzterem geht es vielleicht weniger um ein Entsorgen als um die \u201eDomestizierung\u201c einer Religion im Rahmen eines gr\u00f6\u00dferen Programms. Dieses Programm ist keineswegs nur ein gesellschaftlich-politisches mit dem Ziel, dass Muslime friedliebend im Westen leben k\u00f6nnen, sondern durchaus auch ein religi\u00f6s-theologisches: \u201eReligionen sind nur Wege zu Gott, sie selbst sind nicht das angestrebte Ziel, deshalb macht es keinen Sinn \u00fcber die richtige Religion zu streiten. Die viel wichtigere Frage betrifft unser Gottesverst\u00e4ndnis. Von welchem Gottesbild reden wir, wenn wir von Gott sprechen?\u201c (100). Das klingt f\u00fcr westliche Ohren sehr vertraut. F\u00fcr die meisten islamischen Ohren wohl nicht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Heiko Wenzel, Ph.\u00a0D. (Wheaton College), Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamed Abdel-Samad \/ Mouhanad Khorchide: Ist der Islam noch zu retten? 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