{"id":1115,"date":"2020-10-18T11:30:52","date_gmt":"2020-10-18T11:30:52","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1115"},"modified":"2020-10-18T11:30:53","modified_gmt":"2020-10-18T11:30:53","slug":"sven-grosse-hg-schleiermacher-kontrovers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1115","title":{"rendered":"Sven Grosse (Hg.): Schleiermacher kontrovers"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sven Grosse (Hg.): <em>Schleiermacher kontrovers<\/em>, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2019, Pb., 196\u00a0S., \u20ac\u00a034,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4719_Schleiermacher-kontrovers.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4719_Schleiermacher-kontrovers.html\">978-3-374-05975-1<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSchleiermacher kontrovers\u201c, ein passender Titel f\u00fcr diesen Sammelband, der bewusst ein \u201egepflegtes Streitgespr\u00e4ch\u201c (7) unter sechs theologisch und philosophisch Gelehrten pr\u00e4sentieren will. Schleiermachers Ansehen, Werk und Wirkung sind im Laufe der letzten 250 Jahre unterschiedlich bewertet worden. Die Urteile \u00fcber ihn zwischen \u201eBewunderung und Zustimmung\u201c und \u201eAbneigung und Verwerfung\u201c fielen schon immer kontrovers aus. Das (unterschwellige) Anliegen des Herausgebers der in diesem Sammelband vorgelegten Aufs\u00e4tze ist es, herauszufinden, inwiefern Schleiermachers (gegenw\u00e4rtig erneuerte) \u201eherrschende Stellung\u201c f\u00fcr \u201eTheologie und Kirche\u201c eher f\u00f6rderlich oder eher nicht f\u00f6rderlich ist (vgl. 7f; vgl. Grosses Frage in seinem Beitrag ab 83ff). Die Beitr\u00e4ge sind ausdr\u00fccklich zur Orientierung gedacht, nicht als spezielle Beitr\u00e4ge zur Schleiermacherforschung (8).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier f\u00e4llt nun \u2013 zumindest von der Konzeption her \u2013 auf, dass ein echtes \u201eStreitgespr\u00e4ch\u201c oder eine klassische (akademische) Disputation im F\u00fcr und Wider von bekannten Thesenreihen (theologischen Aussagen) nicht vorliegt. In diesem beabsichtigten Sinne sind die Beitr\u00e4ge in dem Sammelband nicht zu verstehen, da die Autoren mit ihren Beitr\u00e4gen nicht mit- oder untereinander \u00fcber Schleiermachers Werk oder dessen Einzelpositionen disputieren. Jeder Aufsatz ist ja unabh\u00e4ngig voneinander entstanden und erst bei der Drucklegung in die bereits vorher bekannten Kategorien \u201ePro Schleiermacher\u201c oder \u201eContra Schleiermacher\u201c eingeordnet worden. Ein echtes Streitgespr\u00e4ch oder eine Disputation liegt also nicht vor. Konzeptionell w\u00e4re daher wahrscheinlich das im Angels\u00e4chsischen bekannte akademische Verfahren in Buchform \u201eFour Views on \u2026\u201c ertragreicher gewesen, um in Aufs\u00e4tzen durch direkte Erwiderungen der Autoren untereinander Schleiermachers Theologie und Werk auszuloten und zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den beiden Kategorien Pro und Contra Schleiermacher z\u00e4hlen je drei Gelehrte unterschiedlicher konfessioneller Herkunft, beruflich alle im Dienst einer Hochschule oder Universit\u00e4t aktiv. Notger Slenczka, Heinrich Assel und Vasile Hristea z\u00e4hlen zur \u201ePro Schleiermacher-Fraktion\u201c, Sven Grosse, Harald Seubert und Daniel von Wachter zur \u201eContra-Fraktion\u201c. Im Sinne eines tats\u00e4chlichen Streitgespr\u00e4chs \u2013 w\u00fcrde man beide Aufs\u00e4tze bzw. die beiden Autoren nebeneinandersetzen \u2013 fallen die Beitr\u00e4ge von Slenczka \u201eSchleiermacher heute\u201c und Grosse \u201eGeh\u00f6rt Schleiermacher in den Kanon christlicher Theologen?\u201c besonders auf. Diese beiden Reflektionen verdeutlichen sehr gut die markante Kontroverse, die im Blick auf Schleiermachers Person und Werk existiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Notger Slenczkas sehr gelehrter und kenntnisreicher Beitrag (15\u201339) ist im Grunde dadurch motiviert, dass er eine erneute Besinnung auf Schleiermachers Denken ausdr\u00fccklich bef\u00fcrwortet, weil dieser sehr gut geeignet sei, fixierte Dogmen zu reformulieren \u201eals Antwort f\u00fcr Problemstellungen der Gegenwart\u201c (15). Sein Pl\u00e4doyer zielt bewusst auf diese (notwendige) \u201eReformulierung fixierter Dogmen\u201c (15) ab, wie er im Aufsatz an exemplarischen Thesen Schleiermachers zu verdeutlichen sucht. Nachdem Slenczka dem seiner Meinung nach unberechtigten Vorwurf des \u201etheologischen Subjektivismus\u201c bei Schleiermacher konstruktiv entgegengetreten ist (16f), entfaltet er gem\u00e4\u00df seiner Beobachtung der \u201eReformulierung\u201c, dass Schleiermachers Glaubenslehre nichts anderes als \u201echristozentrisch\u201c genannt werden d\u00fcrfe (18\u201325). In einem zweiten Schritt wird dann entfaltet, wie von Gott und seinem Wesen (Existenz) zu sprechen sein kann, ohne ihn zum Gegenstand zu machen (25\u201338). In seinen Schlussfolgerungen betont Slenczka ausdr\u00fccklich, dass mit der begr\u00fcndet dargelegten Entfaltungen der exemplarischen Lehren Schleiermachers (Christologie, Gottes Existenz usw.) keine \u201eneuzeitliche Verkehrung der Tradition\u201c vorliege (38f), sondern lediglich eine f\u00fcr die Gegenwart notwendigerweise reformulierte Wiederholung der urspr\u00fcnglichen christlichen Tradition. Selbst \u201edie Mitte des christlichen Glaubens\u201c durch die Rede von Jesus Christus als dem, der die Gottesbeziehung erschlie\u00dft und heilt (Erl\u00f6sung, Neubestimmung Gottes in Jesus Christus usw.) w\u00fcrden nicht aufgehoben, sondern ausdr\u00fccklich best\u00e4tigt (39), eben, \u201edass Gott uns unmittelbar angeht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sven Grosse nun stellt provokant (beinahe absichtlich?) die Frage, die viele kritische Schleiermacher-Rezipienten ohne mit der Wimper zu zucken mit \u201eNein\u201c beantworten w\u00fcrden: \u201eGeh\u00f6rt Schleiermacher in den Kanon christlicher Theologen?\u201c (83\u2013118). Hier geht es also \u2013 wie in klassischen Streitgespr\u00e4chen der Vergangenheit \u2013 um die Dimensionen der Rechtgl\u00e4ubigkeit (Kanon, 84f, Anm. 207) versus H\u00e4resie. Dabei nennt Grosse auch die Parameter, an denen er diese Streitfrage zu beantworten gedenkt: \u201eEs soll sich zeigen, ob Schleiermacher mit diesen [klassisch rechtgl\u00e4ubigen, Anm. d. Verf.] Theologen in einem Kanon der Theologie hineingeh\u00f6rt oder nicht. \u2026 Sobald man die Begr\u00fcndbarkeit durch die Bibel und, bezogen darauf, die \u00dcbereinstimmung mit dieser klassischen Tradition, als Kriterium der Wahrheit ansieht, entscheidet sich daran auch, ob Schleiermacher die Wahrheit lehrt\u201c (85). Somit liegen die Karten alle auf dem Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem Grosse sich Schleiermachers Erl\u00f6sungsvorstellung (86\u201388), dessen Verst\u00e4ndnis einer H\u00e4resie (88\u201392), dessen Christologie (92f), das Kreuzesverst\u00e4ndnis (94\u201398), die Trinit\u00e4tslehre (98\u2013100), Auferstehungs- und Himmelfahrtsvorstellungen (100f), dessen Bibelverst\u00e4ndnis (101), das schlechthinnige Abh\u00e4ngigkeitsgef\u00fchl (102\u2013104 und dessen Wahrheitsverst\u00e4ndnis (104f) angeschaut hat, kommt er zu dem Fazit, dass Schleiermacher nicht in den (rechtgl\u00e4ubigen) Kanon der konfessionell aufgef\u00e4cherten, klassisch-christlichen Tradition hineingeh\u00f6re (105, 107 u.&nbsp;\u00f6.). Grosse res\u00fcmiert: \u201eDie Ausarbeitung der biblischen Darlegung hat in der klassischen Tradition zu durchgehend anderen Ergebnissen gef\u00fchrt als zu dem, was Schleiermacher lehrt\u201c (105). Er folgt in seinem Urteil zum Teil Karl Barth (106).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grosse erwidert nun noch unter \u201eSchleiermachers Motive\u201c (108\u2013112) auf die \u00dcberlegungen, dass man zugunsten von Schleiermacher behaupten k\u00f6nne, er habe die \u201ealte Dogmatik\u201c zeitgem\u00e4\u00df an die neuen Umst\u00e4nde (seiner Zeit) sprachlich angepasst bzw. umgeformt, sei aber bei den klassisch-christlichen Inhalten geblieben (Prinzip der Entwicklung, E. Troeltsch, 108). Grosse \u00fcberzeugen diese Auffassungen einer zeitgem\u00e4\u00df notwendigen \u201eUmformung\u201c nicht (u.&nbsp;a. gegen U. Barths Anpassungsdruck, 111). \u201eSchleiermacher verteidigt das Christentum \u2026 so, dass es ihm unter den H\u00e4nden verschwindet\u201c (110). Das bedeutet f\u00fcr Grosse nichts anderes als \u201eEntchristlichung\u201c (111) oder, dass bei Schleiermacher \u201eKirche nicht mehr vorhanden\u201c sei (118).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im letzten Kapitel des Aufsatzes beschreibt Grosse nun noch \u201eAufgaben f\u00fcr die k\u00fcnftige Theologie\u201c (112\u2013118). Darin skizziert er, wie ein anderer Weg im Sinne der klassischen Theologie gegangen werden k\u00f6nne, um den Herausforderungen des christlichen Glaubens in der Gegenwart zu gen\u00fcgen (praeambula fidei), die eben ganz und gar nicht der Umformung in Sinne von Schleiermachers \u201eChristentumstheorie\u201c (111) entsprechen d\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Slenczkas und Grosses kontr\u00e4ren Beitr\u00e4gen sind im Grund die gegen\u00fcberliegenden Pole der Schleiermacherkontroverse exemplarisch erfasst: (A) Schleiermacher hat die klassisch-christliche Tradition an die neuzeitlichen Bedingungen angepasst und christliche Inhalte lediglich reformuliert, und doch beibehalten. Oder: (B) Schleiermacher hat den Boden der klassisch-christlichen Tradition verlassen und ist damit der H\u00e4resie zuzuordnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vier anderen Beitr\u00e4ge des Sammelbandes sind ebenfalls spannend zu lesen, erfassen sie doch interessante Einzelkomponenten in der Wahrnehmung und Deutung von Schleiermachers theologischem Schaffen. Heinrich Assel er\u00f6rtert Schleiermachers Darstellungstheorie am Beispiel des Abendmahls in Abgrenzung gegen Hegels Missverst\u00e4ndnis. Vasile Hristea diskutiert Schleiermachers Bildungstheorie samt ihrer Gegenwartsrelevanz, die \u201esich nicht anders als kulturell auswirken\u201c kann (68). Beide \u201ePro Schleiermacher-Autoren\u201c bef\u00fcrworten im Grunde das genannte Paradigma, dass Schleiermacher als Reformulierer christlicher Traditionen f\u00fcr die Gegenwart anzuerkennen und anzuwenden sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Harald Seubert aus der \u201eContra-Schleiermacher-Fraktion\u201c liefert einen lehrreichen, umfassenden und gr\u00fcndlichen Diskurs (119\u2013158), um \u201eSchleiermacher im Kontext\u201c der \u201eklassische(n) deutschen Philosophie nach Kant\u201c (119) zu erfassen. Daniel von Wachter entfaltet eindrucksvoll seine Beobachtungen, dass Schleiermachers Religion letztlich \u201ekeine erstrebenswerte oder rationale Option\u201c anbiete (181).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein n\u00fctzliches Literaturverzeichnis (183\u2013193) runden die Aufsatzsammlung ab. Der Sammelband ist allen, die privat f\u00fcr sich oder akademisch Theologie studieren oder die in einer Gemeindeleitungsfunktion stehen, zur Lekt\u00fcre empfohlen. Jeder der sechs Beitr\u00e4ge \u2013 teilweise denkerisch anspruchsvoll \u2013 liefert eine gute und notwendige Orientierung, die zum Einstieg in die theologische Denkwelt Schleiermachers geeignet ist und zur eigenen Urteilsbildung einl\u00e4dt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Berthold Schwarz, Hochschuldozent f\u00fcr Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sven Grosse (Hg.): Schleiermacher kontrovers, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2019, Pb., 196\u00a0S., \u20ac\u00a034,\u2013, ISBN 978-3-374-05975-1 \u201eSchleiermacher kontrovers\u201c, ein passender Titel f\u00fcr<\/p>\n","protected":false},"author":20,"featured_media":1116,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1115","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1115","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/20"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1115"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1115\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1118,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1115\/revisions\/1118"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1115"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1115"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1115"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}