{"id":1129,"date":"2020-10-18T12:23:30","date_gmt":"2020-10-18T12:23:30","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1129"},"modified":"2020-10-18T12:23:31","modified_gmt":"2020-10-18T12:23:31","slug":"astrid-von-schlachta-taeufer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1129","title":{"rendered":"Astrid von Schlachta: T\u00e4ufer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Astrid von Schlachta: <em>T\u00e4ufer. Von der Reformation ins 21. Jahrhundert<\/em>, UTB 5336, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto, 2020, Pb., 432\u00a0S., \u20ac\u00a026,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.utb-shop.de\/taufer-10838.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.utb-shop.de\/taufer-10838.html\">978-3-8252-5336-3<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Analog und im Gefolge zu der 500-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4umsfeier der Reformation und ihrer Anh\u00e4nger gedenken auch die T\u00e4ufer ihrer Urspr\u00fcnge und Protagonisten, auch wenn diese Form des Gedenkens innerhalb der Bewegung umstritten war und die Ausgestaltung, zum Beispiel anhand eines Menno-Denkmals im 19. Jahrhundert, problematisiert wurde (359\u2013366, hier bes. 360f). Der aus diesem Anlass entstandene Studienband mit dem schlichten Titel \u201eT\u00e4ufer\u201c beginnt mit dem Hinweis auf die erste t\u00e4uferische Glaubenstaufe am 21. Januar 1525 in Z\u00fcrich, an der u. a. die humanistisch orientierten Z\u00fcrcher B\u00fcrger Felix Mantz und Konrad Grebel beteiligt waren. Eine bedenkenswerte Reflexion setzt unmittelbar ein, welches Narrativ man den T\u00e4ufern dabei in den folgenden Jahrhunderten zuschrieb, bis hin zu den immer noch ostentativ gebrauchten Titulierungen des 20. Jahrhunderts, es handele sich um den sogenannten \u201elinken Fl\u00fcgel\u201c (Ronald H. Bainton) oder auch \u201eradikalen Fl\u00fcgel\u201c (George H. Williams) der Reformation (9\u201313). Ob es sich bei dem Ph\u00e4nomen der t\u00e4uferischen Bewegung<em>en<\/em> nun um konfessionelle Devianz handelt, also Abweichung von der Norm, ist letztlich \u2013 bis heute \u2013 eine Frage an den Standpunkt des Betrachters. Sie bestimmt auch den Jubil\u00e4umscharakter der 500-j\u00e4hrigen Geschichte, die hier entfaltet wird, oder etwas drastisch formuliert, das wider Erwarten noch existierende ekklesiologische Modell, das manchen vielleicht nur wenig Anlass zu Feierlichkeiten bietet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diesen Fragen der historischen Einordnung, theologischen Zuschreibungen und konfessionellen Beheimatungen zu begegnen, bietet die neu vorgelegte, f\u00fcr den Studienbetrieb konzipierte T\u00e4ufergeschichte einer ausgewiesenen Expertin einen hervorragenden \u00dcberblick, sowohl f\u00fcr die Selbstbestimmung im Hinblick auf das t\u00e4uferische Erbe oder als Blick von au\u00dfen f\u00fcr den historisch oder konfessionell interessierten Leser. Urspr\u00fcnglich sollte das Buch von Marion Kobelt-Groch (\u2020) mitverfasst werden, der dieses Werk nun gewidmet wurde (13). Astrid von Schlachta steht \u2013 wenn man dies so formulieren darf \u2013 ganz in der Tradition weiblicher, mennonitischer Geschichtsschreibung. Der erste \u201egro\u00dfe Wurf\u201c im 19. Jahrhundert wurde von der Emder Mennonitin Antje Brons verfasst und tr\u00e4gt den bezeichnenden Titel \u201eUrsprung, Entwicklung und Schicksale der Taufgesinnten oder Mennoniten\u201c (1884), im Hintergrund stand b\u00fcrgerliche Emanzipation und neuerwachtes Interesse an der eigenen Geschichte und deren Vergegenw\u00e4rtigung (238f). Der Name \u201eBrons\u201c ist bis heute wohlbekannt in Emden und wird nicht nur im Rahmen kulturhistorischer Angebote lebendig gehalten (s.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.frauenorte-niedersachsen.de\/die-frauen\/konfession\/antje-brons\/\">https:\/\/www.frauenorte-niedersachsen.de\/die-frauen\/konfession\/antje-brons\/<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Astrid von Schlachta beginnt in schulmeisterlicher Manier, was hier durchweg positiv verstanden werden darf, mit den Anf\u00e4ngen und Voraussetzungen der Reformation, der <em>Devotio moderna<\/em>, Luther und Zwinglis Wirken und dem Aufkommen erster t\u00e4uferischer Ideen, die nach geografischen Zentren geordnet abgearbeitet werden (20\u201324). Die Frage nach der exakten Geburtsstunde und dem Geburtsort des T\u00e4ufertums ist dabei umstritten (s. Str\u00fcbind, Eifriger als Zwingli, 121), wie von Schlachta betont, die erste Taufe in Z\u00fcrich hatte jedoch demarkatorischen Charakter und dient daher als Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr das bevorstehende Jubil\u00e4um. Von Schlachta versteht es in ihrer Darstellung, die gro\u00dfen Linien zu ziehen ohne sich in Details zu verlieren. Trotzdem werden einzelne interessante Begebenheiten, Hintergr\u00fcndiges und auch das ein oder andere Anekdotenhafte wiedergegeben, so zum Beispiel der Hinweis in der Polemik des 16. Jahrhunderts, dass der saure, erfrorene Wein in Heilbronn 1529 als \u201ewiderteuffer\u201c bezeichnet wurde (75; diese Verunglimpfung befindet sich \u00fcbrigens ebenso in der Stadtchronik der kurpf\u00e4lzischen Oberamtsstadt Kaiserslautern 1529).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Basis f\u00fcr diese schm\u00fcckenden und erhellenden Details und Realia sind unter anderem, neben den bew\u00e4hrten \u201eMennonitischen Bl\u00e4ttern\u201c, die Best\u00e4nde der Mennonitischen Forschungsstelle Weierhof, die <em>nota bene<\/em> herangezogen wurden. Archivbest\u00e4nde in Form von Briefen, Erkl\u00e4rungen und Repliken geben tiefe Einblicke in mennonitisches, hutterisches oder auch amisches Selbstverst\u00e4ndnis im Wandel der Zeit. Insbesondere in dem wichtigen Kapitel 7 \u201eIntegration \u2013 Prozesse der Akkulturation\u201c (237\u2013314) gewinnt man einen f\u00fcr manchen Leser neuen Einblick in t\u00e4uferische Lebensart, Zeitgef\u00fchl und vor allem die Herausforderung im Umgang mit der jeweils neuen Umgebung. Die fr\u00fchneuzeitliche Verfolgungssituation bestand im 19. Jahrhundert nicht mehr wie zuvor, mahnende Stimmen wurden wach und riefen zur\u00fcck zur Standhaftigkeit und Absonderung der ersten M\u00e4rtyrer, andere wiederum sahen die Zukunft in einer gesteuerten und reflektierten Assimilation an die \u201eWelt\u201c. Das Ende der Amischen als exklusives Gemeinde-Modell innerhalb des T\u00e4ufertums in Deutschland beschreibt hierbei, wie ein Jahrhunderte andauerndes Ringen um die rechte Ekklesiologie, letztlich Weltauffassung damit seinen Schlusspunkt erreichte. Die massive Auswanderungswelle tat das Ihre dazu. Die Amische Gemeinde Zweibr\u00fccken vereinigte sich 1937 mit der hiesigen Mennonitengemeinde (264\u2013267, hier 267). Wohlgemerkt gilt diese Entwicklung nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr bspw. Lancaster County\/Penn. und die nach wie vor bestehenden \u201eold order\u201c-Gruppen, die etwa 10% der Mennoniten in den USA ausmachen (301\u2013304.341).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das schon seit den Anf\u00e4ngen umstrittene und charakteristische Glaubensprinzip vieler t\u00e4uferischer Gruppen, sc. die Wehrlosigkeit und die Eidverweigerung, das immer wieder als Affront gegen die Obrigkeit verstanden wurde, aber auch sachliche Diskussionen hervorbrachte (136\u2013138), gewann mit dem 18. und 19. Jahrhundert eine neue Dimension. Nicht zuletzt die westpreu\u00dfische Expansion brachte neue Bewertungen ins Spiel, man berief sich u. a. auf Menno Simons und die scheinbar nicht vorhandene Negierung von Waffengebrauch zu \u201eeinem guten Zweck\u201c (280\u2013287, hier bes. 284f). Bereits die sogenannten Artikel von Wismar aus der Feder Simons (1554) legten nahe, Waffen zur Verteidigung auf Reisen einsetzen zu d\u00fcrfen (138). Binnenmennonitische Diskussionen folgten, die einen neuralgischen Punkt aufdeckten, das Selbstverst\u00e4ndnis im gesellschaftlichen Wandel angesichts zum Beispiel uniformierter Mennoniten und politisch aktiver \u00c4ltester. Neuzeitlicher Pazifismus, jedoch ebenso aufkommender Nationalismus stellten die \u2013 stereotyp formuliert \u2013 <em>Friedenskirchen<\/em> der Reformationszeit vor ungeahnte Transformationsprozesse (287\u2013293).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor von Schlachta in den beiden letzten lesenswerten Kapiteln (8 &amp; 9) einen Blick auf die aktuelle weltweite Situation und die Bedeutung mennonitischer Kunst und Kultur wirft, wird zun\u00e4chst noch eine historische Entwicklung geschildert, die bis heute von Bedeutung ist im Hinblick auf die Au\u00dfenwahrnehmung der T\u00e4ufer (z.&nbsp;B. in den Medien) und nach wie vor virulente innergemeindliche Konflikte (z.&nbsp;B. in manchen Freikirchen). Gemeint ist die folgenreiche Emigration nach Nordamerika (293\u2013306) und S\u00fcdrussland (306\u2013314). Geschilderte Konflikte im Rahmen von Gemeindeneugr\u00fcndungen, Mut zum Separatismus, die Macht der \u00c4ltesten bis hin zum Personenkult, der nicht ausbleibende Kulturschock hinsichtlich Geschmacks- und Lebensstilfragen liest sich an manchen Stellen wie ein Auszug aus, nat\u00fcrlich ungedruckten, Gemeindechroniken neuster Zeit (s. nur 296, 298[!], 302f, 304). Die Schilderung neuer Kolonien, allen voran Chortitza und Molotchna in der heutigen Ukraine, ist bis dato wichtig um die enge, notgedrungene Verbindung von indigener Kultur und mitgef\u00fchrter Religion zu verstehen. Eine am Fluss Molotchna gelegene Parallelgesellschaft mit 57 D\u00f6rfern und wohlklingenden deutschen Namen entstand. Einfl\u00fcsse erwecklich-chiliastischer Theologen (Heinrich Jung-Stilling, Bengel etc.), die Abspaltung von 1860 und die Entstehung der Mennoniten-Br\u00fcdergemeinden (MBG) unter baptistischen Auspizien sowie die nachhaltige Russifizierung werden erw\u00e4hnt (306\u2013314). Faszinierend in diesem Abschnitt ist der Tatbestand, dass die dort genannten Namenspatronen und Richtungsgeber bis heute zumindest dynastisch fortbestehen. Eine heuristische Studie hierzu w\u00e4re interessant. Sicher ist mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts und dem damit einhergehenden Generationswechsel eine grundlegende Neujustierung eingetreten. Mentalit\u00e4tsgeschichtlich betrachtet k\u00f6nnen jedoch Deutungsmuster und Weltwahrnehmung \u00fcber Generationen hinweg milieubedingt weiterleben. In Summe: Die schon immer vorhandene Diversit\u00e4t der T\u00e4ufer h\u00e4lt an und bietet eine beachtliche Spannbreite alleine im deutschen Sprachraum (bspw. zwischen der norddeutschen Liberalit\u00e4t einer eher freigeistigen Emder Gemeinde und den nicht nur wertkonservativen russlanddeutschen Aussiedlern in ihren westdeutschen Zentren; 332f, 344\u2013348).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der gelungene Studienband aus der UTB-Reihe schlie\u00dft mit einer kurzen Besinnung \u201eWas bleibt von den T\u00e4ufern?\u201c (383\u2013388) und mehreren hilfreichen Registern. F\u00fcr den Gebrauch im Studien- und Vorlesungsbetrieb sind QR-Codes eingestreut, die zu zentralen Quellentexten und reflexiven Fragestellungen f\u00fchren. Fachtermini werden in diversen Schauk\u00e4sten erl\u00e4utert. Alles in allem ist der Band didaktisch gut aufbereitet und unter Umst\u00e4nden auch f\u00fcr den Religionsunterricht in der Oberstufe nutzbar. Formale Fehler konnte der Rezensent kaum wahrnehmen (s.&nbsp;308, 350), nur im Fall der bedeutenden Studie von Andrea Str\u00fcbind \u201eEifriger als Zwingli\u201c handelt es sich um deren Habilitationsschrift und nicht Dissertation (356). Am Rande: Schriesheim a.&nbsp;d. Bergstr. als \u201eOdenw\u00e4lder Ort\u201c (217) im Zusammenhang mit dem Radikalpietisten Alexander Mack zu bezeichnen, ist zumindest geografisch diskutabel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu guter Letzt: Zu bedenken w\u00e4re noch, ob man unter dem Titel \u201eT\u00e4ufer\u201c nicht auch weitere Dissidenten, wie zum Beispiel die \u2013 nomen est omen \u2013 Baptisten h\u00e4tte subsumieren k\u00f6nnen. Sie entstammen bekanntlich dem englischen Nonkonformismus des 17. Jahrhunderts und nicht unmittelbar der reformatorischen T\u00e4uferbewegung. Ein Reformationshistoriker von Rang hat sie trotzdem in seine ebenso neu vorgelegte, deutlich k\u00fcrzer geratene T\u00e4ufergeschichte aufgenommen und \u00fcberraschend positiv bewertet (s.\u00a0Thomas Kaufmann, <em>Die T\u00e4ufer. Von der radikalen Reformation zu den Baptisten<\/em>, M\u00fcnchen: C. H. Beck 2019). Kontroverse Debatten hier\u00fcber unter Religionsverwandten sind willkommen und stehen in gut t\u00e4uferischer Tradition.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Thomas Kl\u00f6ckner ist Pastor der EFG Kaiserslautern und Habilitand der JGU Mainz.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Astrid von Schlachta: T\u00e4ufer. Von der Reformation ins 21. 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