{"id":1136,"date":"2020-10-18T12:42:33","date_gmt":"2020-10-18T12:42:33","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1136"},"modified":"2020-10-18T12:42:34","modified_gmt":"2020-10-18T12:42:34","slug":"johann-gerhard-von-der-heiligen-schrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1136","title":{"rendered":"Johann Gerhard: Von der Heiligen Schrift"},"content":{"rendered":"\n<p>Johann Gerhard: <em>Von der Heiligen Schrift<\/em>, \u00fcbers. u. hg. von Heinrich Martin Wigant Kummer, Bibliothek lutherischer Klassiker 2, Neuendettelsau: Gesellschaft f\u00fcr Innere und \u00c4u\u00dfere Mission \/ Abt. Freimund Verlag, 2019, Hb., 756\u00a0S., \u20ac\u00a034,90, ISBN <a href=\"https:\/\/webshop.freimund-verlag.de\/produkt\/von-der-heiligen-schrift-johann-gerhard\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/webshop.freimund-verlag.de\/produkt\/von-der-heiligen-schrift-johann-gerhard\/\">978-3-946083-30-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Nach dem \u201eHandbuch der vornehmsten Hauptteile der christlichen Lehre\u201c (1579) von Martin Chemnitz erscheint in der Reihe \u201eBibliothek lutherischer Klassiker\u201c ein weiteres bedeutendes Werk der lutherischen Orthodoxie, Johann Gerhards Abhandlung \u201eVon der Heiligen Schrift\u201c (1625): Ein Buch im Bibelformat, das aber nur Johann Gerhards Schriftlehre behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00dcbersetzer Heinrich M. W. Kummer hat als Lektor, \u00dcbersetzer und Pfarrer gearbeitet und lebt in W\u00fcrttemberg im Ruhestand. Er hat in diesem Werk nicht, wie man vermuten k\u00f6nnte, den Locus <em>De Scriptura Sacra<\/em> aus den ber\u00fchmten <em>Loci theologici<\/em> von Gerhard \u00fcbersetzt und herausgebeben. Vielmehr bildet seine \u2013 inzwischen digital einsehbare (SLUB Dresden, Bayer. Staatsbibl.) \u2013 lateinische Vorlage den ersten Teil der 1625 erschienenen Abhandlung \u00fcber Heilige Schrift, Gotteslehre und Christologie <em>Exegesis sive uberior explicatio articulorum de Scriptura Sacra, de Deo et de persona Christi <\/em>&#8230; (1625, S. 21\u2013592), der in den ab 1610 publizierten <em>Loci <\/em>nicht mit derselben Ausf\u00fchrlichkeit behandelt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Kummer hat Gerhards Schriftlehre nach der <em>Exegesis <\/em>von 1625 nicht nur \u00fcbersetzt, sondern auch mit den anderen fr\u00fchen Drucken verglichen, und so mit Anmerkungen \u2013 etwa zu Gerhards Randbemerkungen \u2013 eine anspruchsvolle Ausgabe geschaffen. Zuerst ging der Herausgeber nach dem Text der Ausgabe von Eduard Preuss vor (1863, <em>De Scriptura Sacra<\/em>, S. 8\u2013240), verglich ihn dann nach Friedrich Cottas Edition (1. Band 1762, darin die Schriftlehre: 1. u. 2. Locus, S. 1\u201391 und die Schriftlehre der <em>Exegesis <\/em>im 2. Band 1763, 1\u2013427) auch mit der Ausgabe von Gerhards Sohn Johann Ernst Gerhard (1657, Tomus 1, S. 11\u2013216), um die verschiedenen Varianten schlie\u00dflich mit dem Digitalisat des Originals der <em>Exegesis <\/em>von 1625 abzugleichen. Im Ergebnis wirkt der Text mit 3.584 Anmerkungen dann zwar etwas un\u00fcbersichtlich, aber diese Eigenschaft teilt er mit den anderen benutzten Ausgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Johann Gerhard behandelt die Schriftlehre in 27 Kapiteln (HS = Heilige Schrift): 1. Die Onomatologie der HS (19\u201326); 2. Die Wirkursache der HS (27\u201350); 3. Die Autorit\u00e4t der HS (51\u201371); 4. Der Stoff der Heiligen Schrift (72\u201373); 5. Die Einteilungen der biblischen B\u00fccher (74\u201377); 6. Die kanonischen und apokryphen B\u00fccher im Allgemeinen (78\u2013129); 7. Die kanonischen B\u00fccher des Alten Testamentes im Einzelnen (130\u2013167); 8. Die apokryphen B\u00fccher des Alten Testamentes im Einzelnen (168\u2013239); 9. Die neutestamentlichen kanonischen B\u00fccher erster Ordnung (240\u2013270); 10. Die neutestamentlichen kanonischen B\u00fccher zweiter Ordnung (271\u2013308); 11. Die apokryphen und verwerflichen B\u00fccher des Neuen Testaments (309\u2013313); 12. Die Form der HS (314\u2013318); 13. Die Authentie des Schrifttextes (319\u2013329); 14. Die Integrit\u00e4t des hebr\u00e4ischen Textes 330\u2013346); 15. Die Vokalisationspunkte \u2013 Sind sie so alt wie der biblische Kodex? (347\u2013366); 16. Die Integrit\u00e4t des griechischen Textes im Neuen Testament (367\u2013376); 17. Absicht und Wirkung der HS (377\u2013382); 18. Die Vollkommenheit der HS (383\u2013419); 19. Die ungeschriebenen \u00dcberlieferungen (420\u2013447); 20. Die Deutlichkeit der Schrift (448\u2013476); 21. Die Norm und Richtschnur kirchlicher Lehren und Streitfragen (477\u2013496); 22. Der Richter kirchlicher Kontroversen (497\u2013528); 23. Das Objekt der HS (529\u2013546); 24. Die \u00dcbersetzungen der HS (547\u2013589); 25. Die Auslegung der HS (590\u2013597); 26. Der Usus dieses Artikels (598); 27. Definition der Schrift (599).<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00dcberblick zeigt, dass Gerhard viele Themen verhandelt, die wir heute bei den Einleitungsfragen in der alt- oder neutestamentlichen Exegese suchen w\u00fcrden. Ausf\u00fchrlich zitiert er Kirchenlehrer aus der Epoche der Alten Kirche, aber auch aus Mittelalter und Neuzeit, die die evangelische Lehre best\u00e4tigen (z.&nbsp;B. 25f). Stellenweise liest sich seine Argumentation wie ein Vorl\u00e4ufer sp\u00e4terer kontroverstheologischer Schriften, die die private Bibellekt\u00fcre kirchlicher Laien verteidigen (z.&nbsp;B. 529\u2013543, vgl. C. W. Franz Walchs \u201eKritische Untersuchung vom Gebrauch der HS unter den alten Christen in den vier ersten Jahrhunderten\u201c, 1779; dazu A. Harnack, \u201e\u00dcber den privaten Gebrauch der heiligen Schriften in der Alten Kirche\u201c, 1912).<\/p>\n\n\n\n<p>Gerhards \u201eDefinition der Schrift\u201c im letzten Kapitel (599, \u00a7539) k\u00f6nnte auch dem ganzen Werk vorangestellt werden: \u201eDie Heilige Schrift ist das Wort Gottes, das, nach seinem Willen von Propheten, Evangelisten und Aposteln niedergeschrieben, die Lehre von seinem Wesen und seinem Willen vollkommen und deutlich entfaltet, damit die Menschen durch dasselbe zum ewigen Leben unterwiesen werden.\u201c Gott ist die <em>Haupt<\/em>ursache der HS (27ff), <em>werkzeugliche <\/em>Ursache der HS sind heilige Gottesmenschen, die als \u201eGottes Schreiber, Christi H\u00e4nde und des Heiligen Geistes Sekret\u00e4re oder Notare\u201c verstanden werden (34). Aus mehreren Gr\u00fcnden ist es n\u00f6tig, dass Gottes Wort in der Kirche niedergeschrieben werden musste (34ff). Ihre Autorit\u00e4t gr\u00fcndet auf Gott und nicht auf der Kirche (53). Die f\u00fcnf Aufgaben der Kirche dagegen sind: Ein Zeuge der HS zu sein, W\u00e4chter, Verteidiger, Herold und Ausleger (55).<\/p>\n\n\n\n<p>In der kontroverstheologischen Auseinandersetzung um den Umfang der HS er\u00f6rtert Gerhard in den folgenden Kapiteln Einleitungsfragen. Hier finden sich Argumente, die auch heute noch verwendet werde, zum Beispiel bei der Frage der Historizit\u00e4t des Hiobbuches (139\u2013147). Umfangreich wird die Frage nach Alter und Autorschaft der Apokryphen des Alten Testaments behandelt (8. Kap., 168\u2013239). Zum Problem des neutestamentlichen Kanons zitiert Gerhard zahlreiche altkirchliche Schriftsteller zu Fragen von Echtheit und Herkunft (Kap. 9). Ausf\u00fchrlich werden die neutestamentlichen B\u00fccher \u201ezweiter Ordnung\u201c besprochen: Hebr\u00e4er (10. Kap., 271\u2013281), Jakobus (281\u2013286), 2. Petrus (286\u2013288), 2. u. 3. Johannesbriefe (289\u2013290); Judas (290\u2013295) und die Apokalypse (295\u2013308).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Inspiration ist f\u00fcr Gerhard \u201einnere Form\u201c der HS (12. Kap., 314), ihre \u201e\u00e4u\u00dfere Form\u201c sind die Ursprachen Hebr\u00e4isch und Griechisch. \u00dcberzeugend belegt er, dass der lateinische Text nicht zu bevorzugen ist (13. Kap., 320ff). Beim hebr\u00e4ischen Text ist ihm wichtig, dessen Integrit\u00e4t nachzuweisen (14. Kap.). Das Alter der Vokalisierung des hebr\u00e4ischen Textes sieht die alttestamentliche Wissenschaft heute sicher anders als Gerhard, der bei diesem Thema \u2013 wie auch bei anderen \u2013 Argumente gegen eine von katholischer Seite behauptete Unsicherheit des Textes sucht (15. Kap., 348ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Katholische und weigelianische Positionen seiner Zeit, die wie moderne Ansichten historisch-kritischer Exegese klingen, bek\u00e4mpft Gerhard: Die HS ist kein toter Buchstabe, dem die Kirche erst Bewegung und Sinn einhaucht (356). Sie sei nicht mehrdeutig und dunkel, so dass sie jeder in seinem Sinne auslegen k\u00f6nne (476).<\/p>\n\n\n\n<p>Die HS hat das Ziel, heilsame Erkenntnis und Verehrung Gottes zu schaffen (17. Kap., 377). Im Blick auf dieses Ziel ist sie Gottes Lehrstuhl, Schule, Heilpraxis und geistliche Apotheke, Waffenr\u00fcstung und R\u00fcstkammer, sie ist Gottes Hand, die f\u00fchrt (378). Vollkommen ist die Schrift nicht \u00e4u\u00dferlich nach der Zahl der B\u00fccher, sondern nach der Suffizienz der Lehren, deren Kenntnis heilsnotwendig ist (18. Kap., 383f). Dass sie als Norm und Richtschnur kirchlicher Lehren und Streitfragen verwendet wird, kann aus den Kirchenv\u00e4tern belegt werden (21. Kap., 486\u2013490). Sie entscheidet kirchliche Kontroversen, denn das innere Zeugnis des Heiligen Geistes und neue Offenbarungen k\u00f6nnen nicht Richter bei Kontroversen \u00fcber Glaubensfragen sein (506, ebenso 507\u2013509 gegen die Autorit\u00e4t des Papstes, der Konzilien und auch der Kirchenv\u00e4ter, insofern sie der Schrift widersprechen).<\/p>\n\n\n\n<p>Beim \u00dcberblick \u00fcber Gerhards Argumentation wird deutlich, dass er sich in vielem eng an die Konkordienformel h\u00e4lt. Die Beweisf\u00fchrung der theologischen Gegner wird haupts\u00e4chlich an Bellarmins Texten dargestellt und kritisiert. \u00d6fter finden sich auch Seitenhiebe auch gegen Calvinisten, \u201ePhotinianer\u201c (\u201evern\u00fcnftig\u201c argumentierende Unitarier) und Weigelianer, wenn sie abweichende Positionen vertreten (418f). Die Zahl der Belege aus Kirchenv\u00e4terschriften, aus der Zeit der Sp\u00e4tantike und dem Mittelalter ist imposant (vgl. 456). Auch j\u00fcdische und humanistische Schriftsteller der fr\u00fchen Neuzeit werden im Text immer wieder angef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen ersten \u00dcberblick \u00fcber Gerhards Argumentation eignet sich die beigef\u00fcgte \u00dcbersicht \u201eInhalt der Abschnitte nach Paragraphen\u201c (676\u2013723). Das Bibelstellenregister f\u00fchrt zur exegetischen Diskussion dogmatischer Topoi hin (724\u2013734), w\u00e4hrend das Namensregister eher un\u00fcbersichtlich ist, weil es nicht nach den gegenw\u00e4rtigen bibliothekarischen Regeln zur Erfassung antiker, mittelalterlicher und neuerer Namen erstellt wurde. Einem wissenschaftlichen Leserkreis wird dies wohl keine Schwierigkeiten machen, und andere Leser d\u00fcrfte es nicht interessieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Heinrich M. W. Kummers Ausgabe von Johann Gerhards Schriftlehre er\u00f6ffnet einen leichten Zugang zur Diskussion \u00fcber die Heilige Schrift in der Zeit der altprotestantischen Orthodoxie. Die vorliegende \u00dcbersetzung erleichtert den Einstieg in eine Zeit, mit der sich viele wegen fehlender bzw. mangelhafter Lateinkenntnisse oder sp\u00e4terer vermeintlich aufgekl\u00e4rter Kritik nicht zu besch\u00e4ftigen trauen. Wer sich das Werk mutig vorkn\u00f6pft, wird davon profitieren, auch wenn der Band nicht mit den Editionsprinzipien der wissenschaftlichen kritischen Ausgabe von Johann Gerhards Werken in der Reihe <em>Doctrina et Pietas<\/em> (DeP, Stuttgart: Frommann-Holzboog) mithalten kann. W\u00e4hrend die Titel dieser Reihe sehr teuer sind (\u20ac\u00a0518,\u2013 kostet der lat.-dt. <em>Tractatus de legitima scripturae sacrae interpretatione<\/em> 1610), kann sich jeder die Gerhard-\u00dcbersetzung von Kummer leisten. F\u00fcr diese angenehme Preisgestaltung muss dem Freimund-Verlag Neuendettelsau ausdr\u00fccklich gedankt werden!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Gerhard: Von der Heiligen Schrift, \u00fcbers. u. hg. von Heinrich Martin Wigant Kummer, Bibliothek lutherischer Klassiker 2, Neuendettelsau: Gesellschaft<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1137,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1136","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1136"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1138,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1136\/revisions\/1138"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1137"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}