{"id":1139,"date":"2020-10-18T12:45:57","date_gmt":"2020-10-18T12:45:57","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1139"},"modified":"2020-10-18T12:45:58","modified_gmt":"2020-10-18T12:45:58","slug":"dietrich-bonhoeffer-du-wartest-jede-stunde-mit-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1139","title":{"rendered":"Dietrich Bonhoeffer: Du wartest jede Stunde mit mir"},"content":{"rendered":"\n<p>Dietrich Bonhoeffer: <em>Du wartest jede Stunde mit mir: Die Briefe aus dem Gef\u00e4ngni<\/em>s, Gie\u00dfen: Brunnen, 2019, geb., 400\u00a0S., \u20ac\u00a020,60, ISBN <a href=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/du-wartest-jede-stunde-mit-mir.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/du-wartest-jede-stunde-mit-mir.html\">978-3-7655-1650-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Vor f\u00fcnfundsiebzig Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer am 9. April 1945 in Flossenb\u00fcrg hingerichtet. Der Leipziger Praktische Theologe Peter Zimmerling hat seit 2016 wichtige Werke und Sammlungen von kleineren Schriften, Predigten und anderen Texten Bonhoeffers im Brunnen-Verlag Gie\u00dfen herausgebracht. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Lebenswerk des Berliner Theologen 1951 durch einen Band mit Gef\u00e4ngnisbriefen weltweit bekannt. Zimmerlings neue Edition 2019 hat den Vorteil, dass alle 113 Briefe Dietrich Bonhoeffers an seine Eltern und seinen Freund Eberhard Bethge sowie die erst nach dem Tod der Verlobten Maria von Wedemeyer 1992 ver\u00f6ffentlichten Brautbriefe in chronologischer Reihenfolge in einem Band vereinigt sind. In seiner Einf\u00fchrung (13\u201329) fasst der Herausgeber zusammen, welche Themen und Aspekte dieser erstmaligen Gesamtauflage von Bonhoeffers Briefen wichtig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Dietrich Bonhoeffer war von April 1943 bis Januar 1945 f\u00fcr einundzwanzig Monate inhaftiert. In seinen Briefen zeigt sich, wie belastend die Lage des Inhaftierten oft war. Obwohl er seinen Tagesablauf diszipliniert einhielt schwankte seine Stimmung immer wieder zwischen Zuversicht und Schwermut, zwischen Selbstzweifel und Gottvertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Regel liest er t\u00e4glich die Bibel, die Herrnhuter Losungen und Psalmen (30) und profitiert geistlich von Paul-Gerhardt-Liedern (vgl. 45, 360). Zwischen den Mahlzeiten arbeitet er theologisch, bildet sich z.&nbsp;B. in englischer Grammatik fort oder liest wichtige allgemeinbildende Werke vgl. 102). Er lebt mit den Festen des Kirchenjahres (z.&nbsp;B. 105: Reformationsfest, 319f), mit der Erinnerung an kirchenmusikalische Auff\u00fchrungen und an weitere Konzerte, die er fr\u00fcher mit Familie und Freunden besuchen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich sp\u00fcrt der Leser die verschiedenen Stimmungen der N\u00e4he und pers\u00f6nlicher, ja intimer Ansprache in den Briefen an die Eltern Karl und Paula Bonhoeffer, an die Braut Maria und an seinen Freund Eberhard Bethge.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft thematisiert Bonhoeffer den Gef\u00e4ngnisalltag in Berlin-Tegel und Kreuzberg mit dem einzigen Kommunikationsmittel der Briefe, die angekommen bzw. noch nicht eingetroffen sind. Er w\u00fcnscht sich B\u00fccher, die er gerne lesen w\u00fcrde. Der Inhaftierte berichtet von Rheuma-Sch\u00fcben (106, 121), will sich Pervitin verschreiben lassen (119, 311) dankt f\u00fcr Esspakete, f\u00fcr Mitgebrachtes, Geschenke, Blumen und Tabak, die anl\u00e4sslich der meist ganz kurzfristig angek\u00fcndigten Besuche \u00fcbergeben oder zum Gef\u00e4ngnis gebracht werden. Immer wieder erw\u00e4hnt Bonhoeffer die starken Luftangriffe auf Berlin (z.&nbsp;B. 131f, 197, 312f, 333, 363).<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdenken \u00fcber Menschliches, Geistliches und Theologisches sind eng miteinander verwoben. Bonhoeffer hofft sehns\u00fcchtig, bald freigelassen zu werden. Er will wieder mit realen Menschen zu tun haben, mit seiner Familie zusammen sein und mit ihnen Feste feiern. Er berichtet von seinem Prozess, der nicht vorw\u00e4rtsgeht, und er ist ersch\u00fcttert, dass schon \u00fcber drei\u00dfig seiner ehemaligen Sch\u00fcler im Predigerseminar an der Front ihr Leben lassen mussten (71). Gelegentlich flie\u00dfen Erinnerungen an seine Hochschullehrer Adolf von Harnack und Karl Holl ein (44, 106, 111 200f).<\/p>\n\n\n\n<p>Von den theologischen Themen seiner Gef\u00e4ngnisbriefe wurden nach 1951 besonders Bonhoeffers fragmentarische \u00c4u\u00dferungen \u00fcber die nicht-religi\u00f6se Interpretation christlicher Begriffe in einer religi\u00f6s sprachlos gewordenen Welt bekannt. Die Autonomie des Menschen ist \u201ezu einer gewissen Vollst\u00e4ndigkeit gekommen\u201c, alle wichtigen Fragen sind f\u00fcr diesen Menschen \u201eohne Gott\u201c erkl\u00e4rbar (327). In einer religionslos gewordenen Welt muss die Verk\u00fcndigung eine andere Sprache sprechen als in Zeiten, in denen man ein religi\u00f6ses Apriori annehmen konnte (vgl. 278\u2013284, 314, 330, 345ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser kurze \u00dcberblick \u00fcber den Inhalt der Bonhoefferbriefe soll vergegenw\u00e4rtigen, dass hier nicht der Held der Nachkriegsdeutung, sondern ein Mensch, der in Glauben und Denken ringt, an \u201edie vier Menschen, die mir in meinem Leben am n\u00e4chsten stehen\u201c (129) schreibt. Zimmerlings Gesamtausgabe der Briefe Dietrich Bonhoeffers ist eine gute Gelegenheit, sich neu mit der Fr\u00f6mmigkeit und dem Denken des heute prominentesten Theologen in der Zeit des Dritten Reichs zu besch\u00e4ftigen. Die vorliegende Zusammenstellung der Briefe wird noch weitere Kreise erreichen als schon die bisherigen Sammlungen. \u2013 Wer sich n\u00e4her mit Bonhoeffers Gef\u00e4ngnisbriefen besch\u00e4ftigen will, sei auf den folgenden Titel hingewiesen: D. B., <em>Theologische Briefe aus ,Widerstand und Ergebung\u2018<\/em>, Gro\u00dfe Texte der Christenheit (GTCh), Bd. 2, hrsg. u. kommentiert von Thorsten Dietz, Leipzig: EVA, 2017, ISBN 978-3-374-05011-6.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dietrich Bonhoeffer: Du wartest jede Stunde mit mir: Die Briefe aus dem Gef\u00e4ngnis, Gie\u00dfen: Brunnen, 2019, geb., 400\u00a0S., \u20ac\u00a020,60, ISBN<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1140,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1139","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1139","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1139"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1139\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1141,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1139\/revisions\/1141"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1140"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1139"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1139"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1139"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}