{"id":1146,"date":"2020-10-18T13:23:52","date_gmt":"2020-10-18T13:23:52","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1146"},"modified":"2020-10-18T13:27:49","modified_gmt":"2020-10-18T13:27:49","slug":"peter-zimmerling-mitten-im-gelaerm-das-innere-schweigen-bewahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1146","title":{"rendered":"Peter Zimmerling: Mitten im Gel\u00e4rm das innere Schweigen bewahren"},"content":{"rendered":"\n<p>Peter Zimmerling: <em>Mitten im Gel\u00e4rm das innere Schweigen bewahren. Aspekte mystischer Spiritualit\u00e4t im Protestantismus<\/em>, Herrenalber Forum Band 79, 2. erweiterte Auflage, Karlsruhe: Evangelische Akademie Baden, 2019, Pb, 116&nbsp;S., \u20ac&nbsp;11,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.ev-akademie-baden.de\/html\/aktuell\/aktuell_u.html?e=6&amp;m=2342&amp;scene=detail&amp;tab=detail&amp;artikel=8323\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.ev-akademie-baden.de\/html\/aktuell\/aktuell_u.html?e=6&amp;m=2342&amp;scene=detail&amp;tab=detail&amp;artikel=8323\">978-3-89674-595-8<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Mit seinem Vortrag bez\u00fcglich der aktuellen Diskussion um die Mystik wurde der Leipziger Theologe Peter Zimmerling mit dem 2014 Bad Herrenalber Akademiepreis gew\u00fcrdigt, welcher das Gespr\u00e4ch zwischen Theologie und Gesellschaft f\u00f6rdern will. Anl\u00e4sslich der Preisverleihung hielt Zimmerling einen Festvortrag, dessen Thema die unabwendbare Verbundenheit zwischen der innerlichen und \u00e4u\u00dferlichen Mystik betonte. Die beiden Beitr\u00e4ge, die er w\u00e4hrend seines Festvortrages geliefert hat, liegen jetzt in der Reihe \u201eHerrenalber Forum\u201c vor, und werden in der jetzigen erweiterten Neuauflage des Bandes durch zwei weitere Beitr\u00e4ge erg\u00e4nzt. Das Buch ist nicht nur einladend und \u00fcberzeugend f\u00fcr diejenigen, die ohnehin schon ein Interesse an christlicher Mystik haben und sie zu sch\u00e4tzen wissen, sondern es ist auch gut geeignet als eine \u00fcbersichtliche Orientierungshilfe f\u00fcr den christlichen Mainstream, der sich zunehmend nach vertiefter Spiritualit\u00e4t sehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Hauptteil stellt Pfarrer Max nach einer kurzen biografischen Zusammenfassung von Zimmerlings Leben dar, dass es in der evangelischen Kirche eine implizite Ablehnung gegen\u00fcber der Mystik gibt. Eine solche Einstellung w\u00e4re ein gro\u00dfes Defizit, weil Mystik nicht nur zum gelebten Glauben geh\u00f6rt, sondern diese Art von \u201eSpiritualit\u00e4t k\u00f6nnte ein Beitrag sein zu einem guten Miteinander \u00fcber kulturelle und religi\u00f6se Grenzen hinweg\u201c (10). Im Sinne von einer wissenschaftlich begr\u00fcndeten und existenziell wichtigen Wiederherstellung einer Betonung der christlichen Spiritualit\u00e4t, unterstreicht er, wie nennenswert der langj\u00e4hrige Beitrag von Zimmerling bez\u00fcglich dieses Themas ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem ersten Beitrag zeigt Zimmerling, dass obwohl der Alltagsbezug des Glaubens zum wahren Leben ein konstitutives Merkmal des Protestantismus schon immer gewesen war, es trotzdem eine eingewurzelte Skepsis gibt, in welcher, \u201edie Beziehung zwischen Mystik und Protestantismus lange Zeit als Problemgeschichte\u201c sichtbar wird (17). Zimmerling betrachtet eine Trennung des Protestantismus von der Mystik als ausgeschlossen, da nach seiner Definition die Mystik die \u201eerfahrungsbezogene Seite der Theologie\u201c ist (18). Er erkl\u00e4rt weiter, dass das Ziel der Mystik sich essenziell mit der Erfahrung und Begegnung Gottes besch\u00e4ftigt, dabei notwendigerweise innerhalb einer gelebten, konfessionell bestimmten Religion verortet ist, und sich grunds\u00e4tzlich am biblischen Wort und an der Person Jesu Christi orientiert (19\u201323).<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne eine tiefgreifende biblisch normierte theologische Reflexion mystischer Erlebnisse stehe man in der Gefahr, das rationalistische Unbehagen und die Kritik bez\u00fcglich der Glaubw\u00fcrdigkeit und Authentizit\u00e4t einer subjektiv-emanzipierten Gotteserfahrung zu rechtfertigen. Dennoch. Der Schwerpunkt ist und bleibt es, den theoretischen Inhalt der christlichen Theologie praktisch zu erfahren, eine Gewissheit der N\u00e4he Gottes zu lernen, und sich dann von dieser Erfahrung pers\u00f6nlich ver\u00e4ndern zu lassen. So ein Ansatz hat den Vorteil die, \u201evon Sehnsucht nach Erlebnissen gepr\u00e4gten Postmoderne\u201c (36) effektiv ansprechen zu k\u00f6nnen, sowie die, \u201edie den Glauben nicht l\u00e4nger blo\u00df denken, sondern mit allen Sinnen sp\u00fcren wollen\u201c (37). Nat\u00fcrlich ist es sinnvoll achtsam damit umzugehen die Rolle von Erfahrung bez\u00fcglich einer privaten geistlichen Verwirklichung nicht zu \u00fcbertreiben (39). Abschlie\u00dfend hebt Zimmerling hervor, dass die gew\u00fcnschte Auswirkung einer gesunden mystischen Spiritualit\u00e4t zu einer Reife und Demut f\u00fchrt, weil in der Gegenwart Gottes uns seine \u201eFremdheit und Ferne\u201c bewusst wird (48).<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Hauptteil besch\u00e4ftigt sich mit dem ehemaligen schwedischen Generalsekret\u00e4r der UNO, Dag Hammarskj\u00f6ld (1905\u20131961). Nach einer interessanten biografischen Skizze bringt Zimmerling vier Aspekte seiner pers\u00f6nlichen Spiritualit\u00e4t, die auch in die Gegenwart \u00fcbertragbar seien, hervor. Erstens, Hammarskj\u00f6ld, wie viele Mystiker vor ihm, praktizierte eine bewusste Strategie, weil es nur so m\u00f6glich sei, \u201edie leise Stimme Gottes zu h\u00f6ren, die sonst vom L\u00e4rm des Tages \u00fcbert\u00f6nt wird\u201c (80). Zweitens, betonte Hammarskj\u00f6ld, dass Gott nur im Inneren des Menschen erfahrbar w\u00e4re (81). Drittens, der H\u00f6hepunkt dieser angestrebten Gotteserfahrung k\u00f6nne potenziell eine Einheitserfahrung mit Gott sein. Viertens, die Vollendung des mystischen Weges von Hammarskj\u00f6ld kann auch das Martyrium zur Folge haben. Zum Abschluss bietet Zimmerling zwei bereichernde Impulse, die man von Hammarskj\u00f6ld ableiten kann. Zum Ersten, schl\u00e4gt Hammarskj\u00f6ld eine notwendige Br\u00fccke zwischen einer abstrakten, dogmatischen Christologie zu einem verst\u00e4ndlicheren und zug\u00e4nglicheren Christusbild (87). Zum Zweiten gelingt es Hammarskj\u00f6ld durch Worte und Taten eine Hingegebenheit des ganzen Lebens widerzuspiegeln, die eine notwendige Korrektur evangelischer Spiritualit\u00e4t repr\u00e4sentiert (89).<\/p>\n\n\n\n<p>Im vierten und letzten Hauptteil des Bandes fokussiert sich Zimmerling auf Martin Luther als Vater der evangelischen Mystik. Es wird deutlich, dass Luther die Mystik nicht abgelehnt hat, sondern im Gegenteil, er war ein tief von der Mystik gepr\u00e4gter Theologe (94). Aufgrund seiner Rechtfertigungslehre nimmt das Verst\u00e4ndnis der Mystik bei Luther eine besondere reformatorische Gestalt an, welche s\u00e4mtlichen Elitismus, sowie den Verdienst des Menschen ablehnt. F\u00fcr Luther ist die Kluft zwischen Mensch und Gott nur durch Gottes barmherziges Handeln \u00fcberwindbar. Die Betonung bei Luther liegt auf dem neuentdeckten Gottesbild vom nahen und liebenden Gott, der f\u00fcr alle Christen zug\u00e4nglich geworden ist. Infolgedessen argumentiert Zimmerling abschlie\u00dfend, \u201edass Martin Luther mit Recht als Vater der evangelischen Mystik bezeichnet werden kann\u201c (112). Insgesamt bietet dieses kleine Buch als Einstieg in das Feld der Mystik, welches als ein tief im Christentum verwurzeltes Thema zu sehen ist, einen durchaus empfehlenswerten und geeigneten Einblick besonders f\u00fcr Leser, bei denen solche \u00dcberlegungen (noch) nicht auf der Tagesordnung stehen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Dejan A\u017edaji\u0107, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Theologischen Hochschule, Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Zimmerling: Mitten im Gel\u00e4rm das innere Schweigen bewahren. Aspekte mystischer Spiritualit\u00e4t im Protestantismus, Herrenalber Forum Band 79, 2. erweiterte<\/p>\n","protected":false},"author":79,"featured_media":1147,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1146","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praktische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/79"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1146"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1149,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1146\/revisions\/1149"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1147"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}