{"id":1150,"date":"2020-10-18T13:27:23","date_gmt":"2020-10-18T13:27:23","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1150"},"modified":"2020-10-18T13:27:32","modified_gmt":"2020-10-18T13:27:32","slug":"gerhard-wegner-wirksame-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1150","title":{"rendered":"Gerhard Wegner: Wirksame Kirche"},"content":{"rendered":"\n<p>Gerhard Wegner: <em>Wirksame Kirche. Sozio-theologische Studien <\/em>(hg. vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD), Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2019, Pb., 428&nbsp;S., \u20ac&nbsp;30,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4554_Wirksame-Kirche.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4554_Wirksame-Kirche.html\">978-3-374-05630-9<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<p>Gerhard Wegner blickt als Gr\u00fcndungsdirektor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover bilanzierend auf fast 15 Jahre Forschung zur\u00fcck. Der Titel des Buches ist dabei Programm: Wegner treibt die Vision einer wirksamen Kirche an. Er beleuchtet Ergebnisse zahlreicher Studien \u2013 vornehmlich aus dem Sozialwissenschaftlichen Institut \u2013 und verbindet sie mit theologischen und organisationstheoretischen \u00dcberlegungen. Die meisten der dreizehn Beitr\u00e4ge beruhen auf fr\u00fcheren Publikationen des Autors. Sie sind in vier Gruppen (Wirksamkeit, Organisation, Religion \/ Mitglieder, Publikum, Plausibilit\u00e4t \/ Gemeinschaft, Kirchengemeinden, Netzwerke \/ Anstalt, Akteur, Vision) angeordnet, k\u00f6nnen aber auch gut einzeln sowie in anderer Reihenfolge gelesen werden. Hier sollen nun einige Themen angef\u00fchrt werden, die sich durch das Werk hindurchziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kirche ist ein von Gott gewirktes Geschehen (18) und entsprechend unverf\u00fcgbar (39f). Zugleich sollen aktiv Ziele angestrebt und nach der Wirksamkeit der Kirche \u2013 die sich in der Konkurrenz behaupten muss \u2013 gefragt werden. Passivit\u00e4t und Kreativit\u00e4t schliessen sich nicht aus (72, mit Bezug auf Eberhard J\u00fcngel): Als von Gott \u201eErgriffene\u201c k\u00f6nnen Menschen Freiheit erleben und ihr emergierendes Handeln aus Liebe kann \u00e4u\u00dferst wirksam sein. (z.&nbsp;B.&nbsp;66, 142, 329, 341f, mit Bezug auf Hans Joas).<\/p>\n\n\n\n<p>Viel Raum gibt Wegner dem Diskurs zur f\u00fcnften Kirchenmitgliedschafts\u00aduntersuchung der EKD (KMU&nbsp;V), in deren wissenschaftlichem Beirat er Mitglied war, und zeigt die Normativit\u00e4t darin auf. Die \u201evernetzte Vielfalt\u201c (\u00dcberschrift Berichtband KMU&nbsp;V) ist nicht ein Befund, sondern vielmehr ein Wunsch f\u00fcr die Kirche, den Wegner kritisch hinterfragt. Wenger selbst betont, dass sich die Kirche reproduzieren muss. Dies ist herausfordernd in einer Zeit, in der es \u201ekeine nichtreligi\u00f6sen Gr\u00fcnde mehr gibt, sich zu einer Religion zu bekennen\u201c (124, 130 und 152, Niklas Luhmann zitierend). Das klassische liberale Paradigma, wonach Kirche dazu da sei, die Nachfrage von Personen zu decken, passt gem\u00e4ss Wegner nicht zur Kirche in der heutigen Zeit. Vielmehr muss die Kirche heute das Bed\u00fcrfnis nach sich selbst zuerst erzeugen. Sie muss Gelegenheiten daf\u00fcr schaffen, dass Menschen mit der religi\u00f6sen Atmosph\u00e4re in Ber\u00fchrung kommen (211). Diese erleben Menschen nicht prim\u00e4r intellektuell, sondern \u00e4sthetisch, leibhaft. Gem\u00e4\u00df Studien spielen auch Begegnungen mit Pastor\/innen oder weiteren Mitarbeitenden eine wichtige Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die KMU&nbsp;V l\u00e4sst die Bedeutsamkeit der Kirchengemeinden sichtbar werden. Personen, die enger mit Gemeinden verbunden sind, weisen eine erh\u00f6hte religi\u00f6se Kommunikation (Korrelationskoeffizient:&nbsp;0.81. S.&nbsp;268) auf und sind ein \u201eKernpotential der Kirche\u201c (411). Wegner benennt eine St\u00e4rke von Gemeinden: die Gemeinschaft. Zugleich weist er auf die Gefahr hin, die mit ihr verbunden ist: In der Zufriedenheit mit der starken Gemeinschaft in der Mitte der Gemeinde, kann die Kommunikation mit den R\u00e4ndern und Au\u00dfen vernachl\u00e4ssigt werden (260). Doch Gemeinden k\u00f6nnen ihren Sozialraum wahrnehmen und sich als \u201eCaring Communities\u201c (299) an der Gemeinwesenarbeit beteiligen. Dabei wird das \u201eFaith Capital\u201c (Glaube, der zu Engagement f\u00fchrt. S.&nbsp;289 und 328. Begriff aus England \u00fcbernommen) wirksam. F\u00fcr die Inklusionsthematik hat die Kirche besondere Ressourcen, denn die Erfahrung des \u201ekontingenten Handelns\u201c Gottes hilft, eigene Normalit\u00e4tsvorstellungen nicht zu \u00fcberh\u00f6hen (322). Das Skandalon des Kreuzes hat h\u00f6chste Inklusionskraft (162). Das christliche Profil der Diakonie wird in der Art und Weise, wie Diakonie gelebt wird, sichtbar. Mitarbeitende k\u00f6nnen ihre Arbeit als Berufung, als \u201eGottesdienst im Alltag\u201c (196), erkennen und leben. Es soll eine Atmosph\u00e4re geschaffen werden, in der die \u201edritte Dimension\u201c (Gott) erfahrbar wird. Dass Menschen diese Triangulation vornehmen k\u00f6nnen, ist auch zentral f\u00fcr die Mitgliederbindung: Empirisch zeigt sich, dass die \u201eEinstellung zu Religion und Glaube\u201c der Menschen der wichtigste Faktor f\u00fcr die Bindung und aktive Beteiligung in der Kirche ist (203). Ob Personen jedoch (religi\u00f6se) Erfahrungen christlich deuten, h\u00e4ngt stark von ihrer Sozialisation ab (144). Wesentlich f\u00fcr die Sozialisation sind die Eltern. Kirche soll entsprechend auch besonders in der Familienarbeit aktiv sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegner steht kritisch zum aktuellen Umbau der Kirche mit einer Ressourcenverschiebung von der Kirchengemeinde zur mittleren Ebene (Kirchenkreis). Unter anderem wird damit das ehrenamtliche Engagement geschw\u00e4cht (382). Nachteilig auswirken w\u00fcrde sich auch, wenn die Kindertagest\u00e4tten nicht mehr Teil der Gemeinden w\u00e4ren. Denn sie sind \u201eKnotenpunkt[e] der Kommunikation\u201c zwischen unterschiedlich stark mit der Kirche verbundenen Personen (258. Vgl.&nbsp;299). Wegner sieht in Kirchenkreisen durchaus unterst\u00fctzendes Potential. Noch mehr Potential sieht er jedoch in der Arbeit in \u201eRegionen\u201c, die \u201evon unten her\u201c gebildet werden (387). Die Innovationskraft will er jedoch nicht an einer Ebene festmachen, vielmehr seien einzelne \u201eburning people\u201c Innovatoren (285).<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss des Werks provoziert Wegner mit einem Ansatz zur Strukturver\u00e4nderung: Die Kirche als Anstalt ist hinderlich f\u00fcr die Reproduktion. Anzustreben ist vielmehr eine genossenschaftliche Kirche: Menschen sollen aktiv teilhaben und gemeinschaftlich Verantwortung \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Wegner wagt dabei auch konkrete Vorschl\u00e4ge, wie beispielsweise, die Kirchensteuer in Genossenschaftsanteile umzuwandeln (422).<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Das Buch liest sich mit Gewinn. Dass soziologische und theologische Perspektiven zusammenkommen, ist eine besondere St\u00e4rke des Werks. Die n\u00fcchterne und positive Grundstimmung ermutigt zur Vision einer wirksamen Kirche. Die Beitr\u00e4ge regen zur Diskussion an. Auch gerade in der aktuellen Debatte um die \u201eZukunftsprozesse\u201c der EKD k\u00f6nnen sie interessant sein. Und das Buch inspiriert zum Weiterdenken. Ein weiteres Thema k\u00f6nnte beispielsweise die Rolle digitaler Kommunikation in einer wirksamen Kirche sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Werk ist allen zu empfehlen, die sich mit Kirchenentwicklung besch\u00e4ftigen \u2013insbesondere in der evangelischen Kirche in Deutschland, aber auch dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Daniela Seibert lic.&nbsp;theol., Doktorandin Praktische Theologie, Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Wegner: Wirksame Kirche. 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