{"id":1160,"date":"2020-10-18T13:36:09","date_gmt":"2020-10-18T13:36:09","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1160"},"modified":"2020-10-18T13:36:21","modified_gmt":"2020-10-18T13:36:21","slug":"christian-grethlein-kirchentheorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1160","title":{"rendered":"Christian Grethlein: Kirchentheorie"},"content":{"rendered":"\n<p>Christian Grethlein: <em>Kirchentheorie. Kommunikation des Evangeliums im Kontext<\/em>, De Gruyter Studium, Berlin\/Boston: Walter de Gruyter, 2018, Pb., XV+307&nbsp;S., \u20ac&nbsp;24,95, ISBN <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/view\/title\/534170\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.degruyter.com\/view\/title\/534170\">978-3-11-056347-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Der M\u00fcnsteraner Praktische Theologe Christian Grethlein, seit M\u00e4rz 2020 emeritiert, bringt mit dieser Monografie seine Position in der Kirchentheorie zur Sprache. Wie in seinem Hauptwerk, der \u201ePraktischen Theologie\u201c, ist auch hier der Begriff der \u201eKommunikation des Evangeliums\u201c Ausgangs- und Zielpunkt der \u00dcberlegungen. Grethleins Ver\u00f6ffentlichung bietet ein Vorwort, eine Einf\u00fchrung, vier Hauptteile und einen Ausblick, dazu ein Sach- und ein Personenregister. Jeder Abschnitt wird am Ende zusammengefasst, was eine schnelle Lekt\u00fcre erleichtert.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Einf\u00fchrung (\u00a7\u00a7 1\u20134, S. 3\u201328) erfolgt eine kurze Rekapitulation ekklesiologischer Gesichtspunkte. Grethlein beschreibt Kirchentheorie als praktisch-theologisches Unterfangen, um verst\u00e4rkt empirische Analysen in die Reflexion \u00fcber die Kirche einzubeziehen. Die Kirchentheorien von Reiner Preul, Jan Hermelink und Eberhard Hauschildt\/Uta Pohl-Patalong werden als Bestreben vorgestellt, um \u201edie gegenw\u00e4rtigen Erscheinungsformen von Kirche und theologische Inhalte miteinander zu vermitteln\u201c (16). Die Inanspruchnahme der \u201eKommunikation des Evangeliums\u201c f\u00fcr seinen eigenen Ansatz von Kirchentheorie begr\u00fcndet Grethlein damit, dass der Kommunikationsbegriff den Anschluss an empirische Befunde erm\u00f6glicht, w\u00e4hrend der Evangeliumsbegriff eine theologische Bestimmung sicherstellt. Der Religionsbegriff wird aufgrund dessen theologischer Unbestimmtheit als Zentralbegriff f\u00fcr die Kirchentheorie als ungeeignet angesehen. Grethlein beschr\u00e4nkt seine Kirchentheorie nicht auf den Horizont der evangelischen Landeskirchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teil (\u00a7\u00a7 5\u20137, S. 30\u201345) folgt diesem Ansatz, indem er f\u00fcr die theologische Grundlegung der Kirchentheorie nicht die Bekenntnisschriften, sondern nur die Bibel heranzieht. Zuerst wird der Ekklesia-Begriff er\u00f6rtert. Grethlein res\u00fcmiert: \u201eHausgemeinschaft, Ortsgemeinde, Gemeinschaft auf Provinzialebene sowie weltweite Gemeinschaft stehen gleichberechtigt nebeneinander.\u201c (34) Er begreift \u201eEvangelium\u201c im Anschluss an J\u00fcrgen Becker als \u201eBotschaft von der N\u00e4he der Gottesherrschaft\u201c (37). Sodann f\u00fchrt Grethlein die drei Modi der Kommunikation des Evangeliums \u201eLehren und Lernen\u201c, \u201egemeinschaftliches Feiern\u201c und \u201eHelfen zum Leben\u201c ein. Die Kommunikation des Evangeliums durch Jesus gestalte sich inklusiv und ergebnisoffen. Im Hinblick auf den Inhalt gelte: \u201eJesus vertrat also kein feststehendes Lehrgeb\u00e4ude, sondern entwickelte den Inhalt von Evangelium in kommunikativen Prozessen.\u201c (40) Diese Kommunikation erfolge immer unter Ber\u00fccksichtigung des jeweiligen Kontextes.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil (\u00a7\u00a7 8\u201315, S. 47\u2013123) untersucht Grethlein die Kontextualisierung des Evangeliums in der westlichen Kirchengeschichte angefangen bei der durch Jesus ausgel\u00f6sten Bewegung. In Etappen von je 300 Jahren werden jeweils die Aspekte \u201eAllgemeine Situation und Kontext\u201c, \u201e\u00c4mter und Struktur\u201c, \u201eTaufpraxis\u201c und \u201eMahlpraxis\u201c beleuchtet. In der Vergangenheit kontextualisierten Innovationen das Evangelium erfolgreich (zum Beispiel die Gemeindeaufbau-Bewegung im Hinblick auf die moderne Sozialform des Vereins). In ver\u00e4nderten Kontexten tr\u00fcgen Innovationen der Vergangenheit mit ihren Beharrungskr\u00e4ften jedoch eher zur L\u00e4hmung der Kommunikation des Evangeliums bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Teil analysiert die Kirchenmitgliedschaft in der Gegenwart (\u00a7\u00a7 16\u201320, S. 125\u2013197): \u201eKirchenmitgliedschaft ist heute in Deutschland eine Option.\u201c (127) Grethlein geht davon aus, dass die \u201ezuerst durch die Obrigkeit erzwungene, sp\u00e4ter sozial abgest\u00fctzte Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Kirchenmitgliedschaft\u201c (149) weiter nachl\u00e4sst und sich in verringerten Mitgliederzahlen der verfassten Kirche widerspiegelt. \u201eDer Biografiebezug scheint gleichsam das Nadel\u00f6hr zu sein, durch das heute kirchliche Partizipation vermittelt wird \u2013 oder eben nicht.\u201c (150) Die Volkskirche im Sinne einer selbstverst\u00e4ndlichen fl\u00e4chendeckenden Pr\u00e4senz der evangelischen Kirche gehe in Deutschland ihrem Ende entgegen. Den R\u00fcckgang der Mitgliederzahlen betrachtet Grethlein als \u201eUmstellungen\u201c \u2013 Menschen folgten nicht mehr einer vorgegebenen kirchlichen Logik, sondern einer Eigenlogik, die z. B. tendenziell eine Eventisierung der Kasualien bevorzuge. Die Menge an Kirchenmitgliedern und das Ausma\u00df der Kommunikation des Evangeliums seien nicht gleichzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vierten Teil (\u00a7\u00a7 21\u201326, S. 199\u2013287) rekonstruiert Grethlein den gegenw\u00e4rtigen Kontext der Kommunikation des Evangeliums, u. a. unter Einbeziehung verschiedener soziologischer Theorien, etwa von Ulrich Beck. Im \u201eKontext der Netz-Kommunikation\u201c (202) verl\u00f6ren Institutionen und Organisationen an Bedeutung. Zwar bef\u00e4nden sich bestimmte Organisationsstrukturen im Niedergang, nicht aber die Kommunikation des Evangeliums selbst. Gesellschaftliche Kommunikation lege mehr und mehr Wert auf Authentizit\u00e4t, nicht Autorit\u00e4t. Grethlein hebt Aufbr\u00fcche wie die \u201eFresh Expressions of Church\u201c als Beispiele gelungener, kontextbezogener Kommunikation hervor. Die Arbeit der Kirche solle nicht mehr die Aufgaben, sondern die Gaben der Kommunizierenden zu ihrem Ausgangspunkt machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im abschlie\u00dfenden Ausblick (S. 289\u2013298) spricht Grethlein weitreichende Reformvorschl\u00e4ge f\u00fcr die verfasste Kirche an: Sie solle sich f\u00fcr neue, kontextbezogene Organisationsformen \u00f6ffnen. Pfarrer d\u00fcrften nicht mehr verbeamtet werden, weil die zuk\u00fcnftigen Pensionslasten die Kirche \u00fcber die Ma\u00dfen finanziell b\u00e4nden. Der verfassten Kirche und den kirchlichen Berufen wird eine \u201eAssistenzfunktion bei sich lebensweltlich ereignenden Kommunikationen\u201c (297) zugewiesen. Das Fundament der Kirche liege im Allgemeinen Priestertum, nicht in einem vermeintlichen \u201eSchl\u00fcsselberuf\u201c Pfarramt. Die Kirche werde so \u201ezu einem Assistenzsystem f\u00fcr die Kommunikationen der \u201aAllgemeinen Priesterinnen und Priester\u2018, also zu einer diakonischen Kirche f\u00fcr andere\u201c (298).<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt legt Grethlein schonungslos Probleme der \u00fcberkommenen verfassten Kirche angesichts der rasanten gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungen offen. Im Gegensatz zu anderen Kirchentheorien misst er dem Faktor Tradition kaum eine Bedeutung f\u00fcr die Zukunft der Kirche zu, das individuelle Relevanzempfinden hinsichtlich der eigenen Biografie entscheide \u00fcber das Gelingen der Kommunikation des Evangeliums. Gegen\u00fcber den breit ausgef\u00fchrten Problemlagen der verfassten Kirche in der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft f\u00e4llt Grethleins Erarbeitung verschiedenartiger L\u00f6sungsans\u00e4tze eher schmal aus. Insbesondere die inneren Strukturen der Kirche werden kaum betrachtet. Die berechtigte Frage, wie sich eine der Vergangenheit verhaftete bzw. selbstbezogene Kirche zu den Menschen hinwenden kann, wird somit im Hinblick auf die Zielvorstellung stark, hingegen hinsichtlich des dazu notwendigen Weges kaum beantwortet. Die verfasste Kirche inklusive der Kerngemeinden <em>als eine wesentliche S\u00e4ule der Kommunikation des Evangeliums<\/em> wird als solche nicht beschrieben.Insbesondere Kirchenleitende d\u00fcrften deshalb in Grethleins Monografie eher eine Christentums- statt einer Kirchentheorie erblicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Kommunikation des Evangeliums in ihren drei Modi, die inklusiv und ergebnisoffen erfolgt, stellt Grethlein wichtige Gesichtspunkte zur Gestaltung der kirchlichen Praxis zur Verf\u00fcgung. Weshalb dabei der Inhalt des Evangeliums zur\u00fccktritt, insbesondere Tod und Auferstehung von Jesus Christus, ist hingegen nicht nachvollziehbar, bilden sie doch den Kern des Evangeliums. Hier werden Potenziale verpasst, der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft und Kultur aus theologischer Perspektive kritisch und konstruktiv gegen\u00fcberzutreten, wie es Grethlein wichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Christian Grethlein kann seinen Ansatz von Praktischer Theologie f\u00fcr die Kirchentheorie geltend machen und sowohl die Diskussion um deren theologische Fundierung als auch die Suche nach sachgem\u00e4\u00dfen L\u00f6sungen anregen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Johannes Sch\u00fctt, Doktorand, Klinikseelsorger, Leipzig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Grethlein: Kirchentheorie. 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