{"id":1164,"date":"2020-10-18T13:38:48","date_gmt":"2020-10-18T13:38:48","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1164"},"modified":"2020-10-18T13:38:49","modified_gmt":"2020-10-18T13:38:49","slug":"peter-zimmerling-hg-handbuch-evangelische-spiritualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1164","title":{"rendered":"Peter Zimmerling (Hg.): Handbuch Evangelische Spiritualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter Zimmerling (Hg.): <em>Handbuch Evangelische Spiritualit\u00e4t. Praxis<\/em>, Bd. 3, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2020, 926\u00a0S., geb., \u20ac\u00a060,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/praktische-theologie\/51026\/handbuch-evangelische-spiritualitaet\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/praktische-theologie\/51026\/handbuch-evangelische-spiritualitaet\">978-3-525-56460-8<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem 3. Band zur Praxis findet das Handbuch seinen geb\u00fchrenden Abschluss. Unter der Herausgeberschaft von Peter Zimmerling haben 44 Theologinnen und Theologen mit \u00fcber 900 Seiten und 49 Beitr\u00e4gen mitgearbeitet. Wahrlich ein <em>opus magnum<\/em>! Der Praxisband gliedert sich in f\u00fcnf Bereiche:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teil 1: \u201eKirche und Gemeinde\u201c (43\u2013182), Teil 2: \u201eGottesdienst und liturgisches Leben\u201c (183\u2013318), Teil 3: \u201eGebet und Bibellese\u201c (319\u2013414), Teil 4: \u201eSeelsorge und Begleitung\u201c (415\u2013654), Teil 5: \u201eLebenswelt und Bildung\u201c (655\u2013913).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben der Einbeziehung der gesellschaftlichen Milieuvielfalt besteht das Ziel von Zimmerling darin, die grundlegenden Formen der Spiritualit\u00e4t in ihrer Pluralit\u00e4t und \u00f6kumenischen Weite f\u00fcr die Praxis zug\u00e4nglich zu machen. Dazu beinhaltet das Handbuch vernachl\u00e4ssigte Glaubensformen, wie etwa \u201eSalbung, Meditation, Enneagramm, Exerzitien, Spiritual Care, Pilgern\u201c (22), fragt aber auch nach deren Gef\u00e4hrdungen. Ebenso erfreulich ist, dass Familien und Alleinerziehende in einem Beitrag \u2013 \u201e<em>Familie als Wiege der Spiritualit\u00e4t\u201c <\/em>\u2013 ber\u00fccksichtigt werden (657\u2013675). Die Situation der spirituellen Lebensgestaltung von Singles scheint im Handbuch zu fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Herausgeber will durch das in der postchristlichen Gesellschaft durchaus bekannte Wort \u201eSpiritualit\u00e4t\u201c Interesse wecken und zugleich f\u00fcr dessen unbekannte Inhalte werben (18). Theologisch entscheidend und f\u00fcr das spirituelle Streben richtungsweisend ist die zugeeignete Gerechtigkeit. Christen m\u00fcssen vor Gott und Menschen nicht mehr sein als das, was sie sind: hilfsbed\u00fcrftige, begrenzte Menschen. Von daher ist gew\u00e4hrleistet, dass jegliche Glaubens\u00fcbungen oder die Zugeh\u00f6rigkeit zu gemeindlichen Gruppen oder individueller Aktionen \u201enicht unter der Hand zum Ausweis von Christsein werden\u201c (19).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter Teil 1: <em>\u201eKirche und Gemeinde\u201c <\/em>reflektiert Karl Ludwig Ihmels \u00fcber <em>Spiritualit\u00e4t in der Jugendarbeit <\/em>(61\u2013100)<em>. <\/em>Durch empirische Studien kommt er zu dem Ergebnis, dass es keinen Unterschied macht, ob Kinder und Jugendliche \u201ein einer religi\u00f6s gepr\u00e4gten oder religi\u00f6s indifferenten Umgebung aufwachsen\u201c (61). Umso mehr gilt es zu beachten, die junge Generation geistlich zu begleiten und entsprechende R\u00e4ume zu bieten, damit sie authentisch ihre spirituellen Erfahrungen ausleben kann (89). Beachtenswert sind die Zusatzinformationen in den Anmerkungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Henning Wrogemann beschreibt den Trend der evangelischen Spiritualit\u00e4t in der weltweiten Perspektive (171\u2013182). Er postuliert dabei, dass die bislang als klassisch geltende Definition der \u00d6kumene fr\u00fcherer Jahre (r\u00f6m.-kath. Kirche, orthodoxen Kirchen, Protestanten, Anglikaner) unter liturgischen und theologischen Gesichtspunkten im 21. Jh. nicht mehr ausreicht. Im Kern fragt der Autor in der neuen <em>intra<\/em>christlichen und <em>inter<\/em>kulturellen \u00d6kumene nach der \u201eSpiritualit\u00e4t und Normativit\u00e4t\u201c (178\u2013182). Es geht um das erhebliche Problem, wer die verbindlichen Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die neue \u00d6kumene setzen kann und darf: sind es die traditionellen oder j\u00fcngeren Kirchen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im <em>2. Teil \u201eGottesdienst und liturgisches Leben\u201c <\/em>bezeichnet Alexander Deeg die Predigt \u201e<em>als Intensivform evangelischer Spiritualit\u00e4t<\/em>\u201c (205) mit Bezug \u201e<em>auf das Evangelium von Jesus Christus\u201c <\/em>(208). Nach Deegs Einsch\u00e4tzung fehlt bisher eine Untersuchung hinsichtlich der zentralen Stellung des Wortes im Gottesdienst, in der die Predigt der Spiritualit\u00e4t zugeordnet wird. Und genau dieses Desiderat hebt er mit seinen von Lutherzitaten durchtr\u00e4nkten \u00dcberlegungen auf. Dar\u00fcber hinaus gelingt es dem Autor<strong>, <\/strong>das Geschehen rund um die Predigt mit Hilfe des Resonanzbegriffes von H. Rosa tiefer zu verstehen und seelsorgerlich und fachlich zu reflektieren. Denn \u201eResonanz ist [\u2026] f\u00fcr Rosa die \u2018Begegnung mit einem Unverf\u00fcgbaren\u2018, die zu einer \u2018lebendige[n] Antwortbeziehung\u2018\u201c f\u00fchrt (222), und zwar in den vielf\u00e4ltigen Beziehungen zu Gott, zur Bibel, zu den Zuh\u00f6renden und zu sich selbst als Prediger. Zweifellos ist dies ein ermutigender Beitrag f\u00fcr alle Verk\u00fcndiger (205\u2013230).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der <em>3. Teil \u201eGebet und Bibellese\u201c <\/em>beginnt in mehrfacher Hinsicht mit einem markanten Artikel. So nutzt Karl-Heinrich Ostmeyer das Stilmittel pointierter Thesen, wie etwa in den Formulierungen: \u201eJedes von anderen wahrgenommene evangelische Gebet hat missionarische Funktion\u201c (431) und \u201eWo sein Name nicht angerufen wird, ist die Verbindung zum Bereich des Heils abgebrochen\u201c (432). Im Artikel <em>\u201eBedeutung des Gebets f\u00fcr die Praxis evangelischer Spiritualit\u00e4t\u201c <\/em>(421\u2013435) verbindet der Autor das Gebet weiter mit un\u00fcblichen Lebensfeldern, etwa der Ehe, den satanischen Angriffspunkten oder dem Gemeindeausschluss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Peter Zimmerling besitzt, wie so oft, den Mut, eine aus evangelischer Sichtweise weithin brisante Thematik ins Licht zu stellen: <em>die spezifische evangelische Heiligenverehrung <\/em>(452\u2013475). Ausgehend vom \u201epostmodernen Pluralismus\u201c ist die Sehnsucht und dringliche Suche nach Vorbildern und Heiligen plausibel. Denn \u2013 so seine These \u2013 \u201esie hat das Projekt der eigenen Identit\u00e4t wie zu keiner anderen Zeit der Menschheit in die Verantwortung des Einzelnen gelegt\u201c (456). Auf dem Hintergrund dieser grunds\u00e4tzlichen Analyse entfaltet Zimmerling die theologisch gravierenden Differenzierungen zwischen \u201eder Bedeutung der Heiligen im Protestantismus einerseits und in Katholizismus und Orthodoxie andererseits\u201c (460). Zusammen mit dem neutestamentlichen Befund und Erkenntnissen der Reformatoren gilt, dass nach evangelischer Auflassung die Heiligen nicht \u00e4u\u00dferlich verehrt werden, sondern prim\u00e4r ihr vorbildlicher Glaube z\u00e4hlt. F\u00fcr Zimmerling scheinen solche heiligen Vorbilder unverzichtbar, was er sowohl ekklesiologisch, eschatologisch als auch anthropologisch begr\u00fcndet (466\u2013471).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Teil 4: \u201eSeelsorge und Begleitung\u201c <\/em>widmet sich Gaston Nogrady sich einem \u201e<em>vergessene(n) Seelsorgemittel der Kirche\u201c, <\/em>dem <em>\u201eExorzismus<\/em>\u201c (575\u2013597). Dabei orientiert er sich sowohl am Taufritual der Alten Kirche als auch an Martin Luthers Taufhandlungen und den gegenw\u00e4rtigen Taufagenden insbesondere f\u00fcr Erwachsene. Hilfreich sind die variantenreichen Formulierungen f\u00fcr die Abrenuntiation (Absage vom Teufel). Sprachlich bleibt Nogrady in seinen Ausf\u00fchrungen n\u00fcchtern. Er berichtet biografisch situativ, geht aber auch theologisch diskursiv gegen die \u201esektiererisch-schw\u00e4rmerische D\u00e4monologie\u201c (576) auf der einen Seite und den Rationalismus und eine \u201eTendenz zur Harmlosigkeit\u2018\u201c auf der anderen Seite vor (585). Letztlich pl\u00e4diert Nogrady aus seelsorgerlicher Verantwortung daf\u00fcr, dass Exorzismus und eine Abrenuntiation \u201eeinen festen Platz in evangelischer Spiritualit\u00e4t haben\u201c sollen (595).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gesamtres\u00fcmee:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend ein Autoren- und Personenregister vorhanden ist, fehlt leider ein Sachre-gister.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00a0Es ist dem Verlag zu danken, dass er die M\u00f6glichkeit bietet, jeden einzelnen Artikel gesondert von seiner Homepage herunterzuladen. Abgesehen von einigen eher methodischen Mankos l\u00e4sst sich mein inhaltliches Fazit mit wenigen Pr\u00e4dikaten zusammen-fassen: sehr wertvoll und unbedingt empfehlenswert!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Manfred Baumert, Dozent, Supervisor Department of Philosophy, Practical and Systematic Theology der University of South Africa<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Zimmerling (Hg.): Handbuch Evangelische Spiritualit\u00e4t. 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