{"id":1167,"date":"2020-10-18T13:40:26","date_gmt":"2020-10-18T13:40:26","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1167"},"modified":"2020-10-18T13:40:27","modified_gmt":"2020-10-18T13:40:27","slug":"michael-herbst-aufbruch-im-umbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1167","title":{"rendered":"Michael Herbst: Aufbruch im Umbruch"},"content":{"rendered":"\n<p>Michael Herbst: <em>Aufbruch im Umbruch. Beitr\u00e4ge zu aktuellen Fragen der Kirchentheorie, <\/em>BEG 24, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2018, kt., 229\u00a0S., \u20ac\u00a023,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/praktische-theologie\/7261\/aufbruch-im-umbruch\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/praktische-theologie\/7261\/aufbruch-im-umbruch\">978-3-7887-3213-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>\u201eWenn ich kirchliche Verlautbarungen lese \u2026 und wenn ich Predigten von kirchlichen Kanzeln h\u00f6re \u2026 dann vermisse ich das nicht selten: Leidenschaft, Begeisterung, Menschen, die erkennbar selbst infiziert sind, die auf eine sympathische Weise brennen.\u201c (152). Die Begeisterung f\u00fcr das Evangelium und die Leidenschaft f\u00fcr eine Erneuerung seiner Kirche sp\u00fcrt man dem Greifswalder Professor f\u00fcr Praktische Theologie in seinen zw\u00f6lf Aufs\u00e4tzen und Vortr\u00e4gen ab. Damit unterscheidet sich dieser Sammelband wohltuend von Ver\u00f6ffentlichungen zur Kirchentheorie anderer Autoren. Der spezifische Ansatz und das Anliegen des Bandes: Die Entfaltung einer \u201emissionarisch ausgerichteten Kirchentheorie\u201c (11). Dies geschieht in einem kirchentheoretischen Grundlagenteil (Aufs\u00e4tze I\u2013VIII) und im Praxisteil f\u00fcr einen breiteren Leserkreis (Aufs\u00e4tze IX\u2013XII).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMissionarisch\u201c versteht Herbst konsequent von der Missio Dei her (80ff), also im Willen und Handeln Gottes begr\u00fcndet und nicht im Aktionismus des Menschen. Beim Kirchenverst\u00e4ndnis pl\u00e4diert er f\u00fcr eine schlanke lutherische Ekklesiologie, da diese eine flexible Gestaltung und sich wandelnde Strukturen erm\u00f6glicht (Kap. I). Damit grenzt er sich implizit gegen andere Kirchentheorien ab, die diese z.&nbsp;B. durch ethisch-politische Kriterien erg\u00e4nzen wollen (vgl. meine Rezension zu Hauschildt\/Pohl-Patalong, <em>Kirche<\/em>, JETh 28, 2014, 329\u2013333).<\/p>\n\n\n\n<p>Herbsts Liebe zu seiner Kirche korrespondiert mit dem Bem\u00fchen um eine realistische Sicht auf die komplexen Probleme und Spannungen \u201eder gestressten Kirche\u201c in ihrer \u201eTransformationskrise\u201c (11). Dabei scheut er sich auch nicht, den Finger auf wunde Punkte in der deutschen kirchlichen Situation wie strukturelle Verkrustungen, depressive Verlautbarungen und den fehlenden missionarischen Impetus zu legen. Umgekehrt reflektiert er selbstkritisch das eigene Handeln und spricht Gefahren und Defizite in missionarisch orientierten Kreisen an wie fehlende Demut (bzw. Besserwisserei). Dementsprechend warnt er davor, den Band als \u201eGeneralschl\u00fcssel zur L\u00f6sung aller Probleme der gestressten Kirche\u201c misszuverstehen (11). Immer wieder verweist er auf die geistliche Dimension wie Wort Gottes, Gebet, Wirken des Heiligen Geistes und Umkehr. Dementsprechend res\u00fcmiert er kritisch: \u201eDas Problem vieler Kirchentheorien besteht darin, dass sie kein inneres Verh\u00e4ltnis zu einer tiefen, pers\u00f6nlichen, reflektierten und den Alltag durchdringenden Jesus-Beziehung haben\u201c (205).<\/p>\n\n\n\n<p>Herbst gelingt es, theologische Grundlagen auf ihre Bedeutung f\u00fcr die Praxis hin zu reflektieren. Dabei ersetzt er nicht theologische Reflexion durch sozialempirische \u00dcberlegungen, sondern spannt immer wieder den Bogen von biblisch-exegetischer Besinnung \u00fcber kirchenhistorisch-reformatorische oder systematisch-theologische Reflexion bis hin zur praktisch-theologischen Relevanz. Auf der Grundlage des Gleichnisses vom S\u00e4mann (Lk 8,4\u20138) wehrt sich Herbst gegen eine \u201eEkklesiologie des geordneten R\u00fcckbaus\u201c (69) und ermahnt angesichts mancher ermutigender Beispiele von vitalen Gemeinden, die noch vorhandenen Ressourcen f\u00fcr die Gestaltung des Aufbruchs zu nutzen und dann \u201evon unten nach oben zu addieren und nicht von oben nach unten zu subtrahieren\u201c (70).<\/p>\n\n\n\n<p>Ekklesiologisch wichtig ist, dass der Horizont nicht auf die parochiale Existenz von Kirche begrenzt bleibt, sondern Dekanate\/Kirchenkreise in den Blick genommen werden. (Kap. VI) Dies ist nicht nur angesichts kirchensoziologischer Entwicklungen unabdingbar (Umbruch), sondern er\u00f6ffnet auch neue M\u00f6glichkeiten missionarischer Kirchenentwicklung (Aufbruch), wie sie als Miteinander von parochialen Gemeinden und \u201efresh expressions\u201c in der anglikanischen Kirche als \u201emixed economy\u201c fruchtbar praktiziert werden (Kap. IX). Auch an anderer Stelle lohnt der Blick \u00fcber den Gartenzaun. So wird zu Recht die Bedeutung der Familie als Grundinstanz religi\u00f6ser Sozialisation betont und praktische Modelle (Orange, Messy Churches) mit missionarisch-gemeindep\u00e4dagogischer Bedeutung vorgestellt (Kap. X).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ergebnisse der f\u00fcnften EKD Mitgliedschaftsuntersuchung werden aufmerksam analysiert und aus praktisch-theologischer Sicht kritisch reflektiert. (Kapitel V) Die Daten zeigen, wie die Zahlen der Kirchenmitglieder nicht nur abnehmen, sondern sich auch eine Ausd\u00fcnnung der Mitte hin zu den R\u00e4ndern hochverbundener und vor allem kaum bzw. \u00fcberhaupt nicht verbundener Kirchenmitglieder mit hoher Austrittsbereitschaft ergibt. Im Blick auf diejenigen, die auf eine \u201estabile, nicht sonderlich aktive, aber kirchentreue Mitte\u201c (90) gehofft haben und sich f\u00fcr \u201eKirche bei Gelegenheit\u201c (85) und gegen das Gewinnen dieser Menschen f\u00fcr eine st\u00e4rkere Verbundenheit aussprechen, formuliert Herbst deutlich: \u201eDieses Distanzmodell verliert aber mit jeder Kirchenmitgliedschaftsstudie mehr an Plausibilit\u00e4t.\u201c (85) Von eminenter Bedeutung f\u00fcr die Zukunft der Kirche ist eine weitere Beobachtung: Es \u201ewird kaum etwas an die n\u00e4chste Generation weitergegeben\u201c. (90) Gemeint sind nicht nur grundlegende Glaubensinhalte, sondern generell Verbundenheit mit der Kirche. Die Folgen sind anschaulich an der kirchlichen Entwicklung in den neuen Bundesl\u00e4ndern ablesbar. M\u00fcndete diese Wahrnehmung noch 1999 (2011 best\u00e4tigt) in eine \u201emissionsfreundliche Phase in der EKD\u201c (103), so konstatiert Herbst in der Rezeption der jetzigen Untersuchung einen \u201enahezu vollst\u00e4ndige[n] Ausfall einer missionarischen Perspektive\u201c (103). Die grundlegende Frage nach dem Christwerden ist kein Thema mehr (103f). Vielmehr l\u00e4sst sich der Tenor von kirchlicher Seite als ein \u201eWeiter so!\u201c zusammenfassen (102f).<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend in der anglikanischen Kirche das missionarische Anliegen von den Bisch\u00f6fen aktiv unterst\u00fctzt und gef\u00f6rdert wird (174), vermisst Herbst diese Weitsicht in den deutschen Landeskirchen (176f). Auch andere hei\u00dfe Eisen thematisiert er, wie Fragen der (neuen) Gottesdienstgestaltung (Kap. VII) und der daf\u00fcr passenden Musik (137ff), die oft einseitige Konzentration auf Hauptamtliche statt der bewussten F\u00f6rderung von m\u00fcndigen Christen (122f, 158) und den fehlenden Mut f\u00fcr neue Wege (177). Gleichzeitig zeichnet sich seine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen durch das Anliegen aus, Verbindendes hervorzuheben und den anderen zu gewinnen (127).<\/p>\n\n\n\n<p>Problematisch erscheint die Verwendung des Begriffs \u201eKommunikation des Evangeliums\u201c. Zun\u00e4chst noch als Zitat von Grethlein gekennzeichnet (21, 23), wird er sp\u00e4ter bei Herbst als eigener Begriff \u00fcbernommen und bedeutungsgleich mit \u201eVerk\u00fcndigung des Evangeliums\u201c verwendet (114, 122). Hier ist zu fragen, inwieweit dies nicht zu \u00c4quivokationen f\u00fchrt, da dieser Begriff nicht einfach als Erweiterung, sondern gerade als Ablehnung und Abl\u00f6sung des Verk\u00fcndigungsbegriffs und auch \u201eEvangelium\u201c nicht als eine vorgegebene, theologisch-inhaltlich bestimmte, sondern als eine sich im Kommunikationsvollzug prozessual zu konstituierende Gr\u00f6\u00dfe verstanden wurde (vgl. meine Rezension des Buches von Domsgen\/Schr\u00f6ter: <em>Kommunikation des Evangeliums<\/em>, JETh 2016, 325f).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist gut verst\u00e4ndlich, theologisch fundiert und gleichzeitig praktisch orientiert und l\u00e4dt immer wieder ein, sich von Gottes Wirken auch au\u00dferhalb des eigenen Denkhorizonts inspirieren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Markus Printz, Gemeindepfarrer, Hilsbach-Weiler<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Herbst: Aufbruch im Umbruch. 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