{"id":1170,"date":"2020-10-18T13:42:52","date_gmt":"2020-10-18T13:42:52","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1170"},"modified":"2020-10-18T13:42:54","modified_gmt":"2020-10-18T13:42:54","slug":"kolja-koeniger-jens-monsees-hg-kirchengestalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1170","title":{"rendered":"Kolja Koeniger \/ Jens Monsees (Hg.): Kirche[n]gestalten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kolja Koeniger \/ Jens Monsees (Hg.): <em>Kirche[n]gestalten: Re-Formationen von Kirche und Gemeinde in Zeiten des Umbruchs<\/em>, BEG 26, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2019, Pb., 320\u00a0S., \u20ac\u00a039,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/praktische-theologie\/53138\/kirche-n-gestalten\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/praktische-theologie\/53138\/kirche-n-gestalten\">978-3-7887-3398-8<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der vorliegende Tagungsband dokumentiert die Beitr\u00e4ge eines wissenschaftlichen Symposiums, das im Mai 2018 auf Einladung des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG) in Greifswald stattfand. Die Tagung stand im Zeichen der Interdisziplinarit\u00e4t und der Internationalit\u00e4t \u2013 zu den Referenten geh\u00f6rten Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und kirchenleitende Personen aus dem In- und europ\u00e4ischen Ausland. Unter dem Titel \u201eKirche[n]gestalten\u201c ging es kirchentheoretisch (im Wesentlichen aus volkskirchlicher Perspektive) einerseits \u201eum die Frage nach den Sozialformen, in denen sich Kirche und Gemeinden als vital erweisen\u201c, andererseits darum, \u201eauf welche Weise gestaltet wird, was also zur Leitung und Gestaltung einer vitalen Kirche gegenw\u00e4rtig und zuk\u00fcnftig zu tun n\u00f6tig ist\u201c (Vorwort, 7). Im Folgenden beschr\u00e4nke ich mich auf einige gro\u00dfe Linien und spezifische Beobachtungen. Eine Besonderheit des Bandes besteht darin, dass die auf der Tagung erstellten \u201eVisual Recordings\u201c (also bildliche Aufzeichnungen der inhaltlichen Schwerpunkte der jeweiligen Referate) abgedruckt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits im Untertitel (Stichwort: \u201eZeiten des Umbruchs\u201c) deutet sich der Krisendiskurs als ein Brennpunkt dieses Bandes an. Die Beschreibung krisenhafter Ph\u00e4nomene nimmt in vielen Beitr\u00e4gen einen entsprechend breiten Raum ein: Graham Tomlin, anglikanischer Bischof, spricht in seinem ansonsten zukunftsorientierten Vortrag (\u201eThe Church of the Future\u201c, 253\u2013267) von der kirchlichen Krise als \u201eunspoken premise behind this conference\u201c (253). Christel G\u00e4rtner problematisiert pointiert vor allem den Traditionsabbruch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, will in ihrer religionssoziologischen Darstellung des gesellschaftlichen Wandels dabei allerdings nicht einem zwangsl\u00e4ufigen Niedergang der Kirchen das Wort reden (39\u201354). Aus kirchenleitender Sicht stellt sich f\u00fcr den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm die wachsende religi\u00f6se Indifferenz als zentrale Herausforderung der Kirche dar (77\u2013102). Ulrich K\u00f6rtner skizziert die wesenhaft \u201ediasporische Existenz\u201c der Kirche und h\u00e4lt einen biblisch-theologisch recht verstandenen Diasporabegriff f\u00fcr grundlegend hilfreich, \u201eum die heutige Situation der Kirche zwischen Umbruch, Abbruch und Aufbruch theologisch zu verstehen\u201c (121). Sehr konkret wird die Krisensemantik, wenn Bischof em. Hans-J\u00fcrgen Abromeit die Schrumpfungsprozesse im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis beschreibt (286\u2013304).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts der gegenw\u00e4rtigen Herausforderungen ist es nun vor allem Michael Herbst, der als Direktor des veranstaltenden IEEG sowohl in seiner Tagungseinf\u00fchrung (\u201e,Bleibt alles anders\u2018: Kirchentheoretische Landmarken f\u00fcr eine Kirche im Wandel\u201c, 15\u201338) als auch in seiner retrospektiven Zusammenfassung (305\u2013318) entscheidende Weichenstellungen einer vitalen, zukunftsf\u00e4higen Kirche benennt (Stichwort: \u201eRe-Formationen\u201c). Das Bem\u00fchen um eine zukunftsf\u00e4hige Kirche sei eben nicht einfach nur eine organisationstechnisch-strukturelle, sondern \u201eeine geistliche Aufgabe\u201c und gleichsam \u201eder Ruf, uns selbst in die N\u00e4he des Gekreuzigten zu begeben\u201c (315). Weil wir \u201enichts Besseres [haben]\u201c bed\u00fcrfe es einer christologischen Profilierung der Kirche. Denn geistliche Erneuerung sei dort zu erwarten, wo die Kirche mit Wort und Tat das Evangelium von Christus bezeugt, damit Menschen \u201eim Blick auf das Kreuz und den Gekreuzigten Hoffnung bekommen, Heilung erfahren, Geborgenheit und festen Halt\u201c (16\u201317). Um als missionarische christliche Minorit\u00e4t f\u00fcr s\u00e4kularisierte Menschen relevant und zug\u00e4nglich zu bleiben, brauche es \u201emehr intrinsische Glaubens\u00fcberzeugung\u201c unter den Gemeindemitgliedern (24). Daher stelle die F\u00f6rderung eines \u201elebendigen, m\u00fcndigen Christseins\u201c eine der zentralen Baustellen einer auf Wachstum angelegten \u201eMissions- und Minderheitskirche\u201c dar (25\u201328). (Als weitere wichtige Baustelle benennt Herbst die auf vielf\u00e4ltige missionarische Anschlussm\u00f6glichkeiten zielende \u201eregiolokale Kirchenentwicklung\u201c im Sinne einer \u201emixed economy\u201c [28\u201332; 312\u2013313], die vor einem volkskirchlichen Kontext bedacht wird, aber auch aus freikirchlicher Perspektive reflektiert werden k\u00f6nnte.) In seinen kirchentheoretischen \u00dcberlegungen wird Herbst in gewisser Weise vom Berner Neutestamentler Benjamin Schliesser sekundiert. Dieser warnt zwar vor einem naiv-romantisierenden R\u00fcckgriff auf das Urchristentum, sieht aber eine zentrale Antwort auf den kirchlichen Relevanzverlust im 21. Jh. gerade darin, dass sich die Kirche wieder verst\u00e4rkt auf das Neue Testament besinne und eine neue \u201eResonanzsensibilit\u00e4t gegen\u00fcber der formativen Phase des Christentums\u201c entwickele (70). In diesem Zusammenhang z\u00e4hlt Schliesser u.&nbsp;a. die \u201eWiederentdeckung des [zentral auf Christus bezogenen] Glaubens\u201c und dessen \u201eformative Kraft\u201c (58\u201359), eine transformierte, kontrastgesellschaftliche Ethik und eine schichten\u00fcbergreifende, intensive und von Verbindlichkeit gepr\u00e4gte Gemeinschaftsbildung zu den entscheidenden Zukunftsthemen einer gerade auch in nachchristent\u00fcmlicher Zeit vitalen Kirche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geh\u00f6rt nun zu den Ambivalenzen dieses Bandes, dass gerade die genannten theologischen und missionarischen Weichenstellungen in den meisten anderen Beitr\u00e4gen bestenfalls am Rande thematisiert bzw. nicht substanziell vertieft oder gar praktisch ausgestaltet werden. Zwar finden sich immer wieder lesens- und bedenkenswerte Abschnitte, in denen vom Profilierungsbedarf der Kirche, vom Weg in die Zukunft als geistlicher Aufgabe und von der (im Neuen Testament beschriebenen) verhei\u00dfenen Kirche als Orientierungspunkt f\u00fcr die empirische Kirche die Rede ist. Die daran ankn\u00fcpfenden Reformvorschl\u00e4ge bleiben dann aber gerade in ihrer theologischen Grundlegung oft merkw\u00fcrdig konturlos: spezifisch neutestamentliche Leitlinien f\u00fcr den missionarischen Gemeindeaufbau vermisst man weitgehend, die andernorts f\u00fcr die Verk\u00fcndigung und gesamtgemeindliche Glaubensentwicklung als essenziell eingestufte inhaltliche R\u00fcckbesinnung auf das Evangelium vom gekreuzigten und auferstanden Christus wird h\u00f6chstens vage angedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich \u00fcber die kirchentheoretische Fachdiskussion hinaus (gerade auch aus evangelikal-freikirchlicher Sicht) praxisorientierte kybernetische Perspektiven erhofft, wird vor allem in den Beitr\u00e4gen von Stefan Paas (\u201eLeadership in Mission: Church Governance in an Age of Change\u201c, 183\u2013200) und Steffen Fle\u00dfa (\u201eChange Management und Innovation: Beharrung, Krisen und Chancen in Unternehmen und Kirchen\u201c, 205\u2013234) f\u00fcndig. Paas reflektiert ausgehend von empirischen Studien die Voraussetzungen und Grenzen missionaler Gemeindeleitung. Dabei erscheint nicht zuletzt seine nuanciert-hinterfragende Betrachtung \u201estarker Leiterschaft\u201c bedenkenswert \u2013 gerade angesichts der derzeit weit verbreiteten Begeisterung f\u00fcr Leiterschaftsmodelle, die im Bereich des Gemeindeaufbaus vielfach zu unkritisch und eindimensional als K\u00f6nigswege der Gemeindeerneuerung betrachtet werden. Fle\u00dfa f\u00fchrt aus betriebswirtschaftlicher Sicht in das Innovations- und Changemanagement ein und zeigt dabei ansatzweise auf, welche R\u00fcckschl\u00fcsse sich daraus f\u00fcr die Steuerung gemeindlicher Ver\u00e4nderungsprozesse ziehen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben einzelnen Handlungsperspektiven f\u00fcr die kybernetische Gemeinde\u00adaufbaupraxis bietet der Sammelband in der Summe anregende und weiterf\u00fchrende kirchentheoretische \u00dcberlegungen. Im Sinne der Ausgangsfrage, was denn zur Leitung und Gestaltung einer vitalen Kirche gegenw\u00e4rtig und zuk\u00fcnftig zu tun sei, w\u00e4re zu w\u00fcnschen, dass nicht zuletzt die von Greifswald ausgehenden Impulse einer neutestamentlich-theologischen Konturierung der \u201eKirchengestalt\u201c intensiver rezipiert und praxisnah konkretisiert w\u00fcrden. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Philipp Bartholom\u00e4, Professor f\u00fcr Praktische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolja Koeniger \/ Jens Monsees (Hg.): Kirche[n]gestalten: Re-Formationen von Kirche und Gemeinde in Zeiten des Umbruchs, BEG 26, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck<\/p>\n","protected":false},"author":57,"featured_media":1171,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1170","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praktische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1170","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/57"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1170"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1170\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1172,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1170\/revisions\/1172"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1171"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1170"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1170"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1170"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}