{"id":1173,"date":"2020-10-18T13:46:03","date_gmt":"2020-10-18T13:46:03","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1173"},"modified":"2020-10-18T13:46:04","modified_gmt":"2020-10-18T13:46:04","slug":"michael-meyer-blanck-das-gebet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1173","title":{"rendered":"Michael Meyer-Blanck: Das Gebet"},"content":{"rendered":"\n<p>Michael Meyer-Blanck: <em>Das Gebet<\/em>, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2019, Pb., XVI+435 S., \u20ac\u00a044, \u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/das-gebet-9783161565373\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/das-gebet-9783161565373\">978-3-16-154554-2<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Das Buch des Bonner Praktischen Theologen Michael Meyer-Blanck legt nach dessen Gottesdienstbuch erneut Zeugnis ab von der stupenden Gelehrsamkeit seines Verfassers.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Autor zurecht an verschiedenen Stellen feststellt, stand das Thema Gebet in den vergangenen Jahrzehnten weder im Zentrum des praktisch-theologischen noch des systematisch-theologischen Interesses. Das ist einerseits verwunderlich, wenn man die Zentralstellung bedenkt, die das Gebet f\u00fcr den Glauben besitzt. Ist das Gebet doch, wie der Verfasser im Vorwort schreibt, \u201eder Ernstfall der religi\u00f6sen Praxis\u201c. Andererseits ist dieses theologische Desinteresse vor allem in der evangelischen Theologie auch wieder konsequent, da mit der Abkehr von der dialektischen Theologie auch deren theologische Denkvoraussetzungen obsolet erschienen: Sowohl Karl Barth als auch Dietrich Bonhoeffer haben auf je eigene Weise das Gebet als Voraussetzung der theologischen Erkenntnis und damit theologischer Arbeit insgesamt verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Meyer-Blancks Buch ist enzyklop\u00e4disch angelegt, was angesichts des Fehlens von aktuellen Konzeptionen zum Gebet im Raum des Protestantismus ohne weiteres einleuchtet. Es gliedert sich in f\u00fcnf Kapitel. Im ersten Kapitel, \u201eProlegomena\u201c, entwickelt der Autor grundlegende Kategorien einer evangelischen Lehre des Gebets. Schon im \u00a7 1 wird erkennbar, worin seine Gebetstheologie ihren Fluchtpunkt hat: Meyer-Blanck will Beten als \u201eAkt der Freiheit\u201c verstanden wissen. Daraus ergibt sich der das ganze Buch durchziehende denkerische Zwei-Takt: zum einen der Rekurs auf biblische und reformatorische \u00dcberlegungen und zum anderen die Ber\u00fccksichtigung der das europ\u00e4isch-nordamerikanische Menschenbild seit der Aufkl\u00e4rung pr\u00e4genden Autonomie. Damit wird auch das permanente Gespr\u00e4ch mit dem grundlegenden vermittlungstheologischen Ansatz Friedrich Schleiermachers verst\u00e4ndlich (was nicht hei\u00dft, dass der Autor nicht auch deutliche Kritik an dessen Gebetsverst\u00e4ndnis \u00fcben k\u00f6nnte: z.&nbsp;B. grenzt er sich klar gegen die Ablehnung des Bittgebets durch Schleiermacher ab). Im zweiten Kapitel wird eine Ph\u00e4nomenologie des Gebets entfaltet. Der Autor schreitet die mannigfaltigen Erscheinungen ab, unter denen Gebet heute vorkommt: im Rahmen des menschlichen Selbstverst\u00e4ndnisses, als (Grund-)Bestandteil von Spiritualit\u00e4t, in der Form des evangelischen Chorals, im Rahmen von Raumerleben, von Kunst, Musik und Literatur, im Naturerleben, im Zusammenhang mit Krankheit und der menschlichen Leiblichkeit. Das dritte Kapitel blickt zur\u00fcck auf die Theologie des Gebets in den verschiedenen Phasen der Kirchengeschichte: beginnend von der Alten Kirche \u00fcber das Mittelalter, die Reformation, Aufkl\u00e4rung und Pietismus bis zum 19. Jahrhundert. Angesichts der Unersch\u00f6pflichkeit des Feldes versteht sich von selbst, dass Meyer-Blanck jeweils nur einen kurzen \u00dcberblick gibt, dem einzelne Tiefenbohrungen folgen. Dabei bem\u00fcht der Autor sich darum, jeweils das liturgische und das individuelle Beten gesondert zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden folgenden Kapitel sind am umfangreichsten und bilden so etwas wie den Ziel- und Schwerpunkt des Buches. Im vierten Kapitel wird eine evangelische Lehre des Gebets heute entwickelt. Meyer-Blanck setzt sich darin zun\u00e4chst mit Gebetskonzeptionen aus den letzten 100 Jahren auseinander. Ankn\u00fcpfend an den Psalter und das Vaterunser ist sein Ziel, eine Theologie des Gebets \u201ein gegenw\u00e4rtiger denkerischer und biblischer Verantwortung\u201c zu entfalten. Dabei scheut sich der Autor nicht, zu Themen im Zusammenhang mit dem Gebet klar Stellung zu beziehen, die in der gegenw\u00e4rtigen evangelischen Theologie umstritten sind. So kommt er im Rahmen der \u00dcberlegungen zum Bittgebet und der Frage der Gebetserh\u00f6rung zu dem Ergebnis, dass nicht nur vom biblischen und empirischen Befund her die Bitte ein unverzichtbarer Bestandteil des Gebets darstellt. Vielmehr ist es gerade das Bittgebet, das das reformatorische Menschenbild ernstnimmt und dem Menschen erlaubt, sich selbst zu transzendieren. Im Abschnitt \u00fcber die Frage nach der M\u00f6glichkeit des Gebets zu Jesus Christus pl\u00e4diert er, ausgehend von neutestamentlichen und reformatorischen Ans\u00e4tzen, f\u00fcr dessen Berechtigung, wobei er die Christusanrede im Rahmen eines trinitarischen Gottesverst\u00e4ndnisses eingebettet wissen will in eine evangelische Vielfalt von Gebetsanreden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Kapitel ist der heutigen Praxis des evangelischen Gebets gewidmet. Zun\u00e4chst bringt der Verfasser seine Verwunderung zum Ausdruck, dass es kaum empirische Untersuchungen zum tats\u00e4chlichen Gebetsverhalten von Menschen innerhalb und au\u00dferhalb der Kirche gibt. In diesem Kapitel wird nicht nur die konkrete gegenw\u00e4rtige Praxis des Betens untersucht (die Sprache des Gebets, die Frage nach der Lehr- und Lernbarkeit des Betens, entwicklungspsychologische Einsichten, die Bedeutung des Gebets in Krisenzeiten, die Rolle des Gebets in der Seelsorge), sondern es werden auch brennende Fragen zuk\u00fcnftigen Betens in einer sich ver\u00e4ndernden Gesellschaft aufgegriffen: So die Frage nach dem Einfluss der Digitalisierung auf das Beten und die Probleme, die sich im Rahmen multireligi\u00f6sen und interreligi\u00f6sen Gebets und angesichts von religi\u00f6sen Feiern mit Konfessionslosen stellen. Am Ende des volumin\u00f6sen Buches steht ein Ausblick: Der Autor pl\u00e4diert daf\u00fcr, das Integrationspotenzial des Gebets wahrzunehmen und zur Geltung zu bringen im Hinblick auf die menschliche Biografie, auf die Zusammengeh\u00f6rigkeit von privatem, kirchlichem und gesellschaftlichen Christentum, f\u00fcr die immer mehr in voneinander getrennte Teilbereiche auseinanderdriftende wissenschaftliche Theologie und f\u00fcr das Zusammenwachsen in der \u00d6kumene. Der Ausblick endet mit einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine sensible multi- und interreligi\u00f6se Praxis des Gebets. Das Gebet verschaffe dem Respekt vor dem Andersgl\u00e4ubigen erst die notwendige emotionale Durchschlagskraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Vier Register helfen die enzyklop\u00e4dische Weite des Buchinhaltes zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich in Zukunft n\u00e4her mit dem Gebet und seinen unterschiedlichen Dimensionen und Erscheinungsformen vertraut machen bzw. auseinandersetzen will, hat mit dem Buch Meyer-Blancks eine zuverl\u00e4ssige Grundlage. Insgesamt liest sich das Buch als eine Ermutigung, sich auf das Abenteuer des Gebets in denkerischer Hinsicht, aber auch ganz praktisch einzulassen. Ich will zum Schluss nicht verschweigen, dass ich mir manchmal gew\u00fcnscht h\u00e4tte, dass der Autor expliziter zum Gebet ermutigt h\u00e4tte. Zweifellos stellt die Theologiegeschichte seit Aufkl\u00e4rung und Rationalismus nicht nur eine Geschichte des Fortschritts, sondern auch des Verlusts dar. Die permanente N\u00f6tigung, sich mit den Infragestellungen des Gebets auseinanderzusetzen, hilft es denkerisch vor dem konfessionslosen, agnostisch bzw. atheistisch gepr\u00e4gten Menschen zu verantworten. Daneben gibt es jedoch immer noch eine Mehrheit von Menschen, die betet. M\u00fcsste nicht ihnen gegen\u00fcber der Gesamtduktus der biblischen Aussagen, vor allem der Aussagen Jesu zum Gebet in der Bergpredigt, st\u00e4rker zur Geltung gebracht werden? Jesus will ganz offenbar zu einem erh\u00f6rungsgewissen Gebet Mut machen, anleiten zu einem hohen sorglosen Leben in Gott, das ohne ein solches affirmatives, kontra-faktische Gebet kaum denkbar scheint. Nicht \u00fcberzeugt hat mich auch, dass der Verfasser letztlich in der Vernunft die Instanz sieht, die die F\u00e4higkeit besitzt, sich selbst zu beschr\u00e4nken und damit denkerisch eine Selbsttranszendenz des Menschen zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Peter Zimmerling, Professor f\u00fcr Praktische Theologie an der Universit\u00e4t Leipzig<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Meyer-Blanck: Das Gebet, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2019, Pb., XVI+435 S., \u20ac\u00a044, \u2013, ISBN 978-3-16-154554-2 Das Buch des Bonner Praktischen<\/p>\n","protected":false},"author":39,"featured_media":1174,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1173","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praktische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/39"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1173"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1175,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1173\/revisions\/1175"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1174"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}