{"id":1176,"date":"2020-10-18T13:51:21","date_gmt":"2020-10-18T13:51:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1176"},"modified":"2020-10-18T13:51:22","modified_gmt":"2020-10-18T13:51:22","slug":"isolde-karle-praktische-theologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1176","title":{"rendered":"Isolde Karle: Praktische Theologie"},"content":{"rendered":"\n<p>Isolde Karle: <em>Praktische Theologie<\/em>, Lehrwerk Evangelische Theologie 7, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2019, geb., XVII+718\u00a0S., \u20ac\u00a058,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4874_Praktische-Theologie.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4874_Praktische-Theologie.html\">978-3-374-05488-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Das Lehrwerk Evangelische Theologie will Studierenden \u201egegenwartsbezogenes theologisches Grundwissen\u201c mit einer \u201epraxisorientierten Ausrichtung auf das k\u00fcnftige Berufsfeld der Studierenden\u201c (V) vermitteln (zum Band 5: <em>Dogmatik<\/em> von Ulrich H. J. Koertner vgl. die <a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=813\">Rezension von Rolf Hille<\/a>). Der vorliegende Band beinhaltet eine \u201eGesamtdarstellung der Praktischen Theologie\u201c (XV), wobei jedoch die \u201eReligionsp\u00e4dagogik\u201c ausgeklammert bleibt, weil diese in einem eigenen Band behandelt wird (Michael Domsgen, 2019, vgl. die Rezension von Judith Hildebrandt).<\/p>\n\n\n\n<p>Studierende erhalten mit dem Lehrbuch eine \u00fcbersichtliche Pr\u00e4sentation der f\u00fcr ein Pfarramt wichtigsten praktisch-theologischen Handlungsfelder. Nach einer Einf\u00fchrung in die Disziplin der Praktischen Theologie (Kap. 1, 31 S.) erfolgt eine kontextuelle Einbettung mit den drei Kapiteln \u201eReligion in der Moderne\u201c (Kap. 2, 56 S.), \u201eKirche in der Moderne (Kap. 3, 44 S.) sowie \u201ePfarrberuf in der Moderne\u201c (Kap. 3, 32 S.). Auf diesem Hintergrund werden die klassischen Handlungsfelder ausf\u00fchrlich entfaltet: \u201eHomiletik\u201c (Kap. 5, 86 S.), \u201eLiturgik\u201c (Kap. 6, 98 S.), \u201ePoimenik\u201c (Kap. 7, 118 S.) sowie \u201eKasualien\u201c (Kap. 8, 118 S.). In zwei Kapiteln werden abschlie\u00dfend \u201eDiakonie\u201c (Kap. 9, 26 S.) und \u201eMedienkommunikation (Kap. 10, 17 S.) knapp skizziert. Die einzelnen Kapitel folgen einem \u00e4hnlichen Aufbau, indem zuerst \u201ehistorische Perspektiven\u201c dargestellt werden, wobei der Schwerpunkt auf dem Gewinn f\u00fcr die Gegenwart liegt, bevor \u201eaktuelle Diskurse\u201c aufgenommen und weitergef\u00fchrt werden. Die Darstellungen werden ausgewogen und kenntnisreich gef\u00fchrt und sind insgesamt gut nachvollziehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Karle folgt im Aufbau einer <em>klassischen praktisch-theologischen Struktur<\/em> (etwa im Unterschied zu den eigenwilligen und unkonventionellen Strukturierungen bei Christian Grethlein, <em>Praktische Theologie<\/em>, 2012, oder bei Frank Thomas Brinkmann, <em>Praktische Theologie<\/em>, 2019), was sich positiv auf Klarheit, \u00dcbersichtlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Darstellung auswirkt sowie eine schnelle Orientierung erm\u00f6glicht. In <em>didaktischer Hinsicht<\/em> fallen besonders die hervorgehobenen Merks\u00e4tze auf, in welchen die Diskurse knapp und pr\u00e4zise zusammengefasst werden. Jedes Kapitel endet mit der Nennung ausgew\u00e4hlter Titel f\u00fcr die vertiefende Lekt\u00fcre. Der Band wird mit einem beachtlichen 65-seitigen Literaturverzeichnis sowie mit Namens-, Sach- und Bibelstellenregister abgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das praktisch-theologische Selbstverst\u00e4ndnis, das im Lehrbuch zur Geltung kommt, steht unverkennbar in der Linie <em>Friedrich Schleiermachers<\/em> (5\u201313). Auf ihn wird durchg\u00e4ngig Bezug genommen (im Namensregister mit ca. 40 Verweisen die Person mit der zweith\u00f6chsten Anzahl Referenzen, mehr Eintr\u00e4ge gibt es nur zur Autorin selbst). Die damit verbundene anthropologisch-religi\u00f6se Grundierung spiegelt sich in zahlreichen Facetten wider. Eine positive Folge dieser Sichtweise besteht darin, dass Karle die empirische Wende der 1960er und -70er-Jahre auch kritisch in den Blick nimmt und sich nicht einseitig einer sozialwissenschaftlich orientierten Praktischen Theologie verpflichtet wei\u00df. Vielmehr wird neben der Interdisziplinarit\u00e4t auch der <em>Theologiebezug<\/em> als zweite bedeutsame Grundperspektive genannt (XV\u2013XVI; vgl. 21\u201327). \u00dcbereinstimmend damit beginnen zahlreiche Kapitel mit einer knappen Rezeption biblischer Aussagen. Es werden zudem h\u00e4ufig theologische Impulse der Reformationszeit, v.&nbsp;a. von Martin Luther, konstruktiv in den Diskurs eingebracht. Die Verbindung von Interdisziplinarit\u00e4t und Theologiebezug sieht Karle auch in der gegenw\u00e4rtig breit rezipierten Leitformel \u201eKommunikation des Evangeliums\u201c gegeben (16\u201321), die sie im Anschluss an Ernst Lange als \u201ePraxis im Dienst der Freiheit\u201c verstanden wissen will (20).<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei weitere Linien aus dem Oeuvre von Karle finden in diesem Lehrbuch einen erkennbaren Niederschlag: Neben dem Verst\u00e4ndnis des Pfarramtes als einer Profession (s. ihre Habilitation <em>Der Pfarrberuf als Profession<\/em>, 2001) ist es die Genderthematik (<em>\u201eDa ist nicht mehr Mann noch Frau\u2026\u201c. Theologie jenseits der Geschlechterdifferenz<\/em>, 2006; vgl. auch <em>Liebe in der Moderne. K\u00f6rperlichkeit, Sexualit\u00e4t und Ehe<\/em>, 2014), welche durchg\u00e4ngig als Reflexionsperspektive eingespielt wird. Damit \u00fcbereinstimmend ist die prominente Stellung von Gal 3,28 \u2013 der mit Abstand am h\u00e4ufigsten zitierte und rezipierte Bibeltext. Es handelt sich auch um diejenige Thematik, bei der Karle deutlicher als in anderen Themenbereichen nicht nur abw\u00e4gend Spannungsfelder skizziert, sondern auch Position ergreift, so etwa f\u00fcr die \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c (538\u2013543).<\/p>\n\n\n\n<p>Neben der F\u00fclle von Aspekten, die in diesem Lehrwerk integriert sind, gibt es markante <em>Leerstellen<\/em>. Aus Sicht der \u201eevangelical community\u201c wird man vermissen, dass offenbarungstheologische Dimensionen kaum thematisiert werden. Die Rede \u00fcber Gott, Jesus und den Heiligen Geist bleibt aus dieser Perspektive eigent\u00fcmlich vage. Die vorhandenen biblischen Bez\u00fcge k\u00f6nnen nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass insgesamt der Bibel nur ein geringes Ma\u00df an normativer Orientierungskraft f\u00fcr die Praktische Theologie zugestanden wird. Studierende k\u00f6nnen auch nicht erwarten, Auskunft \u00fcber missionarische Ans\u00e4tze der Kirchenentwicklung zu erhalten. Themen wie Mission, Evangelisation, Konversion werden nicht reflektiert und erscheinen auch nicht im Sachregister. Weder werden wissenschaftliche Reflexionen zu diesen Themenkreisen rezipiert (so werden z.&nbsp;B. keine Publikationen von Michael Herbst oder von anderen Autorinnen und Autoren aus dem Greifswalder Institut aufgef\u00fchrt) noch werden entsprechende Bewegungen innerhalb und au\u00dferhalb der EKD-Kirchen wahrgenommen. In dieser Hinsicht scheint das Lehrbuch \u00fcber weite Strecken in einem neuprotestantisch-sp\u00e4tvolkskirchlichen Diskurs verhaftet zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rezension soll aber nicht mit Problemanzeigen enden, was dem Lehrbuch nicht gerecht werden w\u00fcrde. Denn es gelingt Karle, den Diskurs nicht nur darzustellen, sondern auch zu beleben und weiterzuf\u00fchren. Es werden positive Akzente gesetzt, die das Potential haben, den etwas zu eng gesetzten Diskursrahmen aufzubrechen, und die es wert sind, auch \u00fcber alle theologischen und konfessionellen Kontexte hin wahr- und aufgenommen zu werden. Neben vielen kleinen hilfreichen Lernertr\u00e4gen aus der Lekt\u00fcre sei vor allem auf das Kapitel \u00fcber Seelsorge verwiesen. Geradezu als Perlen erweisen sich etwa die Ausf\u00fchrungen \u00fcber \u201eSeelsorge als Trost\u201c (in Rezeption von Martin Luthers <em>per mutuum colloquium et consolationem fratrum<\/em>; 348\u2013357) sowie die konstruktive Interpretation von Eduard Thurneysens Seelsorgelehre als \u201eSeelsorge im Horizont der Hoffnung\u201c (372\u2013378). Hier zeigt sich exemplarisch der Gewinn einer theologisch verantworteten Praktischen Theologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lehrwerk vermittelt insgesamt einen soliden und informativen Einblick in die praktisch-theologischen Diskussionen neuprotestantisch-universit\u00e4rer Provenienz. Innerhalb dieses Diskurses setzt der Band eigene Akzente, indem der kirchliche und soziale Charakter der Evangeliumskommunikation ber\u00fccksichtigt und damit ein zu enges subjekttheoretisches Religionsparadigma aufgebrochen wird. Es ist zu w\u00fcnschen, dass es in der \u201eevangelical community\u201c als anregender Gespr\u00e4chspartner und als Anreiz f\u00fcr den weiteren praktisch-theologischen Diskurs wahrgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Stefan Schweyer, Ordentlicher Professor f\u00fcr Praktische Theologie an der Staatsunabh\u00e4ngigen Theologischen Hochschule Basel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Isolde Karle: Praktische Theologie, Lehrwerk Evangelische Theologie 7, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2019, geb., XVII+718\u00a0S., \u20ac\u00a058,\u2013, ISBN 978-3-374-05488-6 Das Lehrwerk Evangelische<\/p>\n","protected":false},"author":56,"featured_media":1177,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1176","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praktische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/56"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1176"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1176\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1178,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1176\/revisions\/1178"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1177"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}