{"id":1183,"date":"2020-10-19T17:34:11","date_gmt":"2020-10-19T17:34:11","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1183"},"modified":"2020-10-19T17:34:13","modified_gmt":"2020-10-19T17:34:13","slug":"martin-grabe-homosexualitaet-und-christlicher-glaube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1183","title":{"rendered":"Martin Grabe: Homosexualit\u00e4t und christlicher Glaube"},"content":{"rendered":"\n<p>Martin Grabe: <em>Homosexualit\u00e4t und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama, <\/em>Marburg: Francke, 2020, geb., 96 S., 10,95 \u20ac, ISBN: <a href=\"https:\/\/www.francke-buch.de\/buecher\/biografie\/2727\/0\/martin-grabe-homosexualitaet-und-christlicher-glaube:-ein-beziehungsdrama\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.francke-buch.de\/buecher\/biografie\/2727\/0\/martin-grabe-homosexualitaet-und-christlicher-glaube:-ein-beziehungsdrama\/\">978-3-96362-172-7<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Martin Grabe, \u00e4rztlicher Direktor der Klinik Hohe Mark in Oberursel und Leiter der Akademie f\u00fcr Psychologie und Seelsorge, entfaltet auf weniger als einhundert fl\u00fcssig zu lesenden Seiten die Gr\u00fcnde f\u00fcr seine \u00dcberzeugung, warum homosexuelle Christen \u201eebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gott und der Gemeinde eingehen\u201c d\u00fcrfen und in jeder Hinsicht willkommen zu hei\u00dfen sind (76).<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das erste Kapitel verdeutlicht, ist die Ablehnung praktizierter Homosexualit\u00e4t geschichtlich betrachtet kein exklusiver Topos christlicher Verk\u00fcndigung gewesen, sondern spiegelte eine kultur\u00fcbergreifend gesellschaftliche \u00c4chtung. Angesichts dieses Globalbefundes wirkt es dann doch abseitig, diese Ablehnung f\u00fcr Deutschland (einzig) auf die \u201epreu\u00dfisch-soldatische Herkunft unseres jetzigen Staatswesens\u201c (13) zur\u00fcckzuf\u00fchren. Grabe verzichtet hier wie auch sonst auf jegliche fachwissenschaftliche Belege, die eine solche spezielle historische These aus dem Mund eines Arztes zu st\u00fctzen in der Lage w\u00e4ren. Bei Grabe steht diese historische Konstruktion allerdings im Dienst einer psychologischen Behauptung: Die Diskriminierung von (m\u00e4nnlichen) Homosexuellen beruhe \u201eauf der erlernten \u00dcbernahme traditioneller Tabus, diese wiederum gr\u00fcnden [\u2026] gr\u00f6\u00dftenteils auf kollektiver neurotischer Abwehr homoerotischer Anteile der eigenen Psyche\u201c (16). Damit ist ein Grundton angestimmt, der sich bis ans Ende durch das Buch zieht: Historische, biblische und theologische \u00dcberlegungen, die auf ihrer je eigenen Sachebene diskutiert werden m\u00fcssten, werden durch (tiefen-)psychologische Einordnungen gegen Einw\u00e4nde immunisiert. So jedenfalls wird man die wiederholten Aussagen Grabes verstehen m\u00fcssen, dass Kritiker von Grabes Sicht die Bibel noch nicht ernsthaft gelesen h\u00e4tten und noch intensiver beten sollten (36, 79). Das will sagen: Sie verstecken hinter unreflektiert vorgetragenen Bibelzitaten die Verdr\u00e4ngung ihrer eigenen homoerotischen Pers\u00f6nlichkeitsanteile.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Bereich eigener Expertise bewegt sich Grabe mit seinen Ausf\u00fchrungen zur Homosexualit\u00e4t aus therapeutischer Sicht. Der hinsichtlich der Verursachung homoerotischer Anziehung komplexe Befund \u2013 der auf eine komplizierte Wechselwirkung biologischer und sozialer Faktoren hinweist \u2013 wird erw\u00e4hnt (25f), die Einsch\u00e4tzung, dass Homosexualit\u00e4t in den meisten F\u00e4llen unver\u00e4nderbar sei, als Konsens der Fachwelt bezeichnet. Grabes Fokus liegt nicht nur hier auf \u201eden meisten F\u00e4llen\u201c, bei denen die sexuelle Orientierung, weil tief in der Pers\u00f6nlichkeit verankert, \u201enicht ge\u00e4ndert werden kann\u201c. Schade, dass der Vf., der mit seinem Buch eine Minderheit st\u00e4rken m\u00f6chte, der Minderheit derer, die eine Ver\u00e4nderung erfahren haben, keine Beachtung schenkt. Darin liegt eine Engf\u00fchrung des Buches insgesamt.<\/p>\n\n\n\n<p>Von genuin theologischem Anspruch sind die Kapitel 4 und 5. Hier wertet Grabe f\u00fcnf f\u00fcr die Diskussion einschl\u00e4gige Bibeltexte aus, die regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr die Verurteilung praktizierter Homosexualit\u00e4t herangezogen werden. Kurz gesagt: Die Texte des Heiligkeitsgesetzes verurteilten Homosexualit\u00e4t, weil homosexuelle Akte praktisch den Bruch einer bestehenden Ehe bedeuteten. Und die einschl\u00e4gigen Texte im Neuen Testament verurteilten lediglich Promiskuit\u00e4t und Prostitution, weshalb sie zu heutigen gleichgeschlechtlichen Paarbeziehungen nichts sagten. In diesem Teil des Buches ist die Ignoranz der theologischen Fachdiskussion besonders fatal. Um nur so viel zu sagen: Wenn homosexuelle Akte um des Schutzes der Ehe willen verurteilt werden, w\u00e4re Sex mit Tieren in Ordnung, solange der menschliche Partner unverheiratet ist? Und das Kinderopfer w\u00fcrde verurteilt, weil es die Israel gegebene Nachkommens-Verhei\u00dfung in Frage stellt? Nein, es geht in den Bestimmungen insgesamt darum, die Ordnungen in Lebensverh\u00e4ltnissen vor \u00dcbertretungen zu sch\u00fctzen: im Verh\u00e4ltnis der Gattungen, der Geschlechter und der Familienangeh\u00f6rigen. Und nach R\u00f6m 1 stehen alle Menschen (egal welcher sexuellen Orientierung) unter dem Urteil Gottes, was die Verurteilung homosexueller Handlungen nicht auf Prostitution und \u201eKnabenliebe\u201c beschr\u00e4nkt, auf die sich der hier ausdr\u00fccklich erw\u00e4hnte lesbische Verkehr historisch auch nicht anwenden l\u00e4sst. Paulus geht es, um sein Argument zu erl\u00e4utern, um eine nach seinem Ermessen verkehrte Beziehungsform, \u00fcberhaupt nicht um individuelle Fallkonstellationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Grabe im f\u00fcnften Kapitel ausf\u00fchrt, dass Gott alle Menschen, so wie sie sind, geschaffen und folglich auch so gewollt habe, erliegt er philosophisch gesehen dem Fehlschluss vom Sein auf das Sollen, wohl auch deshalb, weil er der Wirklichkeit der S\u00fcnde keine hinreichende Beachtung schenkt. Die uns zug\u00e4ngliche nat\u00fcrliche Welt ist nicht identisch mit der Sch\u00f6pfung Gottes \u201eim Anfang\u201c, sondern spiegelt Gottes Sch\u00f6pferhandeln in der Brechung durch die S\u00fcnde, die dieser gefallenen Welt ihre (vorl\u00e4ufige) Signatur gibt. Was wir am empirischen Dasein eines Menschen ablesen k\u00f6nnen, ist kein verl\u00e4sslicher Kompass im Blick auf das, was Gott will. Vielmehr ist vom Offenbarungszeugnis aus zwischen dem Dasein jedes Menschen und seinem konkreten Sosein zu unterscheiden. Ersterem gilt Gottes unbedingtes Ja, letzteres tr\u00e4gt auch die Spuren des Falls an sich, was \u00fcbrigens unabh\u00e4ngig von der sexuellen Orientierung gilt. Wenn wir einfach \u201eakzeptieren m\u00fcssen und d\u00fcrfen, dass er [Gott] uns so geschaffen hat, wie wir sind\u201c (59), warum sind dann unter christlichem Einfluss medizinische Behandlungseinrichtungen entstanden?<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Pl\u00e4doyer, gleichgeschlechtliche Paare als Eheleute zu segnen, wird von Grabe damit begr\u00fcndet, dass nur wenige Menschen, die ein besonderes Charisma empfangen haben, ohne Sex leben k\u00f6nnten. Alle anderen n\u00e4hmen bei einem (dauerhaften) Verzicht Schaden an Leib und Seele (74). Das sind d\u00fcstere Aussichten f\u00fcr Singles und Menschen, die aus welchen Gr\u00fcnden auch immer ihrer Sexualit\u00e4t keinen Ausdruck geben k\u00f6nnen. Doch die Behauptung, Sex zu haben sei ebenso \u00fcberlebenswichtig wie essen und atmen, ist schlicht falsch, wie u.&nbsp;a. der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch festh\u00e4lt: \u201eEs ist ein modernes M\u00e4rchen, dass das Leben arm und langweilig sei ohne sexuelle Aktivit\u00e4t. Nicht nur in anderen Kulturen ist millionenfach das Gegenteil bewiesen worden. Um N\u00e4he zu einem Menschen herzustellen, bedarf es sexueller Aktionen und auch k\u00f6rperlicher Ber\u00fchrungen nicht\u201c (<em>Sexualit\u00e4ten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten,<\/em> Frankfurt: Campus, 2013, <sup>2<\/sup>2015, 207). Und wenn Grabe im letzten Buchkapitel schreibt, dass f\u00fcr ihn die Angriffe von LSBT-Aktivisten gegen den APS-Kongress 2009 \u201etraumatische Tiefe\u201c gehabt h\u00e4tten und neuerliche Anfeindungen in ihm eine \u201etiefe Angst\u201c ausgel\u00f6st h\u00e4tten (95), legt sich die Frage nahe, ob der Autor, der bei Kritikern einer offenen Position viel Verdr\u00e4ngung und wenig Bibelkenntnis im Spiel sieht, nicht seine eigenen Lesevoraussetzungen kritischer h\u00e4tte pr\u00fcfen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Grabes Buch stellt eine wichtige Frage: Warum tun sich (viele) Evangelikale so schwer mit der Akzeptanz homosexueller Menschen? Dass er das subjektive Leid der Betroffenen ernst nimmt, ist uneingeschr\u00e4nkt zu w\u00fcrdigen. Und der Anspruch, Fragen der Gleichstellung biblisch-theologisch kl\u00e4ren zu wollen, weist in die richtige Richtung. Leider wird dieser Anspruch nicht eingel\u00f6st. Zu wenig wird im Blick auf homosexuelle Menschen zwischen Empfindungen, Orientierung, Praxis und Identit\u00e4t differenziert und damit das eigentlich schon erreichte Niveau der Diskussion unterboten. Der theologischen Argumentation fehlt jeder Hinweis auf die leibliche Komplementarit\u00e4t von Mann und Frau, wie sie f\u00fcr das j\u00fcdische Verst\u00e4ndnis und das urchristliches Zeugnis grundlegend ist. Die Sch\u00f6pfung wird nicht in einen Zusammenhang mit S\u00fcnde und Neusch\u00f6pfung gebracht, weshalb der Auswertung einzelner Bibelstellen der \u00fcbergreifende Zusammenhang fehlt. Der Fokus liegt \u2013 gegen Paulus \u2013 derma\u00dfen stark auf dem Eingehen einer Ehe, dass Beziehungsformen wie tiefe Freundschaften nicht gew\u00fcrdigt werden k\u00f6nnen. Das Buch wird die Grenzen in einer leidigen Debatte zwar kaum verschieben, stellt sie aber mit seiner \u2013 anzuerkennenden \u2013 Ehrlichkeit, eine vollst\u00e4ndigen \u201e\u00d6ffnung\u201c von Ehe und Familie f\u00fcr homosexuelle Menschen in evangelikalen Gemeinden zu fordern, zumindest deutlich heraus.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Grabe: Homosexualit\u00e4t und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama, Marburg: Francke, 2020, geb., 96 S., 10,95 \u20ac, ISBN: 978-3-96362-172-7 Martin Grabe,<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":1184,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1183","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1183"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1185,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1183\/revisions\/1185"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}