{"id":1187,"date":"2021-04-25T11:02:02","date_gmt":"2021-04-25T11:02:02","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1187"},"modified":"2021-04-25T11:02:03","modified_gmt":"2021-04-25T11:02:03","slug":"jan-christian-gertz-das-erste-buch-mose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1187","title":{"rendered":"Jan Christian Gertz: Das erste Buch Mose"},"content":{"rendered":"\n<p>Jan Christian Gertz: <em>Das erste Buch Mose. Genesis: Die Urgeschichte Gen 1\u201311<\/em>, ATD Neubearbeitungen 1, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2018, Geb. XXVII+348\u00a0S., \u20ac 90,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/exegese\/kommentarreihen\/14450\/1-mose-genesis-1-11\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/exegese\/kommentarreihen\/14450\/1-mose-genesis-1-11\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-525-51645-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Jan Christian Gertz, Professor f\u00fcr Altes Testament in Heidelberg, legt eine Neubearbeitung zur Urgeschichte vor, die Gerhard von Rads einflussreichen Kommentar in der Reihe Altes Testament Deutsch nach 70 Jahren abl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die kritische Pentateuchforschung besonders in den Sch\u00f6pfungs- und Sintflutgeschichten ihre Pr\u00fcfsteine findet, ist die Urgeschichte forschungsgeschichtlich von hoher Relevanz. Die jeweilige entstehungsgeschichtliche Erkl\u00e4rung der Urgeschichte definiert, welches Pentateuchmodell vertreten wird. Zudem haben die grundlegenden theologischen Themen wie Sch\u00f6pfung, Ebenbildlichkeit und S\u00fcnde eine au\u00dferordentliche Rezeption erfahren, sodass eine nicht zu bew\u00e4ltigende Flut von Sekund\u00e4rliteratur Segen und Fluch zugleich ist. Gertz gelingt es, in beiden Bereichen Schneisen zu schlagen. Wie hei\u00dft es so sch\u00f6n: In der Beschr\u00e4nkung zeigt sich der Meister. Freilich habe die Urgeschichte ihren Wert f\u00fcr die Deutung des Ursprungs des Kosmos, des Lebens und der fr\u00fchen Menschheitsgeschichte \u201ezugunsten der modernen Wissenschaften r\u00e4umen m\u00fcssen\u201c (1). Gertz sieht die Urgeschichte in Analogie zu den ionischen Naturphilosophen (Thales von Milet und Anaximander), aber nicht im Widerspruch zur modernen Naturwissenschaft, da es dem biblischen Text um eine theologische Deutung der Welt gehe, auch wenn er auf zeitgen\u00f6ssische mesopotamische Naturkunde zur\u00fcckgreife (78\u201379). Sein Wert f\u00fcr die Erkl\u00e4rung der Welt manifestiere sich in Gen 2,4\u20134,27 vor allem in seinen \u00c4tiologien und in der Flutgeschichte (Gen 6,5\u20139,17) in seinen Aussagen zum Menschsein und zur S\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu von Rad sieht Gertz die Urgeschichte als literarisch eigenst\u00e4ndige Gr\u00f6\u00dfe, auch wenn er anerkennt, dass die ganze Genesis durch die Toledot-Formeln gegliedert werde und das Thema von Segen und Mehrung das ganze Buch pr\u00e4ge. Hier k\u00f6nnte die kritische R\u00fcckfrage gestellt werden, wie stark trennende und verbindende Elemente innerhalb der Genesis zu gewichten sind. Zudem kann gefragt werden, ob die Genesis jemals als eigenst\u00e4ndiges Buch au\u00dferhalb des Pentateuch existiert hat. Anders als Georg Fischer (HThKAT, siehe die Rezension <a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=879\">https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=879<\/a>), der den klassischen Pentateuchmodellen den R\u00fccken zuwendet und von der literarischen und theologischen Einheit des Buches ausgeht, entwickelt Gertz seinen Ansatz innerhalb des literarkritisch-redaktionsgeschichtlichen Mainstreams weiter. Er h\u00e4lt an der exilischen Priesterschrift (P) fest, die er als \u201eliterarisch weitgehend einheitlich\u201c (9) betrachtet und die durch halbfetten Druck hervorgehoben wird. Nachdem in der Forschung der Elohist als Quelle weitgehend aufgegeben wurde und auch beim Jahwisten kein Konsens im Blick ist, wird heute vielfach nur noch von \u201enicht-priesterlichem\u201c Material gesprochen. Gertz verortet dieses in der zweiten H\u00e4lfte des 7. Jahrhunderts in die Zeit Manasses. Er h\u00e4lt es wie \u201eP\u201c f\u00fcr urspr\u00fcnglich selbstst\u00e4ndig und nicht als Vorbau zur V\u00e4tergeschichte (Gen 12\u201350). Die nicht-priesterlichen Texte differenziert er in einen weisheitlichen Erz\u00e4hler (kursiv gesetzt) und in eine umfangm\u00e4\u00dfig \u00fcbersichtliche nachpriesterliche Redaktion in Gen 6,1\u20134; 9,18b.20\u201327; 10,8\u201319.21.24\u201330 und 11,1\u20139 sowie weiteren Einzelversen (mager gedruckt). Problematisch ist bei diesem Modell, dass die nicht-priesterliche Urgeschichte keinen angemessenen Abschluss findet. Weil die Turmbauerz\u00e4hlung in Gen 11,1\u20139 mit der abschlie\u00dfenden Nennung Babylons und der Zerstreuung der Menschheit endet, sei der Umfang des nicht-priesterlichen Werkes auf Gen 2,4\u20138,22* zu beschr\u00e4nken. Die Bez\u00fcge von Gen 11,6 auf 3,22 und von 11,5 auf 6,1\u20134 erkl\u00e4rt Gertz damit, dass alle diese Verse von der Hand des Redaktors stammen. Gertz nimmt in der Urgeschichte keine deuteronomisch-deuteronomistische Beeinflussung, wohl aber eine Kenntnis vorexilischer Unheilspropheten wahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist das Verh\u00e4ltnis der Urgeschichte zu den altorientalischen Parallelen zu sehen? Gertz geht insbesondere bei der Flutgeschichte von der Kenntnis mesopotamischer Vorbilder aus und sieht enge Beziehungen zum Gilgamesch-Epos, zum Atra\u1e2basis-Epos und zu Enuma elisch, h\u00e4lt eine genaue Rekonstruktion der Rezeptionswege aber f\u00fcr schwierig. Stattdessen sei davon auszugehen, dass die altorientalischen und biblischen Texte eine \u00e4hnliche Weltsicht teilen, die Urgeschichte aber ihr theologisch individuelles Profil bewahre. Der erste Sch\u00f6pfungsbericht sei kein Gegenentwurf zu Enuma elisch und beinhalte auch keine Polemik gegen altorientalische Sch\u00f6pfungsmythen (77).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bibliografie beschr\u00e4nkt sich auf 20 ausgew\u00e4hlte Kommentare sowie gut sieben Seiten Spezialliteratur, die als \u201est\u00e4ndige Zeugen\u201c in einer Kurzform angegeben werden. Die Kommentierung verarbeitet eine F\u00fclle von Sekund\u00e4rliteratur, ohne sich zu verlieren. Die Anmerkungen zu den \u00dcbersetzungen sind vor allem textkritischer und philologischer Art, w\u00e4hrend in der eigentlichen Kommentierung der Diskurs mit anderen Exegeten stattfindet. In der \u00dcbersetzung werden die unterschiedlichen Quellen und Redaktionen, wie beschrieben, durch unterschiedliche Lettertypen voneinander abgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gertz gliedert die Urgeschichte in zehn Abschnitte (1,1\u20132,3; 2,4\u20133,24; 4,1\u201326; 5,1\u201332; 6,1\u20134; 6,5\u20139,17; 9,18\u201329; 10,1\u201332; 11,1\u20139; 11,10\u201326). Die Literarkritik wird also der Toledotstruktur \u00fcbergeordnet. Der Kommentierung werden Ausf\u00fchrungen zu Kontext, Entstehung, Aufbau, Gattung und Tradition vorangestellt. Entstehungsgeschichtliche Fragen werden zwar regelm\u00e4\u00dfig thematisiert, k\u00f6nnen aber ohne Verlust \u00fcbersprungen werden. Zentral steht bei Gertz eine gr\u00fcndliche exegetisch-theologische Erkl\u00e4rung des biblischen Textes. Aus der F\u00fclle seien beispielhaft einige Punkte genannt: Gen 1,1 versteht Gertz als \u00dcberschrift und 1,2 als Vorweltschilderung. Gen 1,26 deutet Gertz als kommunikativen Plural und die Gottesebenbildlichkeit in 1,27 als Repr\u00e4sentation. Der zweigliedrige Vergleich \u201eBild\u201c diene als N\u00e4herbestimmung derselben Referenzgr\u00f6\u00dfe (<em>Beth essentiae<\/em>). Inhaltlich sei die Bef\u00e4higung zur Herrschaft gemeint (<em>dominium terrae<\/em>). Wie bei vielen kritischen Exegeten heute \u00fcblich, wird Gen 3 nicht als S\u00fcndenfall aufgefasst. Die S\u00fcnde sei dem Menschen nicht wesenhaft eigen oder angeboren (174). Gen 3 beschreibe aber, wie die S\u00fcnde in die Welt gekommen ist und den Erm\u00f6glichungsgrund f\u00fcr die S\u00fcnde, was dann in Gen 4,1\u201316 entfaltet&nbsp;werde. Der Abschnitt \u00fcber die Engelehen in Gen 6,1\u20134 wird der Redaktion zugewiesen und k\u00f6nne aus literarischen und inhaltlichen Gr\u00fcnden nicht als Begr\u00fcndung der Sintflut dienen. Andererseits sei dieser Abschnitt nicht wirklich ein Fremdk\u00f6rper in der Urgeschichte, sondern werde durch Formulierungen theologische Parallelen in den weiteren Kontext eingebunden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im M\u00e4rz 2021 erschien eine verbesserte und leicht erweiterte zweite Auflage. Ob der Neubearbeitung dieselbe Lebensdauer wie von Rads Kommentar beschieden sein wird? Auch wenn man das zugrunde liegende Pentateuchmodell nicht teilt und synchrone Ans\u00e4tze bevorzugt, kann man viel Honig aus der Kommentierung ziehen. Sie spiegelt die aktuelle Forschung wider, schl\u00e4gt Breschen in die Literaturflut und bietet eine gr\u00fcndliche wie ausgewogene theologische Erkl\u00e4rung eines elementaren und bis heute faszinierenden Bibeltextes.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Walter Hilbrands, Dekan und Dozent f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Christian Gertz: Das erste Buch Mose. 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