{"id":1190,"date":"2021-04-25T11:09:00","date_gmt":"2021-04-25T11:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1190"},"modified":"2021-04-25T11:09:01","modified_gmt":"2021-04-25T11:09:01","slug":"pekka-pitkaenen-a-commentary-on-numbers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1190","title":{"rendered":"Pekka Pitk\u00e4nen: A Commentary on Numbers"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pekka Pitk\u00e4nen: <em>A Commentary on Numbers. Narrative, Ritual, and Colonialism<\/em>, Routledge Studies in the Biblical World, London \/ New York: Routledge, 2018, Pb., xiv+253 S., \u00a3\u00a036.99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/A-Commentary-on-Numbers-Narrative-Ritual-and-Colonialism\/Pitkanen\/p\/book\/9780367515362\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.routledge.com\/A-Commentary-on-Numbers-Narrative-Ritual-and-Colonialism\/Pitkanen\/p\/book\/9780367515362\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-1-138-70657-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pekka Pitk\u00e4nen, Senior Lecturer an der University of Gloucestershire, weckt mit dem Titel seines Numeri-Kommentars hohe Erwartungen. Vor allem das Stichwort \u201eColonialism\u201c l\u00e4sst auf einen Entwurf hoffen, der die als problematisch empfundenen Landnahmetexte angemessen behandelt und f\u00fcr die Lebenswelt heutiger Leser auslegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der gut 50 Seiten umfassenden Einleitung zeichnet P. zun\u00e4chst kurz die Forschungsgeschichte zur Entstehung des Pentateuch bzw. Hexateuch nach, wobei auch \u00dcberlegungen zur Historizit\u00e4t der \u201eLandnahme\u201c einflie\u00dfen (3\u20137). Ein Problem der seit Wellhausen etablierten Entstehungstheorien sieht P. darin, dass den Texten Koh\u00e4renz und Autorenintention abgesprochen werden. Im Anschluss an Kuhn (<em>The Structure of Scientific Revolutions<\/em>, 1962) h\u00e4lt er fest, dass die heute zu beobachtende Aufsplitterung in immer komplizierter werdende redaktionsgeschichtliche Theorien ein Anzeichen f\u00fcr den Niedergang des gesamten Paradigmas sein kann. Mit Kilch\u00f6r (<em>Mosetora und Jahwetora<\/em>, 2015) stellt er eine Diskrepanz fest zwischen der postulierten Entstehungsreihenfolge der Gesetzestexte und ihrer Anordnung in der finalen Pentateuchredaktion. Im Anschluss an Kitchen und Lawrence (<em>Treaty, Law and Covenant<\/em>, 2012) h\u00e4lt P. die von Wellhausen propagierte Auffassung einer religionsgeschichtlichen Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen f\u00fcr \u00fcberholt (8\u201310).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der von P. vertretene Ansatz l\u00e4sst sich wie folgt zusammenfassen: 1.&nbsp;Annahme von Koh\u00e4renz im Hexateuch-Gesamtwerk unter der Voraussetzung, dass verschiedene Quellen verarbeitet wurden (f\u00fcr die Komposition setzt P. zwei verschiedene \u201eAutoren\u201c f\u00fcr Gen-Num und Dtn-Jos voraus); 2.&nbsp;kein Anspruch, im Kommentar alle mutma\u00dflichen Redaktionsschichten zu isolieren; 3.&nbsp;Annahme eines hohen Alters der Texte (sp\u00e4tes 2.&nbsp;Jahrtausend), aber nicht einer mosaischen Verfasserschaft, dabei Zugest\u00e4ndnis m\u00f6glicher partieller Fiktionalit\u00e4t (14\u201315, 18, 21, 37\u201338, 47). Die Annahme des hohen Alters wird im Kommentarteil immer wieder durch arch\u00e4ologische Daten plausibel gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Besondere dieses Kommentars ist der Anspruch, sozialwissenschaftliche Theorien in die Auslegung zu integrieren, speziell \u201emigration studies\u201c und \u201esettler colonial studies\u201c (40\u201348), was den Kommentar im Bereich des \u201epostcolonial criticism\u201c verortet (15). Damit kommen Themen wie \u201eGewalt\u201c und \u201eGenozid\u201c in den Vordergrund, die ja gerade bei Texten des Numeribuches \u2013 neben solchen aus Deuteronomium und Josua \u2013 als besonders problematisch empfunden werden. Die Texte des Hexateuch stimmen nach P. mit den Forschungen \u00fcber \u201esettler colonialism\u201c darin \u00fcberein, dass die einheimische Gesellschaft beseitigt und durch Institutionen der Siedler ersetzt wird. P.&nbsp;betrachtet die Darstellung Israels in diesen Texten als eine programmatische Darstellung der Schreiber, die zeigen soll, wie die neu gegr\u00fcndete israelitische Gesellschaft sein sollte (45\u201347). Diese These ist anregend und scheint anzudeuten, dass ein Genozid der einheimischen Bev\u00f6lkerung Kanaans nur in den Texten erw\u00e4hnt wird, aber nicht tats\u00e4chlich stattfand. Leider sind die Ausf\u00fchrungen in dieser Hinsicht nicht eindeutig genug. Dass Texte, die zu Gewalt aufrufen, aus ethischer Sicht problematisch sind (auch mit der eben vorgetragenen These zur Textentstehung), r\u00e4umt P. mehrfach ein. Ein angemessener Umgang mit diesen Texten werde durch den Ansatz des \u201ereader response criticism\u201c erm\u00f6glicht, der es erlaubt, etwa Num&nbsp;31 als Negativmodell f\u00fcr die heutige Praxis anzusehen (48, 189). Daraus ergeben sich dann deutliche politische Statements, die die Besiedlung des amerikanischen und des australischen Kontinents in der Vergangenheit und die israelische Besiedlung des von Pal\u00e4stinensern bewohnten Landes in der Gegenwart kritisieren (200, 204). Bei aller Sympathie f\u00fcr das Anliegen stellt sich die Frage, ob diese Art der Auslegung den Texten angemessen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach diesen Vorbemerkungen ist man gespannt auf die eigentliche Kommentierung. Diese soll allgemeinverst\u00e4ndlich sein und hat nicht den Anspruch, alle Details in den Texten zu kl\u00e4ren. Daf\u00fcr wird auf den Kommentar von Milgrom (JPS, 1990) verwiesen (14), der P.s Ausf\u00fchrungen deutlich sichtbar gepr\u00e4gt hat. Die Kommentierung der einzelnen Perikopen ist jeweils in die Abschnitte \u201eContext\u201c, \u201eComment\u201c und \u201eMeaning\u201c gegliedert. Fragen, die der Bibeltext aufwirft, werden am ehesten im Abschnitt \u201eContext\u201c aufgegriffen, w\u00e4hrend unter \u201eComment\u201c der Text nicht selten lediglich nacherz\u00e4hlt wird. Die mit \u201eMeaning\u201c \u00fcberschriebenen Abschnitte versuchen, eine Br\u00fccke in die heutige Lebenswelt zu schlagen, ersch\u00f6pfen sich aber gelegentlich in der knappen Bemerkung, dass eine direkte \u00dcbertragung ethisch problematisch w\u00e4re (79, 150), oder in Hinweisen auf das Vorkommen mancher Motive im Alten und Neuen Testament (63, 73\u201374).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider bleiben bei der Kommentierung viele Fragen offen, wobei eine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen meist fehlt. Einige Beispiele: Die hohen Zahlen in Num 1&nbsp;und&nbsp;26 werden ohne Begr\u00fcndung als \u201eintentional exaggeration\u201c bezeichnet, ohne dass die unterschiedlichen Erkl\u00e4rungsversuche der letzten 120&nbsp;Jahre (Petrie, Mendenhall etc.) auch nur erw\u00e4hnt werden (57). Warum nach Num&nbsp;5,31 den Ehemann unter dem Einfluss des \u201eEifersuchtsgeistes\u201c keine Schuld trifft, wenn er das in Num&nbsp;5,10\u201331 beschriebene Ritual durchf\u00fchren l\u00e4sst, wird aus feministischer Perspektive kritisiert, ohne nach einer Erkl\u00e4rung zu suchen (79), auch wird nicht diskutiert, ob es sich tats\u00e4chlich um ein \u201eOrdal\u201c handelt, wie oft behauptet wird (76). Ist bei der prophetischen Aktivit\u00e4t der \u00c4ltesten in Num&nbsp;11,25 \u201esie taten es nicht wieder\u201c (MT, LXX) oder \u201esie h\u00f6rten nicht auf\u201c (Tg) zu \u00fcbersetzen (109\u2013110)? \u00dcberhaupt fragt man sich, welchen Text P. kommentiert. Die verwendete Versz\u00e4hlung, die sich in Num&nbsp;16\u201317 ohne Hinweis an englischen Bibel\u00fcbersetzungen statt an der BHS orientiert (128), legt nahe, dass auch der englische Text kommentiert wird. Was sind die <em>s\u0101r\u0101f<\/em>-Schlangen in Num&nbsp;21,6 und wie genau \u201ewirkt\u201c die Bronzeschlange (151)? Ist im dritten und vierten Bileam-Orkal (Num&nbsp;24,3\u20139.15\u201319) ein messianischer Herrscher im Blick (161\u2013163)? Auch strukturelle Fragen wie die, warum in der Endfassung des Numeribuches legislative Texte mit narrativen Texten vermischt sind, werden nicht befriedigend gekl\u00e4rt. P.s Deutung, dass die legislativen Texte keinen koh\u00e4renten Block bilden und deshalb nicht als solcher pr\u00e4sentiert werden sollten (27), \u00fcberzeugt nicht angesichts der Komposition von Num 27\u201336 (die kaum theologisch ausgewertet wird [210\u2013211]) und der Stellung von Num 15 hinter Num 13\u201314.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Positiv ist zu w\u00fcrdigen, dass P. auch deutsche Forschungsbeitr\u00e4ge wahrnimmt (R.\u00a0Achenbach, E.\u00a0Otto). Allerdings begegnen die umfangreichen Kommentare von Seebass (BKAT, 2003\/2007\/2012) und Ashley (NICOT, 1993) nur im Literaturverzeichnis. \u00dcberraschend ist, dass der wichtige Kommentar von Olson (Int, 1996) nicht einmal dort Erw\u00e4hnung findet. Dass \u201emigration studies\u201c die Numeri-Auslegung nachhaltig bereichern k\u00f6nnen, erscheint dem Rez. fraglich. Dennoch bietet der Kommentar hilfreiche Anregungen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Carsten Ziegert, Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule in Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pekka Pitk\u00e4nen: A Commentary on Numbers. 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