{"id":1193,"date":"2021-04-25T11:17:17","date_gmt":"2021-04-25T11:17:17","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1193"},"modified":"2021-04-25T11:17:18","modified_gmt":"2021-04-25T11:17:18","slug":"matthias-ederer-identitaetsstiftende-begegnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1193","title":{"rendered":"Matthias Ederer: Identit\u00e4tsstiftende Begegnung"},"content":{"rendered":"\n<p>Matthias Ederer: <em>Identit\u00e4tsstiftende Begegnung. Die theologische Deutung des regelm\u00e4\u00dfigen Kultes Israels in der Tora<\/em>, FAT 121, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2018, Leinen, XVI+609 S., \u20ac\u00a0154,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/identitaetsstiftende-begegnung-9783161554148\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/identitaetsstiftende-begegnung-9783161554148\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-16-155414-8<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Eine Habilitationsschrift, die sich auf \u00fcber 600 Seiten mit den einschl\u00e4gigen <em>Tamid<\/em>-Texten besch\u00e4ftigt, f\u00e4llt auch einem Alttestamentler nicht alle Tage in die H\u00e4nde. Nach einer Einleitung (1\u201314) begrenzt der Verfasser seine Untersuchung auf Tora-Texte, behandelt zun\u00e4chst die \u201eTamid-Vollz\u00fcge in der Heiligtumstora (Ex 25\u201331)\u201c (15\u2013347), dann \u201eTamid und Kultinauguration\u201c (348\u2013402) und die \u201eNeukontextualisierung und \u201ahalachische\u2018 Entfaltung\u201c (403\u2013550), bevor er die Ergebnisse zusammenfasst (551\u2013573). Wer dieses Buch in die Hand nimmt, wird wohl nicht nur von diesem ersten Eindruck \u00fcberrascht. Das Fazit der Untersuchung mag ebenso unerwartet kommen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eallen in der Tora behandelten <em>Tamid<\/em>-Vollz\u00fcgen [ist] gemeinsam \u2026, dass sie \u2013 auf je eigene Art und Weise \u2013 darstellen und erinnern, was Israel vor JHWH ist bzw. sein soll. Sie erweisen sich gleichsam als \u201aReservoire\u2018 einer theologisch fundierten Israel-Identit\u00e4t, die in einem regelm\u00e4\u00dfigen Rhythmus, der zugleich eine spezifische Zeit Israels generiert, im Heiligtum, dem \u201aZentrum\u2018 Israels, (re-)inszeniert wird und auf diese Weise in der regelm\u00e4\u00dfigen Begegnung Israels mit JHWH zugleich auch dem Absichern eines \u201aKanons\u2018 zentraler Elemente dieser Israel-Identit\u00e4t dient.\u201c (570\u2013571)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unerwartete liegt wohl nicht nur darin begr\u00fcndet, dass die Textzusammenstellung von diesem scheinbar beil\u00e4ufigen Wort <em>tamid<\/em> (also von \u201eregelm\u00e4\u00dfigen\u201c Kultvollz\u00fcgen) ausgeht, sondern auch darin, wo eine zentrale Kategorie wie die Identit\u00e4t Israels damit verortet wird: \u201eInteressant \u2013 und f\u00fcr moderne Lesende wohl auch befremdlich \u2013 ist, dass dies im Rahmen eines <em>kultischen<\/em> Vollzugs geschieht bzw. geschehen soll.\u201c (571). Dem kann ich nur zustimmen. Allerdings l\u00e4dt diese Bemerkung dazu ein, einen Moment innezuhalten und dem nachzugehen, warum das interessant oder gar befremdlich ist. Man kann diesen Gedanken auch auf den Kopf stellen. <em>Das Befremdliche ist, dass es befremdlich wirkt<\/em>, weil diese Bemerkung wohl mehr \u00fcber die Lesenden aus als \u00fcber das Gelesene aussagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gedanke von einem kultischen Vollzug ist f\u00fcr viele fremd geworden. Die Aussage, dass in solch einem Vollzug vielleicht Wesentliches \u00fcber Identit\u00e4t ausgesagt wird oder ausgesagt werden kann, sprengt die Vorstellungskraft vieler Menschen. Man kann hoffen, dass dies nur f\u00fcr Nicht-Theologen gilt. Mein Verdacht ist aber, dass Nicht-Theologen hier kein Monopol innehaben. Wie es auch immer sei, Ederers Arbeit kann helfen, nicht nur wichtige, faszinierende und weichenstellende Aspekte f\u00fcr eine alttestamentliche Beschreibung einer Identit\u00e4t Israel wahrzunehmen. Viele Aspekte sagen vielleicht sogar mehr \u00fcber Menschsein im Allgemeinen aus, als Ederer explizit mit seiner Arbeit beansprucht. Gerade deswegen sollten alle, die sich f\u00fcr alttestamentliche Texte interessieren \u2013 aber eben nicht nur diese \u2013 wenigstens wesentliche Teile dieser Arbeit lesen und reflektieren. Es mag f\u00fcr manche so wirken, als ob sie in eine andere Welt eintauchen. Es kann einem aber auch die Augen daf\u00fcr \u00f6ffnen, wie eng Fragen von regelm\u00e4\u00dfigen (kultischen) Vollz\u00fcgen mit Fragen von der Identit\u00e4t eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen verbunden sein kann, ob es nun im explizit religi\u00f6sen Kontext geschieht oder sich im areligi\u00f6sen bzw. s\u00e4kularen Mantel pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein erster Eindruck von der Textauswahl und dem Umfang dieser Habilitationsschrift sollte also niemand davon abhalten, diese bemerkenswerte Studie in die Hand zu nehmen. Sie besticht immer wieder durch die aufmerksame Lekt\u00fcre der einschl\u00e4gigen Texte, die nicht zuletzt die Verbindung zu anderen Texten herausarbeitet, die vorausgesetzt oder eingespielt werden. Der explizit literaturwissenschaftliche Zugang erhebt dabei keine Anspr\u00fcche auf eine \u201e(historische) Rekonstruktion eines tats\u00e4chlich im Zweiten Jerusalemer Tempel bzw. in nachexilischer Zeit vollzogenen Rituals\u201c (5). Vielmehr werden die einzelnen Texte differenziert und aufmerksam betrachtet ebenso wie ihre \u201ekompositionelle Einbindung in die jeweiligen literarischen Kontexte (bzw. in das Gesamt der Tora), um ein \u201e,Gesamtbild\u2018 der <em>Tamid-<\/em>Vollz\u00fcge zu gewinnen\u201c (5). Wer mit diesen Texten also schon gut vertraut ist, wird in Ederer einen anregenden Gespr\u00e4chspartner finden. Ansonsten leitet der Verfasser zu einer genauen Lekt\u00fcre eben dieser Texte an und f\u00fchrt in wichtige Fragestellungen ein, die f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis unerl\u00e4sslich sind, was beispielsweise mit dem Exkurs zur Raumsoziologie geschieht (201\u2013218). Es wird dabei eindr\u00fccklich die Relevanz einer Besch\u00e4ftigung mit den <em>Tamid<\/em>-Texten dargelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zentrale These hat an sich einen gro\u00dfen Wert, dem es gilt, exegetisch, theologisch und hermeneutisch mit den sich daran anschlie\u00dfenden Fragestellungen weiter nachzugehen. In exegetischer Hinsicht kommen einem dabei Texte aus den Chronikb\u00fcchern, beispielsweise 1Chr 16, in den Sinn. Bei der Besch\u00e4ftigung mit den Chronikb\u00fcchern k\u00f6nnte auch die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis zu Anweisungen der Tora in exegetischer und hermeneutischer Sicht betrachtet werden. Die <em>Tamid<\/em>-Vollz\u00fcge als Reservoir f\u00fcr eine Israel-Identit\u00e4t k\u00f6nnten theologisch auch mit anderen M\u00f6glichkeiten und Wegen in der Tora (und dar\u00fcber hinaus) ins Gespr\u00e4ch gebracht werden. Ebenso w\u00e4re es sicherlich fruchtbar, im Licht der Beobachtungen und Ergebnisse dieser Studie die These zu diskutieren, dass Ex 25\u201331 mit seinen sieben Gottesreden eine Verbindung zu Gen 1,1\u20132,3 herstellt. Dies k\u00f6nnte zu einer Erweiterung der einen oder anderen exegetischen Beobachtung, einer Reflexion von theologischen Aspekten oder vertiefenden Formulierungen von Ergebnissen f\u00fchren. Mit diesen Bemerkungen wird offensichtlich, wie viele wertvolle Ausgangs- und Ankn\u00fcpfungspunkte die vorliegende Studie bietet.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt f\u00f6rdert Ederer viele Aspekte zutage, die hermeneutisch weiterzudenken und vertiefend zu diskutieren w\u00e4ren. Eine bemerkenswerte Beobachtung, die sich immer wieder einstellt und am Ende der Arbeit in einer grunds\u00e4tzlichen Aussage festgehalten wird, besteht darin, dass die Texte nicht leisten k\u00f6nnen, was sie scheinbar auf den ersten Blick leisten wollen: \u201e<em>Was <\/em>also genau zu tun ist und <em>wie <\/em>die geforderten Rituale zu vollziehen sind, ist aus den Texten selbst nicht erhebbar und \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur beim Brandopfer-<em>Tamid<\/em> \u00fcber die Anweisungen in anderen Texten (vgl. Ex 29,15\u201318; Lev 1) herzuleiten. Lediglich die wesentlichsten Handlungsschritte werden angedeutet, pr\u00e4zisere Angaben aber fehlen.\u201c (571). Ederer verbindet diese \u201eUnterbestimmung\u201c der Texte in theologischer Hinsicht mit einer exegetischen Beobachtung: \u201eDem markanten Zur\u00fccktreten der Ritualbeschreibungen steht jedoch eine deutliche Schwerpunktsetzung zugunsten der theologischen Deutung und Interpretation gegen\u00fcber.\u201c (571). So spielen die intertextuellen Bez\u00fcge in seiner Auslegung eine weichenstellende Rolle. Diese Bez\u00fcge m\u00f6gen im Einzelfall diskutierbar sein, aber ihre Vielzahl und einige sehr \u00fcberzeugende Beispiele rechtfertigen diese Perspektive. Er wertet diese \u201eUnterbestimmung\u201c auch hermeneutisch aus, wenn er die untersuchten Texte als \u201eLiteratur\u201c beschreibt: \u201eEs sind <em>Texte, <\/em>die darauf hin angelegt sind, gelesen und studiert zu werden, und die die Lesenden zum Nachvollziehen der intertextuellen Bez\u00fcge und der in diesen aufscheinenden theologischen Sinnlinien animieren wollen.\u201c (572). Eine aufmerksame Lekt\u00fcre der biblischen Texte und dieser Habilitationsschrift kann sich dieser Schlussfolgerung kaum entziehen. Die Texte sind nicht einfach nur \u201ekonkrete Handlungsanweisungen\u201c. Es \u00fcberrascht allerdings, dass der Verfasser jenseits der beiden Alternativen \u201ekonkrete Handlungsanweisungen\u201c und seiner Bestimmung der Texte als Literatur, die gelesen und studiert werden wollen, keine weiteren M\u00f6glichkeiten der Verh\u00e4ltnisbestimmung weiterf\u00fchrend diskutiert. Schlie\u00dflich stellt er selbst fest, dass die Texte als Befehle JHWHs einen Duktus vorgeben und \u201edie Kultpraxis der wesentliche Bezugspunkt \u2026 Ausgangs- und Haftpunkt der komplexen theologischen Reflexion\u201c (572) ist. Aber wahrscheinlich ist das schlicht zu viel verlangt, nachdem diese umfangreiche und gr\u00fcndliche Arbeit mit vielen wertvollen Beobachtungen und \u00dcberlegungen auf der vorletzten Textseite angekommen ist. Es ist zu hoffen, dass dieser Faden einer Verh\u00e4ltnisbestimmung an anderer Stelle noch einmal aufgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich muss man die Arbeit nicht in einem St\u00fcck und\/oder vollst\u00e4ndig lesen, um wertvolle Anregungen zu empfangen und wichtige Impulse beim Lesen der einschl\u00e4gigen Texte sowie zum weiteren Nachdenken \u00fcber exegetische, theologische oder hermeneutische Aspekte dieser Studie zu entdecken. Wer es aber tut, wird sicherlich nicht entt\u00e4uscht werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Heiko Wenzel, Ph.\u00a0D. (Wheaton College), Akkreditierungsprojekt Campus Danubia, Wien<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Ederer: Identit\u00e4tsstiftende Begegnung. 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