{"id":1196,"date":"2021-04-25T11:19:20","date_gmt":"2021-04-25T11:19:20","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1196"},"modified":"2021-04-26T15:02:59","modified_gmt":"2021-04-26T15:02:59","slug":"petra-schmidtkunz-das-moselied-des-deuteronomiums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1196","title":{"rendered":"Petra Schmidtkunz: Das Moselied des Deuteronomiums"},"content":{"rendered":"\n<p>Petra Schmidtkunz: <em>Das Moselied des Deuteronomiums. Untersuchungen zu Text und Theologie von Dtn 32,1\u201343, <\/em>FAT II\/124, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2020, kart., XVIII+451 S., \u20ac 109,\u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/das-moselied-des-deuteronomiums-9783161582936\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/das-moselied-des-deuteronomiums-9783161582936\" target=\"_blank\">978-3-16-158293-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Bei der vorliegenden Monografie handelt es sich um eine von Reinhard M\u00fcller begleitete M\u00fcnsteraner Dissertation. Das Moselied (Dtn 32,1\u201343) ist neben dem Schilfmeerlied (Ex 15,1\u201318) nicht nur eines der beiden poetisch geformten St\u00fccke im ersten Kanonteil (Tora\/Pentateuch), sondern zugleich ein eminent wichtiger wie wirkm\u00e4chtiger Text innerhalb des Alten Testaments. Dies ergibt sich wesentlich aufgrund der Einbettung (Dtn 31; 32,44\u201347) und \u00e4u\u00dfert sich auch an der betr\u00e4chtlichen Zahl an Bez\u00fcgen zu anderen Texten, die Rezeption und damit Bedeutung aufzeigen. Nun ist in der Forschung nicht nur die Einsch\u00e4tzung dieser beiden Sachverhalte strittig, sondern bei nahezu allen Parametern (Herkunft, Datierung, Einheitlichkeit, Gattung, Funktion, Traditionsgeschichte, Intertextualit\u00e4t und Textabh\u00e4ngigkeiten) liegen teils weit divergierende Vorschl\u00e4ge zu diesem Lied vor. Dtn 32 ist geradezu ein Paradebeispiel f\u00fcr das Wechselspiel von Vorannahmen innerhalb von Verstehensparadigmen und Texterfassung samt deren Gewichtung \u2013&nbsp;und verweist damit auf ein methodisches Grundproblem der Alttestamentlichen Wissenschaft. In besonderer Weise zeigt sich dies in der Einsch\u00e4tzung und Auswertung von Beeinflussungen und Abh\u00e4ngigkeitsrichtung zwischen Texten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dieser Skizzierung der Problemlage nun zur Studie von Schmidtkunz. Ihr Hauptanliegen besteht darin, den Werdegang des sp\u00e4ter so bezeichneten \u201eMoselieds\u201c zu rekonstruieren, seine eingestifteten Aussageabsichten (Textpragmatik) zu erheben und mit sp\u00e4teren Zeithorizonten und Kontexten zu verbinden. Am Anfang steht mit der Grundgestalt Dtn 32,1\u201343* ein in der mittleren Perserzeit (5. Jh. v.Chr.) geschriebener \u201ereligi\u00f6ser\u201c Programmtext. Im Zuge einer komplizierten Text-, Literar- und Redaktionsgeschichte erf\u00e4hrt der poetische Grundtext nicht nur Erweiterungen bzw. Ver\u00e4nderungen, sondern zugleich Autorit\u00e4tsgewinn. Dieser reflektiert sich in der Einf\u00fcgung des Lieds ins Deuteronomium gegen Ende der Perserzeit (4. Jh. v.Chr.) und damit in der Zuschreibung an Mose (Abschiedslied) als \u201eDestillat der Tora\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie richtet ihr Augenmerk entsprechend zun\u00e4chst allein auf den Textbestand Dtn 32,1\u201343 und folgt bei der Erarbeitung weithin den Schritten des diachronen Methodensets. Nach der Forschungsgeschichte folgt die Darbietung des Texts in eigener \u00dcbersetzung unter Markierung der Textvarianten (Abweichungen vom MT in V. 8f.22f.35.43) und sp\u00e4teren Zus\u00e4tzen (in V. 5.14f.30\u201333.43). Danach werden die Textzeugen angef\u00fchrt (neben MT, SP und LXX vor allem Mss der Qumran-H\u00f6hlen 1 und 4), die Differenzen (in V. 5.8f.43) er\u00f6rtert und die Textgeschichte nachgezeichnet. Es folgen unter Beiziehung der Textvarianten und Einf\u00fcgung von Exkursen (H\u00f6rerschaft, Gottesvorstellungen, Feinde) literarkritische Er\u00f6rterungen zu den als sp\u00e4t eingestuften Aussagen. Die intendierte H\u00f6rerschaft ist JHWHs Volk (\u201eIsrael\u201c ist sekund\u00e4r), der Sprechende ist Teil des Volks, steht diesem mehrheitlich gegen\u00fcber und beruft sich \u2013 identit\u00e4tsstiftend \u2013&nbsp;auf eine gemeinsame Geschichte (keine Mittlerfigur, Mose nicht erw\u00e4hnt); ein G\u00f6tterpantheon ist vorausgesetzt. Der Form nach handelt es sich um eine (weisheitliche) \u201eUnterweisung\u201c, welche die Geschichtslenkung JHWHs akzentuiert. V. 30\u201333 sind sekund\u00e4r zur Gottesrede (V. 20\u201335) dazugekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im umfangreichsten Teil (\u00fcber 250 S.) geht es um die in Dtn 32 vorfindlichen Motive und ihre weiteren Belege innerhalb des ATs. Dabei werden Motivparallelen als \u201ewiedererkennbare Wortverbindungen\u201c bestimmt, welche formale und inhaltliche \u00dcbereinstimmungen mit dem Moselied aufweisen (von \u201eIntertextualit\u00e4t\u201c zu reden wird vermieden). F\u00fcr die Annahme absichtsvoller Bezugnahmen zwischen Dtn 32 und einem anderen Text und die Bestimmung des Vektors der Abh\u00e4ngigkeit richtung bedarf es gem\u00e4\u00df Schmidtkunz ein hohes Ma\u00df an \u00dcbereinstimmung. F\u00fcr die Evaluierung und Er\u00f6rterung der Vielzahl von Aussagen, die sich mit Dtn 32 ber\u00fchren, muss auf die Monografie selbst verwiesen werden. Eine literarische Abh\u00e4ngigkeit mit Dtn 32 als Empf\u00e4ngertext nimmt die Vf. f\u00fcr Aussagen in den B\u00fcchern Dtn (4,19f.24f.; 6,11f.; 7,10; 8,8.10\u201312.14f.; 9,12) und Jes (1,2; 2,27f.; 17,10; 30,2; 34,3.5.6.8; 43,10\u201313.19f.?; 44,2; 58,14) an; dar\u00fcber hinaus greift das Lied vereinzelte Aussagen aus weiteren B\u00fcchern auf (Gen?; 2K\u00f6n; Jer \u2013 andere Schriften werden nicht genannt). Die umgekehrte Abh\u00e4ngigkeitsrichtung mit Dtn 32 als Spendertext wird postuliert f\u00fcr prophetische (Jes 64,7?; Jer 14,21?; 15,14; 17,4; Ez 5; 14; Mal 2,10f.) sowie nachexilische und psalmische Aussagen (Ps 81,10.17; 135,14; Klgl 1,20; Neh 9,25).<\/p>\n\n\n\n<p>Daran schlie\u00dft sich ein Vergleich von Dtn 32 <em>insgesamt<\/em> mit formgeschichtlich verwandten Kompositionen an, die ebenfalls Geschichte einbeziehen und deuten (Ps 78; 81; 106; Neh 9; Jes 63f., dazu akkadisches Erra-Epos). Gemeinsam ist ihnen ein Bezug auf die Geschichte des Volkes; sie teilen ein geistiges Milieu und wollen zum Lernen aus der Geschichte motivieren. Es geht um die Vergewisserung der \u201ekollektiven Identit\u00e4t als Gottesvolk\u201c und um die Auslotung von k\u00fcnftigem \u201eWohlergehen im direkten Gegen\u00fcber zu JHWH\u201c. Diese Reflexionen haben ihren Ort im perserzeitlichen Juda und stammen von einem \u201eZirkel schriftgelehrter Personen mit hoher Bildung und einem gesellschaftlichen F\u00fchrungsanspruch\u201c (ein Exkurs \u00fcber archaisierende Imperfekt-Formen beschlie\u00dft das Kapitel).<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Hauptkapitel kommt die Vf. schlie\u00dflich auf das Moselied im Rahmen von Dtn 31\u201332 zu sprechen. Die vielen konzeptionellen Unterschiede zwischen Rahmen und Lied lassen nicht annehmen, dass beide gleichzeitig ins Dtn eingef\u00fcgt wurden. Aufgrund der Spannungen, ja teils \u201eWiderspr\u00fcchlichkeiten\u201c wird vielmehr deutlich, dass \u201esehr verschiedene par\u00e4netische Konzeptionen\u201c vorliegen und die beiden Teile nicht von einer Hand stammen. Vielmehr scheint der Rahmen \u201eunter bewusster Bezugnahme auf das Lied, jedoch mit einer ganz anderen Agenda geschrieben worden zu sein\u201c (344). Zum Schluss werden die wesentlichen Ergebnisse der Studie rekapituliert. Beigegeben sind zwei Anh\u00e4nge (Textentwicklung zu Dtn 32,8f.43), ein Literaturverzeichnis sowie drei Register (Stellen, Personen, Sachthemen).<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidtkunz ist eine gute Kenntnis der Diskussionslage und eine breite Sichtung der Literatur zu attestieren. Auch der sorgf\u00e4ltige Einbezug der Textzeugen zu Dtn 32 und die Diskussion der Abweichungen in den \u00dcberlieferungen sind zu begr\u00fc\u00dfen. Am Wertvollsten jedoch erscheint dem Rezensenten die umfangreiche Zusammenstellung der in Dtn 32 greifbaren Motive und Traditionen und deren Parallelbelege innerhalb des ATs (und dar\u00fcber hinaus). Dies ist f\u00fcr die weitere Forschung auch dann dienlich, wenn man die davon ausgehenden Beurteilungen \u00fcber inneraltestamentlichen Abh\u00e4ngigkeitslagen nicht oder nur teilweise teilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Methodisch problematisch wie auch unzeitgem\u00e4\u00df erscheint die einseitige Pr\u00e4ferierung diachroner Schritte im Methodenset. Bereits der Titel ist eher der sprachlichen Verst\u00e4ndigung als dem Inhalt geschuldet: Eigentlich ist das untersuchte poetische St\u00fcck weder ein \u201eMoselied\u201c noch eines des Deuteronomiums. Zwar kommt dieser \u201eKontext\u201c in den letzten vierzig Seiten noch zur Sprache, aber die Relationen zwischen Dtn 31 und 32 erweisen sich als sperrig, ja widerspr\u00fcchlich. Selbst bei einem derartigen Befund w\u00e4re der Vf. zuzumuten, Dtn 32,1\u201343 in seinem Buchkontext (\u00fcber Dtn 31 hinaus) als \u201eMoselied des Deuteronomiums\u201c inhaltlich und funktional verst\u00e4ndlich zu machen \u2013\u00a0einem Kontext also, den nun einmal die Leser vor sich haben (Synchronie). Ja, eigentlich m\u00fcsste die vorliegende Eintextung und ihr Verst\u00e4ndnis methodisch der Ausgangs- und nicht der Schlusspunkt der Studie sein. Dass eine m\u00f6gliche Eigenst\u00e4ndigkeit des Lieds diachron evaluiert und Sinnverschiebungen aufgrund unterschiedlicher Zeit- und Verwendungshorizonte er\u00f6rtert werden, soll nicht bestritten werden. Unverst\u00e4ndlich aber ist, dass man meint, Sinn und Bedeutung fast nur aufgrund diachroner \u00dcberlegungen und Rekonstruktionen erschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Die Textpragmatik eines \u201eherausgeschnittenen\u201c Textes bleibt so vage wie die angestellten Vermutungen, dass dieser \u201efreischwebende\u201c poetische Text seinen Ort in der mittleren Perserzeit hatte (4Q44; 4Q141 werden kaum als Indizien f\u00fcr ein urspr\u00fcnglich vom Buch Dtn unabh\u00e4ngiges \u201eMoselied\u201c in Anschlag gebracht werden k\u00f6nnen). Immerhin wird Dtn 32 anderen, von der Vf. als ebenso nachexilisch eingestuften Geschichtsreflexionen zugeordnet (wie u.\u00a0a. Ps 78). Die Bez\u00fcge sind durchaus bedenkenswert, die Differenzen allerdings auch. Die F\u00fclle an Textbez\u00fcgen zu Dtn 32 (mit Gottesreden) in den Nebi\u2019im (vor allem Jes und Jer) wie Ketubim (vor allem Ps), die fast einen \u201ekanonischen\u201c Horizont erkennen lassen, sind schwer mit einem anonymen Lied vereinbar, das sp\u00e4ter eine \u201eMose-Legitimierung\u201c erfahren und als eines von zwei poetischen St\u00fccken mit hervorgehobener Platzierung in die Tora (Dtn) Eingang gefunden hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Die Monografie bietet eine wertvolle exegetische Detailerarbeitung des schwierigen Textes und seiner Motivverbindungen. Die Einzeichnung des Lieds in seinen literarischen und kanonisch gewordenen Kontext kommt dagegen zu kurz.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Beat Weber, Pfr. Dr. theol., Basel; Research Associate am Department of Ancient and Modern Languages and Cultures, Universit\u00e4t Pretoria, S\u00fcdafrika.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Petra Schmidtkunz: Das Moselied des Deuteronomiums. 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