{"id":1199,"date":"2021-04-25T11:21:02","date_gmt":"2021-04-25T11:21:02","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1199"},"modified":"2021-04-25T11:21:03","modified_gmt":"2021-04-25T11:21:03","slug":"wolfgang-koehler-die-verstocktheit-israels-im-jesajabuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1199","title":{"rendered":"Wolfgang K\u00f6hler: Die Verstocktheit Israels im Jesajabuch"},"content":{"rendered":"\n<p>Wolfgang K\u00f6hler: <em>Die Verstocktheit Israels im Jesajabuch. Studie eines theologischen Motivs<\/em>, Berlin: LIT, 2019, Pb., IX+314 S., \u20ac\u00a044,90, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-14490-4\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-14490-4\" target=\"_blank\">ISBN 978-3-643-14490-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Wolfgang K\u00f6hler widmet sich in seiner von Prof. Manfred Oeming betreuten und an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Heidelberg angenommenen Dissertation den Texten im Jesajabuch, die sich auf den sogenannten \u201eVerstockungsauftrag\u201c (Jesaja 6,9\u201310) beziehen oder f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des damit verbundenen Themas besonders relevant sind. Er m\u00f6chte dabei einerseits das ganze Buch im Blick behalten, es andererseits aber in seiner redaktionsgeschichtlich differenzierten Entstehungsgeschichte ernst nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu arbeitet K\u00f6hler zun\u00e4chst im 2. Kapitel sch\u00f6n die Probleme um die Verwendung der Begriffe von \u201eVerstockung\u201c (Prozess oder Handlung) bzw. \u201eVerstocktheit\u201c (Zustand) im Deutschen heraus, die die Breite der Lexeme im Hebr\u00e4ischen nicht abbilden. Leider hat K\u00f6hler um der Konventionen willen sich entschlossen, diese Unterscheidung in seinem Buch nicht durchgehend zur Anwendung zu bringen. Sie h\u00e4tten einen enormen Gewinn sprachlicher Pr\u00e4zision gebracht \u2013 in Bezug auf das Thema im Jesajabuch, wie auch im weiteren Verlauf des 2. Kapitels zur Diskussion der Lexeme und Verben f\u00fcr Verstocken im Alten Testament und zur Verstockung des Pharao.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 3. Kapitel stellt K\u00f6hler einige Forschungsarbeiten zur Verstockung im Jesajabuch vor und es wird gut die Berechtigung f\u00fcr eine erneute Besch\u00e4ftigung herausgearbeitet: Er m\u00f6chte die theologische Bedeutung erschlie\u00dfen; in Jes 1\u201339 verdienen weitaus mehr Texte genauere Betrachtung; es bedarf einer intensiveren Korrelation von diachronen und synchronen Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 4. Kapitel skizziert K\u00f6hler unter Bezug auf einige wenige, aber gewichtige redaktionsgeschichtliche Arbeiten seine Sicht auf die Entstehung des Jesajabuches: demnach sind die Kapitel Jes 40\u201366 auf jeder Stufe ihrer Entstehung als Fortsetzung zu Jes 1\u201339 konzipiert, wobei auch Jes 40\u201355 nicht einheitlich sind, sondern in einem mehrstufigen Prozess entstanden. F\u00fcr die weitere redaktionsgeschichtliche Arbeit am Jesajabuch stellt dieser Vorschlag einen beachtenswerten Beitrag dar, auch wenn K\u00f6hler keine genaue Bestimmung zu Umfang und theologischer Konzeption der jeweiligen Redaktionsschichten liefert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Begr\u00fcndungen zur Auswahl der Texte (Kapitel 5) untersucht K\u00f6hler im Hauptteil (Kapitel 6) folgende Texte: Jes 1,2\u20139; 6; 8,11\u201320; 20,9\u201324; 32,1\u20138; 35; 40,1\u201311; 42,18\u201325; 55,6\u201313; 57,14\u201319; 59,1\u201321; 63,7\u201364,11. Dabei folgt er weitgehend den Schritten: \u00dcbersetzung, Textkritik (z.&nbsp;T. mit Ausf\u00fchrungen zu umstrittenen Wortbedeutungen und \u00dcbersetzungen), Struktur und Textabgrenzung, Synchrone Analyse, Diachrone Analyse und Theologischer Ertrag. Daraus ergibt sich f\u00fcr K\u00f6hler, dass Verstockung im Jesajabuch Teil des Gerichtsvollzugs f\u00fcr die \u201eunreinen Lippen\u201c des Volkes (Jes 6,5) ist: Gott wirkt sie tempor\u00e4r, um zu einer tiefgreifenden Reflexionsphase zu n\u00f6tigen, die zur Umkehr f\u00fchren soll. Mit Jes 8,17 hatte der Prophet Hoffnung f\u00fcr sein Volk \u00fcber das Gericht hinaus. Des Weiteren zeigen die nachexilischen Erg\u00e4nzungen in Jes 29,17\u201334 und Jes 35,1\u201310, dass Verstockung nicht Verwerfung bedeutet. Der m\u00f6glicherweise von Jesaja stammende Jes 32,1\u20135 zeigt zudem, dass vor allem die Armen und Benachteiligten Nutznie\u00dfer der angesagten Umkehrung von Verstocktheit sind. Auch in Jes 40\u201355 gilt das Volk als verstockt; doch hier ist es eine menschliche, keine von JHWH verursachte Verstocktheit.&nbsp; In Jes 59 und Jes 63\u201364 scheitert eine Gruppe innerhalb des Volkes an der Verstocktheit der Mehrheitsgesellschaft, die nur Gott selbst beenden kann. Damit l\u00e4sst sich nach K\u00f6hler keine einlinige Entwicklung von \u201eS\u00fcnde \u2013 Verstockung \u2013 Vergebung \u2013 Aufhebung der Verstockung\u201c in den Texten erkennen, sondern Verstocktheit ist ein immer wiederkehrendes Problem, das nicht abgeschlossen ist, was nach K\u00f6hler an Jes 57,14\u201319 erkennbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Daran schlie\u00dfen sich ein hilfreiches Fazit (Kapitel 7) und ein Ausblick zur Verstockung im Neuen Testament (8.) sowie Literaturverzeichnis, Abk\u00fcrzungsverzeichnis und Bibelstellenregister an.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die durchgehend erkennbare Auseinandersetzung mit der Arbeit des Rezensenten zum Thema kann hier nicht eingegangen werden. Vielmehr sollen hier bedenkenswerte Ergebnisse der Arbeit herausgestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Zu begr\u00fc\u00dfen ist das durchgehende Bem\u00fchen um die Erschlie\u00dfung der theologischen Bedeutung der Thematik. Dazu tr\u00e4gt auch die Ausweitung auf die Rezeption des Themas im Neuen Testament bei.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Die Arbeit zeigt, welch hohe Relevanz das Thema der Verstockung f\u00fcr die redaktionsgeschichtlichen Fragen zum Jesajabuch hat und verst\u00e4rkt den Chor der Stimmen, die Jes 40ff als konzeptionell bedingte Fortschreibung von Jes 1\u201339 ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Als besonders wichtiges Ergebnis steht, dass in Jes 29, Jes 32 und Jes 35 die Umkehrung von Verstockung insbesondere den Armen und Benachteiligten gilt. Damit hat sich eine zentrale Aufgabenstellung der Arbeit \u2013 weitere Texte in Jes 1\u201339 zur Verstockungsthematik zu ber\u00fccksichtigen \u2013 als wirklich weiterf\u00fchrender Beitrag erwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Mit der Begrenzung der einbezogenen Sekund\u00e4rliteratur auf einige wichtige Stimmen gelingt eine Fokussierung auf wesentliche Fragen und macht die Arbeit zug\u00e4nglich f\u00fcr einen Leserkreis \u00fcber speziell an der Jesajaforschung interessierte hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sodann regt die Arbeit zu einigen Fragen an:<\/p>\n\n\n\n<p>1. Dass in Jes 40\u201366 von \u201emenschlicher Verstocktheit\u201c die Rede sei, die dem Volk angesagt wird, damit es sich aus dieser l\u00f6st, l\u00e4sst fragen: Ist damit der Zusammenhang zu Jes 6 richtig wahrgenommen? Ist der absolute Gebrauch der Verben, die auf eine Unm\u00f6glichkeit der Wahrnehmung und des Verstehens als <em>Prozess<\/em> verweisen, hinreichend ber\u00fccksichtigt? Inwieweit wird hier das spezifische Verstockungskonzept im Jesajabuch als einer Verunm\u00f6glichung von Kommunikation (was K\u00f6hler zu Jes 6 durchaus auch so interpretiert) hin zu Verstockung als Halsstarrigkeit ver\u00e4ndert?<\/p>\n\n\n\n<p>2. Da sich in Jes 59 und 63\u201364 die Sprechenden ausdr\u00fccklich selbst in die Verstockung und Unf\u00e4higkeit, Gott zu f\u00fcrchten (Jes 63,17), mit einbeziehen, \u00fcberzeugt K\u00f6hler\u2019s Interpretation der Verstocktheit als Zustand des Volkes, von dem sich die Sprechenden unterscheiden, nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Die zentrale These, dass Verstocktheit ein immer wiederkehrendes Problem ist, ruht wesentlich auf der Interpretation von Jes 57,14\u201319; hier bleiben Fragen zu den textkritischen Problemen in Vv.17\u201318 sowie der Bestimmung der Zeitform der darin begegnenden Verben.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Zu den diachronen Bestimmungen w\u00fcrde man sich etwas ausf\u00fchrlicher w\u00fcnschen, wie sich K\u00f6hler die anwachsenden Texte vorstellt: Gab es Niederschriften zu Teiltexten von Jes 1\u201339, die erst einmal parallel existierten? Wo lag z.&nbsp;B. Jes 1,2\u20139 vor, bevor es an diese Stelle am Anfang des Buches gestellt wurde (die Arbeiten von M. Sweeney, <em>Isaiah 1\u20134<\/em>, Berlin 1988 u.&nbsp;a. oder H. Williamson, <em>Isaiah 1\u20135<\/em>, London; New York 2006 u.&nbsp;a. dazu werden leider nicht referiert)? Was geh\u00f6rte in Jes 40\u201348 nicht zur Grundschicht und was bedeutet dies f\u00fcr das Verstockungsthema? Insbesondere: wie ist Jes 48,1\u201311 darin zu verorten?<\/p>\n\n\n\n<p>5. Wonach richtet sich, was unter synchrone Arbeitsschritte zu z\u00e4hlen ist? Warum bezieht K\u00f6hler Beobachtungen zu Rednerwechsel, Gattungselementen und inhaltlichen Aspekten ein und anderes (Struktur, poetologische Aspekte) nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt bereichert jedenfalls die Arbeit mit den \u00dcberlegungen zur Entstehungsgeschichte des Jesajabuches, der theologischen Fokussierung und der Erhellung der Rolle marginalisierter Personengruppen in den Verstockungstexten die Forschung zum Verstockungsthema im Jesajabuch und erweist mit der Ausweitung des Blickes ins Neue Testament auch deren gesamtbiblische Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Torsten Uhlig, Professor f\u00fcr Altes Testament an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang K\u00f6hler: Die Verstocktheit Israels im Jesajabuch. 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