{"id":1205,"date":"2021-04-25T12:28:37","date_gmt":"2021-04-25T12:28:37","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1205"},"modified":"2021-04-25T12:28:39","modified_gmt":"2021-04-25T12:28:39","slug":"christian-hofreiter-making-sense-of-old-testament-genocide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1205","title":{"rendered":"Christian Hofreiter: Making Sense of Old Testament Genocide"},"content":{"rendered":"\n<p>Christian Hofreiter: <em>Making Sense of Old Testament Genocide. Christian Interpretations of <\/em>Herem<em> Passages<\/em>, Oxford Theology and Religion Monographs. Oxford: Oxford University Press, 2018, geb., X, 282 S., \u00a3\u00a083,\u2013 (ca. \u20ac\u00a096,\u2013), ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/global.oup.com\/academic\/product\/making-sense-of-old-testament-genocide-9780198810902\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/global.oup.com\/academic\/product\/making-sense-of-old-testament-genocide-9780198810902\" target=\"_blank\">978-0-19-881090-2<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Das Verh\u00e4ltnis von Religion und Gewalt hat Konjunktur. Sp\u00e4testens seit dem 11.&nbsp;September 2001 \u2013 vielleicht auch schon mit der Iranischen Revolution oder mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien \u2013 bewegt das Thema viele Menschen. Der Krieg in Afghanistan und im Irak, IS oder Anschl\u00e4ge in Pakistan \u2013 immer wieder werden Islam und Gewalt in einem Atemzug genannt. Schnell sind die Rollen dann verteilt: <em>Islam als eine Religion der Gewalt und Christentum als die Religion des Friedens<\/em>. Das ist beileibe keine moderne Perspektive. Der Islamwissenschaftler W. Montgomery Watt tr\u00e4gt einige bemerkenswerte \u00dcberzeugungen des mittelalterlichen Westens \u00fcber den Islam zusammen (<em>Der Einflu\u00df des Islam auf das europ\u00e4ische Mittelalter<\/em>, 99ff). Dabei haben Leser die Wahl, ob sie sich mehr von dem Ausma\u00df der Unkenntnis \u00fcber den Islam oder von dem getr\u00fcbten Selbstbild des Westens \u00fcberraschen lassen. Diese vereinfachende Rollenverteilung hat eine gewisse \u00dcberzeugungskraft, wenn man eine Reihe von Bibelstellen, einige historische Ereignisse und das Machtstreben westlicher M\u00e4chte in Vergangenheit und Gegenwart auf umfassende Weise ignoriert. Die meisten dieser Bibelstellen finden sich im Alten Testament. Manche w\u00fcrden sagen, dass sie auf das AT begrenzt sind, was sich dann gut in die Rollenverteilung einf\u00fcgt: \u201eDas Thema Gewalt ist im AT genauso problematisch wie im Islam.\u201c Diese Behauptung wurde mir, nicht zuletzt, weil ich Alttestamentler und Islamwissenschaftler bin, schon h\u00e4ufiger entgegengehalten. Ich hatte dann die Wahl, ob mich mehr die Selbstverst\u00e4ndlichkeit \u00fcberrascht, mit der auch Christen dies behaupten, oder die damit zutage tretende Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber eine so gro\u00dfe Menge an Texten und Traditionen ein so vereinfachendes und wertendes Urteil zu f\u00e4llen.<\/p>\n\n\n\n<p>Christian Hofreiter besch\u00e4ftigt sich in seiner Arbeit mit der Auslegungsgeschichte einiger einschl\u00e4giger Stellen im AT, und zwar denen, die von einem Bann (<em>herem<\/em>) sprechen. Von der Anlage her ist es also eine historische und rezeptionsorientierte Untersuchung, wie christliche Ausleger mit diesen herausfordernden Stellen umgegangen sind. Au\u00dferdem spielen systematisch-theologische Perspektiven eine wichtige Rolle, da er sich vor allem der moralischen und hermeneutischen Herausforderung f\u00fcr fromme Leser (9) stellt. Er beschreibt die Herausforderung anhand von vier Aussagen, die seines Erachtens nicht alle vier gleichzeitig wahr sein k\u00f6nnen \u201e(1) God is good. (2) The Bible is true. (3) Genocide is atrocious. (4) According to the Bible, God commanded and commended genocide.\u201c Sie werden widerspr\u00fcchlich, wenn zu der folgenden Aussage verbunden: \u201eA good being, let alone the supremely good Being, would never command or commend an atrocity.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Auswahl der Ausleger legt Hofreiter ein besonderes Augenmerk auf fromme Leser, die den ersten beiden Aussagen zustimmen, auch wenn er sich darauf nicht begrenzt. Au\u00dferdem konzentriert er sich vor allem auf fr\u00fche und einflussreiche Auslegungen: \u201eI have attempted to review all potentially relevant patristic sources and have aspired to a similar level of comprehensiveness only for the medieval crusades; on other respects I have focused on particularly influential or illuminating readings.\u201c (15).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Rezeption der Herem-Texte ist bis zur Moderne in der Regel unkritisch und kann im Wesentlichen drei Richtungen zugeordnet werden. Zum einen werden die Texte oft im \u00fcbertragenen Sinne verstanden und behandeln dann die geistlichen K\u00e4mpfe und Herausforderungen, vor denen Christen stehen, was eng mit Origines verbunden ist (vgl. 57\u201387). Die Auseinandersetzung mit Marcion (und anderen kritischen Stimmen), der das AT und Teile des NTs ablehnte, weil hier von einem anderen, gewaltt\u00e4tigen Gott die Rede sei, mag dabei eine Rolle gespielt haben (vgl. 42\u201356). Eine andere einflussreiche Auslegung, \u201eDivine Command Theory\u201c nach Hofreiter, hat in Augustinus einen wichtigen Vertreter. Die g\u00f6ttliche Anweisung zur Vernichtung ist demnach in der Schuld der V\u00f6lker Kanaans begr\u00fcndet und spricht Israel in der Ausf\u00fchrung dieses g\u00f6ttlichen Gerichts von Schuld frei. Schlie\u00dflich wurden die Texte auch immer wieder zur Legitimierung von Krieg und Gewaltanwendung herangezogen (160\u2013213). Viele Auslegungen seit der Aufkl\u00e4rung k\u00f6nnen ebenso einer dieser drei Richtungen zugeordnet werden (214). Eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Texten gewinnt aber in der Moderne immer mehr an Bedeutung. Matthew Tindal (1657\u20131733) spielt hier eine wichtige Rolle (219\u2013225).<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt bleiben viele Fragen offen, wie auch Hofreiter abschlie\u00dfend unumwunden zugesteht: \u201eThere is therefore, in my view, no simple solution to the challenge these texts pose for pious readers, including Christian pious readers. That, obviously, is not at all the same thing as saying that there is no solution at all. One thing, which, in my view, all readers should affirm with uncompromising clarity is that any use of these texts to justify massacre, injustice and oppression is not a reading that is pleasing to God, but blasphemous.\u201c (251). Sein Buch bietet allerdings einige sehr wertvolle Einblicke in die Frage, wie christliche Ausleger durch die Jahrhunderte mit den einschl\u00e4gigen Stellen umgangen sind. Seine differenzierte Darstellung und ausgewogenen \u00dcberlegungen sind ebenso hilfreich wie seine aufmerksame Frage, ob potenzielle oder postulierte Argumentationsmuster wirklich identifizierbar sind. Darin liegt ein wertvoller Beitrag von Hofreiters Buch. Au\u00dferdem kommen viele wichtige Aspekte zur Sprache \u2013 wenn auch manchmal notwendigerweise nur recht knapp \u2013 die zum Weiterdenken anregen. \u201eFinally, beyond the matter of hermeneutical tension for \u201ainsiders\u2018 and criticism by \u2018outsiders\u2019, there is the question of imitating what one reads, in other words the question of whether these texts have been read in ways that inspired, condoned, or justified violence in the respective readers\u2019 present.\u201d (10) Nicht zuletzt dieser Frage lohnt es sich \u00fcber das Buch und \u00fcber seine Fragestellung hinaus weiter nachzugehen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Heiko Wenzel, Ph.\u00a0D. (Wheaton College), Akkreditierungsprojekt Campus Danubia, Wien<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Hofreiter: Making Sense of Old Testament Genocide. Christian Interpretations of Herem Passages, Oxford Theology and Religion Monographs. 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