{"id":1217,"date":"2021-04-25T12:43:46","date_gmt":"2021-04-25T12:43:46","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1217"},"modified":"2021-04-25T12:43:47","modified_gmt":"2021-04-25T12:43:47","slug":"heinzpeter-hempelmann-uwe-swarat-hg-evangelisches-lexikon-fuer-theologie-und-gemeinde-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1217","title":{"rendered":"Heinzpeter Hempelmann \/ Uwe Swarat (Hg.): Evangelisches Lexikon f\u00fcr Theologie und Gemeinde"},"content":{"rendered":"\n<p>Heinzpeter Hempelmann \/ Uwe Swarat (Hg.): <em>Evangelisches Lexikon f\u00fcr Theologie und Gemeinde. Neuausgabe<\/em>, Bd. 2, Holzgerlingen: SCM R. Brockhaus, 2019, geb., 1176&nbsp;Sp., \u20ac&nbsp;128,\u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.scm-shop.de\/elthg-band-2.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.scm-shop.de\/elthg-band-2.html\" target=\"_blank\">978-3-417-26802-7<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Auch der zweite Band der Neuausgabe des Evangelischen Lexikons f\u00fcr Theologie und Gemeinde besticht durch viele allgemeinverst\u00e4ndliche, interdisziplin\u00e4re und konstruktive Artikel. Siegbert Riecker hat in seiner Rezension f\u00fcr den ersten Band schon einige bedenkenswerten Beobachtungen zusammengetragen (<a href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=535\">https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=535<\/a>). Diese m\u00f6chte ich um einen umfassenden Vergleich mit der faktischen Gestalt der ersten Ausgabe erg\u00e4nzen und zus\u00e4tzliche Lekt\u00fcretipps f\u00fcr den zweiten Band geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergleicht man den neuen zweiten Band mit den Artikeln der ersten Auflage, so zeigen sich viele Verschiebungen. Da ist zun\u00e4chst 1) eine Aufwertung der Religionswissenschaft, 2) des \u00e4sthetischen Zugangs, 3) weiblicher und antiker Personen, sowie 4) der internationalen Perspektive zu konstatieren und 5) k\u00f6nnen die aktuellen Debatten des kontempor\u00e4ren Evangelikalismus in den einzelnen Unterabschnitten der Artikel wiedererkannt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Verschiebung ist der neue Fokus auf die Religionswissenschaft, -geschichte, Ethnologie oder Philosophie. Spielten diese Wissenschaften in der ersten Ausgabe eine deutlich untergeordnete Rolle, er\u00f6ffnen sie jetzt eine Vielzahl von Artikeln (vgl. Art. Feste; Heil; Heilig\/Heiligkeit; Heilung; Himmel; H\u00f6lle; Hoffnung). Die Qualit\u00e4t der Ausf\u00fchrungen ist hoch und der inhaltliche Ertrag f\u00fcr die jeweilige Thematik klar erkennbar. Insofern kann man diese neue Interdisziplinarit\u00e4t zun\u00e4chst nur begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten Unterabschnitte beleuchten das jeweilige Thema in der zweiten Auflage h\u00e4ufig \u201ein der Kunst\u201c (Art. Jesus Christus; Himmel; Hirte; H\u00f6lle usw.). Das passt zun\u00e4chst zu den vielen sch\u00f6nen Darstellungen und Bildern, die bereits die erste Auflage pr\u00e4gten. Nichtsdestoweniger scheint es an manchen Stellen, als ob hier ein rezeptions\u00e4sthetisches Paradigma weit st\u00e4rker Einzug gehalten hat als in der ersten Auflage.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen ver\u00e4nderten Start- und Endpunkten vieler Hauptartikel geht eine grunds\u00e4tzliche Gefahr einher. Der Abschnitt \u00fcber die biblische Theologie, das Proprium des Lexikons, droht unter die R\u00e4der zu kommen. Im wohl kontroversesten Artikel des Lexikons, \u201eHomosexualit\u00e4t\u201c, ist er in der Mitte eingepfercht (I. biologisch\/psychologisch; II. historisch; III. soziologisch; IV. biblisch; V. ethisch; VI. praktisch-theologisch). Freilich entwickeln die jeweiligen Autoren der anderen Abschnitte ihre Theologie zumeist ebenfalls im Gespr\u00e4ch mit der Heiligen Schrift. So scheut sich Christoph Raedel (V. ethisch) nicht eine Klaus Haacker (IV. biblisch) entgegengesetzte Deutung von R\u00f6m. 1 zu vertreten (vgl. auch die Rezension zu diesem Band von Jonathan Reinert: <a href=\"https:\/\/ichthys-online.de\/artikel\/2020_36_194\/\">https:\/\/ichthys-online.de\/artikel\/2020_36_194\/<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens lassen sich manche Verschiebungen auch in den neu hinzutretenden Artikeln erkennen. So ist etwa die Aufnahme von Frauen (Art. Juliana von Norwich; Friedrike Fliedner; Lydia Haman usw.) positiv hervorzuheben, aber auch Theologen der j\u00fcngeren Jahrzehnte werden sinnvollerweise erg\u00e4nzt (Art. Fleisch, Paul; Fl\u00fcckiger, Felix usw.). Kritisch wird man r\u00fcckfragen m\u00fcssen, welchem spezifischen Anliegen des ELThG die neuen Beitr\u00e4ge \u00fcber historische Personen (etwa Art. Ferdinand II; Art. Hohenzollern; Art. Kaiser Julian) dienen, wenn daf\u00fcr bedeutende Gestalten der moderneren Missionsgeschichte kaum erg\u00e4nzt wurden (neben hervorragenden Artikeln zu Personen, denen schon in der ersten Auflage ein Artikel gewidmet war, wie Billy Graham oder Ole Hallesby). Man denke etwa an den im lutherischen Pietismus popul\u00e4ren Erbauungsschriftsteller Bo Giertz.<\/p>\n\n\n\n<p>Viertens kommt durch die vielen Artikel zu den L\u00e4ndern auf faszinierende Art und Weise die Internationalit\u00e4t des Evangelikalismus in den Blick. Das Lexikon ist fast ein Reisef\u00fchrer f\u00fcr diejenigen, die sehns\u00fcchtig auf das Ende der Reisebeschr\u00e4nkungen harren. Einzelne Artikel f\u00fchren ebenfalls in diese Richtung (Art. Kagawa, Toyohiko; Keswick-Bewegung; Kimbanguismus usw.). F\u00fcr die kommenden beide B\u00e4nde k\u00f6nnte der Blick auf das aktuell so wichtige Forschungsfeld \u201eglobal christianity\u201c noch weiter ausgebaut werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnftens erkennt man an vielen Stellen die gro\u00dfe Bedeutung der Sexualethik f\u00fcr die evangelikale Bewegung. Nicht zuletzt interne Diskussionen f\u00fchren wohl dazu, dass der Artikel Homosexualit\u00e4t (1255\u20131277) den gleichen Umfang hat wie der Artikel Jesus Christus (1537\u20131559). Hinzu kommen noch eine Vielzahl an verwandten Themen (Art. Familie; Feminismus; feministische Theologie; Frau; Gendertheorie). Die Bedeutung dieses Themenkomplexes verr\u00e4t mehr \u00fcber unsere Zeit als \u00fcber die Mitte christlicher Theologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Fasst man diese Beobachtung zusammen, so muss sich das ELThG weiterhin um eine schwierige Balance bem\u00fchen. Einerseits muss auch ein Lexikon auf neuere Entwicklungen reagieren. Einen solchen Aktualit\u00e4tsbezug weist die neue Aufnahme eines Artikels \u00fcber Faschismus oder die ausf\u00fchrlichere historisch-politische Behandlung der Freiheit als ihre systematisch-theologische Konturierung deutlich auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits darf ein Lexikon nicht zu allgemein werden. Es gibt bereits hervorragende Bibellexika. Wozu dann Aufs\u00e4tze \u00fcber biblische B\u00fccher oder Hillel? Es gibt bereits das Lexikon f\u00fcr Christliche Ikonographie (LCI). Warum dann einen solchen, neuen Schwerpunkt auf Kunstgeschichte? Es gibt das Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon (BBKL). Warum noch mehr historische Personen? Nicht zuletzt auch im Verh\u00e4ltnis zu TRE und RGG muss weiterhin sorgsam zwischen zu starker Aktualit\u00e4t und evangelikalen Binnendiskursen einerseits, einer zu umfassenden Universalit\u00e4t andererseits abgewogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend sollen noch einige Lekt\u00fcretipps gegeben werden. So sind die Beitr\u00e4ge, welche neuere Entwicklungen reflektieren, besonders zu empfehlen (etwa Art. Fortschritt; Art. Jugendreligiosit\u00e4t; Art. Fantasyliteratur). F\u00fcr die gemeindliche Praxis sind die Reflexionsfragen des Nachfolgers von Michael Herbst auf dem praktisch-theologischen Lehrstuhl in Greifswald, Tobias Braune Krickau, zur Besch\u00e4ftigung mit der Jugend (Art. Jugend V. praktisch-theologisch) oder der Artikel Gemeindeaufbau von Johannes Zimmermann anregend.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt fragt sich der Rezensent nach der Zukunft der \u201eGattung\u201c Lexikon in gedruckter Form. Vielleicht w\u00e4re es angezeigt, \u00e4hnlich der TRE, eine Internetpr\u00e4senz aufzubauen? So k\u00f6nnte beispielsweise \u00fcber Bibliotheksnetzwerke mit Lizenz auf die verschiedenen Artikel zugegriffen werden. So k\u00f6nnte das Lexikon diejenige Bekanntheit erlangen, die man ihm w\u00fcnscht. Denn das ELThG leistet Enormes: es bringt eine F\u00fclle verschiedener Autoren zusammen, stellt gegen\u00fcber der ersten Ausgabe neue interdisziplin\u00e4re Zusammenh\u00e4nge her, geht auf moderne Str\u00f6mungen ein und bildet auch kontroverse Diskussionen ab. Zugleich dient es als hervorragendes Nachschlagewerk in der pluralisierten kirchlichen Landschaft (etwa Art. ICF). Die Lesefreude nimmt jedenfalls auch beim zweiten Band best\u00e4ndig zu.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Jan Reitzner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt \u201eDie Apophthegmata Patrum im Zusammenhang der abendl\u00e4ndischen Reform monastischen Lebens im Frankreich des 11.\/12. Jahrhunderts\u201c bei Prof. Tobias Georges (G\u00f6ttingen) und Schriftleiter des theologischen Magazins ichthys (ichthys-online.de).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heinzpeter Hempelmann \/ Uwe Swarat (Hg.): Evangelisches Lexikon f\u00fcr Theologie und Gemeinde. Neuausgabe, Bd. 2, Holzgerlingen: SCM R. 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