{"id":1227,"date":"2021-04-25T12:50:06","date_gmt":"2021-04-25T12:50:06","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1227"},"modified":"2021-04-25T12:50:07","modified_gmt":"2021-04-25T12:50:07","slug":"nikolaus-ludwig-von-zinzendorf-materialien-und-dokumente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1227","title":{"rendered":"Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, Materialien und Dokumente"},"content":{"rendered":"\n<p>Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, <em>Materialien und Dokumente<\/em>, Reihe 2, Bd. 36.1: <em>Die t\u00e4glichen Losungen und Lehrtexte der Br\u00fcdergemeine 1761\u20131800 (Barby 1760\u20131764),<\/em> Erster Band: 1761\u20131765, hg. von Peter Zimmerling, Reprint: Hildesheim: Olms, 2019. Mit e. Einf. v. Hg. P. Z., LXII+ 476 S., Ln., \u20ac 118,\u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.olms.de\/search\/Detail.aspx?pr=2009747\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.olms.de\/search\/Detail.aspx?pr=2009747\" target=\"_blank\">978-3-487-15786-3<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Wer kennt sie nicht, die<em> Losungen<\/em>, herausgegeben von der Br\u00fcdergemeine, das zeitlich und geographisch wohl am weitesten verbreitete Andachtsbuch mit Bibelversen zur t\u00e4glichen Erbauung? Seit fast 300 Jahren gibt es nun die Losungen, in Millionen von Exemplaren und in fast sechzig Sprachen sind sie \u00fcber die ganze Welt verbreitet und werden t\u00e4glich gelesen. Dieser Superlativ frommer evangelischer Andachtsliteratur wirkt auch \u00fcber Konfessionsgrenzen hinaus. So hat der Verfasser dieses Beitrags einen katholischen Geistlichen kennen gelernt, der als Sch\u00fcler von der Losungslekt\u00fcre geistlich erweckt und f\u00fcr den vollzeitlichen Dienst gewonnen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zur weiten Verbreitung der aktuellen Losungsb\u00fccher sind Geschichte und Reprints aus der Fr\u00fchzeit nur wenig bekannt und werden fast ausschlie\u00dflich von Spezialisten gelesen und erforscht. Eine Ausnahme bildet das erste gedruckte Losungsbuch \u201e<em>Ein guter Mut<\/em>\u201c von 1731, das in mehreren Neuauflagen nachgedruckt wurde (zum Beispiel Stuttgart: Quell, 1979). Die ersten drei\u00dfig Jahrg\u00e4nge bis zu den Losungstexten f\u00fcr 1761 hat Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf selbst ausgew\u00e4hlt. Ein Nachdruck dieser 1762 als Gesamtausgabe erschienenen Texte im Hildesheimer Wissenschaftsverlag Olms hat Erich Beyreuther veranlasst (N. L. v. Zinzendorf, <em>Materialien und Dokumente<\/em>, hg. v. E. Beyreuther u. Gerhard Meyer, Reihe 2: N. L. Graf von Zinzendorf. <em>Leben und Werk in Quellen und Darstellungen<\/em>, Bd. XXV: <em>Sammlung der Losungs- und Textb\u00fcchlein der Br\u00fcder-Gemeine von 1731 bis 1761<\/em>, Barby, 1762, Repr.: Hildesheim, Olms 1987, \u20ac 318,\u2013). Diese drei B\u00e4nde sind im geisteswissenschaftlichen Antiquariat Skulima unter dem Originaltitel \u201eSamlung der Loosungs- und Text-B\u00fcchlein der Br\u00fcder-Gemeine &#8230;\u201c zu einem reduzierten Preis noch lieferbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leipziger Professor f\u00fcr Praktische Theologie Peter Zimmerling ist nun bei der Herausgabe der vierzig Jahrg\u00e4nge von 1761 bis 1800 in acht B\u00e4nden federf\u00fchrend. Vier B\u00e4nde bis zum Jahrgang 1780 sind schon erschienen; weitere vier sollen in den kommenden Jahren nachgedruckt werden. In seiner Einf\u00fchrung zu den vierzig Jahrg\u00e4ngen schreibt der Herausgeber, dass die dynamische Entwicklung der Losungen nach Zinzendorfs Tod ein Grund f\u00fcr den Nachdruck der Erbauungsb\u00fccher war (6*). Auswahl und Vorworte der Jahrg\u00e4nge zeigen auf, wie sich die Br\u00fcdergemeine gegen den Rationalismus ihrer Zeit theologisch positioniert. Es wird deutlich, in welcher Absicht die Br\u00fcdergemeine die weiteren Jahrg\u00e4nge herausgab und welche Funktion sie in der weltweiten Br\u00fcder-Unit\u00e4t besa\u00dfen (ebd.).<\/p>\n\n\n\n<p>Zimmerlings Einf\u00fchrung (5*\u201362*) ist in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Kapitel gibt er einen \u00dcberblick \u00fcber Geschichte, Theologie und Spiritualit\u00e4t der Losungen (7*\u201330*), \u201edes Grafen liebstes Kind\u201c (7*). Vom 3. Mai 1728 an gab es m\u00fcndlich weiterverbreitete Losungen; von 1731 stammt das erste gedruckte Losungsbuch, das ab 1737 die Missionare und Diasporaarbeiter der Br\u00fcdergemeine in alle Welt begleitete (7*f). Ab 1741 an gibt es \u00dcbersetzungen, die \u2013 allerdings erst nach dem 2. Weltkrieg \u2013 dem Losungsbuch den Weg in alle Welt vorbereiten (9*). Im Unterschied zu heute wurden die Jahrg\u00e4nge nicht immer ausgelost, manchmal auch wiederholt und zu einzelnen Themen bzw. nur aus einem biblischen Buch genommen (10*, zum Beispiel die Psalmen 1734). Bis 1779 gab es auch Kinderlosungen bzw. -lehrtexte (vgl. 33*f), ja sogar einen besonderen Jg. f\u00fcr \u201eKnaben\u201c (1757, in: Materialien und Dokumente, Reihe 2, XXV.4, 375\u2013400) Zu den Losungen kamen ab 1741 Text- und Lektionsb\u00fcchlein (ebd.).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lospraxis der Br\u00fcdergemeine ist nicht von dem Wissen um die Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen mit Jesus zu trennen. \u201eVom Los erwartete man, dass Gott der Gemeine unmittelbar seinen Willen kundtat\u201c (12*) Die aus Gottes Wort entnommenen Losungen sind \u201eextrahierte Bibel\u201c (16*), sie sind Parolen im geistlichen Kampf der Nachfolger Christi (19*). Die Losungen festigen den t\u00e4glichen Umgang mit der Bibel und erm\u00f6glichen Erfahrungen mit ihr. Sie verbinden die Br\u00fcdergemeine, die weit \u00fcber die damaligen Grenzen deutscher evangelischer Kircht\u00fcmer hinausgeht, an allen Orten auf den Kontinenten (21\u201325*, Orte: 22*, vgl. 1739, in: Materialien und Dokumente, Reihe 2, XXV.1, 417). Zimmerling ist \u00fcberzeugt, dass die Losungen auch Zukunft haben; hierzu nennt er besonders die Bereiche Kirchenleitung, Losungsbuch als t\u00e4gliches Brevier und als missionarisch eingesetzte Schrift (26*\u201330*).<\/p>\n\n\n\n<p>Das 2. Kapitel der Einf\u00fchrung nimmt spezieller Gestalt und Inhalt sowie theologische und spirituelle Grundentscheidungen der Jahrg\u00e4nge 1761 bis 1800 in den Blick (30*\u201340*). Im Jahrgang 1779 sind erstmals Losungen und Lehrtexte in einem Taschenbuch zusammen abgedruckt. Oft werden \u2013 wie schon zu Zinzendorfs Zeiten \u2013 Losungen aus den Vorjahren wieder nachgedruckt, um den Reichtum der Bibelstellen auszusch\u00f6pfen (31*\u201332*). Prim\u00e4re Adressaten der Losungen sind die Mitglieder der Br\u00fcdergemeine, in besonderen Texten auch die Kinder, und dar\u00fcber hinaus ein weiterer Kreis von Geistesverwandten der Herrnhuter Fr\u00f6mmigkeit (33*f). Es kann nur vermutet werden, wer die Redaktion der Losungsb\u00fccher \u00fcbernahm (34*f). Zimmerling ist der \u00dcberzeugung, dass die Losungen die altkirchliche Christologie und Soteriologie gegen rationalistische Zeitstr\u00f6mungen verteidigen sollten: Im Festhalten am alten Glauben werden Erfahrungen mit dem hoch gesch\u00e4tzten lebendigen Wort Gottes gemacht (36*\u201338*). Eine Bibliografie der Titel mit Gr\u00fcnden der Textauswahl sowie Zusammenfassungen der Vorworte der vierzig Jahrg\u00e4nge beschlie\u00dft als dritter Teil die Einf\u00fchrung (40*\u201362*).<\/p>\n\n\n\n<p>Wer den Nachdruck des ersten gedruckten Losungsb\u00fcchleins von 1731 besitzt und sich in die Sprache eingelesen hat, bemerkt bald, wie die intensive bibelges\u00e4ttigte Fr\u00f6mmigkeit des Grafen in seinen Liederversen und Kurzgedichten auch heute noch den eigenen Glauben f\u00f6rdern kann. Acht- bis neunmal (!) hat Zinzendorf die Bibel allein von 1731 bis 1748 durchgelesen, um daraus etwa 15.000 Bibelworte zu entnehmen. So habe er auch \u201eihre G\u00f6ttlichkeit immer mehr eingesehen und erfahren\u201c; die Losungen sind \u201eeine extrahirte Bibel\u201c (a.&nbsp;a.&nbsp;O., Bd. XXV.1, nach \u00a75). \u201eWer die B\u00fcchlein <em>alle <\/em>hat, der hat die ganze Bibel, und findet alles das, was ihn beugen, dem\u00fcthigen, zum S\u00fcnder machen, erquikken, erfreuen und belehren kan.\u201c (Zi. am 2.1.1759, Vorrede Beyreuther, a.&nbsp;a.&nbsp;O., Bd. XXV.1, 7*, unpag.)<\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Jahren hat sich die Innigkeit von Zinzendorfs Fr\u00f6mmigkeitssprache bei manchen seiner Dichtungen so gesteigert, dass man heute eher befremdet erst einmal \u00fcber die Deutung der Worte nachdenken muss, wenn man beispielsweise liest: \u201eDas Creutz-Luft-T\u00e4ubelein, kr\u00e4nkelnd vor Liebes-Pein nach seinem Jesulein\u201c (zu Lk 1,41 am 24.12.1749, a.&nbsp;a.&nbsp;O., Bd. XXV.1, 586). Nach dem Tod des Grafen am 9. Mai 1760 erschienen die von ihm schon zusammengestellten Losungen noch bis einschlie\u00dflich 1761. Die Texte der folgenden Jahre wirken sprachlich n\u00fcchterner, wenn auch noch immer in Zinzendorfs Nachfolge ganz christuszentriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich mit der Fr\u00f6mmigkeit der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine und ihres Gr\u00fcnders in den Nachdrucken der alten Losungsb\u00fcchlein besch\u00e4ftigt, wird sicher nicht Sprache und Spiritualit\u00e4t alter Zeiten nachahmen wollen. Aber der Leser kann sich von der Haltung damaliger Christen anregen und f\u00f6rdern lassen: T\u00e4glich das Bibelwort lesen, es betrachten und f\u00fcr den Tag, f\u00fcr sich selbst und in der Gemeinschaft der Gemeinde pers\u00f6nlich als Gottes Wort ergreifen. Dann kann auch heute geschehen, was Beyreuther f\u00fcr Zinzendorfs Zeit bezeugt: \u201eNicht m\u00fcde wird Zinzendorf zu bekennen, dass ,mirabiliter, eine g\u00f6ttliche \u00d6konomie \u00fcber unseren Losungen waltete\u2018. ,Oft waren die Losungen unmittelbares Gespr\u00e4ch des Heilandes mit der Gemeine auf Tage und Stunden, wo sie hingeh\u00f6ren.\u2018 Es gab Tageslosungen, die haarscharf die Situation des Tages trafen\u201c (a.\u00a0a.\u00a0O., Bd. XXV.1, 40*). <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, Materialien und Dokumente, Reihe 2, Bd. 36.1: Die t\u00e4glichen Losungen und Lehrtexte der Br\u00fcdergemeine 1761\u20131800 (Barby<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1228,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1227","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1227"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1229,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1227\/revisions\/1229"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1228"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}