{"id":1230,"date":"2021-04-25T12:52:24","date_gmt":"2021-04-25T12:52:24","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1230"},"modified":"2021-04-25T12:52:25","modified_gmt":"2021-04-25T12:52:25","slug":"jan-van-de-kamp-uebersetzungen-von-erbauungsliteratur-und-die-rolle-von-netzwerken-am-ende-des-17-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1230","title":{"rendered":"Jan van de Kamp: \u00dcbersetzungen von Erbauungsliteratur und die Rolle von Netzwerken am Ende des 17. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"\n<p>Jan van de Kamp: <em>\u00dcbersetzungen von Erbauungsliteratur und die Rolle von Netzwerken am Ende des 17.\u00a0Jahrhunderts<\/em>, Beitr\u00e4ge zur historischen Theologie\u00a0195, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2020, Ln., XVIII+534\u00a0S., \u20ac\u00a0129,\u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/uebersetzungen-von-erbauungsliteratur-und-die-rolle-von-netzwerken-am-ende-des-17-jahrhunderts-9783161567797\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/uebersetzungen-von-erbauungsliteratur-und-die-rolle-von-netzwerken-am-ende-des-17-jahrhunderts-9783161567797\" target=\"_blank\">978-3-16-156779-7<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um die f\u00fcr den Druck \u00fcberarbeitete kirchenhistorische Dissertationsschrift, mit der Jan van de Kamp 2011 an der Freien Universit\u00e4t Amsterdam promoviert wurde, die aber leider erst 2020 im Druck erschien. Der Autor, inzwischen Professor f\u00fcr Kirchengeschichte in Amsterdam und Autor weiterer einschl\u00e4giger Studien zu Themen des Pietismus, legt hier eine umfangreiche und verdienstvolle Untersuchung der \u00dcbersetzungsliteratur aus dem Englischen und dem Niederl\u00e4ndischen ins Deutsche in der zweiten H\u00e4lfte des 17.&nbsp;Jahrhunderts vor und erg\u00e4nzt damit die Erforschung von Netzwerken im fr\u00fchen (reformierten) Pietismus. In seiner Fallstudie konzentriert Kamp sich auf f\u00fcnf Autoren, die alle aus Bremen stammten bzw. dort wirkten, fast alle der evangelisch-reformierten Konfession zugeh\u00f6rig waren und die als Theologen oder theologisch interessierte Juristen und Beamte zeitgen\u00f6ssische englische und niederl\u00e4ndisch-reformierte Erbauungsliteratur ins Deutsche \u00fcbersetzten. Die Stadt Bremen ist damit der Ausgangspunkt, von dem der Autor ein fr\u00fches pietistisches, die reformierte Konfession \u00fcberschreitendes Netzwerk erschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Einleitung (Kap. 1; 1\u201326) setzt sich Kamp zun\u00e4chst gr\u00fcndlich mit dem in der Forschung verwendeten Pietismus-Begriff sowie den historischen Bewegungen des englischen Puritanismus und der niederl\u00e4ndischen <em>Nadere Reformatie<\/em>-Bewegung auseinander, um vor diesem Hintergrund seine eigene Fragestellung, Methodik und das Ziel zu erl\u00e4utern, n\u00e4mlich \u201edie Produktion, Distribution und Rezeption von deutschen \u00dcbersetzungen englischer und niederl\u00e4ndischer Erbauungsliteratur von 1660 bis 1700 zusammenh\u00e4ngend darzustellen\u201c (18) und damit einen erg\u00e4nzenden Beitrag zur Erforschung des Einflusses von \u00fcbersetzter Erbauungsliteratur auf den deutschen Pietismus zu leisten. Dazu w\u00e4hlt Kamp einen interdisziplin\u00e4ren Zugang, der u.&nbsp;a. Aspekte der Biogra\u00adfie\u200d-\u200d, \u00dcbersetzungs- und Netzwerkforschung sowie der Buch- und Fr\u00f6mmigkeitsgeschichte zusammenf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die grundlegende Einf\u00fchrung in Quantit\u00e4t, Verbreitung und Einfluss von \u00dcbersetzungen englischer und niederl\u00e4ndischer Erbauungsliteratur im 17. und fr\u00fchen 18.&nbsp;Jahrhundert in Deutschland (Kap. 2; 27\u201349) folgen f\u00fcnf Kapitel zu den \u00dcbersetzern und ihren Texten. Dabei f\u00fchrt Kamp stets in die Biografie der \u00dcbersetzer in ihrem zeitgen\u00f6ssischen historischen wie theologischen Kontext ein, stellt dann die \u00fcbersetzten Werke inhaltlich vor und beurteilt im exemplarischen Textvergleich knapp Stil und Qualit\u00e4t der deutschen \u00dcbersetzung. So verdeutschte der Bremer Prediger Johannes Duysing (1644\u20131673) im Jahr 1673 eine erbauliche Schrift des niederl\u00e4ndischen Pfarrers Dionysius Spranckhuysen und versah sie mit einer ausf\u00fchrlichen Vorrede, die \u201eklar reformiert-pietistische Ansichten\u201c (108) zeigt (Kap. 3; 50\u2013108). Sein Beinahe-Namensvetter Johann Deusing (1639\u2013ca.&nbsp;1697) (Kamp vertritt in Auseinandersetzung mit Johannes Wallmann, dass es zwei voneinander zu unterscheidende \u00dcbersetzer Johann(es) Duysing und Deusing gab) \u00fcbersetzte ab 1671 insgesamt 19 erbauliche Titel aus dem Niederl\u00e4ndischen und Englischen, mehrheitlich von Richard Baxter, aber auch von Willem Teellinck, William Guthrie, Richard Sibbes sowie Robert Bolton (Kap. 4; 109\u2013252). Angeregt wurde Deusings \u00dcbersetzungst\u00e4tigkeit wohl von Theodor von Undereyck und seine \u00dcbersetzungen sind m\u00f6glicherweise Teil eines kurpf\u00e4lzischen Netzwerkes, das englische Erbauungsliteratur zu erschlie\u00dfen suchte (239). Dementsprechend konzentrierten sich Deusings \u00dcbersetzungen auf Schriften, die vor allem das innerliche geistliche Leben des Christen thematisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Interesse am innerlichen geistlichen Leben oder an der, wohl \u00fcber den Puritanismus vermittelten, \u00e4u\u00dferlich sichtbaren Fr\u00f6mmigkeitspraxis zeigen auch die Schriften, die die weiteren untersuchten Autoren zur \u00dcbersetzung ins Deutsche ausw\u00e4hlten. So \u00fcbertrug der in Bremen aufgewachsene Jurist Philipp Erberfeld (1639\u20131709) mehrere Schriften des reformierten Theologen Guiljelmus Saldenus ins Deutsche (Kap. 5; 253\u2013345). Der reformierte Pastor Johann Christoph Noltenius (1644\u20131719) \u00fcbersetzte 1672 eine weitere Schrift von Saldenus (Kap. 6; 346\u2013363), w\u00e4hrend Henning Koch (1633\u20131691), Konrektor und Diakon in Helmstedt, zwischen 1674 und 1685 acht Schriften des anglikanischen Theologen Joseph Hall verdeutschte (Kap. 7; 364\u2013411).<\/p>\n\n\n\n<p>Jan van de Kamp bleibt nicht bei der akribischen Darstellung von Person und \u00dcbersetzungswerk stehen, bei der viele Aspekte neu sind und sich, wie der Anmerkungsapparat zeigt, intensiver Archivrecherche verdanken, sondern er f\u00fchrt die Einzelstudien in zwei abschlie\u00dfenden Teilen zusammen, wobei er zuerst die Rezeption der einzelnen \u00dcbersetzungen anhand von nachweisbaren Privatbesitzern und ausgew\u00e4hlten zeitgen\u00f6ssischen Besprechungen untersucht (Kap. 8; 412\u2013432). Im letzten Kapitel (Kap. 9; 433\u2013468) vergleicht der Autor die sozialen, theologischen und religi\u00f6sen Hintergr\u00fcnde der \u00dcbersetzer, ihre \u00dcbersetzungen (Methode, Bearbeitungsgrad) und deren Bedeutung f\u00fcr den deutschen Pietismus. Er erschlie\u00dft aus den Beziehungen der Akteure ein \u201emultiplexes Netzwerk\u201c (445), aus dem an dieser Stelle nur zwei, in der Pietismus-Forschung gut bekannte, Akteure genannt werden: Theodor Undereyck regte zahlreiche der hier vorgestellten \u00dcbersetzungen von Erbauungsliteratur an und der Frankfurter Pietist Johann Jakob Sch\u00fctz trat als Vermittler zwischen verschiedenen Netzwerken auf und trug in dieser Rolle auch zur Verbreitung der \u00fcbersetzten Erbauungsschriften bei. Damit best\u00e4tigt die Untersuchung eine enge Verbindung von reformiertem und lutherischem Pietismus: \u201eDie thematischen \u00dcbereinstimmungen und die pers\u00f6nlichen Verbindungen der \u00dcbersetzer veranlassen dazu, den deutschen reformierten und lutherischen Pietismus als Teile einer zusammenh\u00e4ngenden Fr\u00f6mmigkeitsrichtung zu betrachten. Inhaltliche Beeinflussung und pers\u00f6nliche Verbindungen implizieren jedoch nicht, dass der Puritanismus, die niederl\u00e4ndische reformierte Fr\u00f6mmigkeitsrichtung und der deutsche reformierte Pietismus einen konstitutiven Einfluss auf die Entstehung des lutherischen Pietismus ausge\u00fcbt haben\u201c (460). Von diesem Zusammenhang ausgehend, pl\u00e4diert Kamp daf\u00fcr, in der Definition von Pietismus eine Mikroebene, z.&nbsp;B. des deutschen reformierten Pietismus, von einer Makroebene (Pietismus als typologischer Oberbegriff) zu unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie ist insgesamt klar strukturiert und gut zu lesen; sie geht gerade bei der erstmaligen biographischen und genealogischen Erschlie\u00dfung der \u00dcbersetzer sowie in der Auseinandersetzung mit Forschungspositionen detailliert und akribisch vor \u2013 eine wissenschaftliche St\u00e4rke, die vom Leser aber gelegentlich eine gewisse Ausdauer erfordert und nat\u00fcrlich ein Interesse an den Anf\u00e4ngen des reformierten Pietismus in Nordwestdeutschland, an der Netzwerkforschung und der europ\u00e4ischen Fr\u00f6mmigkeitsliteratur voraussetzt. Mit Hilfe der Register (Bibelstellen, Personen, Sachen; 513\u2013534) lassen sich auch gezielt Personen und Themen nachschlagen, und das Literaturverzeichnis (477\u2013511 mit Titeln der Forschungsliteratur bis 2014) ist einschl\u00e4gig und umfassend. So ist es schade, dass die Arbeit erst mit einigen Jahren Versp\u00e4tung im Druck erschienen ist, und zugleich erfreulich, dass sie doch noch ver\u00f6ffentlicht wurde!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan van de Kamp: \u00dcbersetzungen von Erbauungsliteratur und die Rolle von Netzwerken am Ende des 17.\u00a0Jahrhunderts, Beitr\u00e4ge zur historischen Theologie\u00a0195,<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":1231,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1230","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1230","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1230"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1230\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1232,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1230\/revisions\/1232"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1230"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1230"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1230"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}