{"id":1233,"date":"2021-04-25T12:54:23","date_gmt":"2021-04-25T12:54:23","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1233"},"modified":"2021-04-25T12:54:25","modified_gmt":"2021-04-25T12:54:25","slug":"frank-luedke-norbert-schmidt-hg-alter-wein-in-neuen-schlaeuchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1233","title":{"rendered":"Frank L\u00fcdke \/ Norbert Schmidt (Hg.): Alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen?"},"content":{"rendered":"\n<p>Frank L\u00fcdke \/ Norbert Schmidt (Hg.): <em>Alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen? Gemeinschaftsbewegung und Gemeindeaufbau seit den 1970er Jahren<\/em>, Schriften der Evangelischen Hochschule TABOR (SEHT) 10, Berlin: Lit-Verlag Dr. W. Hopf, 2020, Pb., VI+203 S., \u20ac 24,43, E-Book \u20ac\u00a019,53, ISBN <a href=\"https:\/\/www.lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-14579-6\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.lit-verlag.de\/isbn\/978-3-643-14579-6\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-643-14579-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Die Forschungsstelle Neupietismus an der Evangelischen Hochschule Tabor unter Leitung von Frank L\u00fcdke erforscht Geschichte und Gegenwart des Neupietismus. Auf f\u00fcnf Theologischen Symposien wurden bisher schon wichtige Themen des Neupietismus behandelt, so zum Beispiel die Praxis der Evangelisation, angloamerikanischen Einfl\u00fcsse auf den Neupietismus, Diakonie, Formen der Glaubenserfahrung sowie die begriffliche und zeitliche Abgrenzung des Arbeitsfeldes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vorliegende Aufsatzsammlung pr\u00e4sentiert die Referate, die im Januar 2019 auf dem 6. Theologischen Symposium in Marburg gehalten wurden. Die Entwicklung von Gemeinschaftsstunden zu Gemeinschaftsgemeinden deutet der Herausgeber L\u00fcdke als \u201eImmense Umbr\u00fcche\u201c, da man sich bis in die 1960er Jahre fast ausschlie\u00dflich als Erg\u00e4nzungsangebot zu einer Kirchengemeinde verstanden habe. Seit den 1970er Jahren gab es an vielen Orten durch die Rezeption der amerikanischen Gemeindewachstumsbewegung einen Paradigmenwechsel. Die Gemeinschaftsstunde wird sonntags vormittags als Gottesdienst gefeiert, und Amtshandlungen der Gemeinschaftsgemeinden werden von den Landeskirchen anerkannt bzw. in den entsprechenden \u00f6rtlichen Kirchenb\u00fcchern aufgef\u00fchrt (vgl. 4).<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Einleitung des Herausgeber Frank L\u00fcdke (1\u20135) folgen die Beitr\u00e4ge der Autoren:<\/p>\n\n\n\n<p>An erster Stelle steht prominent Gisa Bauer \u201eDer Gnadauer Gemeinschaftsverband im Spannungsfeld zwischen evangelischen Landeskirchen und evangelikaler Bewegung in den 1970er und 1980er Jahren\u201c (7\u201320). Die Verfasserin stellt die Zusammenarbeit der Gnadauer mit der Bekenntnisbewegung \u201eKein anderes Evangelium\u201c unter Pr\u00e4ses Hermann Haarbeck ab 1967 heraus. Deshalb sei Gnadau in den 1970er Jahren die gr\u00f6\u00dfte Tr\u00e4gergruppe der evangelikalen Bewegung gewesen. Unter Kurt Heimbucher sei es dann Anfang der 1980er Jahre zu einer Hinwendung zum pietistischen Erbe und zu Fragen der Weltverantwortung gekommen, Gnadau habe sich der Landeskirche angen\u00e4hert und sei aus der Konferenz Bekennender Gemeinschaften ausgetreten. \u2013 Ob sich Gnadau in den 1990er Jahren vom freikirchlichen \u201eModell 4\u201c verabschiedet hat, ist nach Meinung des Rezensenten fraglich. Heute kann man an vielen Orten genau diese Form der Arbeit beobachten, ohne dass sich die Gemeinschaftsgemeinden auch \u201eFreikirchen\u201c oder \u201efreie Gemeinden\u201c nennen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eduard Ferderer referiert im zweiten Beitrag der Sammlung \u00fcber den \u201eEinfluss der Pfarrer-Gebetsbruderschaft auf das Verh\u00e4ltnis der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung zur Evangelischen Kirche\u201c (21\u201331). Die PGB nimmt f\u00fcr Ferderer in der Geschichte des Verst\u00e4ndnisses von Gnadaus Haltung zu den Kirchen eine Schl\u00fcsselrolle ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach behandelt Frank Hinkelmann \u201eDie ekklesiologischen Entwicklungen der \u00f6sterreichischen Gemeinschaftskreise zwischen 1975 und 2000\u201c (33\u201354); Norbert Schmidt schreibt \u00fcber die \u201ePragmatische Ekklesiologie: Eine Spurensuche in der Geschichte des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbandes\u201c (55\u201364). Oft hatte im DGD die Praxis den Vorrang (etwa in der Frage der Predigt von Diakonissen, also Frauen, vor Frauen und M\u00e4nnern), und sp\u00e4ter wurde versucht, die Praxis biblisch-theologisch zu legitimieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Kathinka Hertlein untersucht in ihrem Beitrag \u201ePrediger oder Pastor? Das sich ver\u00e4ndernde Rollenverst\u00e4ndnis der Hauptamtlichen in der Gemeinschaftsbewegung seit den 1970er Jahren\u201c am Beispiel der Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor (65\u201375). Der Wechsel im Berufsbild des Gemeinschaftspredigers vom Evangelisten und Bezirksprediger hin zum Gemeinschaftspastor stellt nicht mehr den erg\u00e4nzenden evangelistischen Dienst, sondern die pastorale Aufgabe und die geistliche Leitung der Gemeinde in den Mittelpunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Zimmermann nimmt in seinem Aufsatz \u201eVon der Gemeinschaft zur (Gemeinschafts-)Gemeinde \u2013 Ekklesiologische Entwicklungen seit den 1970er Jahren in praktisch-theologischer Perspektive\u201c besonders den Einfluss \u201emissionarischer\u201c und \u201ebiblischer\u201c Gemeindegr\u00fcndungskonzepte in den Blick (77\u201392). Leider dominiert in der Gnadauer Ekklesiologie das Thema Ortsgemeinde. Die <em>eine <\/em>Kirche Christi kommt dagegen zu kurz (86). Eine Hilfe bietet das Modell, das der Deutsche Jugendverband EC als \u201eBeziehungskompass\u201c entwickelt hat (87\u201390).<\/p>\n\n\n\n<p>Den Prozess vom Desinteresse an ekklesiologischen Fragen in Theodor Haarbecks \u201eBiblischer Glaubenslehre\u201c (1. Aufl. 1902, 15. Aufl. 1991) zum zentralen Thema der Gnadauer Neuorientierung schildert Thorsten Dietz kritisch-reflektiert in \u201eGemeinschaftsbewegung und Kirchenverst\u00e4ndnis \u2013 Entwicklungen der Ekklesiologie im Gnadauer Raum in den 1970er-1990er Jahren\u201c (93\u2013105).<\/p>\n\n\n\n<p>Reflektierte Zusammenarbeit in bewusst ausgearbeiteten Formen des Miteinanders w\u00fcnscht sich Johannes Zimmermann in seinem zweiten Beitrag zum Sammelband unter dem Titel \u201eGemeindegr\u00fcndungen und Gemeinschaftsgemeinden \u2013 Beobachtungen und Anmerkungen zu Entwicklungen im Gnadauer Verband\u201c (107\u2013121). Dabei d\u00fcrfen bei der Betrachtung von Trennung und Zusammenarbeit von Gemeinschaft und landeskirchlicher Ortsgemeinde die \u201eweichen\u201c Faktoren nicht vergessen werden (111f).<\/p>\n\n\n\n<p>Drei weitere Aufs\u00e4tze \u00fcber volkskirchliche Gemeindeaufbaubestrebungen bilden das letzte Drittel des Bandes.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Klaus Teschner wurde ein Essay \u00fcber \u201eMissionarischer Gemeindeaufbau in der Volkskirche am Ende des 20. Jahrhunderts\u201c (123\u2013135) abgedruckt. Er fasst die neueren demographischen Entwicklungen und missionarischen Konzepte in der Landeskirche zusammen. Auch wenn die Kirche um ein Drittel schrumpfen sollte, ist ihre Reichweite und die Bedeutung missionarischer Diakonie im 21. Jahrhundert nicht zu verachten (132).<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Reinhardt referiert \u00fcber \u201eFritz Schwarz\u2019 Theologie des missionarischen Gemeindeaufbaus, die Praxis von ,\u00dcberschaubare Gemeinde\u2018 im Kirchenkreis Herne und ihre Rezeption in Kirche und Theologie (137\u2013164). Ihm schlie\u00dft sich der Herausgeber Frank L\u00fcdke an: \u201eEmil Brunners Kirchenverst\u00e4ndnis in seiner Bedeutung f\u00fcr die Konzeption des Gemeindeaufbaus bei Fritz und Christian A. Schwarz\u201c (165\u2013202).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rezensent hat in dem Sammelband die R\u00fcckwirkung der Mission auf die Gemeinschaftsverb\u00e4nde vermisst: Die meisten Missionare bleiben nicht mehr wie im 18. und 19. Jahrhundert bis an ihr Lebensende im Missionsland. Sie kommen oft schon vor ihrer Pensionierung in die Heimat zur\u00fcck und versehen Dienste in der Gemeinschaftsbewegung. Da es die Konstellation \u201eLandeskirche und innerkirchliche Gemeinschaft\u201c nur in europ\u00e4ischen evangelischen L\u00e4ndern deutscher Sprache gibt, ist f\u00fcr Missionare aufgrund ihrer Auslandserfahrungen \u201eGemeinde\u201c-Arbeit die Regel und erg\u00e4nzende Gemeinschaftsarbeit im herk\u00f6mmlichen Sinn die Ausnahme. Dieser Faktor hat zur Ver\u00e4nderung der Arbeitsweise Gnadaus nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Problem des Bandes wird nur von Johannes Zimmermann angesprochen, m\u00fcsste aber vertieft werden: Die \u201eInnerkirchlichkeit\u201c der Gemeinschaftsgemeinden wird inhaltlich nur noch durch formale Mitgliedschaft und eventuell auch die Beanspruchung kirchlicher Kasualien eingel\u00f6st. Wenn die Zusammenarbeit von Landeskirchen und Gemeinschaftsgemeinden nicht zumindest durch die Bildung innerkirchlicher Personal- oder Institutionsgemeinden sowie Einbindung in die synodalen Selbstverwaltungsstrukturen der Landeskirchen Gestalt gewinnt, ist ihre Ekklesiologie sachlich doch eher als freikirchlich denn als inner-landeskirchlich einzuordnen, ganz gleich, was einzelne Vertreter behaupten. Warum steht man nicht \u2013 wie zum Beispiel die Chrischona-Gemeinden in der Schweiz \u2013 dazu: Wir sind eine Freikirche mit einer landeskirchlichen Vergangenheit, die zeitlich noch nicht lange zur\u00fcckliegt? Provozierend k\u00f6nnte man formulieren: Es k\u00f6nnte als unehrlich gedeutet werden, wenn \u201eInnerkirchlichkeit\u201c nur noch auf dem Niveau einer schlichten liberalen Ekklesiologie eingel\u00f6st wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sammelband wirft viele Fragen um Weg und Zukunft der Gemeinschaftsbewegung auf, und das ist gut so! <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank L\u00fcdke \/ Norbert Schmidt (Hg.): Alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen? 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