{"id":1239,"date":"2021-04-25T12:58:20","date_gmt":"2021-04-25T12:58:20","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1239"},"modified":"2021-04-25T12:58:22","modified_gmt":"2021-04-25T12:58:22","slug":"abdul-adhim-kamouss-wem-gehoert-der-islam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1239","title":{"rendered":"Abdul Adhim Kamouss: Wem geh\u00f6rt der Islam?"},"content":{"rendered":"\n<p>Abdul Adhim Kamouss: <em>Wem geh\u00f6rt der Islam? Pl\u00e4doyer eines Imams gegen das Schwarz-Wei\u00df-Denken<\/em>, M\u00fcnchen: dtv premium, 2018, Pb., 223\u00a0S., \u20ac\u00a016,90, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.dtv.de\/buch\/abdul-adhim-kamouss-wem-gehoert-der-islam-26212\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.dtv.de\/buch\/abdul-adhim-kamouss-wem-gehoert-der-islam-26212\" target=\"_blank\">978-3-423-26212-5<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>\u201eJede zweite Woche er\u00f6ffnet in Frankreich eine neue Moschee, w\u00e4hrend wir jedes Jahr 40 bis 50 katholische Kirchen verlieren\u201c, sagte der Vorsitzende der franz\u00f6sischen Organisation \u201eObservatoire du patrimoine religieux\u201c Anfang September 2020 in einem Interview mit der Zeitung <em>Die Welt<\/em>. Die Zahl der Kirchen und ihrer Besucher nimmt ab, die der Moscheen zu. Neben der Gruppe der religi\u00f6s Indifferenten begegnen wir unter den Andersreligi\u00f6sen auch in Deutschland am ehesten Muslimen. Grund genug, dass wir uns ein fundiertes Basiswissen \u00fcber den Islam aneignen. Was kann dazu besser geeignet sein, als einem echten Muslim zuzuh\u00f6ren? So hatte ich den Imam Abdul Adhim Kamouss zur Vorstellung seines Buches in meinen Ort eingeladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses ist einerseits gef\u00fchlvoll-empathisch, andererseits vern\u00fcnftig argumentierend, einerseits pers\u00f6nlich berichtend, andererseits theologische Einsichten vermittelnd, einerseits grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen anstellend, andererseits konkrete Handlungsempfehlungen gebend. Viele S\u00e4tze kann ich als Christ voll unterschreiben: Gott ist der alleinige Sch\u00f6pfer des Universums. Er ist der Erste ohne Anfang und der Letzte ohne Ende. Gott erschuf den Menschen und hauchte ihm von seinem Geist ein. Der Mensch ist Gottes Treuh\u00e4nder auf der Erde. Zu Gott kehrt der Mensch zur\u00fcck. Gott sandte auserw\u00e4hlte Personen wie Abraham oder Mose, um den Menschen den Weg zu zeigen. Wer Gottes Ruf Folge leistet, wird am Tag der Auferstehung Freude erleben. Und wer sich von Gott abwendet, wird Bedauern und Traurigkeit erfahren. Die t\u00e4glichen Gebete sind kurze Auszeiten mit Gott. Und hinter den Geboten Gottes steckt Weisheit (73f).<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise beansprucht Kamouss f\u00fcr sich gem\u00e4\u00df Kant, \u201esich seines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen\u201c und \u201eM\u00fcndigkeit\u201c zu praktizieren. Dementsprechend wird er von seinem Verlag als \u201eAufkl\u00e4rer\u201c bezeichnet. Ein anderer Philosoph, Odo Marquard, sagte einmal: \u201eM\u00fcndigkeit ist vor allem Einsamkeitsf\u00e4higkeit.\u201c Auch Kamouss hat sein M\u00fcndigsein mit Einsamkeit bezahlt. In den Berliner Moscheen, in denen er ein gefragter Redner gewesen war, wurde er vom Predigtdienst ausgeschlossen. Fr\u00fchere Freunde distanzierten sich von ihm. Islamische Gelehrte verabschiedeten Fatwas (Rechtsgutachten) gegen ihn, weil er \u201eirregeleitet\u201c sei (87). Von einzelnen erhielt er Todesdrohungen. Der islamischen Community gilt er als Abtr\u00fcnniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch Islamkritiker m\u00f6gen Kamouss kaum. Diese bevorzugen in der Regel ehemalige Muslime, die sich zum Atheismus bekennen und mit ihrer fr\u00fcheren Religion vernichtend ins Gericht gehen. Leute wie Ayaan Hirsi Ali (\u201eIch klage an\u201c, 2005), Necla Kelek (\u201eChaos der Kulturen\u201c, 2012) oder Hamed Abdel-Samad (\u201eDer islamische Faschismus\u201c, 2014).<\/p>\n\n\n\n<p>Von den verschiedenen Lagern abgelehnt, ist Kamouss nichts anderes \u00fcbrig geblieben, als eine eigene Organisation zu gr\u00fcnden, die \u201eStiftung Islam in Deutschland\u201c (Website: <a href=\"https:\/\/stiftung-iid.de\/\">https:\/\/stiftung-iid.de\/<\/a>). Dort vertritt er einen Islam, der mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit vereinbar sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Positiv gesagt, kann ich Kamouss mit einem Reformator vergleichen. Er will den Islam nicht abschaffen, sondern reformieren. Dabei bedient er sich einer Art \u201eSola Scriptura\u201c-Prinzip, wie es auch die christlichen Reformatoren taten. Das bedeutet bei einem Muslim: Nur der Koran habe autoritative Bedeutung, nicht die Auslegungen der sp\u00e4teren Jahrhunderte. Kamouss ist der \u00dcberzeugung, dass sich Terroristen und Gewaltt\u00e4tige nur deshalb auf den Koran berufen, weil sie ihn durch die Brille sp\u00e4terer Interpretationen lesen. Wenn man den Koran aus seiner Zeit heraus versteht, k\u00f6nnten brutal klingende S\u00e4tze auch ganz anders aufgefasst werden. Kamouss macht das an einem Satz aus Sure 9,5 deutlich: \u201eT\u00f6tet die G\u00f6tzendiener, wo immer ihr sie findet.\u201c Radikale Muslime meinen hier eine Legitimation f\u00fcr Terror gefunden zu haben (48). Kamouss betont, dass man auf den konkreten \u201eOffenbarungsanlass\u201c der Sure zu achten habe. Demnach beziehe sich die Sure auf bestimmte heidnische St\u00e4mme des 7. Jahrhunderts, die den bestehenden B\u00fcndnisvertrag mit Mohammed gebrochen h\u00e4tten. Den Muslimen werde hier nur die Verteidigung in einem speziellen Angriffsfall erlaubt. Diese Auslegung erinnert in gewisser Weise daran, wie Christen und Juden die Bibel interpretieren. Aus der biblischen Erz\u00e4hlung, dass das Volk Israel im Auftrag Gottes die Einwohner Jerichos vernichtet (Josua&nbsp;6), wird heute kaum mehr der Schluss gezogen, dass Menschen umgebracht werden sollen. Kamouss begeht dabei jedoch nicht den Fehler, der uns in Teilen des modernen Protestantismus begegnet, seine Heilige Schrift so \u00fcberkritisch zu lesen, dass sie ihre Bedeutung als Wort Gottes zu verlieren droht.<\/p>\n\n\n\n<p>Kamouss hat also einen Islam vor Augen, vor dem wir seiner Ansicht nach keine Angst zu haben brauchen. Kann Kamouss dazu beitragen, dass Juden, Christen, Muslime, Atheisten und sonstige Gl\u00e4ubige friedlich in unserm Land zusammenleben?<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich darf uns der Bezug auf Kant und das Stichwort \u201eAufkl\u00e4rer\u201c im Klappentext nicht dazu verleiten, einen modern-rationalistisch-liberalen und vielleicht sogar linken Muslim in Kamouss zu sehen. Vielmehr habe ich in Charakter und Theologie von Kamouss sehr viel aus der evangelikal-missionarischen Bewegung der letzten Jahrzehnte wiederentdeckt: Pers\u00f6nliches Charisma, freundliches Wesen, voll und ganz von seiner Mission \u00fcberzeugt. Er redet besser als er anderen zuh\u00f6rt, findet Freunde und Anh\u00e4nger, kann Kompliziertes in verst\u00e4ndliche Worte herunterbrechen, glaubt an die Autorit\u00e4t seiner Heiligen Schrift, kurz: Er vertritt trotz modern anmutender Elemente eine \u201ekonservative\u201c Theologie und Fr\u00f6mmigkeitspraxis. Das ist keineswegs abwertend gemeint; wir werden Kamouss so viel eher gerecht, als wenn wir in ihm einen modernen Liberalen sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte Kamouss darin f\u00fcr authentisch, dass er einen friedlichen Islam m\u00f6chte, \u00e4hnlich wie sich die Evangelikalen der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts mehr und mehr von restriktiven Vorstellungen fr\u00fcherer Generationen l\u00f6sten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Begegnung mit Kamouss wird deutlich: Christentum und Islam vertreten beide einen Anspruch auf Wahrheit. Kamouss vertritt einen islamischen Wahrheitsanspruch, wonach sich Gott im Koran offenbart habe. Christen vertreten einen Wahrheitsanspruch, wonach sich Gott in Jesus Christus offenbart hat. Der sich daraus ergebende Konflikt l\u00e4sst sich nicht dadurch l\u00f6sen, dass wir sagen: alle Religionen wollen Dasselbe. Denn wer das behauptet, beansprucht f\u00fcr sich den Standpunkt des Allwissenden und wertet diejenigen ab, die an einer spezifischen religi\u00f6sen Wahrheit festhalten. Auch wenn aus religionsgeschichtlicher Perspektive schnell der Eindruck entsteht, als ob Christen und Muslime an den gleichen Gott glauben, so glauben sie dennoch anders an Gott \u2013 worin sich Christen und Muslime erstaunlich einig sind. Denn die jeweilige Bedeutung, die Jesus bei Christen und Muslime hat, trennt beide Religionen voneinander. Wenn das anerkannt wird, ist interreligi\u00f6se Begegnung am ehrlichsten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Gerhard Gronauer ist Pfarrer der bayerischen Landeskirche und lebt in Dinkelsb\u00fchl. Er ist zudem Lehrbeauftragter f\u00fcr Kirchengeschichte am CVJM-Kolleg Kassel und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Synagogenprojekt an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abdul Adhim Kamouss: Wem geh\u00f6rt der Islam? 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