{"id":1242,"date":"2021-04-25T13:00:06","date_gmt":"2021-04-25T13:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1242"},"modified":"2021-04-25T13:00:07","modified_gmt":"2021-04-25T13:00:07","slug":"klaus-ruediger-mai-geht-der-kirche-der-glaube-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1242","title":{"rendered":"Klaus-R\u00fcdiger Mai: Geht der Kirche der Glaube aus?"},"content":{"rendered":"\n<p>Klaus-R\u00fcdiger Mai: <em>Geht der Kirche der Glaube aus? Eine Streitschrift<\/em>, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2018, Pb., 184 S., \u20ac 15, \u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4341_Geht-der-Kirche-der-Glaube-aus-.html\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4341_Geht-der-Kirche-der-Glaube-aus-.html\" target=\"_blank\">978-3-374-05305-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Das Buch ist als \u201eStreitschrift\u201c eine \u201eKirchenkritik\u201c \u2013 ein Genre, das sich in den zur\u00fcckliegenden 25 Jahren gro\u00dfer Beliebtheit erfreut hat. Aber wirkungsgeschichtlich hat es selten Konstruktives erreicht. Leserinnen und Leser bleiben vielmehr ratlos, desillusioniert oder gar verbittert zur\u00fcck. Das ist bei dem Buch des Schriftstellers und promovierten Germanisten Klaus-R\u00fcdiger Mai nicht anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Innerhalb des Kanons neuerer kirchenkritischer Literatur reicht Mai nicht an die \u201eQualit\u00e4t\u201c seiner Vorg\u00e4nger heran: Bissigere Polemik wies Gerhard Besier in \u201eKonzern Kirche\u201c (1997) auf. Mit leidenschaftlicherer Bosheit konnte Hans Apel in \u201eVolkskirche ohne Volk\u201c (2003) aufwarten. Sprachlich eloquenter waren Peter Hahnes Schriften \u201eSchluss mit lustig\u201c (2004) und \u201eFinger weg von unserem Bargeld\u201c (2016). Und mehr intellektuellen Witz hatte Friedrich Wilhelm Grafs \u201eKirchend\u00e4mmerung\u201c (2011).<\/p>\n\n\n\n<p>Mais Buch gibt die Wahrnehmung eines Christen wieder, der nicht zur innerkirchlichen \u201eFilterblase\u201c (123) geh\u00f6ren will, wie sie dem \u201arot-gr\u00fcnen\u2018 Mainstream entspreche. Diesen macht er exemplarisch an der Theologin Ellen Uebersch\u00e4r fest, die 2017 nach ihrer Zeit als Generalsekret\u00e4rin der Deutschen Evangelischen Kirchentage bruchlos zum Vorstandsmitglied der GR\u00dcNEN-nahen Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung berufen wurde. Uebersch\u00e4r stehe f\u00fcr Immanenz statt Transzendenz, Gesinnung statt Glaube, Moral statt Mission. Mai jedoch wolle keine Kirche, \u201edie nur aus Mitgliedern der Gr\u00fcnen oder der SPD besteht\u201c (56). Mai pl\u00e4diert f\u00fcr das Gegenteil der aufgef\u00fchrten Alliterationen: er will Transzendenz statt Immanenz, Glaube statt Gesinnung, Mission statt Moral.<\/p>\n\n\n\n<p>So wendet er sich gegen die von ihm konstatierte Verabsolutierung der politischen Moral in der Kirche, wie sie sich in dem unausgesprochenen Grundsatz manifestiere: \u201eWas als moralisch deklariert wird, darf nicht hinterfragt werden\u201c (25). Die \u201emoralischen Dogmen\u201c (26) w\u00fcrden sich dem \u00f6ffentlichen Diskurs entziehen \u201ewie die Sentenzen der Hochscholastik\u201c (25). Daraus folge eine \u201eEntrationalisierung von politischen Entscheidungsprozessen\u201c (58).<\/p>\n\n\n\n<p>Das meint der Autor an den kirchlichen Voten zur Migrationsthematik seit 2015 ablesen zu k\u00f6nnen. Seine Ausf\u00fchrungen dazu nehmen einen derart breiten Raum ein, dass ich wage anzunehmen: Die Ver\u00e4rgerung \u00fcber die Fl\u00fcchtlingspolitik der Regierung und \u00fcber die kirchliche Unterst\u00fctzung derselben mag die Motivation daf\u00fcr gewesen sein, dass Mai zum Genre Polemik gewechselt ist. Fr\u00fcher schrieb er Sachb\u00fccher \u00fcber Luther, Gutenberg, Johann Sebastian Bach, Mutter Teresa und Papst Benedikt XVI. sowie einige historische Romane.<\/p>\n\n\n\n<p>Mais argumentativer Angelpunkt ist die klassisch-konservative Lesart der Luther\u2019schen Zwei-Regimenten-Lehre. Wo diese im Protestantismus nicht mehr gelte, w\u00fcrden Kirchenvertreter dazu beitragen, den Rechtsstaat zu untergraben. Daran schlie\u00dft sich Mais Auslegung des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter an (Lk&nbsp;10). Dem Gleichnis zufolge sei christliche N\u00e4chstenliebe eine individuelle Pflicht und kein gesellschaftlicher Imperativ. Der Samariter habe nicht unz\u00e4hligen, sondern nur einem Bed\u00fcrftigen geholfen, was seinen M\u00f6glichkeiten entsprochen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Es versteht sich von selbst, dass der blo\u00dfe Rekurs auf Luthers Regimentenlehre ohne eine Auseinandersetzung mit ihrer Wirkungsgeschichte im 20. Jahrhundert das im Raum stehende moralische Problem nicht ad\u00e4quat anspricht. Und neben der \u00dcberlegung, was f\u00fcr eine Bedeutung das besagte Gleichnis im historisch-literarischen Kontext des Lukasevangeliums hat, ist die Eruierung von Anwendungsm\u00f6glichkeiten der Jesusbotschaft in zeitgen\u00f6ssischer politischer Ethik eine ganz andere Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgehend von seiner Kritik an der kirchlichen Unterst\u00fctzung der Fl\u00fcchtlingspolitik bekennt sich Mai zu einer renitenten Haltung: Ein Christ solle nicht mehr jedes \u201epolitische Wort der Kirchenleitung in Demut\u201c annehmen (57). Denn Kirche sei heute keine Opposition mehr, sondern zu einem Teil des \u201aEstablishments\u2018 geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Duktus sind die weiteren Abschnitte des 184 Seiten umfassenden B\u00fcchleins gehalten. Die Gegen\u00fcberstellungen Immanenz vs. Transzendenz, Gesinnung vs. Glaube, Moral vs. Mission sind zwar griffig formuliert. Aber indem Mai das jeweils erste Worte der Kirche zuschreibt und f\u00fcr sich selbst die zweite Bezeichnung in Anspruch nimmt, rei\u00dft er unn\u00f6tigerweise eine tiefe Kluft in die von ihm nur dualistisch-bin\u00e4r wahrgenommene Debattenkultur des Protestantismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich beinhaltet jede Kirchenkritik, und sei sie noch so polemisch, ein Wahrheitsmoment: Christliches Leben, das sich gleichzeitig an der Bibel r\u00fcckversichert und nach aktueller Anwendung der Fr\u00f6mmigkeit fragt, steht immer in der Gefahr einer einseitigen Zuspitzung: Mal \u00fcberwiegt Immanenz, dann wieder Transzendenz, mal dominiert Gesinnung, dann wieder Glaube, mal herrscht Moral vor, dann wieder Mission. Deshalb braucht es Diskussionen, in denen Einseitigkeiten zurechtger\u00fcckt werden k\u00f6nnen. Nur im Kontext solcher Debatten kann ein polemisches kirchenkritisches Buch wie das von Mai eine Hilfe sein. In Abwandlung von Schleiermachers ber\u00fchmtem Diktum, dass Religion \u201eweder Metaphysik noch Moral\u201c sei, m\u00fcsste man heute betonen: Eine lebendige Religion beinhaltet sowohl Metaphysik als auch Moral (und freilich auch Spiritualit\u00e4t, Schleiermachers \u201eAnschauung\u201c). Sofern der Eindruck zutrifft, dass g\u00e4ngiges Christsein heute mehr durch die Moral, also durch die politische Ethik bestimmt wird, ist es legitim oder gar notwendig, daran zu erinnern, dass der Glaube auch durch die theologische Lehre, die Dogmatik (= Metaphysik), konstituiert sein will.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Gerhard Gronauer, Pfarrer der bayerischen Landeskirche in Dinkelsb\u00fchl, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Synagogengedenkband Bayern in Neuendettelsau und Lehrbeauftragter f\u00fcr Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der CVJM-Hochschule Kassel.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus-R\u00fcdiger Mai: Geht der Kirche der Glaube aus? 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