{"id":1245,"date":"2021-04-25T13:06:49","date_gmt":"2021-04-25T13:06:49","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1245"},"modified":"2021-04-25T13:06:50","modified_gmt":"2021-04-25T13:06:50","slug":"paul-r-tarmann-hg-wort-und-schrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1245","title":{"rendered":"Paul R. Tarmann (Hg.): Wort und Schrift"},"content":{"rendered":"\n<p>Paul R. Tarmann (Hg.): <em>Wort und Schrift. Christliche Perspektiven,<\/em> Edition Widerhall 2, Perchtoldsdorf: Johannes Martinek, 2020, Pb., 131 S., \u20ac&nbsp;18\u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.plattform-martinek.at\/buch.php?buchID=125\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.plattform-martinek.at\/buch.php?buchID=125\" target=\"_blank\">978-3-9519838-1-3<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Das vorliegende Buch enth\u00e4lt Artikel von drei Autoren, die alle als Professoren an der Kirchlichen P\u00e4dagogischen Hochschule Wien\/Krems t\u00e4tig sind. Diese seit 2007 bestehende Institution ist die gr\u00f6\u00dfte private p\u00e4dagogische Hochschule \u00d6sterreichs und hat neben der katholischen Kirche \u00d6sterreichs sechs weitere christliche Konfessionen als Tr\u00e4ger.<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Artikel stammt vom Herausgeber selbst und besch\u00e4ftigt sich mit der Kraft des gesprochenen und geschriebenen Wortes. Tarmann stellt fest, dass wohl kein anderes Buch so wirkm\u00e4chtig die Menschheitsgeschichte beeinflusst hat wie die Bibel. Auf sie gehen \u201eErneuerungs- und Erweckungsbewegungen, spirituelle und meditative Aufbr\u00fcche genauso wie sozial und menschenrechtlich engagierte Gruppen\u201c (14) zur\u00fcck. Tarmann besch\u00e4ftigt sich in seinem Aufsatz ausf\u00fchrlich mit Lesslie Newbigin (1909\u20131998), einem Missionar und Bischof, der die Bibel als <em>kulturexternes Korrektiv<\/em> betrachtete. Nach Newbigin sind Bibel und Evangelium \u2013 im Unterschied zu jeder Religion \u2013 keineswegs Ph\u00e4nomene einer Kultur, sondern eine \u201ejede Kultur hinterfragende Autorit\u00e4t\u201c (22). Zugleich aber sei die in eine Sprache \u00fcbersetzte Bibel auch Teil einer Kultur, weil sie in Worte gefasst ist, die immer unter dem Einfluss der Kultur stehen, zu der diese Worte geh\u00f6ren. Deshalb sei es f\u00fcr die Mission wichtig, die jeweilige Kultur zu verstehen. Weil erst am Ende der Zeit offenbar werde, was wirklich wahr ist, pl\u00e4diert Newbigin daf\u00fcr, pragmatisch bei Jesus und dem Evangelium anzusetzen, denn nichts spreche dagegen. Auf diesen Voraussetzungen aufbauend zeigt Tarmann, dass in Jesus eine vollkommene \u00dcbereinstimmung von Wort und Tat gegeben war und dass nach biblischer Lehre dem Wort sch\u00f6pferische Kraft innewohnt, denn durch Gottes Wort wurde der Kosmos geschaffen (Hebr&nbsp;11,3). Eine vergleichbare Wahrheit hat auch die auf John L. Austin zur\u00fcckgehende Sprechakttheorie erkannt, wenn sie behauptet, dass Worte gestalterische Kraft haben. Worte schaffen und ver\u00e4ndern die Wirklichkeit, sie k\u00f6nnen verletzen, ja ruinieren (\u201eRufmord\u201c), aber auch ermutigen und aufbauen. Die Bibel formuliert dies unerreicht pr\u00e4gnant: \u201eTod und Leben stehen in der Gewalt der Zunge\u201c (Spr 18,21). Nat\u00fcrlich muss hier auch die Bedeutung des christlichen Bekenntnisses erw\u00e4hnt werden. Zurecht erinnert der Autor an R\u00f6mer 10,10: \u201eUnd wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.\u201c Das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias und Erl\u00f6ser ist heilsrelevant, wie Jesus selbst in Matth\u00e4us 10,32f erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Artikel besch\u00e4ftigt sich Armin Wunderli mit dem Bibelverst\u00e4ndnis evangelischer Freikirchen in \u00d6sterreich. Zun\u00e4chst belegt er mit Stellen der Heiligen Schrift den Selbstanspruch der Bibel, Gottes Wort zu sein. Dann stellt er anhand der Glaubensbekenntnisse der Freikirchen fest, dass sie die Bibel so verstehen, wie sie sich selbst sieht: als Wort Gottes. Im dritten Teil seines Aufsatzes beleuchtet er drei wichtige hermeneutische Modelle: die historisch-kritische Methode, leserzentrierte Ans\u00e4tze und die \u201ew\u00f6rtliche\u201c Bibelauslegung. Wunderli zeigt auf, dass alle drei defizit\u00e4r sind. Im abschlie\u00dfenden vierten Kapitel spricht er sich daher f\u00fcr die historisch-biblische Exegese aus, wie sie von dem w\u00fcrttembergischen Theologen Gerhard Maier in seiner Hermeneutik entwickelt wurde. Allein sie ber\u00fccksichtige beides: den Selbstanspruch der Bibel, Gottes Wort zu sein, und die Tatsache, dass sie ein historisches Dokument ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Artikel besch\u00e4ftigt sich Franz Graf-Stuhlhofer mit dem \u201eWeg vom Bibellesen zu dogmatischen und ethischen Einsichten\u201c. Im ersten Punkt seines Beitrags geht er der Frage nach, wie die Konfessionen die Bibel als Grundlage f\u00fcr Glauben und Leben begr\u00fcnden. Laut r\u00f6misch-katholischer Kirche besitzt die Bibel vor allem deshalb Autorit\u00e4t, weil die Kirche ihr diese Autorit\u00e4t zuspricht. Evangelikale dagegen begr\u00fcnden die Autorit\u00e4t der Bibel mit Aussagen der Heiligen Schrift. Weil laut 2.Timotheus 3,16 das Alte Testament von Gott inspiriert ist, hat es Autorit\u00e4t. Zwar wird sich ein Zweifler von dieser Argumentation kaum beeindrucken lassen, weil es sich ja um einen Zirkelschluss handelt. Gleichwohl wird jeder aufrichtig Suchende zumindest das Selbstzeugnis der Bibel ernstnehmen und sich zum pr\u00fcfenden Lesen einladen lassen. Im zweiten Punkt zeigt der Autor, dass nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Philosophie von nicht hinterfragbaren Axiomen ausgegangen wird. Im dritten Kapitel werden die Wechselwirkungen von Dogmatik und Ethik diskutiert. Der Verfasser zeigt auf, dass dogmatische Glaubenss\u00e4tze zu ethischen Folgerungen f\u00fchren (Dogmatik: Jesus ist der Sohn Gottes; ethische Folgerung: Daher beten Christen zu Jesus), dass aber auch umgekehrt die Ethik die Dogmatik beeinflussen kann (Handlungsanweisung: \u201eMissioniert alle V\u00f6lker\u201c; dogmatische Folgerung: Gott liebt alle Menschen). Das vierte Kapitel besch\u00e4ftigt sich \u2013 illustriert an zwei Theologen \u2013 mit zwei Arten biblischer Argumentation: W\u00e4hrend der katholische Systematiker Karl Rahner in seinen Argumentationen st\u00e4rker die Vernunft bem\u00fcht, wobei er biblisches Wissen als \u201everinnerlicht\u201c voraussetzt, versucht der evangelisch-reformierte Systematiker Karl Barth seine Positionen prim\u00e4r mit Bibelstellen zu begr\u00fcnden. Dahinter steht die \u00dcberzeugung der katholischen Kirche, dass man mit der Vernunft durchaus viele g\u00f6ttliche Dinge erkennen k\u00f6nne, w\u00e4hrend die reformierte Theologie im Anschluss an Johannes Calvin die menschliche Vernunft als durch den S\u00fcndenfall verdunkelt betrachtet. Im f\u00fcnften Kapitel legt der Verfasser dar, dass konservative Theologen \u2013 im Unterschied zu historisch-kritisch orientierten Theologen \u2013 das in der Bibel Berichtete mit guten Gr\u00fcnden als historisch zuverl\u00e4ssig betrachten. Im folgenden Abschnitt geht es um wichtige hermeneutische Grunds\u00e4tze wie die Beachtung von Stilmitteln, Metaphern und Kontext, damit die Auslegung nicht auf Abwege ger\u00e4t. In Kapitel sieben er\u00f6rtert der Autor die Frage, welche Anweisungen der Bibel f\u00fcr uns heute verbindlich sind, und in Kapitel acht pl\u00e4diert er daf\u00fcr, bei der Exegese stets vier Aspekte zu ber\u00fccksichtigen: die Bibel selbst, die Auslegungstradition, die Erfahrung und die Vernunft. Schlie\u00dflich weist der Verfasser darauf hin, dass auch Voreinstellungen des Bibellesers sein Bibelverst\u00e4ndnis beeinflussen und pl\u00e4diert im \u201eFazit\u201c daf\u00fcr, verschiedene Zug\u00e4nge zur Bibel nebeneinander stehen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle drei Artikel machen auf je eigene Weise deutlich, dass die 2000 Jahre alte Bibel auch heute noch aktuell und gesellschaftsrelevant ist. Dabei bleibt zu w\u00fcnschen, dass diese Erkenntnis in der modernen bzw. postmodernen Kultur der Gegenwart wieder ganz neu zum Tragen kommt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. theol. Friedhelm Jung, Professor f\u00fcr Systematische Theologie am Southwestern Baptist Theological Seminary und Leiter des Masterstudiengangs am Bibelseminar Bonn<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul R. Tarmann (Hg.): Wort und Schrift. 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