{"id":1249,"date":"2021-04-25T13:11:03","date_gmt":"2021-04-25T13:11:03","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1249"},"modified":"2021-04-25T13:11:04","modified_gmt":"2021-04-25T13:11:04","slug":"bernhard-meuser-freie-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1249","title":{"rendered":"Bernhard Meuser: Freie Liebe"},"content":{"rendered":"\n<p>Bernhard Meuser: <em>Freie Liebe. \u00dcber neue Sexualmoral<\/em>, Basel: Fontis-Verlag, 2020, Pb., 429 S., \u20ac 20,\u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.fontis-shop.ch\/Freie-Liebe\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.fontis-shop.ch\/Freie-Liebe\" target=\"_blank\">978-3-03848-203-1<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a>W\u00e4hrend die Ev. Kirche (sexual)ethisch weitestgehend Schiffbruch erlitten hat, steuert die Kath. Kirche nach Meuser wie einst Jona mit voller Kraft voraus Richtung Tarschisch. Und das, obwohl sie einen Rettungsauftrag in Ninive hat. Klare Worte, die der Verleger des Jugendkatechismus \u201eYoucat\u201c (M\u00fcnchen 2011) findet \u2013 doch der Reihe nach.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Meuser besch\u00e4ftigt sich schon lange mit Sexualmoral. Im Jugendalter wurde er selbst Opfer sexuellen Missbrauchs durch einen Priester.<br>In \u201eFreie Liebe. \u00dcber neue Sexualmoral\u201c analysiert er, schaut hin und nimmt kein Blatt vor den Mund \u2013 weder inhaltlich noch sprachlich. Zun\u00e4chst geht es \u00fcberwiegend um gesellschaftliche Beobachtungen. Moral werde oft als Spa\u00dfbremsenreglement empfunden, dabei ist sie \u201eein Artenschutzprogramm f\u00fcr die gef\u00e4hrdete Gattung Menschen\u201c (32), Flankenschutz f\u00fcr gutes Leben. Nach Meuser sind folgende Werte der Sexualit\u00e4t sch\u00fctzenswert: das Leben, die Liebe, die Freiheit und die Lust (Kapitel 5), und zwar ausschlie\u00dflich in dieser Reihenfolge. In unserer individualisierten Gesellschaft, in der scheinbar jeder nur um sich kreist, haben wir die Rangfolge der Werte bunt neu gemischt, statt in Verbindung zu unserem Sch\u00f6pfer zu leben. Die dadurch geschlagenen Wunden sind tief: Missbrauch, verlassene V\u00e4ter, M\u00fctter und Kinder, Prostitution und Pornografie, technische Reproduktion, gebrochene Menschen. Wem die Ewigkeitsperspektive abhandenkommt, dem wird die Lust \u00fcberm\u00e4chtig. Man muss in den wenigen Lebensjahren alles rausholen, was irgend m\u00f6glich \u2013 ohne R\u00fccksicht auf Verluste. Moral wird so lange entleert, bis es nicht mehr \u201eGut und B\u00f6se\u201c \u2013 sondern nur noch \u201eGut und Besser\u201c gibt (Beispiele anhand 68er-Bewegung, Sieg der \u201eSelbstbestimmung\u201c bis zu Genderideologie und der P\u00e4dagogik sexueller Vielfalt). L\u00e4ngst gibt es diese neue Zivilmoral. Christen haben nach Meuser vier Reaktionsm\u00f6glichkeiten: Kapitulation, Kampf, Anpassung oder bewusst anders leben. Letztem prophezeit der Katholik \u2013 auch im Blick auf die ersten Christen \u2013 die meiste Kraft. Sieht er in die Kirche(n), ist er jedoch ern\u00fcchtert: Entweder sie redet \u00fcber anderes oder sie buhlt um ihre weglaufenden Sch\u00e4fchen nach dem Motto: Bleibt, wir sehen das jetzt auch lockerer.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil nimmt der Theologe Bibel und Kirche ins Augenmerk, beginnend mit einer fundierten Skizze \u00fcber biblische Aussagen von Liebe und Sexualit\u00e4t von Sch\u00f6pfung bis Paulus. Er erkl\u00e4rt Begriffe, wie \u201eUnzucht\u201c oder \u201eFleisch\u201c und wie Leib und Seele in sich, aber auch im Blick auf Gott zusammenh\u00e4ngen. Auch exegetischen Versuchen, brenzlige Bibelstellen zu entsch\u00e4rfen, verpasst Meuser begr\u00fcndete Absagen. Intensiv analysiert er den Synodalen Weg und die angestrebte neue Sexualmoral, um welche sich die Katholische Kirche bem\u00fcht. Eine Vordenkerrolle kam hier dem 2020 verstorbenen Freiburger (Moral)Theologen Eberhard Schockenhoff zu. Meuser kritisiert dessen Ansatz deutlich und begr\u00fcndet. Er entferne sich von biblischen Aussagen wie von christlicher Anthropologie. Nach Schockenhoff \u2013 vereinfacht gesagt \u2013 h\u00e4nge die Kirche noch in der sexualpessimistischen Lehre des Augustinus. Es brauche nun eine Beziehungsethik auf Grundlage sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse. Das Ergebnis ist: Solange man verantwortlich miteinander umgeht, ist unter dem Motto Selbst- und N\u00e4chstenliebe (sexuell) alles erlaubt. Ehe ist nicht mehr exklusiv, wenn auch immerhin noch h\u00f6chste Beziehungsform. Meuser mutet auch der Zeitpunkt des Rufs nach neuer Sexualmoral seltsam, ja taktisch an. Er sieht darin den Versuch, den noch nicht aufgearbeiteten Missbrauchsskandal abzutun, und stattdessen die Segel einer liberalen Sexualethik zu hissen. Dadurch, dass man Homosexualit\u00e4t akzeptiert und das Z\u00f6libat als vermeintliche Ursache des Missbrauchs abschafft, erledige sich dann schon das Problem. Meuser zeigt auf, dass dies \u201eUnsinn\u201c (199) ist. Wie soll die Kirche aber nun beispielsweise mit Homosexualit\u00e4t umgehen? Er gibt im Wesentlichen zwei Ans\u00e4tze: 1. Man solle sich nicht so sehr auf den sexuellen Akt fixieren, sondern auch auf Besserung des Lebens (Freundschaft ist besser als Einsamkeit). 2. Kirche m\u00fcsse den Menschen begegnen, wie Jesus der Ehebrecherin (Joh 8): Keine Verurteilung, eine offene T\u00fcr, aber auch \u201es\u00fcndige nicht mehr\u201c. Die Grundherausforderung ist klar. Doch auch wenn Meuser sp\u00e4ter nochmals auf Klarheit, Barmherzigkeit und Perspektiven im Umgang mit Betroffenen zur\u00fcckkommt, behalten manche Formulierungen f\u00fcr mich an dieser Stelle einen leicht missverst\u00e4ndlichen Deutungsspielraum.<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Buchteil geht Meuser der Frage nach, wie eine neue Sexualmoral aussehen kann. Drei R\u00fcck-Schritte k\u00f6nnten zum Fort-Schritt werden:<br>1. Biblische Weisungen nicht ent-moralisieren, sondern als Weg-Weiser guten Lebens verst\u00e4ndlich machen (wozu sie gedacht waren\/sind, mit eschatologischer Tragweite, s. z.&nbsp;B. Bergpredigt). 2. Statt Pflichtenethik die Kardinaltugenden wiederentdecken (und in gnaden-volle Theologie integrieren). 3. Begriffe wie Vertrauen, Autonomie oder Freiheit an Gott zur\u00fcckbinden (statt um sich selbst zu kreisen). Immer wieder spricht er von flankierenden Schutzma\u00dfnahmen f\u00fcr die Liebe. Dazu geh\u00f6re auch, Sexualit\u00e4t und Ehe vom \u201eMasterplan Gottes\u201c (293) her zu lesen und nicht von mehrheitsf\u00e4higen Modellen. Man muss jungen Menschen erkl\u00e4ren \u2013 und sie darin begleiten \u2013, dass die Verbindung von Mann und Frau als Ebenbilder Gottes eben genau etwas mit diesem Gott zu tun hat, und dass wir im Blick auf die Treue Gottes eingeladen sind, in der Treue von Mann und Frau zu \u201eFranchisenehmern Gottes zu werden\u201c (304). Kirche sei gut beraten, mehr \u201eHumanae vitae\u201c (Papst Paul VI.) und \u201eTheologie des Leibes\u201c (Papst Johannes Paul II) zu lesen, als Schockenhoffs Ansatz. Statt st\u00e4ndig am sechsten Gebot und seiner Bedeutung \u201eherumzudoktern\u201c, k\u00f6nnte man sich auf die anderen Gebote konzentrieren. Sie enthalten alles, was eine neue Sexualmoral braucht. Am st\u00e4rksten fokussiert sich Meuser auf das f\u00fcnfte Gebot: Du sollst nicht t\u00f6ten: Leben f\u00f6rdern als Grundlage neuer Sexualmoral. Konkreter: Eine neue Sexualmoral vom Skandalon der Abreibung her denken. Hier liege alles beieinander: Der unaufl\u00f6sbare Zusammenhang von Leben, Liebe, Sexualit\u00e4t und Lust. Hier ist das gr\u00f6\u00dfte Potenzial, flankierende Ma\u00dfnahmen f\u00fcr den Menschen und die Liebe abzuleiten und damit auch Antworten auf N\u00f6te unserer Zeit zu geben (Missbrauch, Pornografie, Dekonstruktion der Familie\u2026).<\/p>\n\n\n\n<p>Meuser zitiert historische wie zeitgen\u00f6ssische Personen unterschiedlicher Couleur. In dem rund 40-seitigen Abschnitt mit Fu\u00dfnoten und Literaturverzeichnis wird auf weiterf\u00fchrende Informationen verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein herausforderndes Buch, dass sich zwar viel mit der katholischen Kirche besch\u00e4ftigt, aber \u00fcberkonfessionelle Bedeutung hat und verdient. Auch wenn manche Frage offenbleibt, fordert es zum (neu)Denken heraus. Und immer wieder kommt Meuser auf die Grundvoraussetzung f\u00fcr Kirche und Menschen zur\u00fcck: Die pers\u00f6nliche Beziehung zu Jesus Christus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist zu w\u00fcnschen, dass kirchliche Verantwortungstr\u00e4ger umkehren: Nach Ninive und nicht nach Tarschisch \u2013 volle Kraft voraus!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Michael Schwantge, Gemeinschaftspastor in Oppenheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernhard Meuser: Freie Liebe. \u00dcber neue Sexualmoral, Basel: Fontis-Verlag, 2020, Pb., 429 S., \u20ac 20,\u2013, ISBN 978-3-03848-203-1 W\u00e4hrend die Ev.<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":1250,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1249","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1249","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1249"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1249\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1251,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1249\/revisions\/1251"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1250"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1249"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1249"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}