{"id":1255,"date":"2021-04-25T13:15:33","date_gmt":"2021-04-25T13:15:33","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1255"},"modified":"2021-04-25T13:15:34","modified_gmt":"2021-04-25T13:15:34","slug":"eleonore-stump-atonement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1255","title":{"rendered":"Eleonore Stump: Atonement"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eleonore Stump: <em>Atonement<\/em>, Oxford Studies in Analytical Theology, Oxford: University Press, 2018, Hb., 538 S., US&nbsp;$ 85,\u2013, ISBN <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/global.oup.com\/academic\/product\/atonement-9780198813866\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/global.oup.com\/academic\/product\/atonement-9780198813866\" target=\"_blank\">978-0-19-881386-6<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eleonore Stump (Ph.&nbsp;D. Cornell Universit\u00e4t) ist Spezialistin f\u00fcr die Philosophie des Mittelalters und analytische Theologin. Sie ist Inhaberin des Robert-J.-Henle-Lehrstuhls f\u00fcr Philosophie an der St. Louis Universit\u00e4t in den USA.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr Buch <em>Atonement<\/em> ist Teil der <em>Oxford Studies of Analytic Theology,<\/em> die von Michael C. Rea und Oliver D. Crisp herausgegeben werden. Im ersten Kapitel von Teil I legt sie dar, dass sie mit Hilfe der analytischen Philosophie untersuchen m\u00f6chte, wie der Kreuzestod von Christus die Menschen mit Gott in eine Beziehung bringt und inwiefern sein Kreuzestod mit der Idee eines liebenden Gottes vereinbar sei. Dabei sind ihre Grundlagen die christologischen und trinitarischen Bekenntnisse der alten Kirche (3\u201311). \u00dcberdies versteht sie ihr Thema \u201eAtonement\u201c etymologisch als \u201eat-one-ment\u201c, zu Deutsch etwa \u201e(In-)Eins-machung\u201c. In Kapitel 2 kontrastiert sie zwei dominante Antworten, welche in der christlichen Tradition zu Schuld, Scham und Satisfaktion vorhanden sind. Auf der einen Seite Anselm von Canterbury, welcher v.&nbsp;a. in der protestantischen Tradition rezipiert sei, sowie Thomas von Aquin, welchen sie als Urheber eines breiten Stromes der katholischen Theologie einordnet (39\u201379). In Kapitel&nbsp;3 erkl\u00e4rt sie die \u201eanselmische\u201c Ansicht, dass Gott Christus f\u00fcr unsere S\u00fcnden sterben lassen musste, um uns Vergebung zu gew\u00e4hren, f\u00fcr inkompatibel mit der Liebe Gottes und \u201eunrettbar\u201c. Stattdessen pl\u00e4diert sie f\u00fcr einen breiten thomistischen Ansatz, der das Kreuz als Gottes Antwort auf Schuld und Scham sieht, die aber auch anders h\u00e4tte aussehen k\u00f6nnen (71\u2013112).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Teil II kommt sie schlie\u00dflich dazu, eine eigene Antwort zu geben, was \u201eEinheit mit Gott\u201c auf thomistischer Grundlage bedeuten k\u00f6nnte, indem sie mehrere Fragenkomplexe diskutiert, die damit zusammenh\u00e4ngen. In Kapitel 4 behandelt sie die Frage, inwiefern Gott in den Gl\u00e4ubigen im besonderen Sinne lebt, wenn er allgegenw\u00e4rtig ist, und bietet dabei einen sehr hilfreichen \u00dcberblick \u00fcber verschiedene m\u00f6gliche Antworten. Sie kommt zum Schluss, dass Kreuz und Auferstehung letztlich auf die Einwohnung des Heiligen Geistes im Gl\u00e4ubigen zielen (115\u2013142). In Kapitel 5 beleuchtet Stump die Frage, was es bedeutet, wenn Jesus als \u201ewahrer Gott und wahrer Mensch\u201c am Kreuz von Gott verlassen worden sei. Sie verwirft dabei die patristische Antwort, dass dies im Lichte des ganzen Psalms 22 und nicht als Einzelvers zu interpretieren sei (147f). Vielmehr seien \u201ealle menschlichen Psychen in den Geist von Christus hineingeflossen\u201c und so werde die Einheit zwischen Gott und Mensch erm\u00f6glicht (174). In Kapitel 6 verwirft sie mit Hilfe von Thomas von Aquin die theologische Ansicht von Meister Eckhart, dass es bedeute zu \u201ewollen, was Gott will\u201c, wenn man keine Begierde mehr habe, als \u201eselbstzerst\u00f6rerisch\u201c. Dieser stellt sie den Dyotheletismus von Jesus im Garten von Gethsemane entgegen (195). In Kapitel 7 m\u00f6chte sie die Werke von Thomas als hilfreichen Anhaltspunkt daf\u00fcr nutzen, \u201eLeben in Gnade\u201c (197\u2013220) relational (anstelle von forensisch, 228) zu verstehen, sowohl im Hinblick auf Rechtfertigung als auch auf Heiligung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Teil III setzt Stump alles daran, dieses relationale Verst\u00e4ndnis von Gnade biblisch und theologisch zu legitimieren. Zur Illustration benutzt sie in Kapitel 8 daf\u00fcr diverse neutestamentliche Narrative, wie etwa der Versuchung von Jesus. In Kapitel 9 argumentiert sie gegen die forensische Natur g\u00f6ttlicher Gnade mit Hilfe des klassisch-katholischen soteriologischen Dreischritts: Kommen zu Christus, Eingie\u00dfen der Gnade in der Eucharistie und freiwilliges Ausharren bis ans Ende mit Hilfe von Gottes Kraft (335).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich stellt Stump in Teil IV dar, welche Vorz\u00fcge die Lehre von \u201eAtonement\u201c ihrer Ansicht nach habe. In Kapitel 10 legt sie noch einmal leidenschaftlich dar, dass der Kreuzestod von Jesus tats\u00e4chlich die L\u00f6sung f\u00fcr die menschlichen Probleme von Schuld und Scham bringe, aber eben nicht im anselmisch-protestanstischen Sinne, sondern indem Christus am Kreuz \u201eseinen Geist f\u00fcr die Psyche aller Menschen ge\u00f6ffnet habe\u201c. So habe er das Problem der Scham gel\u00f6st, indem Menschen an Christus und Christus an den Menschen Anteil h\u00e4tten (357). Gleicherma\u00dfen wird nicht Gott f\u00fcr S\u00fcnde durch das Kreuz entsch\u00e4digt, sondern die S\u00fcnde wird \u00fcberwunden, indem es zu einer menschlichen Teilhabe an Christus und dadurch einer echten Wesensver\u00e4nderung im Menschen kommt (369\u2013371).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eleonore Stump hat mit ihrem Werk \u201eAtonement\u201c ein \u00e4u\u00dferst geistreiches und intelligentes Buch geschrieben, das Vertreter einer forensischen Rechtfertigung gerade dadurch herausfordert, da sie ihre Kritik auf der Grundlage der Bibel und der \u00f6kumenischen Bekenntnisse vorbringt. Konservative Anh\u00e4nger der reformatorischen Rechtfertigungslehre k\u00f6nnen sich daher nicht damit begn\u00fcgen, diese einfach als \u201eliberal\u201c oder \u201ehistorisch-kritisch\u201c zu verwerfen, sondern m\u00fcssen sich ehrlich mit ihr auf Augenh\u00f6he auseinandersetzen. Dieses Werk weist Stump einmal mehr als eine der f\u00fchrenden Interpreten von Thomas von Aquin aus und es gibt wohl wenige Gelehrte auf dem Planeten, die ihr hier das Wasser reichen k\u00f6nnen. Dazu ist es so, dass Kapitel&nbsp;1 hilfreiche Erkl\u00e4rungen gerade f\u00fcr europ\u00e4ische Theologen bietet, was denn \u201eAnalytische Theologie\u201c genau ist, welche sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer mehr im angels\u00e4chsischen Sprachraum ausgebreitet hat und auch der deutschsprachigen Theologie viele hilfreiche Impulse weiterzugeben h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch w\u00e4re allerdings noch \u00fcberzeugender gewesen, wenn Stump sich die M\u00fche gemachte h\u00e4tte, die \u201eanselmische\u201c Position eingehender zu studieren. So findet sich in der Bibliografie mit Ausnahme der Anselm-Biografie von Richard Southern \u00fcberhaupt keine Forschungsliteratur zu Anselm. Stump scheint ihn ausschlie\u00dflich durch die Lupe seiner sch\u00e4rfsten Kritiker, wie etwa J. McLeod Campbell zu interpretieren (73). Auch fehlt eine eingehende Besch\u00e4ftigung mit Forschungsergebnissen zur reformatorischen Soteriologie, gegen welche sie so stark polemisiert. Dies h\u00e4tte sie wahrscheinlich realisieren lassen, dass sowohl Anselm als auch die Reformatoren Erl\u00f6sung nicht nur \u201eforensisch\u201c, sondern sehr wohl auch personal verstehen, auch wenn sie den forensischen Aspekt hervorheben. Ein weiterer Punkt, der das Buch am Anfang schwer zu lesen macht, ist, dass sie \u201eAtonement\u201c als \u201eEinsmachung\u201c statt \u201eS\u00fchne\u201c versteht. So etymologisch richtig dies auch sein mag, so wenig h\u00f6rt das selbst ein <em>native speaker<\/em> heute noch aus dem Wort auf Anhieb heraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ausf\u00fchrliche Lekt\u00fcre dieses intellektuell herausfordernden Buches lohnt sich sehr, gerade wenn man sich als Protestant mit den st\u00e4rkstm\u00f6glichen Argumenten f\u00fcr eine orthodox-thomistische Ablehnung der reformatorischen Soteriologie vertraut machen will.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Alex Weidmann ist Doktorand im Bereich Systematische Theologie an der Trinity Evangelical Divinity School in den USA.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eleonore Stump: Atonement, Oxford Studies in Analytical Theology, Oxford: University Press, 2018, Hb., 538 S., US&nbsp;$ 85,\u2013, ISBN 978-0-19-881386-6 Eleonore<\/p>\n","protected":false},"author":87,"featured_media":1256,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1255","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/87"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1255"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1258,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1255\/revisions\/1258"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}