{"id":1287,"date":"2021-06-22T04:59:31","date_gmt":"2021-06-22T04:59:31","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1287"},"modified":"2021-06-30T08:13:23","modified_gmt":"2021-06-30T08:13:23","slug":"henning-buehmann-die-stunde-der-volksmission-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1287","title":{"rendered":"Henning B\u00fchmann: Die Stunde der Volksmission"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Henning B\u00fchmann: <em>Die Stunde der Volksmission. Rechristianisierungsbestrebungen im deutschen Protestantismus der Zwischenkriegszeit, <\/em>Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B: Darstellungen, Bd. 73, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2020, HC., 528 S., \u20ac&nbsp;100,- (E-PDF \u20ac&nbsp;79,99), ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/27634\/die-stunde-der-volksmission\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/27634\/die-stunde-der-volksmission\">978-3-525-57075-3<\/a>.<\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Umbruchszeit nach 1918 war in Bezug auf kybernetische Fragen und Kirchenbaupl\u00e4ne eine \u00e4u\u00dferst fruchtbare Zeit. Es war im konservativen Protestantismus \u201edie Stunde der Volksmission\u201c, die sich nun auch die Innere Mission auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Der Begriff \u201eVolksmission\u201c war 1916 durch eine Schrift des Rostocker Praktischen Theologen Gerhard Hilbert in den protestantischen Diskurs eingef\u00fchrt worden und avancierte nach dem Krieg \u201ezu einem in evangelischen Kirchenleitungen und im Verbandsprotestantismus viel diskutierten Schl\u00fcsselkonzept\u201c (12).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der j\u00fcngeren historischen Forschung ist diese Volksmissionsbewegung bisher kaum bearbeitet worden. Diese L\u00fccke schlie\u00dft nun Henning B\u00fchmann, der mit der vorliegenden Arbeit im Jahr 2015 an der Philosophischen Fakult\u00e4t in Erfurt promoviert wurde. In einer umfangreichen diachronen Analyse zeichnet er die Entwicklung der Bewegung der kirchlichen Volksmission in der Zwischenkriegszeit nach, wie sie von der Inneren Mission betrieben wurde. Methodisch verortet sich B\u00fchmann an der Schnittstelle zwischen Ideengeschichte und Sozialgeschichte, indem er die kirchliche Zeitgeschichte \u201ein den Kontext von sozialen und kulturellen Entwicklungen der Gesellschaft im 20. Jahrhundert\u201c (13) stellt und zugleich die \u201eEntwicklung eines Konzepts und dessen gesellschaftlichen Kontext untersuchen m\u00f6chte\u201c(13). Diese intensive Ber\u00fccksichtigung des historischen Kontextes ist bei B\u00fchmann aber verbunden mit dem Anliegen, \u201etheologische Entw\u00fcrfe und Fr\u00f6mmigkeitsformen als solche ernst zu nehmen\u201c(13). Theologie und Fr\u00f6mmigkeit gingen \u201eimmer auf etwas Vorgegebenes zur\u00fcck\u201c (13) und daher \u201ew\u00e4re es verfehlt, theologische Entw\u00fcrfe zu Evangelisation und Volksmission als rein interessegeleitet oder als blo\u00dfes \u00dcberbauph\u00e4nomen zu betrachten.\u201c(13) B\u00fchmanns Analyse bleibt hierbei schwerpunktm\u00e4\u00dfig historisch, theologische Hintergr\u00fcnde und theologiegeschichtliche Zusammenh\u00e4nge k\u00f6nnten in weiteren Untersuchungen noch vertieft werden \u2013 und sie bleibt ganz auf den dargestellten Zeitraum konzentriert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem ersten Hauptteil analysiert B\u00fchmann vier programmatische Texte zur Volksmission im Zeitraum von 1916\u20131933: Gerhard Hilberts Schrift \u201eKirchliche Volksmission\u201c, die 1916 die Initialz\u00fcndung zur Volksmissionsbewegung darstellte. Hilbert hatte hier \u2013 mitten im Krieg, als er selbst noch von einem Siegfrieden ausging \u2013 gefordert, sp\u00e4testens nach dem Krieg Apologetik, Evangelisation und die Bildung von Kerngemeinden in einer konzertierten Aktion in gro\u00dfem Umfang als neue Formen kirchlichen Handelns in Angriff zu nehmen. 1919 gab Gerhard F\u00fcllkrug, Direktor im Centralausschuss f\u00fcr Innere Mission (CA), als praktische Anleitung zur Umsetzung dieser Ideen das \u201eHandbuch der Volksmission\u201c heraus, zu dem die wesentlichen Protagonisten der neuen Volksmissionsbewegung Beitr\u00e4ge leisteten. Heinrich Rendtorff unternahm 1924 mit \u201ePfl\u00fcget ein Neues\u201c den Versuch, den Volksmissionsbegriff, der im innerprotestantischen Diskurs eine \u201erapide Aufnahme\u201c (99) gefunden hatte, theologisch zu pr\u00e4zisieren. Anhand von Rendtorffs Semantiken weist B\u00fchmann seine \u201ePr\u00e4gung durch die Sprache der \u201akonservativen Revolution\u2018 und der konservativen Kulturkritik\u201c (127) nach. Rendtorff sei hierbei der erste gewesen, der \u201edas Zusammengehen mit der politischen Rechten nicht nur praktizierte, sondern es konzeptionell zu begr\u00fcnden versuchte\u201c (127). Als \u201elutherische Standortbestimmung zu Beginn des NS-Regimes\u201c (129) greift B\u00fchmann dann die \u201eRiederauer Thesen\u201c der bayerischen Landeskirche vom Oktober 1933 auf, die die Hoffnungen auf einen \u201ereligi\u00f6sen Aufbruch und ein gutes Miteinander von national\u00adsozia\u00adlistischem Staat und evangelischer Kirche\u201c (162) zum Ausdruck brachten, gleichzeitig aber dezidiert an den lutherischen Bekenntnisschriften festhielten und in diesem Sinn Volksmission treiben wollten. B\u00fchmann beschr\u00e4nkt sich in diesem Teil auf die Analyse jeweils einer Programmschrift. Dies erm\u00f6glicht die relativ kompakte Darstellung der diachronen Entwicklung der Konzepte, insbesondere bei Hilbert h\u00e4tte allerdings dessen Schrift \u201eEcclesiola in Ecclesia\u201c zum Verst\u00e4ndnis Wesentliches beigetragen \u2013 gerade in Bezug auf die von B\u00fchmann als innerer Widerspruch herausgearbeitete Spannung zwischen dem Ziel der \u201eEcclesiola\u201c auf der einen und dem Ziel der \u201eDurchmissionierung\u201c des ganzen Volks (211) auf der anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem zweiten Hauptteil rekonstruiert B\u00fchmann die institutionelle Entwicklung der volksmissionarischen Bewegung von 1914\u20131934, vor allem anhand der \u201eAbteilung f\u00fcr Volksmission\u201c im CA und des 1925 gegr\u00fcndeten \u201eDeutschen Evangelischen Verbandes f\u00fcr Volksmission\u201c, dem im Jahr seiner Gr\u00fcndung bereits 23 Organisationen beigetreten waren. Hierbei zeichnet er die \u00dcbernahme der Volksmission in die T\u00e4tigkeitsbereiche der Inneren Mission nach, wie sie in der unter der Leitung Gerhard F\u00fcllkrugs stehenden \u201eAbteilung f\u00fcr Volksmission\u201c geschah. Diese stellte nur eine reichsweite Koordinierungsstelle der Volksmissionst\u00e4tigkeit der Inneren Mission dar und repr\u00e4sentierte somit nur einen kleinen Teil einer breiteren Bewegung \u2013 die meisten Provinzial-Aussch\u00fcsse f\u00fcr Innere Mission betrieben eigenst\u00e4ndig Evangelisation und Apologetik. An ihr lassen sich aber die Entwicklung der Volksmissionsbewegung ebenso wie ihre Spannungen und inneren Widerspr\u00fcche gut nachzeichnen. Das Verh\u00e4ltnis zur Apologetischen Zentrale z. B. offenbarte die Schwierigkeit, die eher an akademischem Diskurs und weltanschaulicher Auseinandersetzung interessierte Apologetik mit der aus der Gemeinschaftsbewegung stammenden Idee der Evangelisation unter dem gemeinsamen Begriff \u201eVolksmission\u201c zu vereinigen. Die von B\u00fchmann herausgearbeiteten Spannungen und auch die unterschiedlichen materiellen Interessen wurden dann ab Ende der 1920-Jahre \u00fcberlagert vom Streit um die Stellung zur neuen v\u00f6lkischen Bewegung und dann zum Nationalsozialismus, was zu neuen Frontstellungen, aber auch neuen Allianzen f\u00fchrte (295ff.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem dritten Hauptteil widmet sich B\u00fchmann der \u201evolkmissionarische[n] Praxis an ausgew\u00e4hlten Beispielen\u201c, wobei er sich auf die vom Centralausschuss f\u00fcr Innere Mission vollzeitig angestellten Volksmissionare beschr\u00e4nkt. Hier rekonstruiert er die Rahmenbedingungen, die sich deutlich von denen der Evangelisten der Gemeinschaftsbewegung unterschieden. Er zeichnet die unterschiedliche regionale Verteilung der T\u00e4tigkeit nach: Wo die Landeskirchen bzw. auch der landeskirchliche Pietismus bereits \u00fcber starke eigene Strukturen zur Evangelisation verf\u00fcgte, wurden die Volksmissionare des Centralausschuss kaum eingeladen. Als wesentliche Form volksmissionarischer Aktivit\u00e4t stellt B\u00fchmann dann die Durchf\u00fchrung von \u201eVolksmissionswochen\u201c dar (363\u2013404), die eine Adaption der in der Gemeinschaftsbewegung und den Freikirchen praktizierten Evangelisationswochen darstellt. Klassische Elemente waren hier die vorherige Werbung, zielgruppenorientierte Nebenveranstaltungen, Hausbesuche und Sprechstunden und die \u201eNacharbeit\u201c. Signifikant ist die Frage der \u201eEntscheidungsriten\u201c: Hier ist, im kritischen Gegen\u00fcber zur herk\u00f6mmlichen angels\u00e4chsisch gepr\u00e4gten Evangelisation, eine deutliche Zur\u00fcckhaltung und Angst vor Manipulation nachweisbar (406f), was teilweise zum Verzicht auf Entscheidungsriten und Nachversammlungen f\u00fchrte. In der oftmals als mangelhaft beklagten \u201eNacharbeit\u201c, also der Sammlung der durch die Volksmission Angesprochenen, wird noch einmal die Konkurrenz zur, aber auch teilweise das Angewiesensein auf die Gemeinschaftsbewegung deutlich, ebenso auch das Problem, dass die Volksmission und der Volksmissionar \u00fcber die Volksmissionswoche hinaus keinen Einfluss auf das Gemeindeleben aus\u00fcben konnten. Deshalb, so B\u00fchmanns Fazit, bliebt durch die plurale Struktur der Landeskirchen \u201eeine durch Volksmission erreichbare generelle Umwandlung der evangelischen Landeskirchen aber [\u2026] illusorisch\u201c (420).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">B\u00fchmann arbeitet in allen drei Hauptteilen die inneren Spannungen und illusorischen Ziele heraus \u2013 letzteres sowohl in Bezug auf die \u201eRechristianisierung\u201c der Gesellschaft als auch in Bezug auf das Ziel der Umgestaltung der Volkskirche. Besonders betont er dabei die Verflechtung von christlich-missionarischem Anliegen mit einer \u201etiefgreifende[n] Fremdheit gegen\u00fcber der Moderne\u201c (432) und der daraus folgenden antidemokratischen Grundhaltung und Parteinahme f\u00fcr die politisch rechten Kr\u00e4fte. Damit war von Anfang an eine Parteilichkeit angelegt, die die Volksmission dann ab Ende der zwanziger Jahre zum \u201eTreffpunkt von evangelischer Kirche und NSDAP\u201c (435) werden lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Misst man die Volksmission an dem Ziel der \u201eRechristianisierung der Gesellschaft\u201c (vgl. den Untertitel) oder auch dem Vergleicht mit dem zahlenm\u00e4\u00dfigen Erfolg der katholischen Volksmission (413), dann muss man B\u00fchmanns zusammenfassendes Res\u00fcmee teilen, dass die protestantische Volksmissionsbewegung gescheitert ist. Relativieren m\u00fcsste man das Urteil vielleicht etwas, wenn man die Wirkungsgeschichte im Protestantismus betrachtet, vor allem in Bezug auf die Entstehung der volksmissionarischen \u00c4mter bzw. der \u00c4mter f\u00fcr Gemeindedienste in den verschiedenen Landeskirchen oder der Arbeitsgemeinschaft missonarische Dienste (AMD). H\u00e4lt man, wie B\u00fchmann, Hilberts Diagnose auch heute noch f\u00fcr aktuell, dass Deutschland Missionsland sei und bleiben werde (439f), dann w\u00e4re zu fragen, ob \u2013 bei aller zeitbedingten Problematik \u2013 die Volksmission der Zwischenkriegszeit wirklich nur \u201ezum gro\u00dfen Teil als warnendes Beispiel\u201c dienen kann, oder ob nicht doch auch positive Ans\u00e4tze zu finden sind, wie etwa im Bem\u00fchen, auf die zeitgen\u00f6ssischen Herausforderungen und einen ver\u00e4nderten Kontext zu reagieren und in der Kommunikation des Evangeliums Ber\u00fchrungs- und Ankn\u00fcpfungspunkte bei der zeitgen\u00f6ssischen Kultur zu suchen \u2013 womit dann freilich auch eine starke Problemanzeige verbunden ist. B\u00fchmann hat mit seiner Arbeit nicht nur einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die Volksmissionsbewegung historisch in ihrer Bedeutung neu wahrzunehmen, sondern regt \u201ezum Nachdenken \u00fcber die M\u00f6glichkeiten von Evangelisations- und Missionsprogrammen insgesamt\u201c (439) an \u2013 ein Nachdenken, dass er, wie er selber sagt, mit den Mitteln der historischen Forschung nicht leisten kann, und das zu weiteren Forschungen und Arbeiten Anlass gibt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Uwe Bertelmann ist Theologischer Lektor beim Brunnen-Verlag in Gie\u00dfen<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henning B\u00fchmann: Die Stunde der Volksmission. 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