{"id":1296,"date":"2021-10-20T14:22:00","date_gmt":"2021-10-20T14:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1296"},"modified":"2021-10-20T14:22:52","modified_gmt":"2021-10-20T14:22:52","slug":"walter-dietrich-samuel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1296","title":{"rendered":"Walter Dietrich: Samuel"},"content":{"rendered":"\n<p>Walter Dietrich: <em>Samuel. 1&nbsp;Samuel&nbsp;27&nbsp;\u2013&nbsp;2&nbsp;Samuel&nbsp;8<\/em>,BKAT&nbsp;VIII\/3, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2019, geb., 774&nbsp;S., \u20ac&nbsp;150,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/51252\/1-samuel-27-2-samuel-8\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/51252\/1-samuel-27-2-samuel-8\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-7887-3365-0<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>In seinem dritten Samuelband zeichnet Walter Dietrich, emeritierter Professor f\u00fcr Altes Testament an der Universit\u00e4t Bern, den Aufstieg Davids zum K\u00f6nig nach (1Sam&nbsp;27\u20132Sam&nbsp;8). Dietrich gliedert 1Sam&nbsp;27\u20132Sam&nbsp;8 in drei Abschnitte: \u201eSauls Ende, Davids \u00dcberleben\u201c (1Sam&nbsp;27\u20132Sam&nbsp;1), \u201eDavids Aufstieg zum K\u00f6nig einer Doppelmonarchie\u201c (2Sam&nbsp;2,1\u20135,16) und \u201eDavids Regierung\u201c (2Sam&nbsp;5,17\u20138,18). Zu diesen drei Abschnitten werden jeweils in einer kurzen Einf\u00fchrung wichtige \u00fcbergreifende Fragen analysiert: Nach der Auflistung wichtiger Literatur werden formal-literarische und historische Aspekte der Abschnitte \u00fcberblicksartig zusammengefasst. Besonders hilfreich ist hier, dass Dietrich wichtige Ergebnisse der Forschung zu den Besonderheiten dieser Kapitel festh\u00e4lt. Zu 1Sam&nbsp;27\u20132Sam&nbsp;1 werden au\u00dferdem zentrale erz\u00e4hltechnische \u00dcberlegungen zu Saul und David sowie den Orten der Erz\u00e4hlungen in eigenen Unterabschnitten zusammengestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die ersten beiden B\u00e4nde (2010, 2015) zeichnet sich auch der vorliegende Band durch eine wesentlich st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung von synchronen Perspektiven aus, als es f\u00fcr die Reihe <em>Biblischer Kommentar zum Alten Testament<\/em> \u00fcblich ist. Wenig \u00fcberraschend werden diachrone Erw\u00e4gungen ausf\u00fchrlich behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Frage der Entstehung von 1Sam&nbsp;27\u20132Sam&nbsp;8 kn\u00fcpft Dietrich nahtlos an seine bisherigen Forschungsbeitr\u00e4ge an: Vorliegende \u00dcberlieferungen zusammenfassend, habe das h\u00f6fische Erz\u00e4hlwerk ein Geschichtswerk konzipiert, welches sich intensiv mit der Nord-S\u00fcd-Thematik auseinandersetzt. Diese Gesamterz\u00e4hlung sei dann im Rahmen des Schichtenmodells zum Deuteronomistischen Geschichtswerk umfassend modifiziert und erweitert worden (G\u00f6ttinger Schule).<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich wird dies am Beispiel von 2Sam&nbsp;7: Dieses Kapitel gehe urspr\u00fcnglich auf ein Dynastieorakel zur\u00fcck (12a\u03b1\u03b2.14.15a.17b), dessen Ursprung nicht mehr rekonstruiert werden k\u00f6nne, das aber sp\u00e4testens um 700&nbsp;v.&nbsp;Chr. bekannt gewesen sei. Mit dem Kristallisationspunkt Daviddynastie bzw. K\u00f6nigtum spreche es dem den Thron besteigenden Herrscher den Status eines \u201eSohnes Jhwhs\u201c zu (648). Im Rahmen des h\u00f6fischen Erz\u00e4hlwerkes sei dieses Orakel in die Erz\u00e4hlung um die Dynastiezusage eingebettet worden. 2Sam&nbsp;7 sei dann in der exilischen und fr\u00fchnachexilischen Zeit durch deuteronomistische Redaktionen entscheidend gepr\u00e4gt worden. Diese teilt er in zwei Stufen ein: eine fr\u00fche Redaktion (DtrH) (11b.13.16.17a.18\u201321.25\u201329) und eine sp\u00e4te (DtrN) (1b.4\u20138a\u03b1.10.11a.22\u201324). Angesichts der mit dem Exil untergegangenen Herrschaft der Dynastie Davids habe der deuteronomistische Historiker zun\u00e4chst die Unverlierbarkeit der Dynastieverhei\u00dfung und die Bedeutung des Tempelbaus hinzugef\u00fcgt. Letztere sei dann aber wieder vom nomistischen Redaktor abgeschw\u00e4cht worden. Eine Glosse in V.&nbsp;6 rundet diese literarkritische Deutung ab. Bestandteile aus der Zeit Davids oder der fr\u00fchen K\u00f6nigszeit enth\u00e4lt 2Sam&nbsp;7 somit nicht, wenngleich nach Dietrich zumindest einzelne Motive dieser Zeit ihren Eingang in die sp\u00e4tere \u00dcberlieferung gefunden haben k\u00f6nnten (649).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Historizit\u00e4t des davidischen Gro\u00dfreiches \u00e4u\u00dfert sich Dietrich \u2013 f\u00fcr manchen wohl \u00fcberraschend \u2013 wohlwollend differenziert: Er lehnt die weitverbreitete Forschungsposition ab, wonach Davids Gro\u00dfreich nicht existiert habe und vielmehr eine viel sp\u00e4tere literarische Fiktion sei (513). Ausgehend vom nach Dietrich realistischen und davididenkritischen Motiv der Auflehnung der nordisraelitischen St\u00e4mme gegen die auferlegten Fronlasten (1K\u00f6n&nbsp;12) folgert er, dass dieses Ereignis ebenso wie die vorherige Personalunion beider Gebiete historisch sei (513). Diese Reiche stellt er sich als Klientelk\u00f6nigt\u00fcmer mit einer bescheidenen Administration und einem wesentlich m\u00e4chtigeren Milit\u00e4r vor. David und Salomo h\u00e4tten \u00fcber ein Gebiet \u201evom Libanon bis in den Negev\u201c (515) geherrscht, wenn auch die Kontrolle \u00fcber die einzelnen Regionen unterschiedlich schwach ausgepr\u00e4gt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch immer man zu dieser diachronen Einordnung stehen mag, interessanter d\u00fcrften f\u00fcr viele Dietrichs synchrone Beobachtungen sein. F\u00fcr die Reihe BKAT ungew\u00f6hnlich detailliert wird die Erz\u00e4hltechnik der Texte immer wieder n\u00e4her analysiert. Pr\u00e4gend sind hier insbesondere Fokkelman und Bar-Efrat. Hier finden sich wertvolle Perspektiven f\u00fcr ein synchrones Lesen der Texte in zahlreichen Beobachtungen: Bspw. der Entwicklung der Charaktere Saul und David sowie der \u201egeografischen Linienf\u00fchrung\u201c von 1Sam&nbsp;27\u20132Sam&nbsp;1 (2\u20135) oder auch zur erz\u00e4hlten Zeit (40). Gerade die Einzelverskommentierung (\u201eWort\u201c) ist in einem gro\u00dfen Umfang von diesen literarischen Erkenntnissen gepr\u00e4gt. Dietrich gelingt es z.&nbsp;B. in 1Sam&nbsp;29,1\u201311 eindr\u00fccklich die Ambivalenz des Textes herauszustellen: Auf der einen Seite wird David von Achisch hoch gelobt und als vertrauensw\u00fcrdig befunden, um in der anstehenden Schlacht gegen Saul und Israel auf Seite der Philister zu k\u00e4mpfen. Auf der anderen Seite gelingt es Dietrich durch eine genaue Analyse der narrativen Elemente die Spannung aufzuzeigen, die sich hieraus ergibt: Wie kann es sein, dass David bereitwillig mit dem Erzfeind gegen sein eigenes Volk in die Schlacht ziehen will? Ist es wirklich positiv, wenn David von einem Philisterk\u00f6nig so hochgesch\u00e4tzt wird? Dietrich zeichnet hier ein viel differenziertes und tiefer gehendes Bild, als man es in anderen Kommentaren (z.&nbsp;B. Tsumura) findet. Dies gelingt ihm insbesondere durch die oft exkursartige Wiedergabe anderer Exegeten. Als Leser des Kommentars hat man so die Chance, sich einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Forschung und die Perlen anderer Kommentare zu verschaffen. In 1Sam 29,1\u201311 rezipiert er bspw. Brueggemann, McKenzie und Riecker l\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere St\u00e4rke des Kommentars liegt in Dietrichs ausf\u00fchrlicher Behandlung der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte im Anschluss an die Kommentierung. Pr\u00e4gend sind hier die Ausf\u00fchrungen von Flavius Josephus, der mit weitem Abstand (30\u00d7) vor Johannes Calvin (7\u00d7) und Stefan Heym (6\u00d7) rezipiert wird. Insgesamt zeichnet Dietrich in den meisten Kapiteln ausf\u00fchrlich die Rezeption in der Theologie, aber auch den K\u00fcnsten nach. Hier gelingt es ihm eindr\u00fccklich, dem Leser neue Perspektiven aufzuzeigen und diese miteinander ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Teils wird auch in der Kommentierung auf Josephus u.&nbsp;a. Bezug genommen. Gelegentlich kann dies etwas anekdotenhaft oder gar irritierend wirken: Zu 1Sam&nbsp;30,17 stellt er richtig fest, dass der Tagesanbruch ein klassischer Angriffszeitpunkt ist. Dies belegt er mit 1Sam&nbsp;11,11 und der Mescha-Stele&nbsp;Z.&nbsp;15. Inwiefern die folgende kurze Darstellung zum Beginn des Zweiten Weltkrieges hier sinnvoll hineinpasst (128&nbsp;FN&nbsp;27), erschlie\u00dft sich auf den ersten Blick nicht, bed\u00fcrfte aber in jedem Falle einer klareren Einordnung. Die gro\u00dfe St\u00e4rke von Dietrichs Kommentar liegt wohl zweifellos darin, dass er verschiedene Bereiche der Exegese (wie die Textkritik, Arch\u00e4ologie, Literarkritik, Rezeptions- und Wirkungsgeschichte, u.&nbsp;v.&nbsp;m.) umfangreich anwendet und zu einem Gesamtbild zusammenf\u00fcgt. Damit gelingt ihm ein wesentlich umfassenderer Blick auf den Text als vielen anderen Kommentatoren, der seine Leser mit wertvollen Einsichten bereichern d\u00fcrfte. Insgesamt legt Dietrich einen sehr empfehlenswerten Kommentar vor, der nicht nur die deutschsprachige Forschung f\u00fcr lange Zeit begleiten und pr\u00e4gen d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Christian Hilbrands, Doktorand an der Theologischen Universit\u00e4t Kampen, Niederlande<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter Dietrich: Samuel. 1&nbsp;Samuel&nbsp;27&nbsp;\u2013&nbsp;2&nbsp;Samuel&nbsp;8,BKAT&nbsp;VIII\/3, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2019, geb., 774&nbsp;S., \u20ac&nbsp;150,\u2013, ISBN 978-3-7887-3365-0 In seinem dritten Samuelband zeichnet Walter<\/p>\n","protected":false},"author":93,"featured_media":1297,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-1296","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/93"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1296"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1300,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1296\/revisions\/1300"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}