{"id":1301,"date":"2021-10-20T14:29:12","date_gmt":"2021-10-20T14:29:12","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1301"},"modified":"2021-10-20T14:29:30","modified_gmt":"2021-10-20T14:29:30","slug":"david-toshio-tsumura-the-second-book-of-samuel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1301","title":{"rendered":"David Toshio Tsumura: The Second Book of Samuel"},"content":{"rendered":"\n<p>David Toshio Tsumura: <em>The Second Book of Samuel<\/em>,NICOT, Grand Rapids, MI \/ Cambridge, UK: Eerdmans, 2019, Hb., 374&nbsp;S., \u20ac&nbsp;48,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eerdmans.com\/Products\/7096\/the-second-book-of-samuel.aspx\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.eerdmans.com\/Products\/7096\/the-second-book-of-samuel.aspx\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-0-8028-7096-4<\/a><\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Nachdem der Kommentar zum ersten Samuelbuch bereits 2007 erschienen war (vgl. JETh 22, 2008, 177\u2013179), liegt hiermit das Samuelbuch in dieser Kommentarreihe vollst\u00e4ndig vor. David Toshio Tsumura lehrt Altes Testament am Japan Bible Seminar in Suginami, Tokyo. 1973 promovierte er in den USA an der Brandeis University mit der Arbeit The Ugaritic Drama of the Good Gods: a philological study (Ph.D.). Semitische Sprachforschungen blieben seither sein Interessenschwerpunkt. Da der Text des Samuelbuches bekannterma\u00dfen sehr viele sprachliche und textkritische Besonderheiten und Fragen aufwirft, bekam er 1990 die Anfrage zur Mitarbeit in der NICOT-Reihe mit genau diesem Schwerpunkt, den Text des Samuelbuches sehr sorgf\u00e4ltig zu analysieren und zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist ihm wie bereits im ersten Band wieder gut gelungen. W\u00e4hrend fr\u00fchere Kommentare gerne der h\u00e4ufig abweichenden Lesart der LXX den Vorrang gaben, sucht David Tsumura zun\u00e4chst den masoretischen Text zu verstehen und h\u00e4lt ihn meistens f\u00fcr urspr\u00fcnglich und geht f\u00fcr die \u00dcbersetzung von ihm aus. Die aus den Qumranfunden bekannten Fragmente zu Samuel bezieht er jeweils in die \u00dcberlegungen mit ein. Viele Ketib-Qere-Abweichungen und Textvarianten der Manuskripte, die andere Kommentare gerne durch kreative Vorschl\u00e4ge zu \u201everbessern\u201c suchten, versteht er als phonetisch begr\u00fcndet. Samuel ist f\u00fcr ihn vor allem ein zu h\u00f6render Text. So gelesen erkl\u00e4ren sich viele der Auff\u00e4lligkeiten und werden verst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p>In der sorgf\u00e4ltigen Textwahrnehmung und einer genauen \u00dcbersetzung liegen die St\u00e4rken dieses Kommentars. Allerdings entscheidet er die Pr\u00e4ferenz textkritischer Entscheidungen jeweils in jedem Einzelfall je neu, mit deutlicher Neigung zum MT. LXX-Pr\u00e4ferenz liegt z.&nbsp;B. in 2Sam 21,8 vor, wo statt \u201eS\u00f6hne der Michal\u201c (so MT) mit der LXX \u201eS\u00f6hne der Merab\u201c gelesen wird, weil das so \u2013 wie jeder aufmerksame Leser schnell erkennt \u2013 sachlich richtig ist Die Ehe Michals mit Paltiel war ausdr\u00fccklich als kinderlos genannt (2Sam 3,15; 6,23) und der Vater der Get\u00f6teten war der Gatte Merabs (1Sam 18,19), Michals Schwester. Dies war nat\u00fcrlich auch den masoretischen Tradenten bewusst, die trotzdem von Michals \u201eS\u00f6hnen\u201c schreiben. Dahinter sind dann wohl literarische Gr\u00fcnde zu vermuten, die die Bedeutung dieser T\u00f6tungen f\u00fcr Michal fokussieren sollen. Der Rezensent h\u00e4lt deshalb auch in diesem Fall die MT-Lesart f\u00fcr richtig. Sie ist als abschlie\u00dfende von sechs Erw\u00e4hnungen der Tochter Sauls, die David geliebt hatte, aussagestark und intendiert. Eine solche literarische M\u00f6glichkeit wird im Kommentar gar nicht erwogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon im ersten Band werden gelegentlich Psalmen aus dem Psalter bei der Interpretation mit einbezogen \u2013 nicht etwa als ein Vergleichstext, sondern zur Erl\u00e4uterung dessen, wor\u00fcber Samuel berichtet. So wird vor der Kommentierung der \u00dcberf\u00fchrung der Bundeslade nach Jerusalem in 2Sam 6 der Psalm 132 gelesen (107ff). Zur Bathsebageschichte (192) werden aus Ps 51 die Verse 1\u20132 und 16\u201319 zitiert. Oder zur Dynastieverhei\u00dfung in 2Sam 7 wird eine Auswahl von Versen aus Ps 89 angef\u00fchrt (V. 1\u20134.19\u201321.24.28\u201335), letztere des Begriffs \u201eBund\u201c wegen (so in Ps 89,3.28.34), der im Zusammenhang von 2Sam 7 und der Nathansverhei\u00dfung nicht auftaucht (120). Diese Aufnahme von Texten aus anderen B\u00fcchern irritiert, scheint doch ein Bewusstsein f\u00fcr die literarische Einheit im Samuelkorpus zu fehlen. Die Auswahl weniger Verse kann kaum dem Verst\u00e4ndnis der zitierten Psalmen gerecht werden, geschweige denn ihrer Stellung und Funktion im Buchaufbau des Psalters, noch wird sie der Auswahl und dem Zusammenspiel der Angaben im Samuelbuch literarisch gerecht. Dies zeigt sich auch an vielen anderen Stellen als \u00fcberraschende Schw\u00e4che der Kommentierung: die Abwesenheit eines Gesp\u00fcrs f\u00fcr literarische Formate.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich werden in der fortlaufenden Kommentierung zu Samuel, abgesehen von der sorgf\u00e4ltigen Diskussion der \u00dcbersetzung von Vers zu Vers, so gut wie gar nicht literarische Elemente wahrgenommen, die die Einheit des Buches und seine Botschaft untersuchen. Erz\u00e4hlb\u00f6gen, Charakterisierungen von Personen, theologische Tendenzen und literarische Verbindungen bleiben unsichtbar. Der Kommentar untersucht Verse und Begriffe, erkennt aber das daraus geschaffene Geb\u00e4ude nicht mit seinen Bez\u00fcgen und Querverweisen, die den so reichen literarischen Raum ausmachen. Obwohl die Mehrheit der j\u00fcngeren Kommentare zu Samuel gerade diesen Zusammenh\u00e4ngen gro\u00dfe Aufmerksamkeit gewidmet hat, geht Tsumura so gut wie gar nicht darauf ein. Die Kommentierung bleibt reduziert und konzentriert auf eine oft fast formalistisch anmutende \u00dcbersetzung und Untersuchung einzelner grammatischer und philologischer Aspekte. So flei\u00dfig der Kommentar in der Beobachtung sprachlicher Details ist, so wenig Verst\u00e4ndnis vermittelt er f\u00fcr eine Sicht auf die Sch\u00f6nheit der Literatur und thematische Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst Totenriten, die unserer Kultur eher fremd sind, werden kaum im Kontext der Umwelt erl\u00e4utert. So wird die Bestattung der Gebeine Sauls und Jonathans berichtet, nachdem sie vorher \u201egebrannt\u201c worden waren. Selbst wenn man dieser \u00dcbersetzung zustimmt \u2013 Hertzberg liest, dass sie gesalbt wurden, nicht gebrannt \u2013, so ist angesichts des Horrors, der mit einer Kremation in der Kultur normalerweisen verbunden ist (vgl. Amos 2,1; 2Chr 34,5 bis Jer 19,5), nichts erw\u00e4hnt. Es ist wohl davon auszugehen, dass die Behandlung der Gebeine der Sauliden mit Feuer als weiterer Aspekt der Tragik ihres Schicksals anzusehen ist, auch wenn es sich bei dem Verbrennen wohl um eine Art Reinigung ihrer von den Philistern misshandelten K\u00f6rper zur Bestattung gehandelt haben mag. Dass dies im Kommentar statt mit dem kulturellen Kontext der Zeit mit heutiger Kremation in Japan verglichen wird, bei der auch immer wieder Knochenreste \u00fcbrigbleiben (296), kann kaum \u00fcberzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel soll gen\u00fcgen, um zu zeigen, wie wenig literarische Aspekte erkannt werden. Zu der Verpflegungsliste Zibas f\u00fcr David auf der Flucht vor Absalom (2Sam 16,1) ist vermerkt, dass sie \u00e4hnlich zusammengestellt sei wie die der Abigail (1Sam 25,18). Dass darin aber ein das ganze Buch \u00fcbergreifendes Thema aufgegriffen wird, bleibt unsichtbar. Hanna hatte in ihrem das Buch einleitenden Psalm von der Umkehrung der Verh\u00e4ltnisse gesungen: \u201eDie da satt waren, m\u00fcssen um Brot dienen, die Hungernden hungert nicht mehr\u201c (1Sam 2,5a). Das wird im Laufe des Buches vielf\u00e4ltig entfaltet. W\u00e4hrend Sauls Hinterlassenschaft am Buchende eine Hungersnot war (2Sam 21,1), gibt es bei David aus Bethlehem (= Brothaus) immer wieder reichlich zu essen mit detaillierten Lebensmittellisten. Er wird von Abimelech in Nob (1Sam 21,7) versorgt und von Abigail, er teilt dem ganzen Volk aus (1Sam 30,24; 2Sam 6,19) und auf der Flucht vor Absalom bekommt er Brot durch Ziba und durch Barsilai (2Sam 17,28\u201329). Dies ist narrativ vermittelt als Zeichen des deutlichen Segens Gottes zu werten. David selbst versorgt Notleidende (1Sam 22,2; 30,12), selbst den Enkel Sauls (2Sam 9,7). Solche und \u00e4hnliche literarische Aspekte gibt es viele, sie machen die narrative Sch\u00f6nheit der Geschichten im Samuelbuch aus, im Kommentar jedoch wird der Leser so gut wie nirgends auf sie aufmerksam gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der abschlie\u00dfende Psalm in 2Sam 22 wird in eine fr\u00fche Zeit Davids datiert, als er auf der Flucht vor Saul war. Selbst wenn das zutreffen sollte, was nicht begr\u00fcndet wird, blickt er jedoch in seiner jetzigen Stellung im Buch und mit der \u00dcberschrift \u201eAls Jhwh ihm Ruhe gegeben hatte von allen Feinden ringsum und aus der Hand Saul\u201c auf alle im Buch berichteten K\u00e4mpfe zur\u00fcck von der Fr\u00fchzeit bis zu den B\u00fcrgerkriegen unter Absalom und Scheba. Als gro\u00dfer Schlussdank Davids steht er zudem in Parallele zu dem Psalm der Hanna und bildet mit diesem eine Inclusio. Das ist jedoch kein Thema der Kommentierung. Da geht es um einige textkritische Beobachtungen im Vergleich mit Ps 18. Jedoch dienen beide Psalmen der einleitenden und abschlie\u00dfenden theologischen Interpretation der narrativen Teile des Buches in doxologischer Form. Solche das Buchganze in den Blick nehmende Perspektiven sind im Kommentar jedoch v\u00f6llig abwesend. So wird auch nicht sichtbar, dass die letzten Worte Davids 2Sam 23,1\u20137 im Buchaufbau einen Kontrast zu den Totenklagen \u00fcber die Sauliden bilden (2Sam 1,19\u201327; 3,33\u201334), wie auch dass die Schlusskapitel eine abschlie\u00dfende Gegen\u00fcberstellung der beiden Gesalbten Saul und David abbilden. Wer einen Kommentar sucht, aus dem man theologische und homiletische Anregungen bekommt, wird sicher in anderen mehr Anregung finden. Als Kommentar, der die oft diffizilen Sprachprobleme diskutiert, ist er aber wichtig und wird einen verdienten Platz in der Samuelinterpretation einnehmen. Die sehr einseitige Fokussierung auf die Diskussion der \u00dcbersetzungsfragen ist wohl vom Autor beabsichtigt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Dr. Herbert H. Klement, Prof. em. f\u00fcr Altes Testament an der STH Basel und der ETF Leuven<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Toshio Tsumura: The Second Book of Samuel,NICOT, Grand Rapids, MI \/ Cambridge, UK: Eerdmans, 2019, Hb., 374&nbsp;S., \u20ac&nbsp;48,\u2013, ISBN<\/p>\n","protected":false},"author":94,"featured_media":1302,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-1301","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1301","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/94"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1301"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1301\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1304,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1301\/revisions\/1304"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1302"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1301"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1301"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1301"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}