{"id":131,"date":"2017-05-01T11:12:01","date_gmt":"2017-05-01T11:12:01","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=131"},"modified":"2017-05-01T20:34:25","modified_gmt":"2017-05-01T20:34:25","slug":"christoph-dohmen-exodus-1-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=131","title":{"rendered":"Christoph Dohmen: Exodus 1\u201318"},"content":{"rendered":"<p>Christoph Dohmen: <em>Exodus 1\u201318<\/em>, Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament, Freiburg: Herder, 2015, geb., 440 S., \u20ac 80,\u2013, ISBN 978-3-451-26804-5<\/p>\n<div onclick=\"location.href='https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Dohmen_Exodus.pdf'\" class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<hr \/>\n<p>Dohmen er\u00f6ffnet seine beide Kommentarb\u00e4nde zum Exodusbuch mit grunds\u00e4tzlichen Gedanken zur Anlage und Auslegungsart (<em>Exodus 19\u201340<\/em>, 2012<sup>2<\/sup>) und zur Hermeneutik des Kommentars (<em>Exodus 1\u201318<\/em>, 2015). Ein Kommentar ist f\u00fcr ihn entscheidend als ein Text zu beschreiben, der sich auf einen anderen Text bezieht (<em>Exodus 1\u201318<\/em>, 46f). Dies unterscheidet Dohmen deutlich von innerbiblischen Auslegungen oder eingef\u00fcgten Kommentierungen in biblischen Texten (47f). Die Hauptaufgabe eines Kommentars sieht er darin, dass es den \u201eBibeltext ,\u00f6ffnen\u2018 [soll], um heutigen Menschen eine eigene Besch\u00e4ftigung mit den Fragen und Antworten des ihnen zumeist fremden oder fernen Textes zu erm\u00f6glichen\u201c (<em>Exodus 19\u201340<\/em>, 29).<\/p>\n<p>Mit dieser Beschreibung liegt eine wesentliche Charakterbestimmung eines Kommentars in der Festlegung der Adressaten. F\u00fcr Dohmens vorliegende Kommentare sind dies Menschen, \u201edie Interesse an der Bibel, d.\u00a0h. die die Texte <em>f\u00fcr sich<\/em> verstehen m\u00f6chten\u201c (31). Man kann wohl daraus schlie\u00dfen, dass er diese B\u00e4nde nicht den Fachkollegen widmet, sondern seine Aufgabe darin sieht, f\u00fcr einen weiteren Leserkreis Br\u00fccken zu bauen, gerade auch weil er keine Hebr\u00e4ischkenntnisse voraussetzt (vgl. 32). Mehr noch: er vermeidet deswegen (\u00fcber weite Strecken) Fachdiskussionen: \u201edie Fachwelt wird schnell erkennen, wer oder was hinter der Auslegung steht, und die ,normalen Leser\u2018 w\u00fcrde es nicht zu einem besseren Verst\u00e4ndnis des Textes bringen\u201c (ebd.). Dohmen vermeidet au\u00dferdem die Rekonstruktion von Vorstufen des Textes, weil er die Aufgabe eines Kommentars darin sieht, sich mit der vorliegenden Textform auseinanderzusetzen (30). Diese versteht er als \u201eNiederschlag einer lebendigen Auslegung\u201c, die er als Leser in seiner Fokussierung auf die vorliegende Form \u201eernst nimmt\u201c (33). Damit grenzt er die Arbeit an einem Kommentar deutlich von Untersuchungen zur Textgenese, aber auch von Predigten ab.<\/p>\n<p>Die Vermeidung von Fachdiskussionen wird nur an wenigen Stellen durch entsprechende Exkurse und kurze Erl\u00e4uterungen au\u00dfer Kraft gesetzt. Es erschlie\u00dft sich dabei nicht immer, warum gerade diese Fragen von dieser Zielsetzung ausgenommen sind. Diese Zielsetzung w\u00fcrde ich aber noch einmal in ein Gespr\u00e4ch verwickeln wollen. Eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl von Verweisen, wie sich Dohmen in der Forschungsgeschichte und mit Blick auf andere Kommentare positioniert, w\u00fcrde allen Leser eine gro\u00dfe Hilfe sein, die in das Gespr\u00e4ch mit anderen Kommentaren eintreten wollen. Von dem, was ich beurteilen kann, w\u00fcrde das den Wert von Dohmens Perspektive nicht schw\u00e4chen, sondern vielfach st\u00e4rken. Irgendwie setzt der Verfasser voraus, dass seine Leser entweder mit der Fachdiskussion soundso vertraut sind (und damit Dohmens Beitrag einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen) oder keinerlei Interesse und\/oder Gewinn davon tragen. Hier scheint es m.\u00a0E. noch eine andere Perspektive zu geben: Menschen, die mit Gewinn in eine Fachdiskussion hineingezogen werden k\u00f6nnen, weil sie erkennen, wie bereichernd verschiedene Perspektiven auf einen Text sein k\u00f6nnen. Aber wahrscheinlich ist dieser Typus von Leser eher selten. Wahrscheinlich ist ein solcher dann auch ausreichend motiviert, weitere Kommentare als Gespr\u00e4chspartner hinzuziehen.<\/p>\n<p>Dohmens Fokus liegt auf dem Herausarbeiten einer Textstrategie, die er mit einem literaturwissenschaftlichen Interesse an der <em>intentio operis<\/em> und an dem \u201eidealen Leser\u201c nachzeichnen will. Das Pl\u00e4doyer f\u00fcr die <em>intentio operis<\/em> gr\u00fcndet Dohmen auf sein Textverst\u00e4ndnis als gespeicherte oder verschriftete Sprechhandlungen im Anschluss an Konrad Ehlich, der den weiten Textbegriff der Linguistik auf diese Weise eingrenzen will. Auf diese Weise definierte Texte zeichnen sich \u201edurch ihre sprechsituations\u00fcberdauernde Stabilit\u00e4t\u201c aus (vgl. <em>Exodus 1\u201318<\/em>, 50f), sind auf \u00dcberlieferung bezogen und erf\u00fcllen ein spezielle Funktion in einer \u201e<em>zerdehnten Sprechsituation<\/em>.\u201c Somit \u2013 und das ist ein weichenstellender Gedanken f\u00fcr Dohmen \u2013 findet \u201edie Kommunikation nicht und niemals zwischen Sprecher (Autor) und H\u00f6rer (Leser)\u201c statt. Vielmehr m\u00fcssen sich beide \u201e(ausschlie\u00dflich) auf den Text beziehen\u201c (52). Somit gilt: \u201eDas, was der Autor sagen wollte (<em>intentio auctoris<\/em>), und das, was der Leser aufnehmen kann und will (<em>intentio lectoris<\/em>), kann sich nur im Text begegnen\u201c (52).<\/p>\n<p>All diese Bem\u00fchungen f\u00fchren Dohmen auf selbstverst\u00e4ndlicher Weise zu seinem Verst\u00e4ndnis des Textes. Er erhebt damit keinen Anspruch auf eine \u201ewissenschaftliche Objektivit\u00e4t\u201c, wehrt sich aber auch dagegen, dass sein Verst\u00e4ndnis zu Willk\u00fcr in der Auslegung f\u00fchrt (<em>Exodus 19\u201340<\/em>, 32): \u201eder Sinn eines Textes [ist] immer so vielf\u00e4ltig wie seine Leser, was nicht Beliebigkeit impliziert, aber Offenheit innerhalb der Grenzen der Interpretation\u201c (29). Hier wird der Anschluss an Umberto Eco sichtbar. Dohmens Fokussierung auf die vorliegende Textgestalt pr\u00e4gt beide Kommentarb\u00e4nde. Auf diese Weise gelingt es Dohmen, seine Leser beim Lesen des Bibeltextes anzuleiten sowie, sie mit vielen hilfreichen, anregenden und diskussionsw\u00fcrdigen Beobachtungen und Schlussfolgerungen zu einem Gespr\u00e4ch \u00fcber den Bibeltext einzuladen.<\/p>\n<p>Das Interesse f\u00fcr die endg\u00fcltige Gestalt des Bibeltextes und einer literarischen Perspektive dr\u00e4ngt historische Fragen an den Rand. Dohmens Behandlung mancher historische Aspekte f\u00e4llt mit gut acht Seiten unter der \u00dcberschrift \u201eLiteratur und Geschichte\u201c recht knapp aus (<em>Exodus 1\u201318<\/em>, 71\u201378), da dies in einem Textkommentar nicht geleistet werden kann; \u201eseine Aufgaben und St\u00e4rken bestehen darin, den literarischen Charakter und die Aussagen des Textes zu erfassen und zu vermitteln\u201c (73). Mit einem l\u00e4ngeren Zitat von C. Frevel, Grundriss der Geschichte Israels, aus Zengers Einleitung werden die entsprechenden Argumente f\u00fcr die Aussage \u201eDer Exodus \u2013 so wie die Bibel ihn schildert \u2013 ist <em>nicht<\/em> historisch\u201c dargelegt. Hinsichtlich der Exoduserfahrung schlussfolgert Dohmen dann: \u201eDie einfachste Erkl\u00e4rung ist die, dass \u00c4gypten und Exodus Projektionen aus sp\u00e4terer Zeit sind\u201c (75).<\/p>\n<p>Die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr seinen zweiten Band schl\u00e4gt sich sicherlich darin nieder, dass nach einigen Jahren bereits die zweite Auflage n\u00f6tig war, noch bevor der erste Band fertiggestellt werden konnte. Die bereichernden grunds\u00e4tzlichen Reflexionen zur Gattung \u201eKommentar\u201c sind dabei sehr hilfreich. Man mag sogar hoffen, dass sie wegweisend f\u00fcr den einen oder anderen Kommentar sein werden. Sie sch\u00e4rfen den Blick f\u00fcr das, was von einem Kommentar erwartet werden sollte und was nicht. Das unabdingbare Verwiesensein auf den zu kommentierenden Text in seiner vorliegenden Form und das Erheben der <em>intentio operis <\/em>setzt dem Unternehmen klare Ziele. Damit reihen sich Dohmens Kommentare nicht nur in die Reihe der Kommentare (nach Zenger \u201edie wichtigste Gattung bibelwissenschaftlicher Publikationen\u201c) zum Buch Exodus ein, sondern sind meines Erachtens im Lichte der genannten Zielsetzungen einer der ersten, wenn nicht sogar, die erste Adresse. Sollten mich also Studierende wieder einmal nach dem <em>einen<\/em> Kommentar f\u00fcr ein Bibelbuch fragen, den ich empfehle, so k\u00f6nnte ich meiner Linie beim Exodusbuch untreu werden. Vielleicht w\u00fcrde ich dann die Antwort nicht mehr grunds\u00e4tzlich oder nur sehr z\u00f6gerlich verweigern \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Heiko Wenzel, Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p><a rel=\"license\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\"><img decoding=\"async\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" style=\"border-width:0\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" \/><\/a><br \/>Dieses Werk ist lizenziert unter einer <a rel=\"license\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Dohmen: Exodus 1\u201318, Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament, Freiburg: Herder, 2015, geb., 440 S., \u20ac 80,\u2013, ISBN 978-3-451-26804-5<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":168,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-131","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=131"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":172,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/131\/revisions\/172"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/168"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=131"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=131"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=131"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}