{"id":1314,"date":"2021-10-20T14:39:38","date_gmt":"2021-10-20T14:39:38","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1314"},"modified":"2021-10-21T05:39:03","modified_gmt":"2021-10-21T05:39:03","slug":"jim-w-adams-the-performative-dimensions-of-rhetorical-questions-in-the-hebrew-bible","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1314","title":{"rendered":"Jim W. Adams: The Performative Dimensions of Rhetorical Questions in the Hebrew Bible"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jim W. Adams: <em>The Performative Dimensions of Rhetorical Questions in the Hebrew Bible. Do You Not Know? Do You Not Hear?<\/em>,LHBOTS 622, London \/&nbsp;New York, NY: T&amp;T Clark, 2020, Hb., XIV+292&nbsp;S., \u20ac&nbsp;115,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.bloomsburycollections.com\/book\/the-performative-dimensions-of-rhetorical-questions-in-the-hebrew-bible-do-you-not-know-do-you-not-hear\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.bloomsburycollections.com\/book\/the-performative-dimensions-of-rhetorical-questions-in-the-hebrew-bible-do-you-not-know-do-you-not-hear\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-0-5676-9558-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Verfasser, \u201eProfessor of Bible and Theology\u201c an der Life Pacific University (Kalifornien), legt hiermit eine zweite sprachwissenschaftliche Monographie in pragmatischer Ausrichtung, angewandt auf alttestamentliche Texte, vor (vgl. zuvor: <em>The Performative Nature and Function of Isaiah 40\u201355<\/em>, LHBOTS 448, New York\/NY, London: T&amp;T Clark, 2006). Die Studie zeichnet sich dadurch aus, dass sie die relevante linguistische und sprachphilosophische Forschungsdiskussion gr\u00fcndlich aufarbeitet und in die Analyse einbezieht. Die Lekt\u00fcre ist entsprechend nicht leicht. Dem Leser wird zugemutet, sich zun\u00e4chst rund 180 Seiten lang in die komplexen Sachverhalte zu indirekten Sprechakten und der performativen Dimension von rhetorischen Fragen (=&nbsp;rF) einzuarbeiten, bevor auf rund 90 Seiten die Applikation mit ausgew\u00e4hlten Beispielen aus dem hebr\u00e4ischen AT erfolgt. Wer jedoch den langen Anmarschweg auf sich zu nehmen bereit ist, wird erkennen, wie reichhaltig Sprache ist und wird zur pragmatischen Textdimension manches lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Einleitung wird zun\u00e4chst eine Auslegungsordnung der in die Thematik involvierten Fragestellungen und wichtiger Begrifflichkeit vorgenommen und die Anlage der Studie vorgestellt. Erste biblische Beispiele von rF werden kurz pr\u00e4sentiert, z.&nbsp;B. Ps 27,1 (rF = kursiv):<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; JHWH, mein Licht und meine Rettung! \/ <em>Vor wem sollte ich mich f\u00fcrchten? \/\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/em>JHWH, Sch\u00fctzender meines Lebens! \/ <em>Vor wem sollte ich Angst haben? \/\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Hauptteil geht es darum, Rahmen, Einordnungen und Implikationen innerhalb der Sprechakte abzustecken und insofern Grundlagen f\u00fcr die \u00c4u\u00dferungsform von rF zu legen. Diese geh\u00f6ren in die Kategorie der <em>indirekten<\/em> Sprechakte: Syntakto-semantische Satzaussage (<em>what is said<\/em>) und pragmatische Satzbedeutung (<em>what is meant<\/em>) sind nicht deckungsgleich. Kurz gesagt: RF sind Fragen, aber stellen keine Fragen. Der kommunizierte Bedeutungsgehalt der \u00c4u\u00dferung ergibt sich aufgrund von kontextuellen Signalen (Implikationen), \u00fcber die der Adressierende das intendierte Verstehen derart steuert, dass es von den Adressaten entsprechend wahrgenommen und geteilt wird. F\u00fcr die Aufschl\u00fcsselung muss der Adressat zuerst die w\u00f6rtliche Aussage verstehen, um danach aufgrund des kommunikativen Kontexts die indirekte (nicht-w\u00f6rtliche), beabsichtigte Aussage erschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen (pragmatischer Prozess).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Hauptteil ist den rF und ihrer Funktion und Wirkweise gewidmet. Diese stellen Hybride dar: Zwar wird eine Frage gestellt, aber keine \u201eoffene\u201c, sondern eine, die eine implizite und exklusiv gewollte \u201eAntwort\u201c mit sich f\u00fchrt. Mit rF werden vornehmlich Feststellungen (Assertiva) angezielt, die gegen\u00fcber der Frage eine polare Umkehrung beinhalten. Sie wirken in ihren Kontexten allerdings multifunktional; es k\u00f6nnen mit ihnen weitere Momente zu Aussage und Wirkung gebracht werden. Mit einer rF will der Adressierende den Adressaten dazu bringen, einem Sachverhalt zuzustimmen: \u201eWith any type of RQ [= rhetoric question], the ultimate intention aims at synchronizing the beliefs and commitments of both addressers and addressees.\u201c (187) Als mit den rF verwandte Kategorie klassifiziert Adams das Verstehen von Fragen, die eine bestimmte Antwort nahelegen bzw. bef\u00f6rdern (<em>conducive questions<\/em>), z. B.&nbsp; Gen 3,9; 1Sam 10,24. Anders als bei rhetorischen Fragen wird bei dieser \u00c4u\u00dferungsweise der Frage-Charakter bis zu einem gewissen Ma\u00df beibehalten und pragmatisch nicht wie bei rF in offensichtliche Antworten transformiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im dritten Hauptteil wird die Performanz von rF an ausgew\u00e4hlten Beispielen untersucht. Die Aussagepotenz wird in unterschiedlicher Ausf\u00fchrlichkeit f\u00fcr folgende Belege er\u00f6rtert: Gen 4,9; 30,2; 41,38; 50,19; Ex 3,11; 5,2; 15,11; Jes 40,12\u201331; Ps 8,5; 27,1; 35,10; 71,19; 77,14; 88,11\u201313; 89,7\u20139.49; 113,5\u20136; 144,3\u20134; Hi 7,17\u201318; 15,7\u201310 (ein Teil dieser Gruppe l\u00e4sst sich als Unvergleichlichkeitsaussagen klassifizieren). Ich greife die bekannte Aussage von Ps 8,5 heraus: Adams h\u00e4lt zun\u00e4chst fest, dass die rahmenden \u05de\u05d4-S\u00e4tze (Ps 8,2.10) nicht als Interrogativa, sondern als Exklamativa (\u201eWie herrlich \u2026!\u201c) aufzufassen sind. Die \u2013&nbsp;formal gesehen \u2013 gleiche Partikel \u05de\u05d4 erscheint zudem im thematischen Zentrum des Psalms (V. 5). Wie diese \u00c4u\u00dferung aufzufassen ist, wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Gem\u00e4\u00df Adams handelt es sich bei dem Bikolon um parallele rF, \u201ewhich infers a negative illocutionary assertion: <em>Human beings are nothing special for Yahweh to pay such conscientious attention to!<\/em>\u201c (237, kursiv vom Verfasser). Ps 8,5 ist pragmatisch nicht nur eine Feststellung (Assertiva), sondern vermittelt zugleich eine starke Beteiligung des Sprechenden (Expressiva und Emotiva).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Band schlie\u00dft mit einer Zusammenfassung. Beigegeben sind Bibliographie sowie Stellen- und Autoren-Indices. Angesichts der f\u00fcr Bibelwissenschaftler anspruchsvolle Lekt\u00fcre h\u00e4tte etwas mehr Leserfreundlichkeit gutgetan: eine bessere Strukturierung und angesichts der Abk\u00fcrzungen f\u00fcr linguistische Sachverhalte (diese erscheinen nur beim ersten Vorkommen in Klammern) ein Glossar oder jedenfalls Verzeichnis derselben (samt Seitenangaben, wo im Buch die Erkl\u00e4rungen gegeben werden). Insgesamt ist der Theorieanteil gegen\u00fcber den Texterl\u00e4uterungen f\u00fcr eine bibelwissenschaftliche Monographie etwas gar dominant. Wer sich in die linguistisch-pragmatische Materie einarbeitet, kann aber daraus Gewinn ziehen \u2013&nbsp;nicht zuletzt f\u00fcr eigene exegetische Studien. Es w\u00e4re w\u00fcnschbar wie vielversprechend, auf fundierter Theoriebasis \u00fcber die ausgew\u00e4hlten Stellen hinaus biblische \u00c4u\u00dferungen in den Blick zu nehmen. Ich denke an tabellarische Zusammenstellungen und Tiefenbohrungen entlang ganzer Bibelb\u00fccher (hier l\u00e4ge Stoff f\u00fcr einige Dissertationen). Wichtig f\u00fcr die Bestimmung von Argumentationsf\u00fchrung und Redepragmatik sind die sorgf\u00e4ltige Erfassung von Gehalt, Funktion und Wirkung von Fragen \u2013 direkten und indirekten (rhetorischen und solchen, mit denen pr\u00e4ferierte Antworten angesteuert werden). Die Studie von Adams bietet zudem einen Ausgangspunkt, \u00fcber theoretische und methodische Sachverhalte weiter nachzudenken und sie gegebenenfalls weiterzuf\u00fchren. Die Differenzierung zwischen <em>rhetorical <\/em>und <em>conducive questions<\/em> und ihre biblische Anwendung verdiente weitere \u00dcberlegungen. W\u00fcnschbar w\u00e4re auch eine Sortierung biblischer Fragepartikel und der Einbezug derjenigen F\u00e4lle, wo keine Markierung als Frage vorliegt, aber vom Kontext her sich die Einstufung einer \u00c4u\u00dferung als (rhetorische) Frage aufdr\u00e4ngt (bekanntes Beispiel: der Schluss der Jona-Schrift, Jon 4,11). Pers\u00f6nlich h\u00e4tte ich gerne nicht nur etwas zu Ps 77,14 (rF als Unvergleichlichkeitsaussage), sondern auch zur Fragestaffel V. 8\u201310 im gleichen Psalm gelesen: Handelt es sich um echte oder rhetorische Fragen? Oder \u2013&nbsp;wie ich in meiner Dissertation andeute (<em>Psalm 77 und sein Umfeld<\/em>, BBB 103, Weinheim: Beltz Athen\u00e4um, 1995, 92\u201394, 108\u2013111) \u2013 wechselt ihre pragmatische Funktion im Verlauf des Psalms (V. 11ff.) aufgrund der Aussageentwicklung von echten zu rhetorischen Fragen? Insgesamt: Eine empfehlenswerte Studie, weniger f\u00fcr Proseminare und Studierende als f\u00fcr Doktorierende und Dozierende, die sich um Verstehen und Wirkweise von Bibeltexten, insbesondere solche mit \u00c4u\u00dferungen im Fragemodus, bem\u00fchen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Beat Weber, Pfr. Dr. theol., Basel; Research Associate am Department of Ancient and Modern Languages and Cultures, Universit\u00e4t Pretoria, S\u00fcdafrika<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jim W. Adams: The Performative Dimensions of Rhetorical Questions in the Hebrew Bible. Do You Not Know? 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