{"id":1320,"date":"2021-10-20T15:35:37","date_gmt":"2021-10-20T15:35:37","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1320"},"modified":"2021-10-21T05:31:57","modified_gmt":"2021-10-21T05:31:57","slug":"sarah-riegert-die-ich-sphaere-des-beters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=1320","title":{"rendered":"Sarah Riegert: Die \u201eIch-Sph\u00e4re\u201c des Beters"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sarah Riegert: <em>Die \u201eIch-Sph\u00e4re\u201c des Beters. Eine anthropologische Untersuchung zur Selbstreflexion des Beters am Beispiel von Ps 42\/43<\/em>, FRLANT 275, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2020, geb., 276&nbsp;S., \u20ac&nbsp;70,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/52019\/die-ich-sphaere-des-beters\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/52019\/die-ich-sphaere-des-beters\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">978-3-525-57136-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"dwnldbtn\">[e2pdf-download id=&#8221;1&#8243;]<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der alttestamentlichen Anthropologie wird zunehmend danach gefragt, wie in den biblischen Texten die \u00fcber das K\u00f6rperliche hinausgehenden Konzepte Personalit\u00e4t und Individualit\u00e4t (oder, um mit C. Taylor zu sprechen, das \u201eSelbst\u201c) ausgedr\u00fcckt und beschrieben werden. Die Studie von Sarah Riegert, die die leicht \u00fcberarbeitete Fassung ihrer bei Reinhard Achenbach (M\u00fcnster) erstellten Dissertation darstellt, untersucht diese Frage anhand des Doppelpsalms Ps 42\/43.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem knapp 50 Seiten umfassenden ersten Kapitel (11\u201357) bietet R. eine sorgf\u00e4ltige anthropologische Grundlegung f\u00fcr ihre Studie. Zun\u00e4chst konkretisiert sie die Fragestellung daraufhin, wie in den Psalmen des Einzelnen das \u201eIch\u201c ausgedr\u00fcckt wird (Selbstreflexion bzw. -reflexivit\u00e4t), wobei der Mensch im AT grunds\u00e4tzlich als \u201ekonnektiv\u201c, d.&nbsp;h. bestehend aus einer Leib- und einer Sozialsph\u00e4re im Rahmen einer Gottesbeziehung, dargestellt wird (\u201ekonstellativer Personbegriff\u201c nach B. Janowski). Dar\u00fcber hinausgehend f\u00fchrt R. den Begriff der \u201eIch-Sph\u00e4re\u201c ein und integriert damit die neueren Forschungsans\u00e4tze zur Selbstreflexivit\u00e4t (C. Frevel u.&nbsp;a.) in Janowskis Modell. Den neuen Begriff definiert sie folgenderma\u00dfen: \u201eDie Ich-Sph\u00e4re manifestiert sich literarisch in der selbstbeschreibenden Ich-Betonung, die implizit eine reflexive Bezugnahme auf das eigene Selbst des Beters zum Ausdruck bringt\u201c (41), womit sie die \u201eIch-Sph\u00e4re\u201c von den Begriffen der Authentizit\u00e4t und der Biographie abgrenzt (42).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihren Ausgangspunkt nimmt R. bei H.\u00a0W. Wolff, wobei sie zun\u00e4chst dessen Ergebnisse zu den K\u00f6rperteillexemen \u05dc\u05b5\u05d1 (\u201eHerz, Inneres\u201c) und vor allem \u05e0\u05b6\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 (\u201eKehle\u201c sowie \u201eLeben [-skraft]\u201c) aufnimmt, dann aber feststellt, dass diese nicht ausreichen, um die Reflexivit\u00e4t betender Menschen im AT darzustellen. Insgesamt zeigt sich das Desiderat, \u201edie Innerlichkeit des atl. Menschen angemessen methodisch und sprachlich zu erfassen\u201c (32). F\u00fcr eine konkrete Methodik ist zu fragen, wie in Psalmtexten eine Selbstreflexion ausgedr\u00fcckt wird. R. schl\u00e4gt vor, die Aufmerksamkeit auf die Personalpronomina (selbstst\u00e4ndig sowie als Suffix) zu richten, wenn diese die betende Person referenzieren, insbesondere dann, wenn ein Pronomen die Subjektrolle im Verbalsatz einnimmt und somit betont auftritt. Selbstreflexion kann aber auch durch Stellvertreterausdr\u00fccke (mit A. Wagner) wie etwa \u05e0\u05b6\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 (mit Suffix) ausgedr\u00fcckt werden, wenn sich der Stellvertreterausdruck im Psalmtext auf den Beter bezieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die folgenden drei Kapitel enthalten eine ausf\u00fchrliche Exegese des Doppelpsalms Ps 42\/43. Dieser erscheint vor allem aufgrund des Kehrverses (\u201eWas betr\u00fcbst du dich, meine \u05e0\u05b6\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 , und bist so unruhig in mir?\u201c), der den Charakter eines Selbstgespr\u00e4ches aufweist, daf\u00fcr geeignet. Kap. 2 (58\u201397) bietet zun\u00e4chst eine Arbeits\u00fcbersetzung mit ausf\u00fchrlichen textkritischen, semantischen und grammatischen Anmerkungen sowie einen Abschnitt \u00fcber Formbeobachtungen. Danach wird Ps 42\/43 in der Gruppe der Korachpsalmen verortet, wodurch sinnvollerweise der Schritt von der Psalmen- zur Psalterexegese beschritten wird. Allerdings bleibt der Ertrag der redaktionskritischen \u00dcberlegungen zur Fragestellung unklar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das dritte Kapitel (98\u2013163) besteht in einer Vers-f\u00fcr-Vers-Exegese und fragt speziell nach der \u201esprachliche[n] Manifestation der Ich-Sph\u00e4re\u201c. Dabei werden die exegetischen Ausf\u00fchrungen zu den einzelnen (Teil-) Versen jeweils mit einer \u201eanthropologischen Fokussierung\u201c abgeschlossen. Das ist methodisch sinnvoll, allerdings l\u00e4sst sich nicht immer ein Ertrag feststellen. Als Ergebnis dieses Kapitels kann festgehalten werden, dass die \u201eIch-Sph\u00e4re\u201c vor allem \u201e\u00fcber die Leibsph\u00e4re anschaulich wird\u201c (154).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im vierten Kapitel (164\u2013224) untersucht R. die Strukturmerkmale von Ps 42\/43 daraufhin, ob dadurch eine Selbstreflexion ausgedr\u00fcckt wird, aus der sich m\u00f6glicherweise ein Stimmungsumschwung erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Dieses Vorgehen hat das Ziel, \u201etiefere Einblicke in das Prozessgeschehen des Gebets und seine selbstreflexive Dimension zu gewinnen\u201c (173\u2013174). Das Vorkommen von Klage, Bitte und Lob in Ps 42\/43 deutet R. als \u201eeinen planvollen Wechsel dieser Gebetsmodi, die die Beziehungsver\u00e4nderung zwischen Beter und Gott ausdr\u00fccken\u201c (218). Im Anschluss an U. Rechbergers Studie zum \u201eStimmungsumschwung\u201c in den Psalmen (WMANT 133, 2012) pl\u00e4diert R. daf\u00fcr, Ps 42\/43 auch als ein Gebetsformular und damit als einen Gebrauchstext zu sehen, geht aber explizit \u00fcber Rechberger hinaus, indem sie versucht, \u201edie Erfahrungswelt, auf die sich das Psalmgedicht urspr\u00fcnglich bezieht [&#8230;] mit einzubeziehen\u201c (218). Ma\u00dfgeblich ist f\u00fcr sie der kultische Verstehenshorizont mit seinem Symbolsystem, der in Ps 42\/43 durch die \u201emotivlichen Zusammenh\u00e4nge zwischen Wasser, Gerechtigkeit und Tempel\u201c dargestellt sei (218). Daher k\u00f6nne der Stimmungsumschwung nicht \u201edas Ergebnis einer individuellen, psychologischen Entwicklung\u201c sein. Die durch den Stimmungsumschwung ausgedr\u00fcckte Selbstreflexion \u201estellt daher kein Zeugnis der Individualit\u00e4t dar, sondern vielmehr eine Ritualvorlage, in die das Individuum sich (durch das Nachbeten [C.Z.]) hineinintegriert\u201c (219).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel 5 (225\u2013248) untersucht zur Erh\u00e4rtung der bisherigen Ergebnisse weitere Psalmtexte, und Kapitel 6 (249\u2013253) reflektiert kurz \u00fcber die Frage, ob Ps 42\/43 speziell Frauenperspektiven anspricht, was mittels einer \u201erezeptionsorientiert intertextuellen\u201c Lesart (M. Grohmann) bejaht wird (253). Das abschlie\u00dfende siebte Kapitel (254\u2013259) fasst die Ergebnisse zusammen und nennt das Ergebnis f\u00fcr eine Anthropologie des Alten Testaments: Das bisherige Modell, das den alttestamentlichen Menschen durch die drei Konstituenten Leibsph\u00e4re, Sozialsph\u00e4re und Gottesbeziehung beschreibt, sollte um eine vierte Komponente, die \u201eIch-Sph\u00e4re\u201c, erweitert werden (258\u2013259).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies ist ohne Zweifel eine f\u00fcr die alttestamentliche Anthropologie wichtige Studie. Am wichtigsten fand ich das erste Kapitel, das den aktuellen Forschungsstand gut (wenn auch sprachlich viel zu kompakt) wiedergibt, das Konzept der \u201eIch-Sph\u00e4re\u201c einf\u00fchrt und die These formuliert, dass diese zur Beschreibung des Menschen im Alten Testament notwendig dazugeh\u00f6rt. Die folgenden exegetischen Kapitel verifizierenden dann lediglich die These. Ich frage mich allerdings, ob die ausf\u00fchrliche Exegese eines einzelnen Psalms (bei der nicht alle Schlussfolgerungen gleicherma\u00dfen \u00fcberzeugen) der beste Weg dazu ist. Die Ausf\u00fchrungen \u00fcber weitere Psalmen in Kapitel 5 zeigen bereits, dass f\u00fcr eine \u00fcberzeugende Argumentation eine breitere Textbasis n\u00f6tig w\u00e4re. Nat\u00fcrlich ist der Verfasserin zugute zu halten, dass dies im Rahmen einer Dissertation leicht zu umfangreich h\u00e4tte geraten k\u00f6nnen. So haben die Kapitel 2 bis 4 eher den Charakter einer Pilotstudie, die um weitere Untersuchungen zur Verifikation der \u201eIch-Sph\u00e4re\u201c erg\u00e4nzt werden sollte. Die These selbst ist ansprechend und wird sicher die kommenden Diskussionen innerhalb der alttestamentlichen Anthropologie befruchten. Auf einen Wermutstropfen sei zum Schluss noch hingewiesen: Die meist langen S\u00e4tze und die H\u00e4ufung von Nominalgruppen erschweren die Lekt\u00fcre unn\u00f6tigerweise \u2013 selbst f\u00fcr gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Konsumenten von Fachliteratur. Auch die Menge der Druckfehler zeigt, dass der Band nicht gut lektoriert wurde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Carsten Ziegert, Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule in Gie\u00dfen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sarah Riegert: Die \u201eIch-Sph\u00e4re\u201c des Beters. 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